25.05.2012

Der Fußball, mein Leben und ich: Jürgen Grabowski

»Weltmeister? Jetzt gehört dir die Welt!«

Er war der »beste Einwechselspieler der Welt« und der größte Fußballer in der Geschichte von Eintracht Frankfurt. Jürgen Grabowski über Mokka mit Gyula Lorant und einen Tritt von Lothar Matthäus.

Interview: Alex Raack Bild: imago
Warum?
Lorant blieb nur ein Jahr bei uns in Frankfurt. Aber was er in der Saison 1976/77 geleistet hat, sollte man hier nie vergessen. Als er kam, standen wir auf Platz 16. Am Ende wurden wir Vierter, nur zwei Punkte von der Tabellenspitze entfernt. 22 Spiele in Folge haben wir mit ihm nicht verloren!

Wie hat er das gemacht?
Gyula war einfach anders. Vor einem Auswärtsspiel gegen Schalke, sagte er der Gelsenkirchener Presse, dass ich so gut sei, wie Johan Cruyff. Nicht nur mich, auch die anderen Platzhirsche hat er sofort beiseite genommen und ihnen zu erkennen gegeben, wie sehr er ihre Fähigkeiten schätzte. Nebenbei: Ich machte gegen Schalke ein überragendes Spiel. Außerdem hatte er verrückte Methoden, um uns vor den Spielen zu motivieren.

Zum Beispiel?
Vor jedem Spiel, hat unser Zeugwart Anton Hübler vor der Kabine eine kleine Bank aufgebaut. Dort standen Tassen, gefüllt mit Mokka und Espresso, dazu Teller mit Plätzchen. Es waren nur noch wenige Minuten bis zum Anpfiff, wir hörten schon die Alustollen der gegnerischen Mannschaft im Spielertunnel klackern. Hoch motiviert stiefelten sie uns entgegen und sahen, wie wir seelenruhig unseren Kaffee schlürften. Auch dank dieser Motivationsmethode blieben wir 22 Spiele in Folge ungeschlagen.

Über Lorant haben Sie mal gesagt: »Der hat mir Sachen beigebracht, die ich noch nicht kannte.«. Dabei waren Sie bei seinem Amtsantritt bereits 32 Jahre alt.
Ich verfügte über eine recht ordentliche Schusstechnik, aber Guyla nahm mir beim ersten Training den Ball aus der Hand, legte ihn sich zurecht, zeigte auf das Sechseck in der Mitte des Leders und sagte: »Musst du gucken auf den Fleck von Ball. Siehst du? Zwei Meter Anlauf, nicht mehr!« Wir haben das zunächst belächelt, doch gleich mein erster Versuch landete im Winkel. In einem Spiel gegen Paderborn haute ich dann einen Freistoß mit dieser Technik aus 30 Metern unter die Latte.

Zwei Meter Anlauf, das war das Geheimnis?
Ja, nicht mehr als zwei Meter Anlauf und Vollspann drauf. Gyula hat das natürlich auch sensationell verkauft. Wenn im Training von drei Versuchen ein Schuss mit seiner Technik unter die Latte krachte, rief: »Siehst du, habe ich gesagt!« Vielleicht war auch einfach viel Zufall dabei, aber ich hatte natürlich großen Respekt vor dem Fachwissen meines neuen Trainers.

Lorant galt als großer Taktikexperte. Hat er sie das spüren lassen?
In der ersten Sitzung mussten wir uns alle vor eine Tafel hocken, er schrieb mit Kreide unsere Namen auf und dann ging die Post ab. »Du hier, du hier, er da lang, du hier lang!« Am Ende hat man die Tafel vor lauter Kreidestrichen nicht mehr erkannt. Ein Kunstwerk! Unsere Offiziellen starrten sich ungläubig an und verstanden die Welt nicht mehr.

Und die Spieler?
Wir hatten unsere Zweifel. Auch, als er uns die Anweisung gab, nicht mehr unseren Gegenspielern über das gesamte Feld nachzujagen, sondern an die nächsten Mitspieler zu übergeben. Quasi eine erste Form der Raumdeckung, damals eine Revolution. Doch es funktionierte wie geschmiert! Gegnerische Stürmer, die an uns vorbeizogen, verabschiedeten wir mit den Worten »Tschüss, mach´s gut!«, weil wir uns sicher sein konnten, dass der nächste auf sie wartete.

Schon im November 1977 tauschte Gyula Lorant seinen Arbeitsplatz mit Dettmar Cramer. Sie protestierten gegen diese Entscheidung und legten sich mit der Frankfurter Vereinsführung an. Warum?
Ich war zu 100 Prozent von Gyula überzeugt, deshalb wollte ich seinen Wechsel verhindern. Ich habe mich sehr weit aus dem Fenster gelehnt und viel riskiert.

 

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