08.10.2013

Der Fußball, mein Leben & ich: Rolf Schafstall

»Wenn einer nicht mitzieht, muss ein Trainer Härte zeigen.«

In den Siebzigern und Achtzigern rettete er im Akkord schlingernde Bundesligisten vor dem Abstieg. Mehr als die Hitze im Tabellenkeller aber liebt der beinharte Feuerwehrmann seine Frau Hildegard, wie er uns für 11FREUNDE-Ausgabe #143 verriet.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Rolf Schafstall, Frage an Sie als Hobbygärtner. Was braucht mehr sensible Handhabe: ein Fußballteam oder das Blumenbeet?
Beides. Aber bei Blumen bin ich kein Fachmann. Die schneide ich runter und die Sache ist erledigt.

Bei Fußballern haben Sie das anders gemacht?
Natürlich. Für Mannschaften braucht man sehr viel Sensibilität. Auch wenn es in meiner Laufbahn öfter vorkam, dass ich unpopuläre Maßnahmen treffen musste.

Der »Kicker« nannte Sie 1988 den »Red Adair der Bundesliga«. Ihre Teams spielten fast immer gegen den Abstieg.
Ich stand mein ganzes Trainerleben unter Strom. Das war Stress pur.


Bei welchem Klub war es am härtesten?
Die gesamte Zeit war hart, aber ich habe den Stress genossen. Ich wurde im Krieg groß. Bei Bombenangriffen hofften wir im Keller, dass es nicht einschlägt. Jede Nacht Sirenen. Wir sind drei Mal evakuiert worden. Ich war der Zweitjüngste von acht Geschwistern aus Hamborn-Neumühlen. Meine Eltern haben uns mit Müh und Not ernähern können. Das war eine harte Zeit – nicht der Profifußball.

Sie haben Grubenelektriker gelernt.
Meine Eltern hatten kein Geld, um eine höhere Schulausbildung zu finanzieren. Als die Volksschule vorbei war, sagte mein Vater: »Junge, du wirst Elektriker.« 


Aber wie vertrug sich die Arbeit in der Zeche mit dem Job als Fußballer bei Hamborn 07?
Ich war nur drei Monate unten. Dann ging ich zum Arzt und ließ mich krank schreiben. Herzklabaster, Ohrensausen, weiß der Himmel, was der da geschrieben hat. Hauptsache, ich kam aus dem Loch raus.


Sie waren nicht besonders gern Handwerker?
Es war unbefriedigend. Wegen des Fußballs hatte ich keine Zeit, meinen Meisterbrief zu machen. Ich wusste früh, dass ich alles im Fußball geben muss, um aus dieser Eintönigkeit rauszukommen.


Stimmt es, dass Sie Ihre Verlobung wegen eines Fußballspiels abgesagt haben?
Das war 1957. Die Einladungen waren verschickt, der Kuchen gebacken. Da las mein Vater in der Zeitung, dass Hamborn 07 ein Freundschaftsspiel bei Hertha BSC hatte. Ausgerechnet am Tag unserer Verlobung. Er sagte: »Junge, verloben kannst Du Dich immer noch, Du fährst mit nach Berlin.« 


Auch Ihre Hochzeit wäre fast ausgefallen.
Damals war ich so besessen, dass ich es kaum ertrug, wenn mich ein anderer auf der Verteidigerposition ersetzte. Also nahm ich die Sporttasche mit zur Hochzeit, weil wir an dem Tag gegen Schalke 04 spielten. Aber irgendwie habe ich es nicht übers Herz gebracht, mich für einige Stunden rauszuschleichen – wer weiß, wofür es gut war. 


Sie lernten Ihre Frau Hildegard bereits 1953 bei einem Jugendturnier in Pforzheim kennen.
Ich lag zwischen den Spielen im Gras und sah in einiger Entfernung dieses hübsche, blonde Mädchen stehen. Ich schlenderte vor die Stadiontore. Sie hatte kein Geld für den Eintritt, also habe ich sie reingeschleust. Nachmittags tauschten wir noch Adressen aus, dann musste ich zurück ins Ruhrgebiet.


Wann haben Sie sich wiedergesehen?
Wir schrieben drei Jahre lang Briefe. Die Post ging an Freunde von uns, weil unsere Eltern es nie geduldet hätten, dass wir uns schreiben. Ich sah Hildegard nur einmal im Jahr – wenn wir zum Turnier nach Pforzheim kamen. Erst am Ende der A-Jugend hatte ich den Mut, sie zu besuchen. Das war das erste Mal, dass wir länger als einen Tag zusammen waren.


Wir würden Sie gerne mit einigen Charaktereigenschaften konfrontieren, die man Ihnen zuschreibt.
Da bin ich aber gespannt.


Im Personenarchiv »Munzinger« steht über Sie: »Rolf Schafstall gilt als sehr harter Arbeiter.«
Würde ich zustimmen.


»Knochenharter Hund.«
Ach, das wird immer übertrieben. In der Sache kann ich sehr hart sein, aber ich habe auch eine weiche Seite.

Und wie sieht Ihre weiche Seite aus?
Wenn es in Bochum mal besonders schlecht lief, habe ich morgens meine Frau gebeten, Kuchen zu backen. Beim Training brüllte ich die Spieler dann noch an: »Wenn ich das schon wieder sehe. Unerträglich. Komm, packt die Bälle zusammen. Wir machen Schluss!« Und als die Spieler bedröppelt in der Kabine saßen, lud ich die ganze Mannschaft zum Kaffee bei uns ein. Die fielen aus allen Wolken.


Es heißt weiter: »Rolf Schafstall fordert absolute Disziplin, Ordnung und Pünktlichkeit.«
Die richtige Einstellung zum Beruf war mir immer sehr wichtig.


»Ist bei der Wahl seiner Worte und im Ton seiner Anweisungen nicht zimperlich.«
Ich bin immer geradeaus. Die meisten Leute, mit denen ich zu tun hatte, haben dies auch akzeptiert. Einen Spieler erreicht man aber nicht nur im Kommandoton.


Mitunter aber doch.
Naja, wenn ein Spieler die direkte Ansprache nicht versteht, muss man manchmal auch deutlicher werden.


Stefan Kuntz sagt, Sie hätten keine 100 Prozent von Spielern gefordert, sondern einiges darüber. »Hart, aber herzlich« seien Sie gewesen.
Natürlich haben wir hart gearbeitet. Wenn Sie als Trainer mit Spielern, die teilweise aus der Amateurliga kommen, in der Bundesliga die Klasse halten wollen, schaffen sie das nur über eine erstklassige Kondition. Und nach den sechs Wochen Vorbereitung waren die Jungs einerseits froh, dass es vorbei war, und andererseits, dass sie so fit waren.


Gab es Spieler, die Ihre Vorbereitung nicht durchgehalten haben?
Ich habe doch keinen zu Tode gefoltert.


Anders gefragt: Waren alle Spieler Ihrem Pensum psychisch gewachsen?
Wir hatten keinen Mentaltrainer, das habe ich mit abgedeckt. Aus Wattenscheid hatte ich Erich Klammer, einen ehemaligen Zehnkämpfer, als Konditionstrainer geholt. Der verstand es, die Mannschaft derart fit zu machen, dass ich ihn manchmal bremsen musste, weil ich Angst hatte, dass sich ein Spieler aufgrund der Belastung verletzt.


Gehörte dazu, dass sich Spieler in der Vorbereitung auch mal übergeben?
Mit Sicherheit. Das ist Teil der Willensschulung. Ein Spieler muss lernen, mit körperlichen Härten zurecht zu kommen und auch lernen, was er alles verkraften kann.


Als aktiver Spieler von Hamborn 07 waren Sie nachhaltig daran beteiligt, dass der MSV Duisburg ein Gründungsmitglied der Bundesliga wurde.
Angeblich soll ich »Eia« Krämer im entscheidenden Spiel um die Qualifikation zur Bundesliga kurz vor Schluss an der Strafraumgrenze gefoult haben. Ich aber sage Ihnen, es war kein Foul. Trotzdem hat der Schiedsrichter gepfiffen. Pitter Danzberg haut den Freistoß rein und Meiderich ist aufgestiegen.


Ein Trauma?
Nein, so bin ich nicht strukturiert. Dinge, die nicht so gut gelaufen sind, habe ich stets schnell abgehakt.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden