Der Fußball, mein Leben und ich: Hannes Bongartz

»Pferde sind leichter zu trainieren«

Für die neue Ausgabe von 11FREUNDE traf sich Tim Jürgens mit Hannes Bongartz zum großen Interview in der Reihe »Der Fußball, mein Leben und ich«. Lest hier die XXL-Version des Gesprächs mit dem Fußballer, Trainer und Kunstradexperten!

Hannes Bongartz, als Schüler waren Sie deutscher Meister im Kunstradfahren. Inwieweit half Ihnen der Sport für Ihre Laufbahn als Fußballer?
Auf dem Rad erlernte ich die Geschicklichkeit, die später auf dem Platz meine Handlungsschnelligkeit erhöhte. Meine Körperbeherrschung beim Zweikampf, jedes Ausweichen und jede Finte fiel mir leichter, wohl auch weil ich vorher auf dem Rad meine Küren gefahren war.  


Wie kamen Sie zu dieser ungewöhnlichen Sportart?
Ich bin im Bonner Vorort Duisdorf aufgewachsen. Unser Dorf war für zwei Sportarten berühmt: für Ringen und Kunstradfahren. Aus unserem Ort kam das legendäre Kunstradfahrduo Monschau und Weinreis, die mal Weltmeister gewesen waren. Mein Vater war Vorsitzender der Radsportfreunde. Er wünschte sich, dass mein Cousin und ich im Doppel deren Nachfolger werden. 


Aber daraus wurde nichts, weil Sie den Fußball mehr liebten.
Als Jugendlicher war ich sportverrückt. Ich war jeden Tag in unserer Sporthalle, machte beim Ringen mit, bei den Kunstradfahrern, bei den Turnern, beim Kicken. Als ich 16 war, gingen meine beiden besten Mitspieler aus der Fußballabteilung von Preußen Duisdorf zum Bonner SC. Die Herrenmannschaft spielte damals in der zweihöchsten Spielklasse, da kamen zu manchen Spielen bis zu 20 000 Zuschauer. Also bin ich mitgegangen. 


Hatten es die Späher vom SC auf Sie abgesehen?
Überhaupt nicht, ich wollte nur mit den Kumpels mit. Dem Bonner SC bin ich also mehr oder weniger zugelaufen.


Wie reagierte Ihr Vater?
Der hatte schon mitgekriegt, was mir der Fußball bedeutet. Mein Cousin musste wegen eines Herzfehlers mit dem Radfahren aufhören, so zerbrach unser Duo. Wegen Fußball hat es bei uns zuhause nur ein einziges Mal Ärger gegegen. 
Und warum? Es war am Tag meiner Kommunion. Wir hatten am frühen Nachmittag ein  wichtiges Spiel. Also habe ich nach dem Mittagsessen kurz den Anzug gegen das Trikot getauscht und bin abgehauen. Mein Onkel war eingeweiht, der hat mich gefahren. Meinen Eltern sagte ich, dass ich kurz einen Spaziergang mache. Als ich zum Kaffee wieder zurückkam, haben sich alle gewundert, wo ich so lang war. 


Als Kunstradfahrer waren Sie früh an Erfolge gewöhnt. Wie lief das beim Fußball?
Im Prinzip war ich ein Spätstarter. Als ich zum Bonner SC kam, spielte ich einige Zeit in der zweiten A-Jugend. Meine Kumpels aus Duisdorf verloren nach vier Wochen die Lust, weil sie nicht zum Einsatz kamen, und gingen wieder zurück. Aber die Blöße wollte ich mir nicht geben.  


Sie bissen sich durch.
Fußball ist immer auch Glücksache. Viel hängt davon ab, ob der Trainer einen fördert oder wie gut das Team ist, in dem man spielt. Als ich zur Herrenmannschaft des SC kam, wurde ich wieder in die Zweite beordert. Ich spielte also brav in der Kreisliga gegen Teams, die teilweise direkt vom Frühschoppen aufs Feld kamen. Der SC hatte statt auf die Jugend zu setzen, ein paar abgehalfterte Schalker Profis geholt, um den Aufstieg zu erzwingen. Ein Riesenfehler. Das Konzept ging nach hinten los, schon bald stand der Verein als Absteiger fest und alles lief auseinander. Erst da entschieden die Verantwortlichen, die jungen Leute mit einzubinden, und ich kam zu meinen ersten Einsätzen. 


Von der Kreisliga direkt in die Regionalliga West.
So war das damals. Als wir in Essen gegen Schwarz Weiß spielten, lief es für mich ganz manierlich – und auf der Tribüne saß Wattenscheid-Mäzen Klaus Steilmann. Er lud mich am darauffolgenden Samstag zum Gespräch ein. Samstagvormittags war bei ihm immer Fußballaudienz. 


Ein gutes Spiel reichte, damit Sie den ersten Profivertrag bekamen?
Steilmann mochte kein Vollprofitum, also bot er mir an, nebenbei in seiner Firma zu arbeiten. Für meinen ersten Zwei-Jahres-Vertrag bekam ich in Wattenscheid 120 Mark im Monat als Fußballer, zehn Pfennig pro gefahrenen Kilometer und ein paar Mark Siegprämie. Den Rest musste ich durch meinen Job als Kaufmann bei Steilmann erwirtschaften.


In Wattenscheid bekamen Sie Ihren Spitznamen »Spargeltarzan«.
Den verpasste mir die »Bild«-Zeitung. Ich war ein schlaksiger Hänfling und entsprach überhaupt nicht dem Typus des stämmigen Profis. Es dauerte ein Jahr, bis ich vollwertiger Stammspieler war, weil ich körperlich noch nicht so weit war. 


In der Saison 1973/74 starteten Sie unter Trainer Kalli Feldkamp durch. Sie erreichten das Halbfinale im DFB-Pokal und scheiterten nur knapp am Bundesligaaufstieg.
Feldkamp hielt die Mannschaft an der langen Leine. Er verstand, wie wir Fußballler tickten und war sehr nah an der Mannschaft. Und was ich besonders mochte: Er war nicht nachtragend. Ich weiß noch, wie ich mit Rudi Klimke und Jürgen Jendrossek mal zur Weiberfastnacht ausbüxte. Der alte Steilmann hatte uns für einen wichtigen Sieg versprochen, eine Sause mit ihm machen. Also haben wir ihn eingepackt und sind morgens um acht Uhr nach Köln gefahren. Steilmann trainierte bei uns damals manchmal aus Spaß mit. Wir hatten verabredeten, nachmittags zum Training zurück in Wattenscheid zu sein. Aber als Feldkamp die Mannschaft zusammenholte, war der einzige, der rechtzeitig zurück war, der Alte. Wir waren in Köln versackt. 


Und Feldkamp machte Ihnen tags drauf die Hölle heiß?
Ach was, er brummte uns Geldstrafe auf – und damit war die Sache erledigt. 


In dieser Zeit kursierten in den Medien bereits Wechselgerüchte. Schalke 04 bezahlte die damals höchste Ablöse in der Geschichte des deutschen Fußballs für Sie: 770 000 Mark.
Dabei waren die Schalker recht knapp bei Kasse. Aber die Schalker Fans, angestachelt durch die Presse, wollten mich unbedingt haben. Also hat Präsident »Oscar« Siebert den Anhängern klar gemacht, dass sie für einen Wechsel auch ihren Beitrag zu leisten hätten. Damit das Geld locker gemacht wurde, mussten die Stadionbesucher auf den Stehplätzen eine und die auf den Sitzplätzen zwei Mark mehr bezahlen.


Die sogenannte »Bongartz-Mark«. Gab es Ärger mit den Fans, wenn Sie mal nicht so gut spielten?
Och nee, das hielt sich in Grenzen, aber wenn ich heute in Gelsenkirchen unterwegs bin, sprechen mich immer noch ältere Leute an: »Junge, du schuldest mir noch zwei Mark.«




Was sagen Sie dann?
Dass sie beim nächsten Gran Canaria Urlaub in »Oscars Pub« einkehren, dort fünf Pils trinken und dann beim Deckel einen Euro abziehen lassen sollten. Die Kneipe gehört nämlich »Oscar« Siebert…


Wie kam Ihr Ziehvater Steilmann mit Ihren Abwanderungsgedanken klar?
Ihm war bewusst, dass er mich nicht halten kann. Er sagte: »Wenn du das machen willst, dann geh. Und wenn Du nicht dort zurecht kommst, geben wir Schalke das Geld zurück und du kommst wieder«. Damit hat er sehr viel Druck von mir genommen.


Was machte die Beziehung von Steilmann und Ihnen aus?
Er hatte eine grandiose Menschenkenntnis. In neun von zehn Gesprächen erkannte er sofort, welche Fähigkeiten in einem Mensch schlummern und wie er sich diese zunutze machen kann. Mit ihm konnte ich jederzeit unter vier Augen über Fußball reden, das war vor allem in meiner Trainerzeit wichtig, denn auf sein Wort konnte man sich verlassen und er hat den Stress von einem weggehalten. 


Waren Sie mit Steilmann per Sie?
Er sagte »Hannes« zu mir, ich nannte ihn »Boss«.

Der »Spargeltarzan« musste bei Schalke 04 unter Trainer Ivica Horvat erstmal ordentlich schuften.
Das erste halbe Jahr auf Schalke war die Hölle. Horvat wollte, dass ich zulege. Während die anderen vor Saisonbeginn zu Freundschaftsspielen über die umliegenden Dörfer tingelten, rannte ich tagein, tagaus mit der Bleiweste im Revierpark Nienhausen die Hügel rauf und runter. Als die Saison anfing, war ich platt wie eine Flunder und in der Hinrunde kriegte ich fast gar nichts auf die Reihe.


Es war damals viel Unruhe im Klub, Schalke 04 stand unter dem Eindruck des Bundesligaskandals. Sogar »Stan« Libuda war nach einem Jahr bei Racing Straßburg zurück.
Das war eine »Good Will«-Aktion des Klubs. Er trainierte nur noch, mehr ging leider nicht mehr. Es war skurril. Die wichtigsten Spieler fehlten ständig beim Training, weil sie in Essen vor dem Landgericht aussagen mussten. Manchmal wurde die Einheit um eine halbe Stunde nach hinten verschoben und wir warteten, bis die Kollegen im Anzug aus dem Gericht kamen. 


Schalke war eine launische Diva. Ständig wurden die Trainer gewechselt.
Daran war ich aber nicht schuld. Ich würde sagen, dass ich es keinem unserer damaligen Trainer besonders schwer gemacht habe.


Ihr Teamkollege Helmut Kremers soll während des Kurzzeitengagements von Max Merkel während eines Spiels gesagt haben: »Trainer, ich muss mal zur Toilette.«
Das hätte ich mich nie getraut. Merkel war extrem autoritär, uns jüngere Spieler hatte er gut im Griff, auch wenn ich sagen muss, dass manches, was wir uns von ihm anhören mussten, heute für eine Klage ausreichen würde. Aber wir haben gekuscht. Die Älteren waren da etwas aufmüpfiger, deswegen war Merkel bald wieder weg.


Ihnen eilte der Ruf voraus, eine »schlampiges Genie« zu sein.
Technisch begabten Mittelfeldspielern sagt man oft eine gewisse Schlampigkeit nach. Denken Sie nur an Günter Netzer oder Hansi Müller. Bei Typen wie »Bulle« Roth oder »Katsche« Schwarzenbeck heißt es im Gegensatz: »Der vergewaltigt den Ball.« Beides ist doch nur zum Teil richtig. Ein Zehner grätscht eben seltener.


Wie lief das Profileben Mitte der Siebziger auf Schalke ab?
Wir konnten uns völlig frei bewegen. Mittags gingen wir nach dem Training zusammen im »Kaufhof« zum Mittagessen. Vor Heimspielen fuhren wir am Freitag nach dem Abschlusstraining mit dem Bus nach Flaesheim und kehrten im »Jägerhof« ein. Dort gab es das beste Essen. Nach dem Dinner gingen wir spazieren, vorm Einschlafen tranken wir an der Hotelbar noch ein Bierchen und am Samstag fuhren wir die 35 Kilometer zurück bis ins Parkstadion. 


Und nach den Spielen?
In Gelsenkirchen gingen wir oft in eine Disco namens »Python«. Und wenn wir verloren hatten, gab es von den Gästen dort auch mal Feuer. So wie der Kohlenpott halt ist: hart, aber herzlich. 


Ihnen gelang das Kunststück, 1976 die Bayern mit einer Weltklasseleistung 7:0 zu schlagen und ein Jahr später in München mit 1:7 zu verlieren.
Und ich Trottel schieße in der Schlussminute ein Eigentor. Der Ball fiel mir so unglücklich auf den Fuß, dass ich mit ihm ins Netz stolperte und mir nichts besseres einfiel, als zu grinsen. Ein Fotograf hinterm Tor ließ sich das Bild nicht entgehen und am nächsten Tag sah man in allen Zeitungen, wie ich lächelnd im Tor stehe. Unserem Trainer Friedel Rausch ging die Fratze da natürlich auch runter.


Was haben Sie ihm gesagt?
Soll ich, wenn eh schon alles verloren ist, am Ende noch in Tränen ausbrechen?


Ihre größten Spiele erlebten Sie, nachdem Sie 1978 nach Kaiserslautern wechselten. Dort trafen wieder auf Kalli Feldkamp.
Er hatte mich geholt. Schalke war mal wieder knapp bei Kasse, »Oscar« Siebert brauchte die Ablöse. Ich kam in das beste Team, in dem ich je gespielt habe, wir spielten vier Jahre in Folge UEFA-Cup. 


Real Madrid fegten Sie im Viertelfinale 1981/82 mit 5:0 vom Betzenberg. Das beste Spiel Ihrer Laufbahn?
Sicher eines der besten. Im Hinspiel hatten wir in Madrid 3:1 verloren. Die Spanier traten uns mit einer derartigen Brutalität zusammen, sowas kannten wir nicht. Danach war zwei Wochen Ausnahmezustand in Kaiserslautern. Die Bundesliga spielte überhaupt keine Rolle mehr – es ging nur noch darum, es Real heimzuzahlen. Wir wollten Rache – und die nahmen wir dann auch. 


Berühmt-berüchtigt waren Sie in der aktiven Zeit für Ihren Übersteiger. Woher hatten Sie den Trick?
Es gab einen Angreifer in Aachen, Herbert Gronen, den hatte ich in den Sechzigern am Tivoli gesehen, und war ganz begeistert von seinem Trick gewesen. Also probierte ich es aus – und es wurde zu meinem Markenzeichen. Es war eine gute Finte, um vom Gegenspieler wegzukommen.


Aber wer als Profi für einen Trick bekannt ist, wird es nicht leicht haben, diesen ständig anzuwenden.
Ich weiß noch, wie ich im Spiel gegen den HSV auf Manni Kaltz zukam. Er rief mir schon von weitem zu: »Mach ihn nicht, Hannes, mach ihn nicht.«


Und Sie haben Ihn doch gemacht.
Ich habe es immer wieder versucht, meistens ging es auch gut.


Warum haben Sie eigentlich nur vier Länderspiele gemacht?
Ich habe stets ehrgeizig auf meine Ziel hingearbeitet, aber wenn ich das Vorgenommene erreicht hatte, neigte ich mitunter zur Zufriedenheit. 1976 hatte ich es in den DFB-Kader geschafft – ein langgehegter Traum ging in Erfüllung. Aber es gab viele gute Spieler auf meiner Position, da hätte ich mehr beißen müssen.


Ihren größten Auftritt im Nationaltrikot hatten Sie im EM-Finale 1976 gegen die Tschechoslowakei. Im Elfmeterschießen traten Sie erfolgreich an.
Es wollte ja kein anderer. Die gingen alle weg, als Helmut Schön sie fragte, ob jemand schießen möchte. Sogar Franz Beckenbauer lief an die Seite. Ich hatte damit kein Problem, aber natürlich wird das Tor auf dem Weg von der Mittellinie zum Punkt immer kleiner. Und wenn dann der Clown auf der Linie auch noch Faxen macht, kommt man schon ins Grübeln.




Im Gegensatz zu Uli Hoeneß aber machten Sie Ihr Tor.
Elfmeterschießen sind ein Nervenspiel. Mein Elfer war halbhoch ins Eck – auf sicher geschossen. Als Uli die Pille drüber knallte, bin ich gleich zu ihm hin, denn wir teilten während der EM das Zimmer. Da rollten auch ein paar Tränen und wir haben später etliche Biere zusammen trinken müssen. 


1984 mussten Sie Ihre Laufbahn als Invalide wegen eines Rückenleidens vorzeitig beenden. War sofort klar, dass Sie als Trainer weiterarbeiten?
Nein, ich hatte einen Bandscheibenvorfall, sowas wurde damals noch operiert. Allerdings riet mir Professor Heinrich Hess in Saarlouis, ich solle die Verletzung mit Physiotherapie behandeln. Ich hatte noch zwei Jahre Vertrag in Kaiserslautern und die Schmerzen waren nicht ganz so extrem. Damals bekam man den B-Schein als Bundesligaspieler noch im Rahmen eines Wochenendkurses. Da ich nicht spielen konnte, hatte ich viel Zeit und ich machte da mit, weil es mir als Perspektive für die Zukunft sinnvoll erschien. 


Sie wurden also aus Langeweile Trainer.
Aber nur ein Jahr nach Ihrem Abschied als Profi holte Sie »Atze« Friedrich zurück nach Kaiserslautern. Lautern war damals der Trainer ausgefallen, Alexsandar Ristic konnte aus irgendeinem Grund nicht kommen. Mich überrumpelte das Angebot, denn es kam nur zwei Monate vor Saisonbeginn, ich hatte gerade in Bottrop ein Haus gekauft, unsere zweite Tochter war auf die Welt gekommen und ich machte gerade erst die Trainerlizenz. Ich traf mich jeden Morgen am Breitscheider Kreuz mit Hermann Gerland und Helmut Horsch, weil wir eine Fahrgemeinschaft zur Sportschule in Köln hatten. Meine Frau sagte: »Kaiserslautern? Wie stellst Du dir das vor?«


Der Trainerjob ist eben kein Wunschkonzert.
Also fuhr ich in der Anfangszeit viermal in der Woche vormittags nach Köln in die Sportschule. Dort sprach ich mit Ausbilder Gero Bisanz ab, dass ich mittags zum Training nach Kaiserslautern fahren dürfe. Die Einheiten legten wir extra auf den spätereren Nachmittag und wenn ich in der Pfalz fertig war, fuhr ich zuruck und lag nachts wieder in meinem Bett in Bottrop. In einem Jahr habe ich ein neues Auto durchgeschruppt, so viel bin ich gefahren.


Sie waren der bis dato jüngste Trainer der Bundesligageschichte, hatten noch gar keine Lizenz, aber ließen als erster in Deutschland mit der Viererkette spielen.
Diese Idee hatte ich, seit wir 1982 mit dem FCK gnadenlos gegen den IFK Göteborg verloren hatten. Sven Göran Eriksson hatte das Team perfekt organisiert, sie haben uns sogar auf dem Betzenberg geschlagen. So wollte ich auch spielen.


Wer war Ihre erste Viererkette?
Es war wichtig, dass man in der Innenverteidigung einen Schrubber und einen spielintelligenten Mann hatte. Michael Dusek war mein kreativer Mann, daneben stand Stefan Majewski, vor dem hatten alle Angst. Dazu kamen Andreas Brehme und Wolfgang Wolf. Davor brauchte ich einen Sechser, der sehr laufstark war und über ein gutes Auge verfügte. Also holte ich 1986 Jürgen Groh zurück, der hatte eine Pferdelunge. Mir war klar, dass ich mit diesem System einen Spielmacher total frei bekomme. Dann haben wir Wolfram Wuttke geholt, der diese Rolle perfekt spielen konnte, zumindest so lange er in der Spur war. Gemeinsam mit Sergio Allievi wurde er zum Traumpaar.

Nur leider sind die beiden dann auch traumhaft abgehoben.
Wuttke hat bei mir sogar den Sprung zum Nationalspieler geschafft, nur leider war er bald nicht zu mehr regulieren.


Haben Sie sich mit Wuttke Ihr eigenes Grab in Kaiserslautern gegraben?
Das kann man so sagen. Ich habe ihn schon in der Jugend bei Schalke beobachtet, er konnte mit dem Außenrist härter schießen als andere mit dem Spann, aber er war eben auch einer, der die positiven Erfolge nicht für sich nutzen können. Er hat einfach nicht mehr zugehört – und dann wird es schwer für einen Trainer. Ernst Happel hatte in Hamburg auch Probleme mit ihm. 


Ihre erfolgreichste Zeit als Trainer erlebten Sie dann unter Ihrem Ziehvater Klaus Steilmann bei Wattenscheid 09.
Der Anruf kam aus heiterem Himmel. Steilmanns Ziel war immer die in die Bundesliga gewesen. Mit Trainer Gerd Roggensack stand das Team 1989 kurz davor. Doch in der entscheidenden Phase kam der Coach und bat Steilmann, zum Saisonende gehen zu können. Da brach für ihn eine Welt zusammen. Er wollte Roggensack direkt entlassen, ich habe ihm davon abgeraten, doch am Ende schaffte die Mannschaft den Aufstieg nicht. Für mich war es ein Vorteil, denn ich konnte mich in Ruhe über das Team informieren und die Störenfriede rausnehmen. So schafften wir den Aufstieg ein Jahr später. 


Ihr größter Erfolg?
Definitiv. Mit Wattenscheid 09 aufzusteigen, das war schwerer als mit dem FC Bayern Meister zu werden.

Der Klub hatte nie große Wirtschaftskraft. 
Warum hat es für Sie in Wattenscheid so gut geklappt?
Mir lag das familiäre Vereinsleben. Ich hatte mit Steilmann zu tun und konnte entscheiden. In Gladbach etwa musste ich stets die Meinungen eines Vorstands und eines Aufsichtsrats kanalisieren. 


Hatte Steilmann Ahnung vom Fußball?
Es ging. In erster Linie war er Geschäftsmann. Die besten Spieler hat er immer verkauft. Er sagte dann: »Guck halt, Du findest schon einen neuen.« Aber er ließ sich oft von den Spielern bequatschen. Er konnte ihnen kaum einen Wunsch abschlagen. Manchen hat er sie sogar unter Wert verkauft, damit sie zu einem besseren Verein wechseln konnten.


Sie haben mal gesagt, als Trainer würden Sie anstreben, ein Mittelding aus sachlichem Analytiker wie Jupp Heynckes und einem Motivationskünstler wie Kalli Feldkamp zu werden. Haben Sie das geschafft?
Ich denke, mir ist es immer gelungen, Disziplin und spielerische Ethik zu vermitteln. Manchmal wäre es vielleicht gut gewesen, etwas härter zu sein. Aber das ist eben auch eine Frage des Naturells. 


Im März 1994 mussten Sie nach fast fünf Jahren den Posten in Wattenscheid räumen.
Wir haten vier Jahre in Folge immer die besten Spieler verloren: Maurice Banach, Thorsten Fink, Markus Schupp undsoweiter. Als es nicht lief, wurde plötzlich die Tochter von Steilmann Präsidentin. Sie brauchte wohl etwas Zerstreuung. Schon nach dem ersten Gespräch mit ihr um die Weihnachtszeit 1993 war mir klar, dass es zu Ende geht. Sie wollte den Klub mit neuen Marketingideen umkrempeln, das passte nicht. Ich bin dann eines Morgens zum »Boss« gegangen und habe ihm gesagt, dass mir daran gelegen sei, unsere Freundschaft nicht aufs Spiel zu setzen, er möge sich doch bald nach einem neuen Coach umschauen.


Parallel zum Fußball waren Sie stets ein ambitionierter Traber. 1997 wurden Sie sogar deutscher Amateurmeister. Wie kamen Sie zu dem Sport?
Das rührt aus meiner Schalker Zeit her. Mitte der Siebziger gingen wir Donnerstagabends immer in der Clique auf die Trabrennbahn: Klaus Fischer, Rolf Rüssmann, Norbert Nigbur und ich. Am Anfang wetteten wir einen kleinen Pott, aber irgendwann kam der Klaus und fragte, ob wir nicht zusammen ein Pferd kaufen wollen. 


Wieviel Pferde haben Sie heute noch?
Zwischendurch hatte ich sogar mal vier oder fünf. Das Training mit den Tieren war zur aktiven Laufbahn ein schöner Ausgleich zum stressigen Profigeschäft. Jetzt habe ich mit einem guten Freund nur noch ein Pferd: »El Conchita«. Die Stute hat fast alles gewonnen, aber ich möchte das Pferd nicht auf Gedeih und Verderb ausknautschen. Im Herbst nehmen wir sie aus dem Rennbetrieb. Die hat nach so viel Erfolg das Recht, selbst zu denken. Geld ist im Trabsport sowieso nicht mehr zu machen.  


Was ist der Unterschied zwischen Fußballern und Pferden?
Pferde sind leichter zu trainieren. 


Warum?
Weil Pferde keine Widerworte geben.

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