08.10.2013

Der Fußball, mein Leben & ich: Rolf Schafstall

»Wenn einer nicht mitzieht, muss ein Trainer Härte zeigen.«

In den Siebzigern und Achtzigern rettete er im Akkord schlingernde Bundesligisten vor dem Abstieg. Mehr als die Hitze im Tabellenkeller aber liebt der beinharte Feuerwehrmann seine Frau Hildegard, wie er uns für 11FREUNDE-Ausgabe #143 verriet.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Nach über 300 Spielen für Hamborn 07 wechselten Sie 1963 ins Schwabenland zum SSV Reutlingen.
Ein Sechser im Lotto für mich.


Aber Sie sind doch mit dem Ruhrgebiet verwurzelt.
Aber meiner Frau konnte ich das Leben neben der Thyssen-Hütte nicht länger zumuten.

Wie kam der erdige Junge aus dem Pott mit den lieblichen Schwaben zurecht?
Es dauerte einige Zeit, bis ich dort jedes Wort verstand, aber es war eine glückliche Zeit. Mein Frau fand einen Job als Sekretärin im Vorzimmer des Klub-Präsidenten, des Landrats Kern, der uns Spielern auch Arbeit in der Strickmaschinenfabrik »Stoll & Co« besorgte.

Gab es in Reutlingen mehr Geld?
In Hamborn bekam ich 80 Mark im Monat plus 25 Mark pro Punkt. Dazu bekam pro Stunde als Elektriker 1,78 Mark. In Reutlingen war’s das Doppelte.


Sie hatten auch ein Angebot von 1860 München.
Das stimmt, aber das wäre in Bayern gewesen…. 


Und ein Verein aus der Bundesliga.
Aber meine Frau wollte zurück in ihre Heimat, also fand ich Reutlingen wunderbar. Als wir in der Aufstiegsrunde 1965 knapp an Mönchengladbach scheiterten, bekam ich auch von Hennes Weisweiler ein Angebot. Habe ich auch meiner Frau zuliebe ausgeschlagen.


Der harte Hund, Rolf Schafstall, hat sich in seiner aktiven Laufbahn statt für die Erstligakarriere für die Liebe entschieden.
Liebe ist doch was Schönes. Ich sage Ihnen, meine Frau und ich: das war Liebe auf den ersten Blick. Wir sind inzwischen 55 Jahre verheiratet.

1973 mussten Sie Ihre aktive Laufbahn verletzungsbedingt beenden. War immer klar, dass Sie Trainer danach werden?
Als meine Karriere zuende ging, wusste ich erst nicht, wie es weitergehen sollte. Da las ich in der Zeitung, dass der TuS Ergenzingen auf der Schwäbischen Alp einen Trainer sucht.

Und Sie heuerten in der Provinz an.
Es war für mich ein unbeschreibliches Gefühl, vor jungen Spielern über Fußball zu sprechen und zu sehen, wie sie mir andächtig zuhörten.

Welcher Trainer hatte Sie bei Ihren Ansprachen inspiriert?
Keiner. Zu meiner aktiven Zeit gab es keine Mannschaftssitzungen.

Sondern?
Da lag ein Blatt Papier mit der Aufstellung auf dem Tisch, da schaute man drauf: »Ah, okay, linker Verteidiger.« Dann zog man sich um und lief auf den Platz.


Keine taktischen Anweisungen?
Taktik war zu der Zeit ein Fremdwort. Wenn’s hochkam, klopfte einem der Trainer nach dem Spiel im Vorbeigehen auf die Schulter. Dann wusste man, dass man nicht ganz schlecht gewesen war.

Aber Sie hatten die Gabe, Spieler richtig anzusprechen?
Auch wenn es eitel klingt, aber ich konnte mir selbst immer gut zuhören. Wissen Sie, wie es ist, wenn man davon begeistert ist, was man sagt? Ein tolles Erlebnis. Ich glaube, das ist der Schlüssel dazu, dass einem auch andere zuhören.


Nach der Trainerausbildung gingen Sie als Co-Trainer zum MSV Duisburg. Sie gewannen mit der A-Jugend eine Deutsche Meisterschaft und übernahmen 1976, nach der Entlassung von Willibert Kremer, die erste Mannschaft.
Mein erster Job in der Bundesliga war gleich Abstiegskampf. Ich lernte die Arbeit im Tabellenkeller quasi von der Pike auf.


Ein gutes Gefühl?
Ich hatte nie in der Bundesliga gespielt. Deswegen war es ein ungemein erhebendes Gefühl, plötzlich einer der 18 Auserwählten zu sein, die einen Bundesligisten trainierten. Ich werde nie vergessen, wie stolz ich war, bei meiner ersten Trainertagung zwischen Dettmar Cramer, Udo Lattek und Erich Ribbeck zu sitzen.


Ihre früheste Erinnerung an die Bundesliga?
Wir spielten mit dem MSV in Frankfurt. Ich stand auf der Aschenbahn, als Eintracht-Coach Gyula Lorant auf mich zu kam. Ein Riesenkerl. »Habe gehört, hast Vertrag unterschrieben«, radebrechte er, »wie macht man das?« Ich: »Tja, wie wohl? Man liest das Papier durch, und schreibt seinen Namen drunter.« Da brüllt mich Lorant an: »Falsch«, und fängt an, sich den rechten Ärmel hochzukrempeln. »Du musst Ärmel hochkrempeln, ganz tief in den Geldsacken packen und alles rausholen. So unterschreibt man Vertrag.« Das war mein erster Eindruck von der Bundesliga.


Wie kamen Sie mit anderen Trainer aus?
Es war immer nett, wenn ich Ernst Happel traf. Der hat zwar nie viel geredet, aber ich merkte, dass er mich gut leiden kann.

Happel war ohne Zigarette undenkbar. Auch Sie sind Raucher.
Das habe ich mir angewöhnt, als ich in Duisburg Trainer wurde. Meine Frau arbeitete damals noch in Reutlingen. Und wenn wir abends telefonierten, habe ich mir nebenbei öfter eine angesteckt.

Gehörte Rauchen zum Habitus eines Bundesligacoachs in dieser Zeit?
Überhaupt nicht, im Prinzip war es ein großer Scheiß.

Haben Sie viel geraucht?
Ach, ich bin gar kein echter Raucher. Wenn ich mir eine Fluppe anzünde, mache ich drei Züge und schmeiße sie weg. Die totale Verschwendung. Andere rauchen bis auf den Filter runter.

Eine dumme Angewohnheit, ausgerechnet von Ihnen, dem Disziplinfanatiker.
Sie haben Recht, normalerweise müsste ich mit mir selbst ins Gericht gehen. Früher habe ich es noch versucht: In Duisburg fuhr ich im Auto zum Training. Während der Fahrt schmiss ich die Hälfte der Schachtel aus dem Fenster, in der Hoffnung, ich würde nicht die ganze Packung rauchen.

Wir ahnen wie es weitergeht.
Jaja, die Packung war schneller leer. Und nach dem Training habe ich mir neue geholt. Darf ich eigentlich keinem erzählen.

In der Saison 1978/79 führten Sie den MSV Duisburg bis ins Halbfinale des UEFA-Cups.
Unvergesslich. In der zweiten Runde mussten wir bei Carl Zeiss Jena mit dem Trainer Hans Meyer antreten. Als wir dort ankamen, erwartete uns eine Wand aus Schweigenden am Trainingsplatz. Kein Autogrammwunsch, keine Frage, nichts. Ich bin dann mit einer Delegation ins Hotel gefahren. Vier Leute und ich in einem Trabi. Keiner sprach ein Wort. Im Hotel stand hinter jeder Säule ein Typ in Kunstlederjacke. Mann, ging mir das auf den Sack.

Der MSV hatte damals eine illustre Truppe: Bernard Dietz, Rudi Seeliger, Kurt Jara, Ronnie Worm und Kees Bregman.
Was ist wohl aus Bregman geworden ist?

Friseur in Utrecht.
Das passt zu Kees, ein witziger Typ. Vor seinem letzten Spiel für den MSV kam er zu mir und sagte: »Trainer, ich muss heute was Besonderes machen.« Ich sagte: »Mach ein ordentliches Spiel, das werden die Zuschauer honorieren.« Aber dem armen Kerl gelang gar nichts. Als er zehn Minuten vor Schluss den Ball bekam, nahm er ihn mit der Hand auf, bedankte sich per Handschlag beim Schiedsrichter, drückte die Pille einem Rollstuhlfahrer auf der Aschenbahn in die Hand und ging winkend in die Katakomben.


Wie kamen Sie mit solchen Witzbolden zurecht?
Gut. Ich wusste ja, wie man mit solchen Typen umgeht. Damals wählten die Spieler den Kapitän. Die jungen Leute waren Bregman-Fans, weil er ein lustiger Vogel war. Er löste überraschend Bernard Dietz als Kapitän ab. Ein absoluter Alptraum für mich. Zum Glück machte er im nächsten Training voller Wut einen der jungen Spieler zur Sau. Eine willkommene Gelegenheit für mich, ihn nach nach dem Training als Kapitän wieder abzusetzen: »Kees, so wie du dich benimmst, bist du kein Kapitän.«


Bei Rot-Weiss Essen hatten Sie mit Willi Lippens zu tun.
Ente kam gerade aus den USA zurück, der hatte nichts verlernt. Er war ein Schlitzohr geblieben.


Wieso?
Ich sah schon an seinem Blick, wenn er etwas im Schilde führte. Laufen mochte er nicht. Dienstags stand bei uns Konditionstraining an. Da kam er zu mir und sagte: »Trainer, wir müssen mal wieder den Europacup der Pokalsieger ausspielen.« Gut, dachte ich, machen wir mal Kompromiss. Statt Konditionstraining, ein Turnier auf Kleinfeld. Am nächsten Dienstag aber kommt der Frechdachs wieder: »Trainer, da gibt‘s auch noch den Europapokal der Landesmeister…«


Ihre Antwort?
»Ich weiß, Ente, den spielen wir dieses Jahr aber erst an Weihnachten aus.«

Und? Hat er sich dran erinnert?
Indirekt. Kurz vor Weihnachten klopft es an meiner Tür. Ente mit einem kleinen Koffer, aus dem er einen Pelzmantel holt. »Trainer, es geht auf Weihnachten. Sie haben doch ‘ne blonde Frau, der Pelz würde ihr gut stehen.« Irgendeiner hatte ihm einen Berg Pelzmäntel angedreht, damit er die im Verein an den Mann bringt. Ich schmiss ihn mit den Worten raus: »Ente, wir sind hier im Ruhrgebiet, wir brauchen keine Pelzmäntel.«


Der beste Spieler, den Sie je trainiert haben?
Bernard Dietz.


Fußballerisch oder was seine Mentalität anbetrifft?
Dietz konnte die unmöglichsten Aufgaben erfüllen, der war taktisch einzigartig und ein unglaublich ehrlicher Mensch. Ich weiß noch wie er im Spiel gegen den HSV Kevin Keegan rundgemacht hat. Wir haben die Hamburger mit 3:0 aus dem Stadion geschossen.

Welcher Spielertypus gefiel Ihnen als Trainer am besten?
Als Trainer müssen Sie mit allen gut auskommen, als Spieler nur mit einem. 


Schön gesagt, aber mit allen hat es ja nicht immer geklappt.
Doch. Oder auf wen spielen Sie an?


Oliver Bierhoff, Ihr Spieler bei Bayer Uerdingen, hat mal gesagt: »Schafstall war der schlechteste Trainer, den ich je hatte.«
Logisch, weil er bei mir nicht gespielt hat. Bierhoff war ein junger Spieler, der recht kopfballstark war. Ansonsten konnte er fußballerisch nicht auf dem Niveau meiner Angreifer Marcel Witeczek oder Stefan Kuntz mithalten. 


In Düsseldorf wurden Sie nach fünf Monaten entlassen, weil sich ein Teil des Kaders gegen Sie gestellt hat.
Das habe ich so nicht empfunden. Der Einzige, mit dem ich dort Stress hatte, war Jörg Schmadtke. Als der im Training ständig Theater machte, habe ich ihn nicht mehr aufgestellt. Und da muckte der richtig auf.

Was hat Schmadtke gemacht?
Er hatte an allem etwas auszusetzen, ein aufsässiger Typ. Und weil ich keine Lust hatte, mir das ständig anzuhören, habe ich ihn degradiert.

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