30.05.2014

Der Fußball, mein Leben und ich: Bernd Krauss

»In Dortmund ging es mir beschissen«

Bernd Krauss wechselte Nationalitäten, lernte Günter Netzer am Pissoir kennen und drohte seinen Spielern mit Karate. Aber nur im Ausnahmefall.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Bernd Krauss, Ihr alter Kumpel Uli Borowka bat mich, Ihnen eine Frage zu stellen.
Oha. Schießen Sie los.

Er fragt sich, welche Nationalität Sie derzeit besitzen.
(lacht)
Ich bin Deutscher! Und das bereits wieder seit 1984. Mein damaliger Trainer in Mönchengladbach, Jupp Heynckes, hatte mich darum gebeten. So hatten wir wieder einen der zwei erlaubten Ausländerplätze im Kader frei.

Warum haben Sie sich 1981 dafür entschieden, die österreichische Staatsbürgerschaft anzunehmen?
1977 war ich von Borussia Dortmund zu Rapid Wien gewechselt. Für den österreichischen Fußball hat sich damals kein Mensch interessiert. Ich erhoffte mir durch den neuen Pass eine Berufung in die österreichische Nationalmannschaft und damit mehr internationale Aufmerksamkeit. Schließlich wollte ich zurück in die Bundesliga. Mein Plan ging auf: 1981 gab ich mein Debüt. Beim WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland.

Möchten Sie darüber sprechen?
Nur unter Zwang! Wir spielten in Hamburg. Als die Nationalhymnen erklangen, habe ich versucht, wegzuhören, das war ein sehr komisches Gefühl.
Mitte der ersten Halbzeit grätschte ich in eine Flanke von Felix Magath und erwischte den Ball mit den Stollen. Ich sehe es noch heute vor mir. Wie ich auf dem Rücken liege und denke: Der wird doch nicht ... Da war er schon drin. Ein Eigentor. Hätte ich einen Spaten dabei gehabt, hätte ich mich eingebuddelt.

Wie fielen die Reaktionen Ihrer neuen Landsleute aus?
Meine Mitspieler machten mir keinen Vorwurf. Die Presse hat sich natürlich das Maul über den »Piefke« zerrissen. Zuhause in Dortmund fiel mein Vater vom Sofa. Eigentlich wollte das ZDF meine Eltern bei meinem Debüt filmen. Gottseidank hatte ich sie vorher überreden können, den Journalisten abzusagen.

Sie blieben Nationalspieler und fuhren 1982 sogar zur Weltmeisterschaft nach Spanien.
Jetzt wollen Sie bestimmt über die »Schande von Gijon« sprechen.

Korrekt. War das Ergebnis bereits vor dem Anstoß abgesprochen?
Mit mir hat niemand irgendetwas ausgemacht. Aber nach dem Tor von Hrubesch war allen auf dem Platz klar: Wenn es so bleibt, kommen wir beide weiter und Algerien scheidet aus. Obwohl: nicht allen. Walter Schachner und Hans-Peter Briegel liefen bis zum Schlusspfiff wie die Wahnsinnigen rauf und runter und fetzten sich in den Zweikämpfen,
als gäbe es keinen Morgen mehr. (lacht)

Bei den Zuschauern war die Empörung groß. Auf der Tribüne verbrannten wütende algerische Fans Geldscheine. Haben Sie das bemerkt?
Natürlich. Und aus Sicht der algerischen und der neutralen Fans war diese Partie ja auch genau das: eine Schande. Jahre später, bei meinem letzten Bundes­ligaspiel, habe ich Ähnliches erlebt: Am letzten Spieltag spielten wir mit Gladbach gegen Bayer Uerdingen, beide Teams brauchten einen Punkt, um den Klassenerhalt zu schaffen. Dreimal können Sie raten, wie dieses Spiel ausging. Zum Leidwesen der Bochumer. (Die Partie endete 0:0, d. Red.)

Sie sind 1957 in Dortmund geboren worden. In einem älteren Interview haben Sie sich mal als »typischen Jungen aus‘m Ruhrgebiet« bezeichnet. Können Sie das konkretisieren?
Ich komme aus klassischen Arbeiterverhältnissen. Mein Oppa stand 40 Jahre lang am Hochofen, mein Vater arbeitete in der Stahlbranche. In so einem Umfeld lernst du, auf dem Teppich zu bleiben, nicht zu vergessen, wo du herkommst. Das schätze ich so am Ruhrgebiet. Mein Oppa war eh ein Unikat: Der hat am Essenstisch so großartige Geschichten erzählt, dass ich manchmal sogar meine Bolzplatzkumpels warten ließ.

Waren Sie Fan vom BVB?
Unnötige Frage. Natürlich!

Was ist Ihre schönste Erinnerung an diese Zeit?
1967 durften wir mit unserer Schülermannschaft vom BSV Schüren vor der Bundesligapartie zwischen Dortmund und Mönchengladbach ein Freundschaftsspiel austragen. Kurz vor dem Anstoß musste ich noch mal zur Toilette. Plötzlich tauchte neben mir der große Günter Netzer auf, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Viel Glück, Junge!“ Man kann also durchaus sagen, dass ich beim Pinkeln Fan von Borussia Mönchengladbach wurde.

Und Ihre Liebe zum BVB?
Die hatte weiterhin Bestand. 1976 spielte ich bei den Dortmundern vor. Und zwar gleich vor drei Trainern. Beim ersten Probetraining ließ mich Otto Knefler 400-Meter-Läufe mit zwei Medizinbällen unter dem Arm machen. Als mich meine Mutter abends sah, sagte sie: »Da gehst du nicht wieder hin!« Beim nächsten Mal war Knefler bereits entlassen worden. Interimstrainer Horst Buhtz spielte ich
auf dem durchnässten Ascheplatz neben der »Roten Erde« einen Ball auf den Kopf – als ich die rote Schlacke über sein Gesicht laufen sah, dachte ich: Das war es für dich! Dann übernahm Otto Rehhagel. Für 700 Mark brutto pro Monat wurde ich kleine Wurst Spieler von Borussia Dortmund. Ich machte nur ein Spiel und wechselte 1977 nach Österreich. Aber wer kann schon behaupten, für den Verein gespielt zu haben, den er jahrelang aus der Kurve angefeuert hat?

Im Frühjahr 2000 kehrten Sie zurück – als Trainer. Ihre Amtszeit dauerte nur 67 Tage. Was lief schief?
Wenn ich ehrlich bin: alles. Nach drei Tagen sagte ich zu meiner Frau: »Eigentlich müsste ich jetzt schon wieder kündigen.« »Bist du wahnsinnig?«, fragte sie und ich blieb.

Warum hatten Sie überhaupt in Dortmund unterschrieben?
Das Angebot war einfach zu verlockend. Stellen Sie sich vor: Da warten Sie jahrelang auf die Chance, bei einem großen Verein zu arbeiten, bei dem Sie nichts aufbauen müssen, sondern eine fertige Mannschaft übernehmen. Und dann ist das der Klub, dem Sie seit frühester Kindheit Ihr Herz geschenkt haben. Aus Ihrer Heimatstadt! Ich konnte nicht Nein sagen.

Woran ist es dann gescheitert?
Es war sehr vieles kaputt. Ohne meinem Vorgänger nahetreten zu wollen – aber der körperliche Zustand vieler Spieler war erschreckend. Dazu kamen zeitweise mehr als zehn Verletzte und der Umstand, dass es einige Stars offenbar verlernt hatten, richtig zu malochen. Und wenn du kein Glück hast, kommt bekanntlich noch Pech dazu: Gegen 1860 München spielte Jürgen Kohler den Ball zurück zu Jens Lehmann, auf dem schlechten Rasen versprang Jens die Pille, Martin Max staubte ab. Solche Dinge machen dich fertig.

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