Der »Gegengerade«-Regisseur im Interview (+Trailer)

Tarek Ehlail: »Alles ist erlaubt«

Der 29-jährige Tarek Ehlail hat einen Low-budget-Film über den FC St. Pauli mit Staraufgebot gedreht. Gestern feierte »Gegengerade« auf der Berlinale Premiere. Ein Gespräch über Sekt-Kisten und inszenierte Massenschlägereien. Der »Gegengerade«-Regisseur im Interview (+Trailer)Sabotakt

Tarek Ehlail, wie bist du zum Fußball gekommen?  

Tarek Ehlail: Ich komme aus Homburg im Saarland und bin als kleiner Steppke schon immer zum FC Homburg mitgeschleift worden. Das ist der Klub, der in den achtziger Jahren mit der Trikotwerbung »London« auflief, ein Kondomhersteller. In der Bundesliga musste das zunächst mit einem schwarzen Balken abgeklebt werden! Ich habe damals all die großen deutschen Vereine gesehen.  

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Und wie lief die Sozialisation in punkto FC St. Pauli ab?  

Tarek Ehlail: Mit 13, 14 bin ich Punker geworden und als Punker war die Schnittmenge mit dem FC St. Pauli damals noch wesentlich größer als heute. Als 15-Jähriger bin ich dann mit Moses Arndt, der damals das Hardcore-Fanzine »Zap« gemacht hat, zum ersten Mal nach Hamburg gefahren und ins Millerntorstadion. Die Punks sind weitgehend verschwunden aus dem Stadion, aber ich bin dabei geblieben und seit 15 Jahren treuer St.Pauli-Fan.  

Sind die Leute, die jetzt ins Stadion gehen, Mode-Punks?  

Tarek Ehlail: Das Erscheinungsbild der Zuschauer hat sich einfach geändert, natürlich auch mit den steigenden Eintritts- und Gastro-Preisen. Mit dem sich einstellenden Erfolg war das für die Punks nicht mehr so attraktiv. Die Leute haben im Stadion gekifft und gesoffen, für viele war Fußball eigentlich nebensächlich. Die Gegengerade auf St. Pauli ist einer der Ursprünge des doch eindeutig anti-faschistischen, anti-homophoben und nicht-sexistischen Konsenses in den deutschen Stadien heute.  

»Gegengerade« heißt auch der Fim, den du gedreht hast und der seinen Kinostart in Deutschland Ende März hat. Bis jetzt galten Fußballfilme, nimmt man »Deutschland – ein Sommermärchen« mal aus, nicht unbedingt als Kassenschlager. Ändert sich das mit »Gegengerade«?  

Tarek Ehlail: Zunächst mal mache ich keinen Film mit der Intention, einen Kassenschlager zu produzieren. Wenn man das als jüngerer Filmemacher wollte, wäre man zum Scheitern verurteilt. Trotzdem ist es so, dass der FC St. Pauli wesentlich mehr ist als ein Fußballverein. Die Strahlkraft dieses Klubs reicht weit über die Fußball-Nische hinaus. Wir erzählen ein Kiez-Drama mit unheimlich vielen Figuren. Es ist ein klassischer Ensemblefilm, deswegen auch so viele Schauspieler. Der FC St. Pauli ist letzendlich nur das Milieu, in dem sich die Protagonisten bewegen.  

Was waren neben dem Regieführen deine Aufgaben?  

Tarek Ehlail: Ich bin zusammen mit Stephanie Blum und ihrer Firma »triple beat« Mit-Produzent mit meiner »Sabotakt Film«. Das Buch haben wir zu dritt geschrieben: Steffi, Moses und ich. Vom Sektkistenschlepper bis hin zum Spielleiter habe ich so ziemlich jede Funktion im Produktionsprozess von »Gegengerade« schon erfüllt. Wir haben den Film in zehn Monaten gedreht und da musste ich mein Talent, Leute zu überzeugen, schon voll ausschöpfen.  

Dein Film besticht durch ein großes Staraufgebot: Moritz Bleibtreu, Mario Adorf, Dominique Horwitz, Claude-Oliver Rudolph. Widerspricht das nicht diesem St. Pauli-Grundsatz des Anti-Kommerziellen?  

Tarek Ehlail: Der Vorwurf, einen Autodidakten wie mich, der mit 29 und einem Nichts an Mitteln seinen zweiten Film macht, als Teil der Kommerzialisierung zu betrachten, ist völlig aus der Luft gegriffen. Ich produziere diesen Kinofilm mit denselben Mitteln wie ich ein Punk-Fanzine produzieren würde. Von der Promotion über den Kinoverleih bis hin zur Premierenparty: Wir organsisieren alles selbst. Gerade hast du mich dabei gestört, die Sektkisten in den Keller unseres Hotels zu tragen. Nur wegen des Casts meinen Film schon per se als einen Beitrag zur Kommerzialisierung zu sehen, das kann ich nicht nachvollziehen.  

Kannst du es denn nachvollziegen, wenn fehlende Glaubwürdigkeit bemängelt wird?  

Tarek Ehlail: Glaubwürdig zu sein heisst doch nicht, dass nur zahnlose Kutten in dem Film mitspielen dürfen. Es ist doch lächerlich, dass man auf keinen Fall Geld ausgeben darf. Unauthentisch wäre gewesen, wenn eine riesige Organisation von außen gesagt hätte, ok, wir drehen jetzt einen Pauli-Film und versuchen, einen bestimmten Erlös zu erzielen. So lange dieses Ding aber aus einer Liebe zu St. Pauli und dem Gefühl für die Kultur des Vereins heraus entsteht, ist alles erlaubt. Auch, wenn jemand mir eine Million angeboten hätte, um den Film zu drehen. Ein Film ist und bleibt ein Produkt. Aber ein Fußballverein, und das vergessen die Leute immer, ist genauso ein Produkt.  

Wie bist du an die Telefonnummern von Bleibtreu oder Adorf gekommen?  

Tarek Ehlail: Einige Nummern hatte ich schon von diesen sonst nutzlosen Berlinale-Partys der letzten Jahre. Bei vielen ging der Weg ganz normal über die Agenturen. Und obwohl wir das Buch als Schnellschuss geschrieben haben, hat es funktioniert. Wenn die Agentur einem die Möglichkeit einräumt, die Schauspieler persönlich zu treffen, dann muss man sie überzeugen. Kein Schauspieler würde sich mit dir treffen, ohne vorher das Buch gelesen zu haben. Letztes Jahr war ja das St.Pauli-Jahr schlechthin. Alle Zeichen standen auf Aufstieg, das Jubiläum stand bevor, es war ein unheimlicher Hype. Der Zeitpunkt war genau richtig, diesen Fim zu drehen. Die Leute haben auch außerhalb von Hamburg mitbekommen, dass da etwas vor sich geht im Norden.  

Gibt es filmische Vorbilder? Etwa der deutsche Film »Nordkurve« oder die britischen »Awaydays« und »Football Factory«?  

Tarek Ehlail: »Awaydays« finde ich nicht schlecht, aber das war ja ein »Adidas«-Imagefilm. Das Coolste an dem Fim ist der Titel, der zieht jeden direkt an. Generell habe ich sie alle gesehen und ich habe mich auch inspirieren lassen. Unser Film ist sehr artifiziell und speziell, man sollte sich ihn undedingt angucken. Für mich ist es eher interessant, wie jemand seine Filme macht und nicht das, was dabei heraus kommt. Ein gutes Beispiel ist Klaus Lemke, den die Leute immer als Trash-Regisseur verschreien, der aber immer wieder Filme mit einer großen Energie rausballert.  

Wie inszeniert man denn Fußball? Wie inszeniert man ein Fußballspiel und die Emotionen, die damit verbunden sind?  

Tarek Ehlail: In »Gegengerade« sieht man ja keine aktiven Spielszenen. Das Spielgeschehen spiegelt sich an den Fans wider. Fußball selbst konnten wir zum einen nicht inszenieren, weil wir uns die Superzeitlupe mit der Flugkrahnkamera nicht leisten konnten. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht, das Spiel ausgeklammert und blicken immer nur vom Platz in die Kurve. Natürlich haben wir inszeniert, aber auch Szenen bei echten Spielen gedreht. Denis Moschitto, Fabian Busch oder Claude-Oliver Rudolph wurden dabei gefilmt, wie sie 90 Minuten das Spiel gucken. So haben wir versucht, eine authentische Stimmung zu erzeugen.  

Der Trailer ist sehr schnell, mit sehr vielen Schnitten und zeigt durchaus auch Gewaltszenen. Wie inszeniert man eine Massenschlägerei?  

Tarek Ehlail: Der Film zeigt Gewalt, das ist klar. Allerdings suggeriert der Trailer einen richtigen Gewaltfilm, das ist »Gegengerade« aber eigentlich nicht. Der Trailer ist natürlich umstritten, aber ein bisschen Provokation kann nicht schaden. Mir ist schon bewusst, dass es auch kritische Stimmen gibt.  

Gab es ein Casting für Massenschlägerei-Szene?  

Tarek Ehlail: Die Schlägerei rekrutierte sich aus meinen Jungs aus dem Süden und den St.Pauli-Skins, die ich vorher im Fanshop angequatscht hatte. Wir haben die aufeinander gehetzt und dann machen der Schnitt und die Musik die Dynamik. Bei dieser Schlägerei-Szenen waren die Jungs motiviert und wir haben sie mit Bier bezahlt. Für die Komparsen haben wir schon ein großes Casting gemacht, vor dem wir einen großen Aufruf im Millerntorstadion gemacht haben.  

Wie nah ist das, was ihr abbildet, dran an der Fußballrealität 2011?  

Tarek Ehlail: Letzten Endes geht es um eine Fan-Realität und da überspitzen wir filmisch. Aber es gibt auch ein  »Slime«-Konzert im »Jolly Roger«, es gibt eine Szene expliziter Polizeigewalt und ein Fanfest. Da glaube ich schon, dass wir authentisch sind. Gerade diese erwachsenen Figuren sind aber natürlich auch fast schon als Karikatur überzeichnet und das auch bewusst. Zu dieser ganzen Fußballrealität im Stadion gibt der Film überhaupt kein Statement ab.  

Der Fußball kennt das Phänomen der »Trainingskiebitze«. Gab es die auch bei euch am Set?  

Tarek Ehlail: Klar, wir haben ja auf St. Pauli gedreht! An jedem dritten Drehtag kam irgendein besoffener Zausel angelaufen, der einfach so dazu kam. Aber davon lebt das ja auch. Wir haben direkt in der Stadt gedreht, da wurden die Leute teilweise auch zu unfreiwilligen Statisten. Daraus, dass immer wieder Leute dazu kamen, bezog der Dreh eine Menge Dynamik. Und auch im Stadion selber: Dass die Kamera auch schon mal weggeschubst wird oder die Leute direkt in sie hinein agieren. Und auch das Konzert von »Slime«: Die haben live gespielt, die Leute haben gesoffen und wir haben gedreht.  

Hat der Verein auch partizipiert?  

Tarek Ehlail: Türöffner beim Verein war Organisationsleiter Sven Brux, der auch aus der Punk-Szene kommt. Der FC St. Pauli hat uns unentgeltlich die Drehorte zur Verfügung gestellt, die gesamte Infrastruktur. Wir durften die Marke benutzen, wir können sagen: »Mit offizieller Unterstützung des FC St. Pauli«. Das war natürlich alles sehr hilfreich. Insbesondere in diesem Aufstiegs- und Jubiläumsjahr hatten sie natürlich alle Hände voll zu tun und trotzdem haben sie uns toll unterstützt. Ins Stadion gehen, in den Logen filmen, das kannst du natürlich bei keinem anderen Verein in Deutschland so machen. Da ist St. Pauli immer noch anders und bleibt es auch immer.  

Wie war die Arbeit mit Mario Adorf? Hast du mit ihm in seinem Wohnwagen Bier getrunken?  

Tarek Ehlail: Nein, habe ich nicht. Er hat uns ein Mal hinterher zum Essen eingeladen. Mario Adorf ist ja inzwischen 80 und immer noch ein richtig harter Typ. Neben den ganzen Schmonzetten, die man so sehen kann, hat der die geilsten Italo-Filme gedreht. Wenn man sich mal anguckt, was für Filme schon in den fünfziger und sechziger Jahren schon gedreht hat, das ist der Hammer. Bei einer Verfolgungsjagd im Film »Der Eisenfresser« musste er auf der Motorhaube liegend die Frontscheibe mit dem Kopf einschlagen. Da aber noch nicht mit Kunstglas gearbeitet wurde, saß ein Kamerasssistent im Auto und hat gleichzeitig versucht, die Scheibe mit einem Nothammer von innen einzuschlagen. Das musst du dir mal vorstellen, so etwas geht heute nicht mehr. Er hat sich auch von einem Youngster wie mir inszenieren lassen, was für so einen gestandenen Mann nicht selbstverständlich ist. 
     
Der Film »Gegengerade« läuft auf der Berlinale und dem 11mm-Filmfestival in Berlin (25. bis 30. März). Offizieller Filmstart ist der 31. März 2011. Mehr Infos auf der Homepage des Films

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