01.01.2014

Der Fußball, mein Leben und ich: Wolfgang Kneib

»Das Arbeitsamt notierte mich als Künstler«

Mit 22 Jahren wollte er bereits seine Karriere beenden, da rief Borussia Mönchengladbach an. Ein Gespräch über Spätstarter, Dickköpfe, Bielefelder Arbeitsämter und violette Jogginghosen.

Interview: Philipp Köster Bild: Imago

Sie kamen in eine Mannschaft, deren ganz große Zeit bereits vorbei war.
Das war mir anfangs nicht klar. Ich kam als Amateur zur Borussia und schaute mir den ganzen Betrieb mit großen Augen an. Aber natürlich kämpften die etablierten Stars mit harten Bandagen um ihre Vormachtstellung. Udo Lattek wurde als Trainer zwar respektiert, aber der wusste auch, wen er kritisieren durfte und wen nicht. Die alten Recken Heynckes, Vogts und Bonhof waren unantastbar.

Und Sie als Neuling?
Ich profitierte davon, dass sich Wolfgang Kleff schwer verletzte. Plötzlich stand ich im Tor und wurde deshalb schnell respektiert. Andere hatten da weniger Glück. Mit mir war Herbert Heidenreich aus Bayreuth nach Gladbach gewechselt. Wir waren gut befreundet, so dass ich mitbekommen habe, wie wenig dem Herbert geholfen wurde, in die Mannschaft zu kommen. Ganz im Gegenteil, der wurde von den Alten ständig drangsaliert und gepiesackt, gerade von Berti Vogts. Da ging es darum, Pfründe zu sichern.

Ging Vogts auch Sie an?
Allzu offen nicht, ich war ja der einzige vernünftige Torwart im Kader. Bei mir war er aber auch an der falschen Adresse. Ich erinnere mich an eine Situation im ersten Jahr. Damals spielte im Abschlusstraining vor Europapokalspielen die Abwehr gegen den Ersatzsturm. Volkstümlich ausgedrückt: Die Verteidiger durften sich eintreten. Da ließ nun einmal der Berti Vogts einen Stürmer ziehen, der dann gegen mich auch das Tor machte. Vogts motzte sofort los: »Die kurze Ecke musst du doch zu machen!« Da hab ich ihn mir gepackt und ihm klargemacht, dass er erst mal seine eigenen Hausaufgaben erledigen soll. Das blieb dann auch bei den anderen Mannschaftskameraden nicht unbemerkt.

Mit Mönchengladbach standen Sie mehrfach in europäischen Endspielen.
Unvergesslich. Allein die Atmosphäre im Finale des Landesmeisterpokals, das wir 1977 in Rom gegen den FC Liverpool verloren haben. 1978/79 gewannen wir dann ja gegen Roter Stern Belgrad den UEFA-Cup. Wobei man immer bedenken muss, dass der UEFA-Cup damals noch eine andere Bedeutung hatte. Heute gilt ja alles unterhalb der Champions League als Trostrunde.

Dass Sie von einem Renommierklub nach Bielefeld wechselten, erschloss sich nicht sofort.
Mönchengladbach war zu dieser Zeit kein Spitzenverein mehr. Außerdem hatte ich meinen Stammplatz wieder an Wolfgang Kleff verloren, auf dessen Rückkehr starke Kräfte im Verein gedrängt hatten. Auf der Bank sitzen wollte ich nicht. Also kam das Angebot aus Bielefeld gerade recht.

In Bielefeld trafen Sie wieder auf den Kollegen Ewald Lienen. Uli Borowka beklagte sich, er sei zu Gladbacher Zeiten oft vom Rattern von Lienens Müslimaschine aufgewacht.
Die war schon laut. Aber daran sieht man auch, wie sich die Zeiten ändern. Damals ist der Ewald schräg angeschaut worden. Heute ist gesunde Ernährung im Profifußball eine absolute Selbstverständlichkeit. Wobei ...

Wobei?
In der Saison 1981/82 haben wir uns mal am Abend vor einem Spiel im Trainingslager richtig einen genommen, mit Betonung auf richtig. Der Trainer Horst Franz hat auch mitgebechert. Und tags drauf haben wir das Spiel trotzdem gewonnen. Gute Ernährung sieht anders aus.

Die Saison unter Horst Franz wird in Bielefelder Fankreisen ohnehin als legendär eingestuft.
Kein Wunder. Wir waren in der Tabelle schnell abgeschlagen. Als Horst Franz als neuer Trainer verpflichtet wurde, hat niemand mehr geglaubt, dass wir noch zu retten wären. Und dann ging die Aufholjagd los. Gegen 1860 München lagen wir daheim zwei Minuten vor Schluss mit 1:2 hinten und gewannen noch 3:2. Die Alm bebte.

Wie schon in Gladbach teilten Sie sich in Bielefeld das Zimmer mit Lienen.
Das war sehr angenehm. Ewald war ja kein typischer Fußballer, sondern auch in Bielefeld ein echter Exot. Er hat über den Tellerrand hinausgeblickt und vieles in Frage gestellt, was für andere zum Fußball einfach dazugehörte. Der Starkult, zum Beispiel. Er hat damals keine Autogramme gegeben. Wenn die Kinder angerannt kamen, fragte er die, warum sie sich nicht auch von ihrem Bäcker oder Postboten Autogramme holen.

Sie galten als Speerspitze des Widerstandes gegen den neuen Manager der Arminia, Dr. Norbert Müller.
Der hatte vom Vorstand den Auftrag, den Verein zu entschulden. Das war ja im Prinzip ein ehrenhaftes Anliegen. Müller fehlte aber jeder Bezug zum Fußball. Er konnte seine betriebswirtschaftlichen Regeln nicht auf einen Sportverein anwenden. Mich wollte er unbedingt teuer verkaufen und einen billigeren Torwart holen. Irgendwann verpflichtete er den Finnen Olli Isoaho, wurde mich aber nicht los. Real Santander aus Spanien wollte mich nur ausleihen, den anderen Klubs war die Ablöse zu hoch.

Sie haben in der ersten Bundesliga für ein Novum gesorgt, als Sie sich 1982 arbeitslos meldeten.
Da stand ich auf dem Amt und zog eine Wartemarke. Die Berater wussten gar nicht, was sie mit mir machen sollten. Für die Vermittlung von Fußballprofis war damals allein der DFB zuständig. Ich wurde als Künstler einsortiert, musste mich aber nicht regelmäßig melden und bekam vom Arbeitsamt auch keine Jobangebote. Stattdessen habe ich mich ein Jahr lang beim FC Gohfeld vor den Toren Bielefelds fit gehalten.

Isoaho war derweil nur bedingt bundesligareif. Sein Waterloo erlebte er bei der 1:11-Klatsche bei Borussia Dortmund.
Ich hab an diesem Nachmittag mit meiner Frau ein Einkaufsbummel durch die Innenstadt gemacht. Als ich gerade im Sporthaus Berke am Jahnplatz war, stand es noch 1:1. In jedem Geschäft, in dem ich anschließend vorbeischaute, riefen mir die Leute schon neue Spielstände zu. Es wurde immer schlimmer.
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden