25.05.2012

Der Fußball, mein Leben und ich: Jürgen Grabowski

»Weltmeister? Jetzt gehört dir die Welt!«

Er war der »beste Einwechselspieler der Welt« und der größte Fußballer in der Geschichte von Eintracht Frankfurt. Jürgen Grabowski über Mokka mit Gyula Lorant und einen Tritt von Lothar Matthäus.

Interview: Alex Raack Bild: imago


Sie sollen unter anderem von einer »Disqualifizierung des Eintracht-Präsidiums« gesprochen haben.
Solch ein revolutionäres Verhalten kannten die Entscheider in der Bundesliga nicht. Doch zwischen der Eintracht und Lorant war zu viel Porzellan zerschlagen, Gyula ging nach München.

Zu diesem Zeitpunkt hatten Sie als Nationalspieler bereits an drei Weltmeisterschaften teilgenommen: 1966, 1970 und 1974. Welches Turnier war das schönste?
Die WM in Mexiko.  

Obwohl Sie dort nicht Stammspieler waren?
Die Konkurrenz war 1970 so groß, dass es mir sehr schwer fiel, mich über meine Situation zu beklagen. Mein ärgster Widersacher auf der Rechtsaußen-Position war Stan Libuda, ein sensationeller Fußballer. Doch nur einer von uns konnte spielen. Er oder ich, so hatte es Helmut Schön nun einmal ausgegeben.

Wie haben Sie sich mit Libuda verstanden?
Ganz ausgezeichnet. Wir teilten uns während der WM sogar ein Zimmer. Wenn wir abends in unseren Betten lagen, sprachen wir ganz offen über die Konkurrenzsituation. 

Das klingt sehr nett, wäre aus heutiger Sicht allerdings kaum vorstellbar.
Alles hängt davon ab, ob man seinen Mitspieler respektiert oder nicht. Ich spreche noch heute voller Hochachtung von Stan Libuda, weil ich ein großer Fan seiner Fußballkunst war. Ihm ging es wahrscheinlich genauso. Wir waren Brüder im Geiste, Konkurrenten auf dem Fußballplatz.

Wie würden Sie Libuda beschreiben? Über seinen Charakter weiß man bis heute wenig.
Stan war ein herausragender Fußballer, neben dem Platz allerdings sehr introvertiert. Was viele nicht wissen: Er war auch ein ziemlicher Spaßvogel. In Mexiko konnten wir damals die Uhr danach stellen, dass sich Helmut Haller und Stan nach dem Training ein Duell mit dem Wasserschlauch liefern würden. Das zeigt die damalige Stimmung im Team: Sowohl Helmut, als auch Stan waren bei Helmut Schön nicht gesetzt und hatten trotzdem ihren Spaß.

Beim Viertelfinale gegen England wurden Sie beim Stand von 0:2 für Libuda eingewechselt, Deutschland gewann bekanntlich noch mit 3:2. Die internationale Presse nannte Sie fortan »den besten Einwechselspieler der Welt«.
Ich weiß immer noch nicht so recht, ob ich mich über diesen Titel freuen soll. Natürlich habe ich von diesem Ruf profitiert, mein Name war damit ja weltbekannt. Andererseits war ich mein Leben lang Stammspieler, nur in der Nationalmannschaft kam ich paar Mal von der Ersatzbank. Ein schwieriges Image für jemanden, der bei Eintracht Frankfurt die Kapitänsbinde trug und 441 Mal von Anfang an spielte ohne einmal ausgewechselt zu werden. 

Dafür brachte Ihnen Ihr neues Image nach der WM ein Millionen-Angebot von Feyenoord Rotterdam ein. Warum sind Sie bei der Eintracht geblieben?
So konkret, wie es die Boulevardzeitungen damals behauptet haben, war das Angebot der Niederländer gar nicht. Viel weiter war ich da zwei Jahre zuvor mit dem FC Bayern.

Wie bitte?
Die Bayern wollten mich unbedingt haben. Ich werde nie die Szene vergessen, wie Bayern-Manager Robert Schwan mit unserem Präsidenten Rudi Gramlich telefonierte, während ich im Vorzimmer des Präsidiums auf die Entscheidung warten musste. Schwan machte ihm ein Angebot, das er offenbar ablehnen konnte, also blieb ich in Frankfurt. Wenn Gramlich sein Okay gegeben hätte, wäre ich vermutlich Richtung München gewechselt.

In München feierten Sie 1974 den größten Erfolg Ihrer Karriere. Kitschige Frage: Wie fühlt es sich an, Weltmeister zu sein?
Der Moment, wenn der Schiedsrichter das Spiel abpfeift, ist einfach unglaublich. Aus sportlicher Sicht ist dieses Gefühl mit nichts auf der Welt zu vergleichen. 1954 stand ich als kleiner Junge inmitten einer Menschentraube vor dem Schaufenster eines Fernsehgeschäfts in meiner Heimatstadt Biebrich und bewunderte die Helden von Bern. Als ich dann 20 Jahre später selbst Weltmeister wurde, dachte ich für einen kurzen Moment: Jetzt gehört dir die Welt!

Warum haben Sie dann nicht diese Weltmeisterschaft genannt, als es um das schönste Turnier Ihrer Karriere ging?
Dafür ist 1974 zu viel passiert. In allen drei Gruppenspielen stand ich auf dem Platz, doch nach dem, zugegeben schlechten, Spiel gegen die DDR, strich mich Helmut Schön aus dem Kader. Gegen Jugoslawien saß ich auf der Tribüne, da brach für mich eine Welt zusammen. Das hat mich sehr verletzt. Sogar mehr, als ich es damals für möglich gehalten hätte.

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