Der Fußball, mein Leben & ich: Werner Biskup

»Ich trank, weil ich Angst davor hatte zu verlieren«

Als Profi gelang dem Mann fürs Grobe der schwere Schritt von Fortuna Düsseldorf zum 1. FC Köln. Als Trainer wurde der Alkohol für ihn zum härtesten Gegenspieler. Doch auch dieses Problem hat er gelöst.

Victor S. Brigola
Heft: #
144

Werner Biskup, Ihre früheste Erinnerung an Fußball?
Wie ich in Bottrop vor dem Radio sitze und dem WM-Finale 1954 lausche. Und höre, wie mein Vorbild, Helmut Rahn, zwei Tore erzielt.

Ahnten Sie schon damals als 12-Jähriger, dass Sie das Zeug zum Profi hatten?
Nein, dass begriff ich erst, als ich beim VfB Bottrop in die Herrenmannschaft kam und mich Späher von Bayer Leverkusen abwerben wollten.

Bis dahin gingen Sie also davon aus, als Handwerker Ihr Auskommen zu haben.
Ich war gelernter Maschinen- und Bauschlosser, hatte meine Ausbildung schon mit 16 abgeschlossen. Anfangs arbeitete ich noch ein halbes Jahr unter Tage. Mein Chef wollte mir einen Bürojob vermitteln, also fing ich beim VfB Bottrop ein Fernstudium als Heizungs- und Lüftungstechniker an.

Sie haben zwei Ausbildungen?
Drei. Zu meiner aktiven Zeit in Düsseldorf habe ich auch noch den Trainerschein gemacht.

Sie waren ein ziemliches Arbeitstier.
Ich hatte eine gute Ausdauer, bei allem, was ich tat. Für den 1. FC Köln haben ich in vier Jahren alle Bundesligaspiele gemacht – bis auf vier, in denen ich gesperrt war.

Welcher Trainer hat Sie geprägt?
Herbert Burdenski, mein Trainer in Bottrop, vermittelte mir das Menschliche. Fritz Pliska in Leverkusen war eher der rustikale Typ, der mir mit auf den Weg gab, meinen Gegenspieler erstmal umzutreten, wenn ich ihm auf dem Feld begegne. Noch extremer war Kuno Klötzer, der mich zu Fortuna Düsseldorf holte.

Was machte Klötzer aus?
Er war der Grund, dass ich beschloss, sollte ich jemals Trainer werden, meine Spieler nie sinnlose Läufe über den Platz machen zu lassen. Klötzer ließ uns nach jedem Training auf der Aschenbahn zehn Runden drehen. Und wenn einer meckerte, drückte er ihm noch einen Medizinball unter den Arm.

Was war das für ein Typ?
Einer vom alten Schlag. Im Aufstiegsjahr 1965/66 von Fortuna kamen Hunderte von Zuschauern zum Flinger Broich. Je mehr Leute kamen, desto mehr verlangte er uns ab. Nach dem Training stand er bei uns unter der Dusche und mir fiel eine Narbe unter seinem Arm auf. Ich fragte: »Was haben Sie da, Herr Klötzer?« Er antwortete stolz: »Na, was wohl? Das ist die eingebrannte Blutgruppe.« Der war in Russland gewesen, solche Trainer hatten wir.

Was war Ihre hervorstechendste Eigenschaft als Profi?
Ich konnte zuhören und mich unterordnen. Mit 18 beim VfB Bottrop war ich so schüchtern, dass ich den Routinier Walter Reimann anfangs im Spiel mit »Herr Reimann« ansprach. Der musste mir regelrecht verbieten, ihn zu siezen. Und ich konnte 90 Minuten marschieren. Beim 1. FC Köln war ich der Mann fürs Grobe, für die Feinarbeit waren Overath und Flohe zuständig.

Ihr erstes Bundesligaspiel nach dem Aufstieg mit Fortuna im Sommer 1966 gewannen Sie auswärts beim Top-Team des BVB. Waren Sie nervös?
Ich habe das ganze Umfeld nicht wahrgenommen. Kuno Klötzer sagte, ich solle meinen Gegenspieler Lothar Emmerich einfach nur ausschalten. Also habe ich ihn 90 Minuten lang fixiert, der Rest war mir egal.

Als Sie mit Fortuna nach nur einem Jahr im Oberhaus wieder abstiegen, absolvierten Sie parallel zum Profijob die Trainerausbildung.
Ich wollte vorbauen, für den Fall, dass es mit dem Fußballprofi nicht klappt. Mein Ausbilder war Hennes Weisweiler, der überlegte, mich nach Gladbach zu lotsen und bei der Nationalelf ins Gespräch zu bringen. Aber den Weg habe ich mir dann selbst verbaut.

Inwiefern?
Ich hatte nur Flausen im Kopf: Zur Ausbildung gehörte auch das Fach »Anatomie«. Den Unterricht machten wir gemeinsam mit jungen Sportlehrerinnen einer nahegelegenen Schule. Eines Tages nahmen wir durch, wie man Verbände anlegt. Ich sollte einer der Damen ein Dreieckstuch für Schlüsselbeinfrakturen anlegen, doch ich machte mir einen Spaß und fixierte das Tuch über Kreuz vor dem Busen, der dadurch sehr hervorstach. Der Prüfer gab mir eine Sechs – und petzte es bei Weisweiler.

Und das war’s mit Ihrer Nationalelfkarriere?
Noch nicht. Kurz darauf sollten wir in einem Test das sogenannte »Alles-oder-Nichts-Gesetz« am Herzen erklären. Weil ich keine Ahnung hatte, schrieb ich auf die Frage, was ich darüber weiß: »Nichts, das ist alles.« Die Kaspereien hat mir Weisweiler nie verziehen.

Und so wechselten Sie im Sommer 1968 von Düsseldorf nicht nach Gladbach, sondern nach Köln. Kam nicht gut an, oder?
Die Rivalität nach Köln traf mich aus heiterem Himmel. Wir spielten ein Vorbereitungsspiel gegen Victoria Köln vor 60000 Zuschauern. Als ich auflief sang das ganze Stadion: »Wärst Du doch in Düsseldorf geblieben.«

Wie ging das weiter der Ablehnung durch die Kölner?
Es dauerte einige Zeit. Irgendwann spielten wir im Pokal gegen Borussia M’Gladbach. Kurz vor Schluss steht es 2:1 für die Gladbacher, da gibt der Schiri einen Elfmeter für uns. Bei 3:0 oder 4:0 wollten alle schießen. Aber jetzt bewegte sich keiner: Kein Overath, kein Löhr, kein Thielen. Also habe ich das Ding reingemacht und wir gewannen in der Verlängerung. Erst da hieß es: »Biskup, du bist der beste Mann.« 

Ihr bedeutendstes Spiel als Aktiver?
Wenn ich eins herausgreifen müsste: Mit Fortuna in der Saison 1965/66 bei Westfalia Herne. Beim Stand von 2:2 haute ich einen Freistoß von 35 Meter oben in den Winkel. Der Grundstein für unseren späteren Aufstieg. Nach dem Match fuhren wir mit den PkWs zurück. Um uns herum die jubelnden Fortuna-Fans. Ich musste im Auto von Kuno Klötzer mitfahren. Er schob das Schiebedach auf. Und Kuno und ich drückten uns oben aus dem Dach  – und winkten den Leuten zu.
Sie haben als Stopper gegen alle Großen der Bundesligageschichte gespielt: Jupp Heynckes, Uwe Seeler, Gerd Müller. Wer lag Ihnen am meisten?
Alles schwer zu spielende Gegner, aber ich kam mit allen gut zurecht, auch menschlich. Ich weiß noch, wie wir 1967 mit der bereits abgestiegenen Fortuna am letzten Spieltag beim HSV antraten. Da fragte Uwe Seeler im Vorbeigehen: »Was machst Du nächstes Jahr? Komm doch zu uns.« In dem Moment kommt der Ball….

…und das war’s?
Von wegen. Nach der Halbzeit stand Seeler wieder neben mir, griff in seinen Stutzen und holte einen Zettel mit der Telefonnummer des HSV-Trainers raus. Uwe sagte: »Ruf ihn morgen an.« Und weg war er.

Und? Haben Sie?
Na klar. Aber Fortuna Düsseldorf wollte 75 000 Mark Ablösesumme haben, da hat der HSV zurückgezogen.

Und Sie wechselten nach Köln, von wo Sie Ihr Weg vier Jahre später zum RFC Lüttich führte?
Ich traf mich mit den Leuten aus Lüttich auf einer Raststätte in Eupen. Von meinem ehemaligen Teamkollegen, Bernd Rupp, wusste ich, dass man dort gut verdienen kann. Ich forderte 60 000 Mark Handgeld plus 6000 Mark Monatsgehalt. Sie legten den Vertrag auf den Tisch und nach der Unterschrift fuhren wir nach Lüttich, um das Handgeld beim Klubmäzen abzuholen: Das Schiff von Monsieur Georges, besser gesagt: sein Palast, lag im Hafen vor Anker. Nach dem Essen ging er in die Küche und brachte ein Bündel Geldscheine mit. Meine Frau und ich diskutierten zu der Zeit, ob wir unsere neue Küche mit PVC oder Teppich auslegen sollten. Als ich zurück kam, verteilte ich das Bargeld in der Küche auf dem Boden und sagte: »Du, Schatz, komm mal, ich hab angefangen, die Küche zu verlegen.« Sie können sich vorstellen, wie die gekreischt hat. Als sie sich beruhigt hatte, kehrten wir die Scheine mit dem Handfeger auf, und brachten das Geld zur Bank.

Nach eineinhalb Jahren wurden Sie in Lüttich Spielertrainer.
Als unser Coach entlassen wurde, boten sie mir das doppelte Gehalt, wenn ich beide Jobs mache. Ich hatte ja den Trainerschein. Aber es war schwerer als erwartet. Ich sprach kaum französisch. Der Masseur war mein Dolmetscher. Wenn ich die Mannschaft kritisierte, wieviel Schuld trug ich selbst? Das wurde mir zuviel. Also habe ich nach einiger Zeit nur noch den Trainer gemacht.

Wie schwierig war das mit der Sprachbarriere?
Wir wurden Vierter, es ging also. Aber der Chauffeur Robert von Monsieur Georges hat mich hochgenommen: Ich sollte bei einem Empfang im Haus des Mäzens ein paar Worte sagen. Also fragte ich Robert. Er brachte mir vier Sätze bei, die ich an die Frau des Mäzens richten solle. Ich paukte also auf Französisch: »Guten Abend, Madame Georges«, »Ich bin sehr glücklich, sie zu sehen.« Und dann impfte er mir ein: »Ich möchte gerne mit Ihnen allein sein.« Als ich das sagte, witzelte das Publikum schon: »Oh lala.« Da hätte ich es schon merken müssen. Aber ich lief in die Falle und sprach den auswendig gelernten Satz: »Je veux te baisez!« – »Ich möchte Dich flachlegen.«. Der fast zwei Meter große Monsieur Georges trat auf mich zu und rettete die Situation, indem er sprach: »Monsieur Büsküp, c’est ma femme.«

Warum gaben Sie 1976 den Job in Lüttich auf?
Ich spürte, dass ich als Trainer an Grenzen stoße, wenn ich nicht die Sprache der Spieler spreche.

Sie gingen zurück nach Deutschland, trainierten einige Jahre in Münster, später in Osnabrück und Uerdingen. Es dauerte allerdings neun Jahre, ehe Sie mit Hannover 96 wieder in die Bundesliga aufstiegen. Dieser Erfolg gelang Ihnen mit einem Team aus regionalen Talenten.
Eine Mannschaft mit ehrgeizigen jungen Leuten. Ich übernahm den Kader im Abstiegskampf der zweiten Liga. Gleich im ersten Match mussten wir zu Union Solingen, die noch ungeschlagen waren. Ein Riesenspiel. Als wir nachts um 2 Uhr nach einem 2:1-Sieg zurück nach Hannover kamen, sagte ich: »Männer, wollt Ihr morgen trainieren oder dreht ihr jetzt zwei Runden um den Maschsee?« Das fanden die super, ohne Murren sind sie mitten in der Nacht durch Hannover gerannt – und haben bis Dienstag frei bekommen. Diese Läufe haben wir bald zum Ritual gemacht.

Sie wollten doch – anders als Ihre Trainer – nie sinnlose Läufe machen.
Ein Lauf um einen See ist etwas ganz anderes, als zehn Runden auf der Aschenbahn. Da müssen die Jungs genau schauen, wo sie hintreten. Der Klub war damals nicht sonderlich populär in der Stadt. Also ließ ich Mannschaft immer Montagmittag im Trikot um den Maschsee laufen. Stichwort: Volksnähe.

Liefen Sie mit?
Nö, ich habe im Kaffee gesessen und die Schwäne gefüttert. Aber nach ein paar Wochen fiel mir auf, dass die Jungs immer öfter im Pulk zurückkamen. Vorher hatten die Schnellsten nur 16 Minuten, die Langsamen fast 20 für eine Runde um den See gebraucht.

Wir ahnen, was kommt.
Also bin ich den Spielern entgegen gelaufen. In der Nähe lag ein Fähranleger. Und in dem Moment, wo ich da vorbeikomme, legt das Schiff an, und die ganze Mannschaft steigt aus und fängt an, sich ein Wasser ins Gesicht zu träufeln, damit sie verschwitzt aussehen.

Wie ging das aus?
Die haben sich so geschämt, dass sie ohne mit der Wimper zu zucken vier Runden Vollsprint um den See liefen. Außerdem zahlte jeder 50 Mark in die Mannschaftskasse. Und am Ende stiegen wir in die erste Liga auf.

Sie spielten fünf Monate erstklassig mit Hannover 96 – dann Sie flogen raus. Sie sollen im Spiel gegen Frankfurt betrunken den Schiedsrichter angepöbelt haben.
Ich hatte etwas getrunken, das stimmt. Aber ich war nicht betrunken. Ich war nie volltrunken beim Spiel, noch bei einer Pressekonferenz. Und ich habe in meinem ganzen Leben nur eine einzige Trainingseinheit versäumt –  am Tag, als mein Vater starb.

Was war los im Spiel gegen Frankfurt?
Ich habe rumgebrüllt. Wir standen auf Platz 13, die besten Leute waren weggegangen. Und in der Abwehr lief nichts zusammen. Der Schiedsrichter bezog mein Gemeckere auf sich und schickte mich auf die Tribüne. Am Ende gewannen wir mit 3:1. Aber ich spürte, dass die Verantwortlichen mich weg haben wollen.

Hing das auch mit Ihrem zunehmenden Alkoholkonsum zusammen?
Das kann ich nicht ausschließen. Am Montag drauf musste ich zur Vorstandssitzung. Dort wurde mein Spielsystem in Frage gestellt, plötzlich wollten die Herren neue Spieler holen, dabei standen wir als Aufsteiger gar nicht so schlecht. Das Ganze eskalierte, ich nehme an, darauf hatten die Bosse nur gewartet. Irgendwann sagte ich: »Macht euren Schieß doch allein.« Das war’s.Erinnern Sie sich, wann Sie das erste Mal Alkohol getrunken haben?
Mit 18. Als ich bei den 1. Herren vom VfB Bottrop meinen Einstand gab. Da tranken wir Bommerlunder mit Pflaume, der war lecker süß. Ich trank fünf Stück und war drei Tage krank.

Wie oft tranken Sie als Profi?
Fast gar nicht, höchstens mal ein Kölsch nach dem Spiel.

Wann änderte sich das?
Als ich in Lüttich nur noch Trainer war. Plötzlich war ich frei in meinen Entscheidungen. Ich konnte mir auch am Abend vorm Spiel mal einen einschenken. Wenn die Spieler nach dem Essen bei Monsieur Georges einen Spaziergang machten, probierte ich bei ihm die achtzig Jahre alten Whiskey-Sorten. So fing das an. Und irgendwann trank ich auch am Spieltag.

Warum?
Aus Spaß und weil es mir schmeckte. Das dachte ich zumindest. Inzwischen aber weiß: Weil ich Angst davor hatte, zu verlieren. Als Trainer hofft man immer, alles richtig gemacht zu haben. Ich wollte Monsieur Georges und die anderen, die soviel Vertrauen in mich setzten, nicht enttäuschen.

Zehn Jahre später war die ganze Sache aus dem Ruder gelaufen. Sie erzählten einmal, als Sie 1987 bei Trapzonspor trainierten, tranken Sie jeden Morgen abwechselnd ein Glas Wodka und ein Glas Cola.
Ich habe mich dort körperlich sehr unwohl gefühlt. Ich kam mit dem Essen in der Osttürkei nicht zurecht, habe mir nach einigen Wochen an Ölsardinen den Magen verdorben und kam ins Krankenhaus. Danach ernährte ich mich praktisch nur noch flüssig.

Waren Sie einsam in der Türkei?
Damit hatte das nichts tun. Ich habe nur mein allgemeines Unwohlsein mit Alkohol betäubt. Die Spieler verstanden mich nur in Teilen, der Dolmetscher übersetzte nicht angemessen. Irgendwann trank ich zur jeder Tageszeit. Immer in Maßen zwar, denn ich machte zwei Mal Training am Tag, aber es war klar, dass ich Spiegeltrinker war und selbst nachts meinen Pegel halten musste. Die Mannschaft spielte im oberen Tabellendrittel, aber nach einem dreiviertel Jahr wollte ich nicht mehr.

Anschließend haben Sie fünf Jahre lang auf einen neuen Job gewartet.
Die schlimmste Zeit in meinem Leben. In Deutschland hatte es sich herumgesprochen, dass ich trinke. Und dann machte ich eines Abends im Sommer 1992 mit einer Flasche einen Spaziergang am Maschsee und wurde von ein paar Jungs angepöbelt. Die wollten meine Uhr. Als ich mich weigerte, bekam ich aufs Maul. Aber meine Uhr haben die nicht bekommen. Trotz meiner Verfassung, war ich noch fit genug, wegzurennen.

Kurz darauf erschien Ihr Foto mit lädiertem Gesicht auf der Titelseite der »Bild«.
Das Foto entstand, als ich am nächsten Tag beim Training von Hannover 96 zusah, und mich ein Fotograf per Teleobjektiv abschoss. Dieses Bild verfolgt mich bis heute.
Aber es war auch der Wendepunkt in der Abwärtsspirale, denn auch Wolfgang Overath sah es. Er rief mich noch am gleichen Tag an und fragte, ob ich etwas gegen meine Alkoholsucht tun wolle. Ich wollte. Ich konnte nicht mal mehr Wasser trinken, ohne mich zu übergeben. Nur noch Alkohol. Ich musste den Arsch hochkriegen. Wolfgang gab mir die Adresse einer Klinik und am gleichen Abend um halb elf wies ich mich ein. Overath hatte alles organisiert.

Wie nahe standen Sie ihm?
Wir hatten in Köln zusammengespielt. Keine Ahnung, ob er mich heute als Freund versteht, ich jedenfalls kann sagen, dass er mein väterlicher Freund ist – obwohl er zwei Jahre jünger ist.

Sieben Monate später wurden Sie aus der Therapie entlassen. Overath hatte ihnen einen Job als Trainer an der Sportschule Hennef besorgt. Sie gaben gerade Ihre ersten Seminare, da wollte Sie der VfL Osnabrück als Trainer.
Ein Traum. Professor Piepenbrock, den Vorstandschef, kannte ich seit meinem ersten Engagement dort. Ich sagte, ich bräuchte eine mietfreie Wohnung, Telefon frei, Gehalt und ein Auto. Piepenbrock arrangierte einen Porsche 928. Eben noch in der Therapie und jetzt donnerte ich mit der blauen Rakete und 320 PS durch Osnabrück. Kennzeichen OS-WB 110.

Und das Thema Alkohol war erledigt?
Ich bin einmal noch rückfällig geworden. Nach der Entlassung in Osnabrück 1996. Ich hatte seit vier Jahren nicht getrunken und dachte, ich hätte das Problem im Griff.

Wurden Sie aus Frust rückfällig?
Ich war verärgert. Wir standen nicht so schlecht in der Tabelle. Als ich ins Hotel kam, dachte ich: Trink doch ein Glas Rotwein! Dabei hatte ich Wein nie gemocht. 14 Tage später brauchte ich schon wieder eine Flasche Schnaps am Tag. Die Therapie hatte mir zum Glück soviel Vernunft mitgegeben, dass ich mich nach wenigen Wochen in die Klinik eingewiesen habe und entgiftete. Für Alkoholiker gibt es eben kein kontrolliertes Trinken.

Hatten Sie jemals Selbstmordgedanken?
Warum sollte ich? Ich hatte Geld, schicke Klamotten, ging zur Maniküre. Kaum jemand hätte mich als Alkoholiker identifiziert. Nur mein Körper hat mir gesagt: »Wird Zeit, dass Du aufhörst, Kollege.«

Osnabrück war ihre letzte Station im Profifußball.
Nach der Entgiftung wurde mir klar, dass ich dringend Arbeit brauche. Da kam ein Anruf aus Köthen von einem Kreisligisten nahe Magdeburg. Die fragten so nett, dass ich ein Wochenende hinfuhr, um mir das anzusehen. Ich dachte, wenn ich extrem hohe Forderungen stelle, ziehen die sowieso zurück: hohes Gehalt, Wohnung, 10000 Mark für den Aufstieg. Aber es dauerte nur drei Minuten, dann sagten sie zu.

Und es wurde hinsichtlich der Titel Ihre erfolgreichste Zeit.
Ich bin mit Köthen drei Mal in Folge aufgestiegen. In drei Jahren haben wir neunzig Spiele gemacht und nur ein einziges verloren. Als Kreisligist haben wir sogar den großen 1. FC Magdeburg im Pokal geschlagen.

Die schönste Zeit in Ihrem Leben?
Der Job dort gab mir die Bestätigung, dass ich es trotz der ganzen Scheiße noch nicht verlernt hatte. Schließlich musste ich das viele Geld, dass ich verdiente, auch in der Kreisliga rechtfertigen.

Fehlt Ihnen heute der Profifußball?
Nein, die Spieler sind ganz anders ausgebildet als zu meiner Zeit, da bin ich nicht mehr auf dem Laufenden. Aber ich brauche die Atmosphäre auf den Rasenplätzen. Deswegen macht mir meine jetzige Arbeit als Scout von Hannover 96 soviel Spaß.

Wo sind Sie unterwegs?
Ich mache von Norderstedt über Wilhelmshaven bis Cloppenburg alles, was gewünscht wird. In Oldenburg war ich schon öfter, da wüsste ich inzwischen schon, wie ich gegen die spielen würde.

Werner Biskup, wir fassen zusammen: Sie waren ein großer Spieler und Trainer – und Sie haben fünf Jahre in Ihrem Leben schwer getrunken. Wie sehr trifft es Sie, immer wieder auf die Alkoholsucht angesprochen zu werden?
Sie ist ein Teil meines Lebens, deswegen gehört es dazu. Ich spreche ja auch in meinem Alltag viel darüber. Ich bin 2. Vorsitzender des »Freundeskreis«, der trockenen Alkoholiker, der sich jede Woche trifft. Mich nervt es lediglich, wenn es Journalisten ausschließlich um dieses Thema geht. Denn es macht doch so viel Spaß, über Fußball zu reden.

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