08.07.2012

Der Fußball, mein Leben und ich: Hannes Bongartz

»Pferde sind leichter zu trainieren«

Für die neue Ausgabe von 11FREUNDE traf sich Tim Jürgens mit Hannes Bongartz zum großen Interview in der Reihe »Der Fußball, mein Leben und ich«. Lest hier die XXL-Version des Gesprächs mit dem Fußballer, Trainer und Kunstradexperten!

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Hannes Bongartz, als Schüler waren Sie deutscher Meister im Kunstradfahren. Inwieweit half Ihnen der Sport für Ihre Laufbahn als Fußballer?
Auf dem Rad erlernte ich die Geschicklichkeit, die später auf dem Platz meine Handlungsschnelligkeit erhöhte. Meine Körperbeherrschung beim Zweikampf, jedes Ausweichen und jede Finte fiel mir leichter, wohl auch weil ich vorher auf dem Rad meine Küren gefahren war.  


Wie kamen Sie zu dieser ungewöhnlichen Sportart?
Ich bin im Bonner Vorort Duisdorf aufgewachsen. Unser Dorf war für zwei Sportarten berühmt: für Ringen und Kunstradfahren. Aus unserem Ort kam das legendäre Kunstradfahrduo Monschau und Weinreis, die mal Weltmeister gewesen waren. Mein Vater war Vorsitzender der Radsportfreunde. Er wünschte sich, dass mein Cousin und ich im Doppel deren Nachfolger werden. 


Aber daraus wurde nichts, weil Sie den Fußball mehr liebten.
Als Jugendlicher war ich sportverrückt. Ich war jeden Tag in unserer Sporthalle, machte beim Ringen mit, bei den Kunstradfahrern, bei den Turnern, beim Kicken. Als ich 16 war, gingen meine beiden besten Mitspieler aus der Fußballabteilung von Preußen Duisdorf zum Bonner SC. Die Herrenmannschaft spielte damals in der zweihöchsten Spielklasse, da kamen zu manchen Spielen bis zu 20 000 Zuschauer. Also bin ich mitgegangen. 


Hatten es die Späher vom SC auf Sie abgesehen?
Überhaupt nicht, ich wollte nur mit den Kumpels mit. Dem Bonner SC bin ich also mehr oder weniger zugelaufen.


Wie reagierte Ihr Vater?
Der hatte schon mitgekriegt, was mir der Fußball bedeutet. Mein Cousin musste wegen eines Herzfehlers mit dem Radfahren aufhören, so zerbrach unser Duo. Wegen Fußball hat es bei uns zuhause nur ein einziges Mal Ärger gegegen. 
Und warum? Es war am Tag meiner Kommunion. Wir hatten am frühen Nachmittag ein  wichtiges Spiel. Also habe ich nach dem Mittagsessen kurz den Anzug gegen das Trikot getauscht und bin abgehauen. Mein Onkel war eingeweiht, der hat mich gefahren. Meinen Eltern sagte ich, dass ich kurz einen Spaziergang mache. Als ich zum Kaffee wieder zurückkam, haben sich alle gewundert, wo ich so lang war. 


Als Kunstradfahrer waren Sie früh an Erfolge gewöhnt. Wie lief das beim Fußball?
Im Prinzip war ich ein Spätstarter. Als ich zum Bonner SC kam, spielte ich einige Zeit in der zweiten A-Jugend. Meine Kumpels aus Duisdorf verloren nach vier Wochen die Lust, weil sie nicht zum Einsatz kamen, und gingen wieder zurück. Aber die Blöße wollte ich mir nicht geben.  


Sie bissen sich durch.
Fußball ist immer auch Glücksache. Viel hängt davon ab, ob der Trainer einen fördert oder wie gut das Team ist, in dem man spielt. Als ich zur Herrenmannschaft des SC kam, wurde ich wieder in die Zweite beordert. Ich spielte also brav in der Kreisliga gegen Teams, die teilweise direkt vom Frühschoppen aufs Feld kamen. Der SC hatte statt auf die Jugend zu setzen, ein paar abgehalfterte Schalker Profis geholt, um den Aufstieg zu erzwingen. Ein Riesenfehler. Das Konzept ging nach hinten los, schon bald stand der Verein als Absteiger fest und alles lief auseinander. Erst da entschieden die Verantwortlichen, die jungen Leute mit einzubinden, und ich kam zu meinen ersten Einsätzen. 


Von der Kreisliga direkt in die Regionalliga West.
So war das damals. Als wir in Essen gegen Schwarz Weiß spielten, lief es für mich ganz manierlich – und auf der Tribüne saß Wattenscheid-Mäzen Klaus Steilmann. Er lud mich am darauffolgenden Samstag zum Gespräch ein. Samstagvormittags war bei ihm immer Fußballaudienz. 


Ein gutes Spiel reichte, damit Sie den ersten Profivertrag bekamen?
Steilmann mochte kein Vollprofitum, also bot er mir an, nebenbei in seiner Firma zu arbeiten. Für meinen ersten Zwei-Jahres-Vertrag bekam ich in Wattenscheid 120 Mark im Monat als Fußballer, zehn Pfennig pro gefahrenen Kilometer und ein paar Mark Siegprämie. Den Rest musste ich durch meinen Job als Kaufmann bei Steilmann erwirtschaften.


In Wattenscheid bekamen Sie Ihren Spitznamen »Spargeltarzan«.
Den verpasste mir die »Bild«-Zeitung. Ich war ein schlaksiger Hänfling und entsprach überhaupt nicht dem Typus des stämmigen Profis. Es dauerte ein Jahr, bis ich vollwertiger Stammspieler war, weil ich körperlich noch nicht so weit war. 


In der Saison 1973/74 starteten Sie unter Trainer Kalli Feldkamp durch. Sie erreichten das Halbfinale im DFB-Pokal und scheiterten nur knapp am Bundesligaaufstieg.
Feldkamp hielt die Mannschaft an der langen Leine. Er verstand, wie wir Fußballler tickten und war sehr nah an der Mannschaft. Und was ich besonders mochte: Er war nicht nachtragend. Ich weiß noch, wie ich mit Rudi Klimke und Jürgen Jendrossek mal zur Weiberfastnacht ausbüxte. Der alte Steilmann hatte uns für einen wichtigen Sieg versprochen, eine Sause mit ihm machen. Also haben wir ihn eingepackt und sind morgens um acht Uhr nach Köln gefahren. Steilmann trainierte bei uns damals manchmal aus Spaß mit. Wir hatten verabredeten, nachmittags zum Training zurück in Wattenscheid zu sein. Aber als Feldkamp die Mannschaft zusammenholte, war der einzige, der rechtzeitig zurück war, der Alte. Wir waren in Köln versackt. 


Und Feldkamp machte Ihnen tags drauf die Hölle heiß?
Ach was, er brummte uns Geldstrafe auf – und damit war die Sache erledigt. 


In dieser Zeit kursierten in den Medien bereits Wechselgerüchte. Schalke 04 bezahlte die damals höchste Ablöse in der Geschichte des deutschen Fußballs für Sie: 770 000 Mark.
Dabei waren die Schalker recht knapp bei Kasse. Aber die Schalker Fans, angestachelt durch die Presse, wollten mich unbedingt haben. Also hat Präsident »Oscar« Siebert den Anhängern klar gemacht, dass sie für einen Wechsel auch ihren Beitrag zu leisten hätten. Damit das Geld locker gemacht wurde, mussten die Stadionbesucher auf den Stehplätzen eine und die auf den Sitzplätzen zwei Mark mehr bezahlen.


Die sogenannte »Bongartz-Mark«. Gab es Ärger mit den Fans, wenn Sie mal nicht so gut spielten?
Och nee, das hielt sich in Grenzen, aber wenn ich heute in Gelsenkirchen unterwegs bin, sprechen mich immer noch ältere Leute an: »Junge, du schuldest mir noch zwei Mark.«

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden