Der Fußball, mein Leben und ich: Wolfgang Kneib

»Das Arbeitsamt notierte mich als Künstler«

Mit 22 Jahren wollte er bereits seine Karriere beenden, da rief Borussia Mönchengladbach an. Ein Gespräch über Spätstarter, Dickköpfe, Bielefelder Arbeitsämter und violette Jogginghosen.

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Wolfgang Kneib, haben Sie eigentlich Ihre violette Jogginghose noch?
Ach ja, die Jogginghose. Die hatte ich während der Bielefelder Jahre oft an, zunächst aus ganz praktischen Erwägungen. Damals wurde ja nicht nach jedem Spiel der Rasen vor dem Tor neu eingesät, als Keeper warf man sich als Torhüter auch mal auf die blanke Erde.

Sie haben mehr als ein Jahrzehnt in Bielefeld gespielt und gelten als ostwestfälisches Urgestein. Dabei sprechen Sie rheinhessischen Akzent.
Wie man spricht, wenn man aus der Gegend von Mainz stammt. Ich hab beim TSV Zornheim angefangen und wechselte dann zu Mainz 05.

Haben Sie sich wie viele Torhüter zunächst im Feld versucht?
Nein, ich stand ziemlich schnell im Tor. Das war damals so: Die großen Dünnen und die kleinen Dicken wurden in den Kasten geschickt. Und ich war schon damals in jeder Altersklasse einen Kopf größer als meine Mitspieler. Als ich in der Jugend in die Südwestauswahl berufen wurde, habe ich dann begriffen, dass ich auf dem Weg war, ein ganz guter Torwart zu werden.

Fußball war damals keine Lebensaufgabe.
Dafür verdiente man viel zu wenig. Als 18-Jähriger wurde ich ins Regionalligateam von Mainz 05 hochgezogen. Heute würde das wahrscheinlich für den Lebensunterhalt reichen. Damals war klar, dass ich nebenher arbeiten würde. Die meisten meiner Schulkameraden lernten Bankkaufmann. Da wollte ich mich ein bisschen absetzen und habe eine Ausbildung zum Kaufmann bei der Eisenbahnerversicherung DEVK gemacht. Später habe ich dann halbtags bei Blendax gearbeitet, dem Hauptsponsor von Mainz 05.

Der Klub von damals hat mit dem heutigen Mainz 05 nicht mehr viel zu tun.
Welche Entwicklung dieser Verein genommen hat, ist wirklich erstaunlich. Die Stadt hat zwar eine größere Fußballtradition als beispielsweise Wiesbaden, trotzdem war eine solche Professionalisierung für mich unvorstellbar. Neulich hat sich die Regionalligatruppe von 1972 noch mal getroffen. Gemeinsam waren wir dann auch im Stadion gegen den Hamburger SV. Das ist mit dem alten Bruchweg mit seinen schmalen, sandigen Tribünen überhaupt nicht mehr zu vergleichen.

Wenn Sie sich als Keeper charakterisieren: Benennen Sie doch Ihre Stärken und Schwächen.
Durch meine Körpergröße fiel mir natürlich die Strafraumbeherrschung leicht. Wichtiger war allerdings mein Charakter. Ich bin ja eher ein besonnener Typ. Die Ruhe, die ich gerade in brenzligen Situationen ausgestrahlt habe, hat meinen Vorderleuten Sicherheit gegeben. Und die Schwächen? Früher hieß es immer, der Lange kommt bei flachen Bällen nicht schnell genug runter. Aber das war Quatsch. Probleme habe ich nur bekommen, als ich mal länger auf der Ersatzbank gesessen habe. Jeder Torwart braucht Spiele, um sich sicher zu fühlen.

Hatten Sie ein Vorbild als Keeper?
Nein. Ich habe mich nie an anderen Torwarten orientiert. Bei Mainz 05 stand damals Planitzer im Tor. Von dem hab ich mir das eine oder andere abgeschaut.

Das Abenteuer Profifußball endete für Mainz 05 deprimierend.
In der Tat, der FSV gab als erster Klub wegen finanzieller Probleme die Lizenz zurück. Ich hab versucht, woanders unterzukommen, und hätte nach Darmstadt wechseln können. Aber die konnten die Ablösesumme nicht zahlen, die spielten damals auch nur vor 2000 Zuschauern. Am Ende ließ ich mich reamateurisieren, hatte dann auch Familie, fing wieder an, als Versicherungskaufmann zu arbeiten und kickte nebenher in Wiesbaden. Mit dem Profifußball hatte ich da schon abgeschlossen – mit 22 Jahren.

Wenn Ihnen damals jemand gesagt hätte, dass Sie fünf Jahre später den UEFA-Cup in die Luft recken würden, hätten Sie ihn sicher für verrückt erklärt.
Damit war nicht zu rechnen. Ich habe mich ja entschieden gewehrt. Wie es aber der Zufall wollte, ließ der Nationalspieler Bernd Rupp bei meinem Klub in Wiesbaden seine Karriere ausklingen. Der verstand überhaupt nicht, warum ich schon so früh die Flinte ins Korn geworfen hatte, und wollte mir ein Probetraining in Mönchengladbach besorgen, wo Nationalkeeper Wolfgang Kleff im Tor stand. »So gut wie der Kleff bist du auch«, hat der Bernd immer gesagt.

Die Aussicht, bei einem Spitzenklub zu spielen, muss Sie doch elektrisiert haben.
Natürlich. Nur realistisch betrachtet würde ich als zweiter Torhüter hinter Kleff zwei Jahre auf der Bank sitzen. Wie gesagt, ich hatte inzwischen Familie und wieder in meinem alten Job angefangen. Nun wieder alle Zelte abzubrechen und nach den zwei Jahren womöglich keine Anstellung mehr zu finden, war mir anfangs zu heikel.

Am Ende hatte er Sie weichgeklopft.
Ich hab an einem Dienstag in Gladbach mittrainiert, danach kam Udo Lattek zu mir und meinte, er wolle mich als zweiten Torwart verpflichten. Er wollte mich aber vorher noch in einem Meisterschaftsspiel mit meiner Wiesbadener Mannschaft beobachten. Am Wochenende danach kickten wir sonntags vor 200 Zuschauern gegen die Reserve von Eintracht Frankfurt, und Lattek hockte auf der Tribüne. Das gab natürlich ein großes Rätselraten, wen der sich wohl anschaut. Abends rief er dann an und verkündete, dass ich am folgenden Dienstag nach Mönchengladbach kommen und einen Vertrag unterschreiben solle.
Sie kamen in eine Mannschaft, deren ganz große Zeit bereits vorbei war.
Das war mir anfangs nicht klar. Ich kam als Amateur zur Borussia und schaute mir den ganzen Betrieb mit großen Augen an. Aber natürlich kämpften die etablierten Stars mit harten Bandagen um ihre Vormachtstellung. Udo Lattek wurde als Trainer zwar respektiert, aber der wusste auch, wen er kritisieren durfte und wen nicht. Die alten Recken Heynckes, Vogts und Bonhof waren unantastbar.

Und Sie als Neuling?
Ich profitierte davon, dass sich Wolfgang Kleff schwer verletzte. Plötzlich stand ich im Tor und wurde deshalb schnell respektiert. Andere hatten da weniger Glück. Mit mir war Herbert Heidenreich aus Bayreuth nach Gladbach gewechselt. Wir waren gut befreundet, so dass ich mitbekommen habe, wie wenig dem Herbert geholfen wurde, in die Mannschaft zu kommen. Ganz im Gegenteil, der wurde von den Alten ständig drangsaliert und gepiesackt, gerade von Berti Vogts. Da ging es darum, Pfründe zu sichern.

Ging Vogts auch Sie an?
Allzu offen nicht, ich war ja der einzige vernünftige Torwart im Kader. Bei mir war er aber auch an der falschen Adresse. Ich erinnere mich an eine Situation im ersten Jahr. Damals spielte im Abschlusstraining vor Europapokalspielen die Abwehr gegen den Ersatzsturm. Volkstümlich ausgedrückt: Die Verteidiger durften sich eintreten. Da ließ nun einmal der Berti Vogts einen Stürmer ziehen, der dann gegen mich auch das Tor machte. Vogts motzte sofort los: »Die kurze Ecke musst du doch zu machen!« Da hab ich ihn mir gepackt und ihm klargemacht, dass er erst mal seine eigenen Hausaufgaben erledigen soll. Das blieb dann auch bei den anderen Mannschaftskameraden nicht unbemerkt.

Mit Mönchengladbach standen Sie mehrfach in europäischen Endspielen.
Unvergesslich. Allein die Atmosphäre im Finale des Landesmeisterpokals, das wir 1977 in Rom gegen den FC Liverpool verloren haben. 1978/79 gewannen wir dann ja gegen Roter Stern Belgrad den UEFA-Cup. Wobei man immer bedenken muss, dass der UEFA-Cup damals noch eine andere Bedeutung hatte. Heute gilt ja alles unterhalb der Champions League als Trostrunde.

Dass Sie von einem Renommierklub nach Bielefeld wechselten, erschloss sich nicht sofort.
Mönchengladbach war zu dieser Zeit kein Spitzenverein mehr. Außerdem hatte ich meinen Stammplatz wieder an Wolfgang Kleff verloren, auf dessen Rückkehr starke Kräfte im Verein gedrängt hatten. Auf der Bank sitzen wollte ich nicht. Also kam das Angebot aus Bielefeld gerade recht.

In Bielefeld trafen Sie wieder auf den Kollegen Ewald Lienen. Uli Borowka beklagte sich, er sei zu Gladbacher Zeiten oft vom Rattern von Lienens Müslimaschine aufgewacht.
Die war schon laut. Aber daran sieht man auch, wie sich die Zeiten ändern. Damals ist der Ewald schräg angeschaut worden. Heute ist gesunde Ernährung im Profifußball eine absolute Selbstverständlichkeit. Wobei ...

Wobei?
In der Saison 1981/82 haben wir uns mal am Abend vor einem Spiel im Trainingslager richtig einen genommen, mit Betonung auf richtig. Der Trainer Horst Franz hat auch mitgebechert. Und tags drauf haben wir das Spiel trotzdem gewonnen. Gute Ernährung sieht anders aus.

Die Saison unter Horst Franz wird in Bielefelder Fankreisen ohnehin als legendär eingestuft.
Kein Wunder. Wir waren in der Tabelle schnell abgeschlagen. Als Horst Franz als neuer Trainer verpflichtet wurde, hat niemand mehr geglaubt, dass wir noch zu retten wären. Und dann ging die Aufholjagd los. Gegen 1860 München lagen wir daheim zwei Minuten vor Schluss mit 1:2 hinten und gewannen noch 3:2. Die Alm bebte.

Wie schon in Gladbach teilten Sie sich in Bielefeld das Zimmer mit Lienen.
Das war sehr angenehm. Ewald war ja kein typischer Fußballer, sondern auch in Bielefeld ein echter Exot. Er hat über den Tellerrand hinausgeblickt und vieles in Frage gestellt, was für andere zum Fußball einfach dazugehörte. Der Starkult, zum Beispiel. Er hat damals keine Autogramme gegeben. Wenn die Kinder angerannt kamen, fragte er die, warum sie sich nicht auch von ihrem Bäcker oder Postboten Autogramme holen.

Sie galten als Speerspitze des Widerstandes gegen den neuen Manager der Arminia, Dr. Norbert Müller.
Der hatte vom Vorstand den Auftrag, den Verein zu entschulden. Das war ja im Prinzip ein ehrenhaftes Anliegen. Müller fehlte aber jeder Bezug zum Fußball. Er konnte seine betriebswirtschaftlichen Regeln nicht auf einen Sportverein anwenden. Mich wollte er unbedingt teuer verkaufen und einen billigeren Torwart holen. Irgendwann verpflichtete er den Finnen Olli Isoaho, wurde mich aber nicht los. Real Santander aus Spanien wollte mich nur ausleihen, den anderen Klubs war die Ablöse zu hoch.

Sie haben in der ersten Bundesliga für ein Novum gesorgt, als Sie sich 1982 arbeitslos meldeten.
Da stand ich auf dem Amt und zog eine Wartemarke. Die Berater wussten gar nicht, was sie mit mir machen sollten. Für die Vermittlung von Fußballprofis war damals allein der DFB zuständig. Ich wurde als Künstler einsortiert, musste mich aber nicht regelmäßig melden und bekam vom Arbeitsamt auch keine Jobangebote. Stattdessen habe ich mich ein Jahr lang beim FC Gohfeld vor den Toren Bielefelds fit gehalten.

Isoaho war derweil nur bedingt bundesligareif. Sein Waterloo erlebte er bei der 1:11-Klatsche bei Borussia Dortmund.
Ich hab an diesem Nachmittag mit meiner Frau ein Einkaufsbummel durch die Innenstadt gemacht. Als ich gerade im Sporthaus Berke am Jahnplatz war, stand es noch 1:1. In jedem Geschäft, in dem ich anschließend vorbeischaute, riefen mir die Leute schon neue Spielstände zu. Es wurde immer schlimmer.
Die Arminia spielte unter Horst Köppel die beste Saison der Vereinsgeschichte. Am Ende stand Platz 8.
Wenn man sich die Leute anschaut, die damals bei Arminia spielten, Dirk Hupe, Kalle Geils, Latscher Pohl, dann wäre in diesem Jahr vielleicht sogar die Qualifikation zum UEFA-Pokal drin gewesen. Aber dafür hätte es einen richtig guten Torwart gebraucht. (Lacht.)

Am Ende der Saison wurden Sie reumütig zurückgeholt.
Das habe ich als Genugtuung empfunden. Wobei es ja schon zur Winterpause über Gerd Roggensack Bemühungen gab, mich zurück in die Mannschaft zu holen.

Dann stieg Arminia ab und krebste in der zweiten Liga herum. Eine Zeit, reich an Kuriosa. Gegen den 1. FC Saarbrücken lief Bielefeld nur mit zehn Spielern auf, nach einer Verletzung waren es dann noch neun.
Ein großer Kampf. Wir igelten uns am Strafraum ein und schlugen jeden Ball weg, der uns vor die Füße kam. Wenn der Ball ins Publikum flog, gaben die Zuschauer ihn zunächst nicht zurück und warfen ihn unter großem Gejohle hin und her. Am Ende verloren wir unglücklich mit 1:3.

Eine Woche später mussten Sie dann wegen der dünnen Personaldecke im Heimspiel gegen den VfL Osnabrück sogar im Feld auflaufen.
Ich hab immer gerne im Feld gespielt. Für 60 Minuten reichte die Luft auch. Ich wurde als Stürmer nominiert und hab mich ganz gut gehalten. Eine halbe Torchance hatte ich, an der Strafraumgrenze bekam ich den Ball, sollte ihn mit rechts annehmen, dann mit links abziehen. Da war der Ball dann plötzlich weg. (Lacht.)

Den sportlichen und finanziellen Niedergang der Arminia haben sie vollumfänglich mitgemacht, aber dann auch die kurzzeitige Renaissance unter einem jungen Trainer namens Ernst Middendorp.
Der beste Trainer, den ich jemals hatte. Er war jung und unerfahren und hat sicher im Eifer des Gefechts auch Fehler gemacht, aber wie er die Mannschaft immer wieder motiviert hat, wie er das Training modernisiert hat, das war phänomenal. Da sind Lattek und Heynckes nicht mitgekommen.

Sieben Jahre blieb Arminia drittklassig, stets am Rande der Pleite. Spieler Tim Gutberlet berichtete später, es seien mehrfach Mäuse durch die Kabine gelaufen.
Die muss ich übersehen haben. Aber die Trainingsbedingungen an der Radrennbahn waren schon gewöhnungsbedürftig. Als Thomas Gerstner die Arminia in der zweiten Liga trainierte, hat er mir einmal das neue Trainingsgelände gezeigt. Als es für den Klub nicht so gut lief, fanden wir beide, man müsse den Spielern einfach mal die Räumlichkeiten in der Radrennbahn zeigen. Nur damit sie kapieren, wie gut sie es heute haben.

Wären Sie lieber heute Profi als damals?
Nein, die Zeit als Profi war unheimlich schön. Und man darf nicht vergessen, dass wir damals schon im Vergleich zu anderen Angestellten gut verdient haben. Mich stört am heutigen Fußball, dass der Sport immer weiter in den Hintergrund gerückt wird und vor allem die große Show zählt. Ich hab am Fußball auch immer den Kontakt zu den Anhängern geschätzt. Ein Schwätzchen mit den zehn Rentnern, die uns beim Training zuschauten. Oder ein kurzer Wortwechsel mit den Fans, wenn wir auf der Alm durch den Tunnel unter Block 3 aufs Spielfeld gingen. Fußball ist ein Volkssport. Das sollte man nie vergessen.

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