Der Fußball, mein Leben & ich: Rolf Schafstall

»Wenn einer nicht mitzieht, muss ein Trainer Härte zeigen.«

In den Siebzigern und Achtzigern rettete er im Akkord schlingernde Bundesligisten vor dem Abstieg. Mehr als die Hitze im Tabellenkeller aber liebt der beinharte Feuerwehrmann seine Frau Hildegard, wie er uns für 11FREUNDE-Ausgabe #143 verriet.

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143

Rolf Schafstall, Frage an Sie als Hobbygärtner. Was braucht mehr sensible Handhabe: ein Fußballteam oder das Blumenbeet?
Beides. Aber bei Blumen bin ich kein Fachmann. Die schneide ich runter und die Sache ist erledigt.

Bei Fußballern haben Sie das anders gemacht?
Natürlich. Für Mannschaften braucht man sehr viel Sensibilität. Auch wenn es in meiner Laufbahn öfter vorkam, dass ich unpopuläre Maßnahmen treffen musste.

Der »Kicker« nannte Sie 1988 den »Red Adair der Bundesliga«. Ihre Teams spielten fast immer gegen den Abstieg.
Ich stand mein ganzes Trainerleben unter Strom. Das war Stress pur.


Bei welchem Klub war es am härtesten?
Die gesamte Zeit war hart, aber ich habe den Stress genossen. Ich wurde im Krieg groß. Bei Bombenangriffen hofften wir im Keller, dass es nicht einschlägt. Jede Nacht Sirenen. Wir sind drei Mal evakuiert worden. Ich war der Zweitjüngste von acht Geschwistern aus Hamborn-Neumühlen. Meine Eltern haben uns mit Müh und Not ernähern können. Das war eine harte Zeit – nicht der Profifußball.

Sie haben Grubenelektriker gelernt.
Meine Eltern hatten kein Geld, um eine höhere Schulausbildung zu finanzieren. Als die Volksschule vorbei war, sagte mein Vater: »Junge, du wirst Elektriker.« 


Aber wie vertrug sich die Arbeit in der Zeche mit dem Job als Fußballer bei Hamborn 07?
Ich war nur drei Monate unten. Dann ging ich zum Arzt und ließ mich krank schreiben. Herzklabaster, Ohrensausen, weiß der Himmel, was der da geschrieben hat. Hauptsache, ich kam aus dem Loch raus.


Sie waren nicht besonders gern Handwerker?
Es war unbefriedigend. Wegen des Fußballs hatte ich keine Zeit, meinen Meisterbrief zu machen. Ich wusste früh, dass ich alles im Fußball geben muss, um aus dieser Eintönigkeit rauszukommen.


Stimmt es, dass Sie Ihre Verlobung wegen eines Fußballspiels abgesagt haben?
Das war 1957. Die Einladungen waren verschickt, der Kuchen gebacken. Da las mein Vater in der Zeitung, dass Hamborn 07 ein Freundschaftsspiel bei Hertha BSC hatte. Ausgerechnet am Tag unserer Verlobung. Er sagte: »Junge, verloben kannst Du Dich immer noch, Du fährst mit nach Berlin.« 


Auch Ihre Hochzeit wäre fast ausgefallen.
Damals war ich so besessen, dass ich es kaum ertrug, wenn mich ein anderer auf der Verteidigerposition ersetzte. Also nahm ich die Sporttasche mit zur Hochzeit, weil wir an dem Tag gegen Schalke 04 spielten. Aber irgendwie habe ich es nicht übers Herz gebracht, mich für einige Stunden rauszuschleichen – wer weiß, wofür es gut war. 


Sie lernten Ihre Frau Hildegard bereits 1953 bei einem Jugendturnier in Pforzheim kennen.
Ich lag zwischen den Spielen im Gras und sah in einiger Entfernung dieses hübsche, blonde Mädchen stehen. Ich schlenderte vor die Stadiontore. Sie hatte kein Geld für den Eintritt, also habe ich sie reingeschleust. Nachmittags tauschten wir noch Adressen aus, dann musste ich zurück ins Ruhrgebiet.


Wann haben Sie sich wiedergesehen?
Wir schrieben drei Jahre lang Briefe. Die Post ging an Freunde von uns, weil unsere Eltern es nie geduldet hätten, dass wir uns schreiben. Ich sah Hildegard nur einmal im Jahr – wenn wir zum Turnier nach Pforzheim kamen. Erst am Ende der A-Jugend hatte ich den Mut, sie zu besuchen. Das war das erste Mal, dass wir länger als einen Tag zusammen waren.


Wir würden Sie gerne mit einigen Charaktereigenschaften konfrontieren, die man Ihnen zuschreibt.
Da bin ich aber gespannt.


Im Personenarchiv »Munzinger« steht über Sie: »Rolf Schafstall gilt als sehr harter Arbeiter.«
Würde ich zustimmen.


»Knochenharter Hund.«
Ach, das wird immer übertrieben. In der Sache kann ich sehr hart sein, aber ich habe auch eine weiche Seite.

Und wie sieht Ihre weiche Seite aus?
Wenn es in Bochum mal besonders schlecht lief, habe ich morgens meine Frau gebeten, Kuchen zu backen. Beim Training brüllte ich die Spieler dann noch an: »Wenn ich das schon wieder sehe. Unerträglich. Komm, packt die Bälle zusammen. Wir machen Schluss!« Und als die Spieler bedröppelt in der Kabine saßen, lud ich die ganze Mannschaft zum Kaffee bei uns ein. Die fielen aus allen Wolken.


Es heißt weiter: »Rolf Schafstall fordert absolute Disziplin, Ordnung und Pünktlichkeit.«
Die richtige Einstellung zum Beruf war mir immer sehr wichtig.


»Ist bei der Wahl seiner Worte und im Ton seiner Anweisungen nicht zimperlich.«
Ich bin immer geradeaus. Die meisten Leute, mit denen ich zu tun hatte, haben dies auch akzeptiert. Einen Spieler erreicht man aber nicht nur im Kommandoton.


Mitunter aber doch.
Naja, wenn ein Spieler die direkte Ansprache nicht versteht, muss man manchmal auch deutlicher werden.


Stefan Kuntz sagt, Sie hätten keine 100 Prozent von Spielern gefordert, sondern einiges darüber. »Hart, aber herzlich« seien Sie gewesen.
Natürlich haben wir hart gearbeitet. Wenn Sie als Trainer mit Spielern, die teilweise aus der Amateurliga kommen, in der Bundesliga die Klasse halten wollen, schaffen sie das nur über eine erstklassige Kondition. Und nach den sechs Wochen Vorbereitung waren die Jungs einerseits froh, dass es vorbei war, und andererseits, dass sie so fit waren.


Gab es Spieler, die Ihre Vorbereitung nicht durchgehalten haben?
Ich habe doch keinen zu Tode gefoltert.


Anders gefragt: Waren alle Spieler Ihrem Pensum psychisch gewachsen?
Wir hatten keinen Mentaltrainer, das habe ich mit abgedeckt. Aus Wattenscheid hatte ich Erich Klammer, einen ehemaligen Zehnkämpfer, als Konditionstrainer geholt. Der verstand es, die Mannschaft derart fit zu machen, dass ich ihn manchmal bremsen musste, weil ich Angst hatte, dass sich ein Spieler aufgrund der Belastung verletzt.


Gehörte dazu, dass sich Spieler in der Vorbereitung auch mal übergeben?
Mit Sicherheit. Das ist Teil der Willensschulung. Ein Spieler muss lernen, mit körperlichen Härten zurecht zu kommen und auch lernen, was er alles verkraften kann.


Als aktiver Spieler von Hamborn 07 waren Sie nachhaltig daran beteiligt, dass der MSV Duisburg ein Gründungsmitglied der Bundesliga wurde.
Angeblich soll ich »Eia« Krämer im entscheidenden Spiel um die Qualifikation zur Bundesliga kurz vor Schluss an der Strafraumgrenze gefoult haben. Ich aber sage Ihnen, es war kein Foul. Trotzdem hat der Schiedsrichter gepfiffen. Pitter Danzberg haut den Freistoß rein und Meiderich ist aufgestiegen.


Ein Trauma?
Nein, so bin ich nicht strukturiert. Dinge, die nicht so gut gelaufen sind, habe ich stets schnell abgehakt.

Nach über 300 Spielen für Hamborn 07 wechselten Sie 1963 ins Schwabenland zum SSV Reutlingen.
Ein Sechser im Lotto für mich.


Aber Sie sind doch mit dem Ruhrgebiet verwurzelt.
Aber meiner Frau konnte ich das Leben neben der Thyssen-Hütte nicht länger zumuten.

Wie kam der erdige Junge aus dem Pott mit den lieblichen Schwaben zurecht?
Es dauerte einige Zeit, bis ich dort jedes Wort verstand, aber es war eine glückliche Zeit. Mein Frau fand einen Job als Sekretärin im Vorzimmer des Klub-Präsidenten, des Landrats Kern, der uns Spielern auch Arbeit in der Strickmaschinenfabrik »Stoll & Co« besorgte.

Gab es in Reutlingen mehr Geld?
In Hamborn bekam ich 80 Mark im Monat plus 25 Mark pro Punkt. Dazu bekam pro Stunde als Elektriker 1,78 Mark. In Reutlingen war’s das Doppelte.


Sie hatten auch ein Angebot von 1860 München.
Das stimmt, aber das wäre in Bayern gewesen…. 


Und ein Verein aus der Bundesliga.
Aber meine Frau wollte zurück in ihre Heimat, also fand ich Reutlingen wunderbar. Als wir in der Aufstiegsrunde 1965 knapp an Mönchengladbach scheiterten, bekam ich auch von Hennes Weisweiler ein Angebot. Habe ich auch meiner Frau zuliebe ausgeschlagen.


Der harte Hund, Rolf Schafstall, hat sich in seiner aktiven Laufbahn statt für die Erstligakarriere für die Liebe entschieden.
Liebe ist doch was Schönes. Ich sage Ihnen, meine Frau und ich: das war Liebe auf den ersten Blick. Wir sind inzwischen 55 Jahre verheiratet.

1973 mussten Sie Ihre aktive Laufbahn verletzungsbedingt beenden. War immer klar, dass Sie Trainer danach werden?
Als meine Karriere zuende ging, wusste ich erst nicht, wie es weitergehen sollte. Da las ich in der Zeitung, dass der TuS Ergenzingen auf der Schwäbischen Alp einen Trainer sucht.

Und Sie heuerten in der Provinz an.
Es war für mich ein unbeschreibliches Gefühl, vor jungen Spielern über Fußball zu sprechen und zu sehen, wie sie mir andächtig zuhörten.

Welcher Trainer hatte Sie bei Ihren Ansprachen inspiriert?
Keiner. Zu meiner aktiven Zeit gab es keine Mannschaftssitzungen.

Sondern?
Da lag ein Blatt Papier mit der Aufstellung auf dem Tisch, da schaute man drauf: »Ah, okay, linker Verteidiger.« Dann zog man sich um und lief auf den Platz.


Keine taktischen Anweisungen?
Taktik war zu der Zeit ein Fremdwort. Wenn’s hochkam, klopfte einem der Trainer nach dem Spiel im Vorbeigehen auf die Schulter. Dann wusste man, dass man nicht ganz schlecht gewesen war.

Aber Sie hatten die Gabe, Spieler richtig anzusprechen?
Auch wenn es eitel klingt, aber ich konnte mir selbst immer gut zuhören. Wissen Sie, wie es ist, wenn man davon begeistert ist, was man sagt? Ein tolles Erlebnis. Ich glaube, das ist der Schlüssel dazu, dass einem auch andere zuhören.


Nach der Trainerausbildung gingen Sie als Co-Trainer zum MSV Duisburg. Sie gewannen mit der A-Jugend eine Deutsche Meisterschaft und übernahmen 1976, nach der Entlassung von Willibert Kremer, die erste Mannschaft.
Mein erster Job in der Bundesliga war gleich Abstiegskampf. Ich lernte die Arbeit im Tabellenkeller quasi von der Pike auf.


Ein gutes Gefühl?
Ich hatte nie in der Bundesliga gespielt. Deswegen war es ein ungemein erhebendes Gefühl, plötzlich einer der 18 Auserwählten zu sein, die einen Bundesligisten trainierten. Ich werde nie vergessen, wie stolz ich war, bei meiner ersten Trainertagung zwischen Dettmar Cramer, Udo Lattek und Erich Ribbeck zu sitzen.


Ihre früheste Erinnerung an die Bundesliga?
Wir spielten mit dem MSV in Frankfurt. Ich stand auf der Aschenbahn, als Eintracht-Coach Gyula Lorant auf mich zu kam. Ein Riesenkerl. »Habe gehört, hast Vertrag unterschrieben«, radebrechte er, »wie macht man das?« Ich: »Tja, wie wohl? Man liest das Papier durch, und schreibt seinen Namen drunter.« Da brüllt mich Lorant an: »Falsch«, und fängt an, sich den rechten Ärmel hochzukrempeln. »Du musst Ärmel hochkrempeln, ganz tief in den Geldsacken packen und alles rausholen. So unterschreibt man Vertrag.« Das war mein erster Eindruck von der Bundesliga.


Wie kamen Sie mit anderen Trainer aus?
Es war immer nett, wenn ich Ernst Happel traf. Der hat zwar nie viel geredet, aber ich merkte, dass er mich gut leiden kann.

Happel war ohne Zigarette undenkbar. Auch Sie sind Raucher.
Das habe ich mir angewöhnt, als ich in Duisburg Trainer wurde. Meine Frau arbeitete damals noch in Reutlingen. Und wenn wir abends telefonierten, habe ich mir nebenbei öfter eine angesteckt.

Gehörte Rauchen zum Habitus eines Bundesligacoachs in dieser Zeit?
Überhaupt nicht, im Prinzip war es ein großer Scheiß.

Haben Sie viel geraucht?
Ach, ich bin gar kein echter Raucher. Wenn ich mir eine Fluppe anzünde, mache ich drei Züge und schmeiße sie weg. Die totale Verschwendung. Andere rauchen bis auf den Filter runter.

Eine dumme Angewohnheit, ausgerechnet von Ihnen, dem Disziplinfanatiker.
Sie haben Recht, normalerweise müsste ich mit mir selbst ins Gericht gehen. Früher habe ich es noch versucht: In Duisburg fuhr ich im Auto zum Training. Während der Fahrt schmiss ich die Hälfte der Schachtel aus dem Fenster, in der Hoffnung, ich würde nicht die ganze Packung rauchen.

Wir ahnen wie es weitergeht.
Jaja, die Packung war schneller leer. Und nach dem Training habe ich mir neue geholt. Darf ich eigentlich keinem erzählen.

In der Saison 1978/79 führten Sie den MSV Duisburg bis ins Halbfinale des UEFA-Cups.
Unvergesslich. In der zweiten Runde mussten wir bei Carl Zeiss Jena mit dem Trainer Hans Meyer antreten. Als wir dort ankamen, erwartete uns eine Wand aus Schweigenden am Trainingsplatz. Kein Autogrammwunsch, keine Frage, nichts. Ich bin dann mit einer Delegation ins Hotel gefahren. Vier Leute und ich in einem Trabi. Keiner sprach ein Wort. Im Hotel stand hinter jeder Säule ein Typ in Kunstlederjacke. Mann, ging mir das auf den Sack.

Der MSV hatte damals eine illustre Truppe: Bernard Dietz, Rudi Seeliger, Kurt Jara, Ronnie Worm und Kees Bregman.
Was ist wohl aus Bregman geworden ist?

Friseur in Utrecht.
Das passt zu Kees, ein witziger Typ. Vor seinem letzten Spiel für den MSV kam er zu mir und sagte: »Trainer, ich muss heute was Besonderes machen.« Ich sagte: »Mach ein ordentliches Spiel, das werden die Zuschauer honorieren.« Aber dem armen Kerl gelang gar nichts. Als er zehn Minuten vor Schluss den Ball bekam, nahm er ihn mit der Hand auf, bedankte sich per Handschlag beim Schiedsrichter, drückte die Pille einem Rollstuhlfahrer auf der Aschenbahn in die Hand und ging winkend in die Katakomben.


Wie kamen Sie mit solchen Witzbolden zurecht?
Gut. Ich wusste ja, wie man mit solchen Typen umgeht. Damals wählten die Spieler den Kapitän. Die jungen Leute waren Bregman-Fans, weil er ein lustiger Vogel war. Er löste überraschend Bernard Dietz als Kapitän ab. Ein absoluter Alptraum für mich. Zum Glück machte er im nächsten Training voller Wut einen der jungen Spieler zur Sau. Eine willkommene Gelegenheit für mich, ihn nach nach dem Training als Kapitän wieder abzusetzen: »Kees, so wie du dich benimmst, bist du kein Kapitän.«


Bei Rot-Weiss Essen hatten Sie mit Willi Lippens zu tun.
Ente kam gerade aus den USA zurück, der hatte nichts verlernt. Er war ein Schlitzohr geblieben.


Wieso?
Ich sah schon an seinem Blick, wenn er etwas im Schilde führte. Laufen mochte er nicht. Dienstags stand bei uns Konditionstraining an. Da kam er zu mir und sagte: »Trainer, wir müssen mal wieder den Europacup der Pokalsieger ausspielen.« Gut, dachte ich, machen wir mal Kompromiss. Statt Konditionstraining, ein Turnier auf Kleinfeld. Am nächsten Dienstag aber kommt der Frechdachs wieder: »Trainer, da gibt‘s auch noch den Europapokal der Landesmeister…«


Ihre Antwort?
»Ich weiß, Ente, den spielen wir dieses Jahr aber erst an Weihnachten aus.«

Und? Hat er sich dran erinnert?
Indirekt. Kurz vor Weihnachten klopft es an meiner Tür. Ente mit einem kleinen Koffer, aus dem er einen Pelzmantel holt. »Trainer, es geht auf Weihnachten. Sie haben doch ‘ne blonde Frau, der Pelz würde ihr gut stehen.« Irgendeiner hatte ihm einen Berg Pelzmäntel angedreht, damit er die im Verein an den Mann bringt. Ich schmiss ihn mit den Worten raus: »Ente, wir sind hier im Ruhrgebiet, wir brauchen keine Pelzmäntel.«


Der beste Spieler, den Sie je trainiert haben?
Bernard Dietz.


Fußballerisch oder was seine Mentalität anbetrifft?
Dietz konnte die unmöglichsten Aufgaben erfüllen, der war taktisch einzigartig und ein unglaublich ehrlicher Mensch. Ich weiß noch wie er im Spiel gegen den HSV Kevin Keegan rundgemacht hat. Wir haben die Hamburger mit 3:0 aus dem Stadion geschossen.

Welcher Spielertypus gefiel Ihnen als Trainer am besten?
Als Trainer müssen Sie mit allen gut auskommen, als Spieler nur mit einem. 


Schön gesagt, aber mit allen hat es ja nicht immer geklappt.
Doch. Oder auf wen spielen Sie an?


Oliver Bierhoff, Ihr Spieler bei Bayer Uerdingen, hat mal gesagt: »Schafstall war der schlechteste Trainer, den ich je hatte.«
Logisch, weil er bei mir nicht gespielt hat. Bierhoff war ein junger Spieler, der recht kopfballstark war. Ansonsten konnte er fußballerisch nicht auf dem Niveau meiner Angreifer Marcel Witeczek oder Stefan Kuntz mithalten. 


In Düsseldorf wurden Sie nach fünf Monaten entlassen, weil sich ein Teil des Kaders gegen Sie gestellt hat.
Das habe ich so nicht empfunden. Der Einzige, mit dem ich dort Stress hatte, war Jörg Schmadtke. Als der im Training ständig Theater machte, habe ich ihn nicht mehr aufgestellt. Und da muckte der richtig auf.

Was hat Schmadtke gemacht?
Er hatte an allem etwas auszusetzen, ein aufsässiger Typ. Und weil ich keine Lust hatte, mir das ständig anzuhören, habe ich ihn degradiert.

Sie haben sechs Vereine als Feuerwehrmann im Tabellenkeller übernommen und vor dem Abstieg bewahrt. Verraten Sie uns Ihr Rezept?
Das geht nur, indem man durch Gespräche ständig die Hoffnung schürt, dass jedes Spiel eine neue Chance eröffnet, sich aus der Situation zu befreien. Jeder Spieler muss schnallen, dass es nur klappt, wenn jeder mitzieht.


Und wie kriegt man das in die Köpfe?
Mit einer unmissverständlichen Ansprache. Und wenn einer nicht mitzieht, muss ein Trainer auch Härte zeigen.

Wo war das der Fall?
Als ich im Winter 1987 nach Uerdingen kam, schloss ich meine erste Ansprache mit den Worten: »Wer meint, den Anforderungen in Punkto Disziplin, Trainingsfleiß und Einsatz nicht folgen zu können, soll es bitte jetzt sagen.« Das erste Spiel in Hamburg verloren wir. Franz Raschid und Oliver Bierhoff saßen auf der Bank. Als ich am nächsten Morgen in die Kabine kam, hatte ich alle Antennen ausgefahren. In solchen Momenten muss ein Trainer sehr wachsam sein, um jede Regung mitzukriegen. Raschid und Bierhoff unterhielten sich angeregt darüber, dass sie nicht gespielt hatten. Ein Routinier – und ein sehr junger Spieler. Der Junge konnte nichts dafür, aber Raschid habe ich nach dem Training in mein Zimmer bestellt.


Zum Rapport?
In solchen Situationen konnte ich knallhart sein. Ich fragte, ob er mir denn nicht zugehört habe und schloss mit den Worten: »Jetzt geh auf die Geschäftstelle und lös Deinen Vertrag auf.«

Sie ließen nicht mehr mit sich reden?
Nein. Die Mannschaft hatte meine Ansprache gehört – und auch mitbekommen, dass Raschid und Bierhoff sich nicht an die Anordnungen gehalten hatten. Wenn ich das durchgehen lasse, mache ich mich unglaubwürdig. Spieler müssen das Gefühl haben, dass sie sich auf Ansagen verlassen können. Ab da war Ruhe in der Mannschaft – und am Ende der Saison landeten wir auf Platz sechs.


Ist es einem Spieler je gelungen, Sie mit Worten zu verletzen?
Nö. Dazu kamen die gar nicht, wenn sie bei mir trainierten.


Welchen Spieler mussten Sie am meisten tätscheln?
Mein Standartsatz lautet: »Junge Spieler haben mich nie enttäuscht.« In meinen fünf Jahren nach 1981 beim VfL Bochum waren wir die »Unabsteigbaren«. Da wurden ständig die besten Spieler verkauft. Ich habe einen ganzen Güterwagon mit Fußballern aus dem Amateurbereich zu Bundesligaspielern gemacht: Stefan Kuntz, Uwe Leifeld, Christian Schreier, Martin Kree. Das ging nur, weil das Team ein großartiges Gerippe hatte: Ata Lameck, Dieter Bast, Lothar Woelk, Heinz Knüwe. Um die konnte ich alle anderen herum bauen. Aber gerade junge Leute brauchen sehr viel Zuspruch, die muss ein Trainer stark reden.


Warum konnten Sie nicht verhindern, dass der VfL immer die besten Akteure verkauft?
Weil kein Geld da war. Ich muss immer lachen, wenn ich heute lese, was auf dem Transfermarkt los ist. Ich werde nie vergessen, wie ich 1983 mit dem VfL Bochum ins Trainingslager in den Schwarzwald kam. In der Kabine warteten die neuen Spieler und ich fragte jeden: »Wie heißt Du? Woher kommst Du? Auf welcher Position spielst Du?« Da waren Spieler geholt worden, ohne dass ich davon wusste. Sowas wäre heute unvorstellbar.


Max Merkel zeichnete Sie am Ende dieser Saison mit »sechs von sechs Bällen« in seiner »Bild«-Kolumne aus. Sie haben mal gesagt, es sei eine der wichtigsten Auszeichnungen Ihrer Laufbahn.
Ein Scherz mit einem ernsten Hintergrund. Denn Max Merkel sah damals beim Training im Schwarzwald zu. Nach der Einheit nahm er mich beiseite und sagte: »Rolf, tut mir leid, mit den Spielern hast du definitiv keine Chance, die Klasse zu halten. Wenn Du das schaffst, bist du genial.« Am Ende lagen wir neun Punkte vor einem Abstiegsplatz.


Ein düsteres Kapitel Ihrer Karriere war das Engagement bei Dynamo Dresden im Jahr 1999. In einem Interview im »Spiegel« sagten Sie über die Atmosphäre bei dem Drittligateam: »In der Kabine steht keiner auf, keiner hört zu. Die sind nicht zur Arbeit erzogen, kein Anstand.« Daraufhin wurden Sie nach nur 57 Tagen entlassen. Später haben Sie sich für Ihre Aussagen entschuldigt. Was war passiert?
Ich habe mich vom Vorstand sehr allein gelassen gefühlt. Es war die deprimierenste Zeit als Trainer. Ich war aufgrund früherer Erfahrungen im Osten – ich hatte vorher schon bei Stahl Brandenburg gearbeitet – zugebenermaßen überkritisch. Aber die Spieler machten es mir durch ihr Verhalten auch nicht gerade einfacher.


Sie hatten vor Dresden eine fünfjährige Pause in Ihrer Trainerlaufbahn eingelegt.
Die Achtziger und frühen Neunziger waren sehr aufreibend, ich hatte vorübergehend die Lust verloren.


Dabei waren Sie 1994 – bei Ihrer vorerst letzten Station in Hannover – erst 57 Jahre alt.
Wenn ich die Pause nicht eingelegt hätte, wäre ich heute vielleicht nicht mehr da. Ich hatte Angebote aus der Türkei, aber ich merkte, dass ich durchatmen muss. Ich habe manche Angebote auch zu schnell angenommen, ohne ausreichend darüber nachzudenken.

Woran lag das?
Ich tat mich schwer damit, zuhause rumzusitzen, ich wollte keine Pausen. Ich brauchte das Gefühl, auf dem Trainingsplatz zu stehen.

Wie extrem war der jahrelange Stress im Tabellenkeller? Udo Lattek hat gesagt, er brauchte ab und an sein Kölsch als Ventil.
Der Stress war immens, aber ein Bier habe ich mir auch unabhängig davon genehmigt. Ich konnte mit der Hektik recht gut umgehen, mir gefiel die Schwere der Aufgabe regelrecht. Zu einem Verein zu wechseln, der unten drin stand, diesen Moment habe ich fast genossen. Jedenfalls hat sich bei mir nie ein Burnout breitmacht.


Nie Angst vor einem Herzinfarkt gehabt? Gyula Lorant ist auf der Trainerbank gestorben.
Es kommt immer darauf an, wie man mit Stress umgeht. Bei mir war meine Frau der Blitzableiter. Wenn ich abends im Essen rumstocherte und mich über die Mannschaft beschwerte, hat sie sich das immer ruhig angehört.


Sie wurden mehrfach in Ihrer Laufbahn mit Alkohol am Steuer erwischt. Beim VfL Osnabrück führte 1991 dieses Delikt sogar zur Entlassung.
Vielleicht hing es damit zusammen, dass ich wegen des Jobs immer wieder allein unterwegs war – ohne meine Frau. Und was macht ein Mann, wenn er allein ist? Er geht auch mal in die Kneipe und trinkt ein Bier. Und wenn ich dort ins Gespräch kam, bin ich auch mal kleben geblieben und habe ein zweites getrunken. Am Ende habe ich mich überschätzt und bin, anstatt ein Taxi zu nehmen, in mein Auto gestiegen. Keine gute Zeit. Diese Dinge möchte ich am liebsten vergessen.


Wurde früher im Fußball mehr getrunken?
Kann schon sein, dass es heute professioneller läuft. In Bochum war es üblich, dass die Mannschaft sich nach dem Spiel im »Haus Frein« traf, um beim Bier Kontakt zu den Fans zu halten. Aber das war stets im Rahmen.


Zum Ende Ihrer Trainerlaufbahn mussten Sie 2001 doch noch erleben, wie Sie mit dem VfL Bochum in die zweite Liga abstiegen.
1991 konnte ich den Klub in sieben ausstehenden Spielen noch retten, zehn Jahre später reichten 13 Spiele nicht mehr aus. Eine bittere Pille. Natürlich denkt man da einen Moment auch drüber nach, ob man es verlernt hat.

Es war Ihre letzte Trainerstation. War der Abstieg der Grund, sich endgültig aus dem Geschäft zu verabschieden?
Nein, wie gesagt, ich habe Dinge immer schnell abgehakt, ich hätte gern noch weitergearbeitet.


Ihre Frau hat mal gesagt: »Wenn Rolf seinen Fußball nicht mehr hat, dreht er durch«. Sie wirken aber ganz friedlich.
Ich war ein Verrückter, ein Besessener. Aber die Zeit ist vorbei. Ich hatte als Kind nichts zu beißen, aber der Fußball hat mir ein wunderbares Leben ermöglicht.


Liegen wir falsch, wenn wir festhalten: Der größte Erfolg im Leben von Rolf Schafstall ist Beziehung zu seiner Frau?
Auf jeden Fall. Das ist das Größte. Die hat soviel Entbehrungen für mich auf sich genommen. Auch wenn es kitschig klingt: Die sechzig Jahre mit ihr sind mehr wert als jede Meisterschaft.

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