Der große Fußballplattentest mit Thees Uhlmann

»Der BVB funktioniert wie ein Beate-Uhse-Geschäft«

Wer ist der Johnny Cash des Fußballs? Wann geht die Nationalelf wieder ins Studio? Warum wird beim HSV Scooter gespielt? Wir trafen uns zum großen Fußballplattentest mit Thees Uhlmann.

Bild: Katharina Poblotzki

GIANNA NANNINI
Unestate italiana (Single)



Thees Uhlmann, kennen Sie diesen Song?
Wann kam der raus?

1990, es ist der offizielle WM-Song von Gianna Nannini. Sie hat das Lied nur unter der Voraussetzung aufgenommen, es danach nie wieder singen zu müssen.
Interessant. Da fällt mir ein, ich bin neulich mit Olaf Thon Taxi gefahren.

Und da Sie haben diesen Song gehört?
Nein. Wir sind zuvor beide in einer Fernsehshow von Sky aufgetreten, und plötzlich saßen wir auf dem Rückweg im selben Shuttle-Taxi zum Hotel. Ich schrieb sofort SMS an meine Fußballkumpels: »Aaaalter, ich mit dem Weltmeister von 1990 im Auto!«

Worüber haben Sie mit Thon geredet?
Ich habe ihn gefragt, wieso es eigentlich keine WM-Platten mehr gibt.

Die letzte Aufnahme ist von 1994, als die deutsche Nationalmannschaft mit den Village People »Far Away in America« eingesungen hat.
All diese WM-Platten waren ja lupenreine Schlager. Kennen Sie noch »Olé Espana« von Michael Schanze? Habe ich damals auf Tape gehabt. Heute müsste das alles eine Ecke cooler sein: Die Nationalelf mit Sido. Oder zumindest mit den Sportfreunden Stiller.

Xavier Naidoos »Dieser Weg« war auch nicht weit von Schlager entfernt.
Ja, aber das war kein Song, der mit der Nationalmannschaft eingesungen wurde.

Es war eine Eso-Nummer ...
... die zum WM-Song gemacht wurde. Ich habe im Taxi auch gedacht, dass Olaf und ich einfach mal anfangen müssten. Ich schreibe einen Song in A-Moll und sage: »Olaf, ich habe dabei gerade an dich gedacht!« Und er antwortet: »Schön, ich habe gerade nichts zu tun, lass uns ins Studio gehen.«

Und die LP heißt dann »O-Thon«?
Zum Beispiel! Man weiß ja oft nicht, wie die Profis wirklich drauf sind. Vielleicht ist Philipp Lahm ein wahnsinnig guter Lyriker, der großartige Gedichte schreibt.

Dann verstellt er sich bei Field-Interviews aber ziemlich gut.
Ach, vielleicht müssen die Profis von heute einfach mal ein anständiges A-Moll hören.


ROR WOLF
Der Ball ist rund (LP)



Wat is dat denn?

Wir hören Ror Wolf, der Fußballreportagen aus dem Radio zu Prosagedichten collagierte.
Oha!

»Die Welt ist zwar kein Fußball«, sagt Wolf, »aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt.« Wo waren Sie am 8. Juli 1990, dem Schlüsseldatum einer ganzen Generation?
Als das Finale lief? Kann ich nicht mehr sagen. Meine WM war Spanien 1982. Da war ich mit meinen Eltern in Norwegen im Urlaub. Das Halbfinale gegen Frankreich haben wir auf der Deutschen Welle im Radio gehört. Wir sind wie verrückt durch die Blockhütte gehüpft, und Toni Schumacher war für uns der Größte.

Könnte Toni Schumacher einer wie Johnny Cash mit seiner »American«-Reihe sein? Einer, von dem Sie sich ein großes Spätwerk wünschen?
Nein, das wäre eher Horst Hrubesch. Er sieht so ikonisch aus.

Sein Spätwerk ist offenbar die Suche nach dem größten Lachs der Welt.
Wissen Sie, dass Horst Hrubesch Kolumnist der Zeitschrift »Blinker« ist?


HRUBESCH YOUTH
Dahlin Orgel (LP)



Nicht nur das: Er ist auch Namensgeber dieser Hamburger Punkband.
Ich habe dabei immer die Situation im Kopf, wie Hrubeschs Tochter zu ihm sagt: »Papa, du hast ’ne Band.« Und er antwortet: »Kann nicht angehen!« Und dann hören sie sich das zusammen an: brutalen Noise-Core.

Die »taz« hat Horst Hrubesch mal mit Hrubesch Youth zusammengeführt. Hrubesch fragte: »Und was macht ihr für Musik?« Die Musiker antworteten: »Krach.«
Und er?

Er sagte: »Ja, Krach hört meine Tochter auch. Britney Spears zum Beispiel.«
Herrlich. Die Songtitel von Hrubesch Youth sind auch großartig, etwa »Maurice, das geht hier doch alles den Banach hinunter«.

Sie haben mal einen Song über den Schalker Yves Eigenrauch gemacht. Wieso?
Er galt immer als Intellektueller unter Leuten, bei denen es vermutlich nicht sehr angesagt ist, zu malen oder Gedichte zu schreiben. Mein Song hieß: »Yves, wie hältst du das aus?« Bisschen vermessen, aber ich war jung.

In der Hamburger Punkszene war es früher üblich, Fan des FC St. Pauli zu sein. Wie ist es heute?
Ich treffe mich regelmäßig mit einem Typen aus der HSV-Ultraszene. Das hatte anfangs in Kneipen oft was Konspiratives und Romeo-und-Julia-Mäßiges, nach dem Motto: »Hoffentlich sieht uns niemand.« Aber eigentlich hat sich das alles ein bisschen entkrampft.

Hat er Sie seinen Kumpels vorgestellt?
Klar, wir sumpfen auch mit einem HSV-Stadionverbotler rum, ein lieber und sanfter Typ. Der hat einmal diesen schönen Satz gesagt: »Das Einzige, was ich meinen Kindern zu vererben habe, ist ein guter Ruf in schlechten Kreisen.« Ich war baff. »Alter!«, sagte ich, »das klaue ich dir so krass!« Tja, und auf der neuen Platte ist diese Zeile drauf.

Warum kann man viele Bands hören, aber nicht Fan von zwei Vereinen sein?
Vielleicht weil Musik wie eine Affäre funktioniert und der Fußball wie eine Ehe.

Das ist plausibel.
Sex ist eine gute Sache, aber Liebe nur für eine Person reserviert. Oder eben einen Klub.

Und wenn Borussia Dortmund geil spielt, guckt man heimlich durchs Schlüsselloch?
Ja, vielleicht funktioniert der BVB für mich tatsächlich wie ein Beate-Uhse-Geschäft.

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