24.11.2013

Der Fußball, mein Leben & ich: Werner Biskup

»Ich trank, weil ich Angst davor hatte zu verlieren«

Als Profi gelang dem Mann fürs Grobe der schwere Schritt von Fortuna Düsseldorf zum 1. FC Köln. Als Trainer wurde der Alkohol für ihn zum härtesten Gegenspieler. Doch auch dieses Problem hat er gelöst.

Interview: Tim Jürgens Bild: Victor S. Brigola
Sie haben als Stopper gegen alle Großen der Bundesligageschichte gespielt: Jupp Heynckes, Uwe Seeler, Gerd Müller. Wer lag Ihnen am meisten?
Alles schwer zu spielende Gegner, aber ich kam mit allen gut zurecht, auch menschlich. Ich weiß noch, wie wir 1967 mit der bereits abgestiegenen Fortuna am letzten Spieltag beim HSV antraten. Da fragte Uwe Seeler im Vorbeigehen: »Was machst Du nächstes Jahr? Komm doch zu uns.« In dem Moment kommt der Ball….

…und das war’s?
Von wegen. Nach der Halbzeit stand Seeler wieder neben mir, griff in seinen Stutzen und holte einen Zettel mit der Telefonnummer des HSV-Trainers raus. Uwe sagte: »Ruf ihn morgen an.« Und weg war er.

Und? Haben Sie?
Na klar. Aber Fortuna Düsseldorf wollte 75 000 Mark Ablösesumme haben, da hat der HSV zurückgezogen.

Und Sie wechselten nach Köln, von wo Sie Ihr Weg vier Jahre später zum RFC Lüttich führte?
Ich traf mich mit den Leuten aus Lüttich auf einer Raststätte in Eupen. Von meinem ehemaligen Teamkollegen, Bernd Rupp, wusste ich, dass man dort gut verdienen kann. Ich forderte 60 000 Mark Handgeld plus 6000 Mark Monatsgehalt. Sie legten den Vertrag auf den Tisch und nach der Unterschrift fuhren wir nach Lüttich, um das Handgeld beim Klubmäzen abzuholen: Das Schiff von Monsieur Georges, besser gesagt: sein Palast, lag im Hafen vor Anker. Nach dem Essen ging er in die Küche und brachte ein Bündel Geldscheine mit. Meine Frau und ich diskutierten zu der Zeit, ob wir unsere neue Küche mit PVC oder Teppich auslegen sollten. Als ich zurück kam, verteilte ich das Bargeld in der Küche auf dem Boden und sagte: »Du, Schatz, komm mal, ich hab angefangen, die Küche zu verlegen.« Sie können sich vorstellen, wie die gekreischt hat. Als sie sich beruhigt hatte, kehrten wir die Scheine mit dem Handfeger auf, und brachten das Geld zur Bank.

Nach eineinhalb Jahren wurden Sie in Lüttich Spielertrainer.
Als unser Coach entlassen wurde, boten sie mir das doppelte Gehalt, wenn ich beide Jobs mache. Ich hatte ja den Trainerschein. Aber es war schwerer als erwartet. Ich sprach kaum französisch. Der Masseur war mein Dolmetscher. Wenn ich die Mannschaft kritisierte, wieviel Schuld trug ich selbst? Das wurde mir zuviel. Also habe ich nach einiger Zeit nur noch den Trainer gemacht.

Wie schwierig war das mit der Sprachbarriere?
Wir wurden Vierter, es ging also. Aber der Chauffeur Robert von Monsieur Georges hat mich hochgenommen: Ich sollte bei einem Empfang im Haus des Mäzens ein paar Worte sagen. Also fragte ich Robert. Er brachte mir vier Sätze bei, die ich an die Frau des Mäzens richten solle. Ich paukte also auf Französisch: »Guten Abend, Madame Georges«, »Ich bin sehr glücklich, sie zu sehen.« Und dann impfte er mir ein: »Ich möchte gerne mit Ihnen allein sein.« Als ich das sagte, witzelte das Publikum schon: »Oh lala.« Da hätte ich es schon merken müssen. Aber ich lief in die Falle und sprach den auswendig gelernten Satz: »Je veux te baisez!« – »Ich möchte Dich flachlegen.«. Der fast zwei Meter große Monsieur Georges trat auf mich zu und rettete die Situation, indem er sprach: »Monsieur Büsküp, c’est ma femme.«

Warum gaben Sie 1976 den Job in Lüttich auf?
Ich spürte, dass ich als Trainer an Grenzen stoße, wenn ich nicht die Sprache der Spieler spreche.

Sie gingen zurück nach Deutschland, trainierten einige Jahre in Münster, später in Osnabrück und Uerdingen. Es dauerte allerdings neun Jahre, ehe Sie mit Hannover 96 wieder in die Bundesliga aufstiegen. Dieser Erfolg gelang Ihnen mit einem Team aus regionalen Talenten.
Eine Mannschaft mit ehrgeizigen jungen Leuten. Ich übernahm den Kader im Abstiegskampf der zweiten Liga. Gleich im ersten Match mussten wir zu Union Solingen, die noch ungeschlagen waren. Ein Riesenspiel. Als wir nachts um 2 Uhr nach einem 2:1-Sieg zurück nach Hannover kamen, sagte ich: »Männer, wollt Ihr morgen trainieren oder dreht ihr jetzt zwei Runden um den Maschsee?« Das fanden die super, ohne Murren sind sie mitten in der Nacht durch Hannover gerannt – und haben bis Dienstag frei bekommen. Diese Läufe haben wir bald zum Ritual gemacht.

Sie wollten doch – anders als Ihre Trainer – nie sinnlose Läufe machen.
Ein Lauf um einen See ist etwas ganz anderes, als zehn Runden auf der Aschenbahn. Da müssen die Jungs genau schauen, wo sie hintreten. Der Klub war damals nicht sonderlich populär in der Stadt. Also ließ ich Mannschaft immer Montagmittag im Trikot um den Maschsee laufen. Stichwort: Volksnähe.

Liefen Sie mit?
Nö, ich habe im Kaffee gesessen und die Schwäne gefüttert. Aber nach ein paar Wochen fiel mir auf, dass die Jungs immer öfter im Pulk zurückkamen. Vorher hatten die Schnellsten nur 16 Minuten, die Langsamen fast 20 für eine Runde um den See gebraucht.

Wir ahnen, was kommt.
Also bin ich den Spielern entgegen gelaufen. In der Nähe lag ein Fähranleger. Und in dem Moment, wo ich da vorbeikomme, legt das Schiff an, und die ganze Mannschaft steigt aus und fängt an, sich ein Wasser ins Gesicht zu träufeln, damit sie verschwitzt aussehen.

Wie ging das aus?
Die haben sich so geschämt, dass sie ohne mit der Wimper zu zucken vier Runden Vollsprint um den See liefen. Außerdem zahlte jeder 50 Mark in die Mannschaftskasse. Und am Ende stiegen wir in die erste Liga auf.

Sie spielten fünf Monate erstklassig mit Hannover 96 – dann Sie flogen raus. Sie sollen im Spiel gegen Frankfurt betrunken den Schiedsrichter angepöbelt haben.
Ich hatte etwas getrunken, das stimmt. Aber ich war nicht betrunken. Ich war nie volltrunken beim Spiel, noch bei einer Pressekonferenz. Und ich habe in meinem ganzen Leben nur eine einzige Trainingseinheit versäumt –  am Tag, als mein Vater starb.

Was war los im Spiel gegen Frankfurt?
Ich habe rumgebrüllt. Wir standen auf Platz 13, die besten Leute waren weggegangen. Und in der Abwehr lief nichts zusammen. Der Schiedsrichter bezog mein Gemeckere auf sich und schickte mich auf die Tribüne. Am Ende gewannen wir mit 3:1. Aber ich spürte, dass die Verantwortlichen mich weg haben wollen.

Hing das auch mit Ihrem zunehmenden Alkoholkonsum zusammen?
Das kann ich nicht ausschließen. Am Montag drauf musste ich zur Vorstandssitzung. Dort wurde mein Spielsystem in Frage gestellt, plötzlich wollten die Herren neue Spieler holen, dabei standen wir als Aufsteiger gar nicht so schlecht. Das Ganze eskalierte, ich nehme an, darauf hatten die Bosse nur gewartet. Irgendwann sagte ich: »Macht euren Schieß doch allein.« Das war’s.
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden