Der Fußball, mein Leben und ich: Heiko Herrlich

»Ich war voll der Psycho«

In den Neunzigern war Heiko Herrlich einer der besten deutschen Stürmer. Bis Ärzte einen Hinrtumor bei ihm feststellten - und sich sein Leben radikal veränderte.

Bild: Volker Schrank
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Heiko Herrlich, im Herbst 2000 wurden bei Ihnen ein bösartiger Hirntumor diagnostiziert. Welche Rolle spielte der Fußball in dieser Zeit?
Gar keine. Von da an ging es für mich nur darum zu überleben.

Wie haben Sie auf die Diagnose reagiert?
Nach dem ersten Schock sagte ich zu meinem Arzt: »Ein Tumor? Dann lasst uns das Ding rausholen. Kopf auf, Kopf zu, fertig.« Doch mein Arzt schaute betreten zu Boden und sagte: »Heiko, an der Stelle geht das nicht.« Der Tumor saß an einer so ungünstigen Stelle, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit nach einer Operation schwerstbehindert gewesen wäre. Eine erneute Untersuchung sollte mehr Ergebnisse bringen, allerdings erst fünf Wochen später. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu warten.

Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich konnte es zunächst nicht begreifen. Hatte ich nicht alles dafür getan, um nicht krank zu werden? Keinen Alkohol getrunken, keine Zigaretten geraucht, keine Drogen ausprobiert. Gesunde Ernährung, ein Leben als Hochleistungssportler. Warum passierte das nun ausgerechnet mir? Aber ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Ich weiß noch, was ich zu meiner Frau sagte: »Es hat noch keiner geschafft, ewig auf Erden zu bleiben. Irgendwann müssen wir doch alle gehen. Ob mit oder ohne Hirntumor. Was mit mir passiert, liegt jetzt in Gottes Hand.«

Hatten Sie keine Angst vor dem Tod?
Natürlich. Aber auch dabei hat mir mein Glauben Halt gegeben. Ich dachte: »Okay, lieber Gott, jetzt kommt ein harter Weg. Keine Ahnung, was du mit mir vorhast, aber ich glaube daran, dass du bei mir bist.«

Sie konnten zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, wie lange Sie noch zu leben hatten. Gab es Dinge, die Sie unbedingt erledigen oder loswerden wollten?
Das war einer meiner ersten Gedanken: Dir bleibt vielleicht nicht mehr viel Zeit, also bring die Angelegenheiten ins Reine, die dich beschäftigen. Jemand, der mit 150 Sachen gegen den Baum knallt und sofort tot ist, hat so eine Gelegenheit nicht. Ich schon. Und für diese Chance war ich dankbar. Ich sprach mich mit meinen Brüdern aus. Klärte gewisse Dinge mit meinen Eltern. Und dann war da die Geschichte mit einem Scout von Borussia Dortmund, die mir wirklich schwer zu schaffen machte.

Bitte erzählen Sie davon.
Dazu muss man wissen, dass ich vor den Spielen immer eine Viertelstunde vor meinen Kollegen zum Essen gegangen bin, um mich noch mal zu sammeln. Diese Ruhe war mir heilig. Am vorletzten Spieltag vor meiner Krebsdiagnose traf ich am Buffet auf besagten Scout. Er machte Smalltalk, und ich merkte, dass er gerade jemanden zum Reden suchte. Mir ging er aber in diesem Moment auf den Wecker. Ich speiste ihn mit ein paar Phrasen ab und suchte mir einen einsamen Tisch.

Was war daran so schlimm?
Das Ding ist: Ich wusste, dass er ein Jahr zuvor an Magenkrebs erkrankt war. Den hatte er zwar besiegt, mit den Nachwirkungen hatte er allerdings noch immer zu kämpfen. Als ich kurz nach meiner eigenen Diagnose an diese Szene dachte, brach es mir fast das Herz. Da hat einer so viel Leid durchgemacht, möchte einfach kurz plaudern, sich ablenken, und ich bin so egoistisch und stoße ihn vor den Kopf.

Was haben Sie gemacht?
Gleich am nächsten Tag habe ich ihn angerufen und mich entschuldigt. Er hatte das gar nicht so wahrgenommen wie ich, war aber trotzdem sehr glücklich über meine Reaktion. Ähnlich verhielt ich mich auch mit anderen Dingen. Nach einer Woche hatte ich mein Gewissen erleichtert. Ich wollte nicht oben anklopfen und vom lieben Gott zu hören bekommen: „Ich habe dir doch genügend Zeit gegeben. Warum hast du das nicht ausgenutzt?

Wie ging es weiter?
Die Verantwortlichen von Borussia Dortmund boten an, mir einen ruhigen Platz in den USA zu suchen, um mich dem Stress in der Heimat nicht aussetzen zu müssen. Aber ich wollte von Beginn an reinen Tisch machen. Also ging ich mit meiner Krankheit an die Öffentlichkeit. Der erhoffte Effekt trat ein. Die Neugier der Menschen war gestillt, man ließ mich in Ruhe.

Hat man sich nicht mehr für Sie interessiert?
Im Gegenteil: Ich bekam mehr als 2000 Karten und Briefe, viele Menschen sprachen mich auf der Straße an und wünschten mir Glück. Das hat mir gut getan. Dann hatte die Warterei ein Ende. Ich fuhr in eine Klinik nach Heidelberg. Und wurde ein zweites Mal untersucht.

Wie lief das ab?
Man führte eine Biopsie bei mir durch. Eine lange Nadel, die ins Gehirn vordringt. Wäre dabei ein Gefäß beschädigt worden, wäre ich verblutet. Das Ergebnis war krass, in vielerlei Hinsicht: Der Tumor war zwar bösartig und für einen Europäer in meinem Alter auch extrem selten. Aber sehr gut zu behandeln. In den Worten meines Arztes: »Dieser Tumor schmilzt unter Bestrahlung wie Butter.« Außerdem blieb mir die Chemotherapie erspart. Das war die Gnade Gottes. Andere würden sagen: ein Sechser im Lotto. Ich hatte unglaubliches Glück.

Wie haben Sie die Strahlentherapie erlebt?
Ich habe mich vollkommen verschätzt. Bevor es losging, hatte ich Geschichten von übergewichtigen Frauen mittleren Alters gehört, die nach solchen Behandlungen ein wenig Kopfschmerzen hatten, sich einmal schüttelten und wieder zur Arbeit gingen. Ich quartierte mich in einem kliniknahen Hotel ein und nahm zur ersten Behandlung meine Laufsachen mit. Ich schaffte es gerade so zurück ins Hotel. Am zweiten Tag musste ich mich übergeben. Am dritten Tag bat ich um ein Zimmer in der Klinik. Die Behandlung hat mich komplett zerlegt.

Womit hatten Sie am meisten zu kämpfen?
Da kam so viel zusammen. Mein Kopf fühlte sich an, als hätte man mir mit einem Hammer auf den Schädel geschlagen. Wie eine ständige Gehirnerschütterung. Ich nahm sieben Kilo ab. Ich konnte nichts mehr schmecken, nichts mehr riechen. Mir fielen die Haare aus. Jeden Tag ging wieder ein Stück Lebensqualität flöten. Ich fiel in eine schwere Depression. Ich wurde zum Hypochonder. Hatte ich irgendwo ein Zwicken, dachte ich: Mein Gott, jetzt hast du auch noch Leberkrebs! Ich war voll der Psycho. So ging das ein halbes Jahr lang. Die schlimmste Zeit meines Lebens.

Haben Sie in dieser Zeit an Ihrem Glauben gezweifelt?
Nein. Wir machen es uns immer einfach: Wenn etwas Schlimmes passiert, wird dafür der liebe Gott verantwortlich gemacht. Die schönen Dinge im Leben nehmen wir einfach so zur Kenntnis.

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