Der Fußball, mein Leben & ich: Pierre Littbarski

»In Japan wurde ich neugeboren«

»Er hat sie alle verarscht«, urteilte Thomas Häßler einst über seinen Freund Pierre Littbarski. Der größte Spaßvogel der Bundesliga über freundliche Prostituierte in Köln und ein neues Leben in Japan.

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Pierre Littbarski, wann reifte in Ihnen der Plan, mit Fußball spielen Geld zu verdienen?
Sehr spät. Mein Vater war Finanzrat und wollte, dass ich in seine Fußstapfen trete. Ich überredete meinen Kumpel Stefan Müller und begann zusammen mit ihm die Ausbildung zum Finanzbeamten. Stefan hat mir das bis heute nicht verziehen (lacht). Gut, dachte ich mir, mach was Solides und spiel nebenbei ein wenig Fußball.

Bis der Anruf vom 1. FC Köln kam.
Im Sommer 1978 traten wir mit Hertha Zehlendorf bei den Deutschen A-Jugendmeisterschaften an, auf dem Weg ins Finale schmissen wir den FC aus dem Wettbewerb. Weil ich in beiden Spielen überzeugt hatte, bekam ich plötzlich ein Angebot von Kölns Manager Karl-Heinz Thielen. Thielen hatte  zuvor bei Trainer Hennes Weisweiler durchgeklingelt, der nur mäßig begeistert gewesen war. Er fragte: »Is ett wenigstens ´ne Stürmer?« Thielen setzte sich für mich ein und überredete den Chef.

Schon nach wenigen Spielen der Saison 1978/79 wurden Sie von der Kölner Presse in den Himmel gelobt. Wie sind Sie damit umgegangen?
Meine Mitspieler sorgten dafür, dass ich mir darauf nicht viel einbildete. Roger van Gool, der erste Millionen-Mann der Bundesliga, saß wegen mir plötzlich auf der Bank. Vor meinem Debüt kam er in die Kabine, schaute mich an und sagte: »Heute machst Du Dein letztes Spiel!«

Mussten Sie die obligatorischen Grätschen im Training ertragen?
Natürlich. Mit meiner Spielweise war ich die perfekte Zielscheibe. Im Laufe der Zeit lernte ich dann, mich zu wehren. Ich erinnere mich an ein Testspiel gegen einen Kreisliga-Verein. Nach einem rüden Foul gegen mich, griff sich Paul Steiner, selbst kein Kind von Traurigkeit, den Treter: »Junge, warte mal ab.« Der lachte nur und drehte sich weg. Ich bin nicht stolz darauf, aber wenige Minuten später legte ich mir absichtlich den Ball zu weit vor und sprang dem Kerl ordentlich in die Beine.

Sie konnten auch anders.
Ich musste anders. Nicht immer blieb das folgenlos. Vor der WM 1986 trafen wir im UEFA-Cup-Finale auf Real Madrid. Bei Real spielte der Mexikaner Hugo Sanchez, der vielleicht unfairste Fußballer, den  ich je erlebt habe. Kein Witz: Der trug vorne und hinten Schienbeinschoner! Ich erwischte ihn trotzdem so, dass er ausgewechselt werden musste. Kurz darauf trafen wir bei der WM in Mexiko ein. Noch am Flughafen wurde ich von den Medien in die Mangel genommen. Tenor: Sie haben unser Idol kaputtgetreten!

Hatten Sie als gebürtiger Berliner im fernen Köln nicht Heimweh?
Meine neuen Nachbarn sorgten dafür, dass ich mich bald heimisch fühlte. Im ersten Jahr wohnte ich mit meiner späteren Frau in einem 32-qm-Apartement im Uni-Center. Links wohnten Zuhälter, rechts Damen aus dem Gewerbe. Die schlossen mich gleich in ihr Herz. Am ersten Tag stand ich mit meinem Müllbeutel im Hausflur, als eine Frau im Bademantel und tiefem Dekolleté auftauchte, mich an die Hand nahm und mir den Müllschacht zeigte. Wenn ich mit meiner Sporttasche über der Schulter auf meinem Moped zum Training fuhr, winkte mir das halbe Rotlichtviertel zu. »Och, schau mal, der Kleene, ist der süß!«, hörte ich es aus den Fenstern rufen.

Haben Sie wirklich nichts vermisst?
Doch, die Berliner Currywurst! Für 1000 Mark kaufte ich Toni Schumacher seinen alten VW-Käfer ab und gondelte regelmäßig die sieben Stunden quer durch die Zone nach Berlin. Bei jedem Heimatbesuch nahm ich einen kleinen Vorrat vom Verkäufer meines Vertrauens am Ku´damm mit nach Köln.

In der Medienstadt Köln reiften Sie bald zum nationalen Star. Fotos aus der Zeit zeigen Sie als Sunnyboy mit Goldkettchen und blonden Strähnchen in den Haaren. Wollten Sie sich bewusst vom eher biederen Stil Ihrer Kollegen absetzen?
Dazu passt die Begegnung, die ich vor einigen Jahren mit dem brasilianischen Nationaltrainer Felipe Scolari hatte. Der sagte mir zur Begrüßung: »Du bist kein Deutscher. Du bist ein Brasilianer. Schau Dir nur an, wie Du Fußball gespielt hast!« Das heißt, mein Spielstil war schon einmal alles andere als deutsch. Und zu den Haaren: Schon zu meiner Schulzeit bewunderte ich die Mähne meines Mitschülers und späteren Hertha-Spielers Robert Jüttner. Der kam eines Tages mit einer waschechten David-Bowie-Frisur in die Klasse und konnte an keinem Spiegel mehr vorbeigehen. In Köln bin ich dann irgendwann zu einem Szenefriseur, um mir auch eine spektakuläre Mähne machen zu lassen. Nach dem ersten Färben war die Hälfte meiner Haare blond wie Stroh. Ich saß bis acht Uhr abends in diesem Laden, um die Frisur noch halbwegs zu retten – zwecklos. Natürlich haben sich meine Mitspieler kaputtgelacht. Da sagte ich mir: Jetzt lässt du die Haare erst recht so.

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Nicht die einzige modische Extravaganz.
Ich habe alles ausprobiert. In einem Trainingslager ließ ich mir mit Frank Ordenewitz jeweils einen halben Bart stehen. Er die rechte Gesichtshälfte behaart, ich die linke. Sah überragend aus.

Haben Sie sich jemals als Popstar gefühlt?
Eigentlich nicht. Wobei die Inhalte der Fanpost spätestens nach meiner ersten WM 1982 immer kurioser wurden. Nicht selten schrieben mir junge Frauen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte, dass Sie ein Kind von mir erwarten würden. Mit dem Zusatz: »Es könnte aber auch von Thomas Kroth oder Stephan Engels sein, da bin ich mir nicht so sicher.«

1982 fuhren Sie zu Ihrer ersten Weltmeisterschaft. Welche Erinnerungen haben Sie an den Zusammenprall zwischen Toni Schumacher und Frankreichs Patrick Battiston im Halbfinale?
Wie heftig das wirklich war, erkannte ich erst bei den Fernsehbildern. Ich glaube, Toni befand sich nach der Aktion in einer Art Schockzustand. Er machte alles falsch, was man falsch machen konnte: Statt Mitgefühl zu zeigen und sich um Battiston zu kümmern, stand er reglos in seinem Tor und wirkte dabei so aufreizend unbeteiligt.

Sie waren und sind mit Schumacher befreundet, er war sogar Ihr Trauzeuge. Haben Sie mit ihm später über diese Szene gesprochen?
Mehr als einmal. Auf mich wirkte er damals wie ein kleines Kind, dass sich die Finger verbrannt hatte, das aber nicht zugeben wollte. Toni war einer der härtesten Typen im Fußball und in diesem Moment stand er irgendwie zwischen den Stühlen: Er wollte gleichzeitig weiter den harten Mann mimen und wusste doch ganz genau, dass er diesmal eine Grenze überschritten hatte.

Haben Sie mit den heftigen Reaktionen auf das Schumacher-Foul gerechnet?
Das hat uns alle überfordert. Noch auf dem Rückweg hielt man uns vier Stunden am Flughafen von Sevilla fest, die Fluglotsen verzögerten die Abreise. Die Medienberichte haben wir natürlich auch wahrgenommen. Ich fand das alles extrem traurig, weil plötzlich niemand mehr über unsere sportlichen Leistungen sprach.

Bei der WM 1986 wurden Sie nur als Joker eingesetzt. Hand aufs Herz: Auf der Ersatzbank saßen Sie mit geballten Fäusten in der Tasche.
Nein, da war ich doch selbstkritisch genug, schließlich hatte ich mich kurz vor dem Turnier verletzt und war einfach nicht fit genug, um in jedem Spiel einen Stammplatz zu fordern.

In Ihrer Biografie fassen Sie dieses Turnier kurz und knapp zusammen: »Es war grausam.« War es wirklich so schlimm?
1986 waren wir keine Mannschaft. Beim Essen saßen Hamburger, Kölner und Münchener an getrennten Tischen. Ich konnte als Einziger mit allen drei Tischen, war mit vielen Hamburgern und Münchenern befreundet. Ich werde nicht vergessen, wie mich eines Tages Franz Beckenbauer und Egidius Braun zur Seite nahmen: »Litti, Du bist unser Vermittler. Wir müssen die Mannschaft an einen Tisch bekommen!« Ich antwortete nur: »Das ist euer Job!« Ich war froh, als die WM vorbei war.

Nach der WM 1986 wechselten Sie zu Racing Paris, kehrten allerdings nach nur einer Saison zurück zum 1. FC Köln. Hatte man Ihnen das Halbfinale 1982 noch nicht verziehen?
Ich weiß nicht, ob das damit etwas zu tun hatte. Eines Tages prangte jedenfalls ein großes Hakenkreuz auf meinem Gartenzaun, vermutlich war das aber nur ein einzelner Fanatiker. Dass ich nur ein Jahr in Paris blieb, hatte sportliche Gründe. Ich fand in Frankreich einfach nicht zu meiner Form.

Ein verschenktes Jahr?
Ganz und gar nicht. Wenn ich mich damals nicht zu dem Wechsel nach Paris entschieden hätte, wäre ich vermutlich nie nach Japan gegangen. Weil ich mich nicht getraut hätte. Das Jahr in Frankreich hat mir gezeigt, dass man neue Kulturen und neue Umgebungen aktiv annehmen muss, wenn man die Welt kennenlernen will. Stundenlang fuhr ich damals mit meinem Renault R5 durch die Straßen von Paris, um das Leben in dieser Stadt aufzusaugen. Und die Frustration über die vielen Dinge, die im Verein schief liefen, hatten auch was Gutes: Ich lernte bei meiner Rückkehr viele kleine Sachen zu schätzen, die ich vorher gar nicht wahrgenommen hatte.

Zum Beispiel?
In Paris wurde mir vor der Saison Trikot, Hosen und Stutzen in die Hand gedrückt, waschen mussten wir die Klamotten selber. In Köln hingen am ersten Tag meine Sachen ordentlich im Spind. Das war mir zuvor gar nicht aufgefallen, jetzt fand ich das auf einmal ganz wunderbar.


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1990 gelang Ihnen der ganz große Wurf. Wann wurde Ihnen bewusst, dass sie gut genug waren, um Weltmeister zu werden?
Gleich im ersten Gruppenspiel gegen Jugoslawien. Lothar Matthäus war an diesem Tag einfach überragend, nach 70 Minuten stand es 4:1 für uns. Ich saß zu diesem Zeitpunkt auf der Bank, schaute nach rechts, schaute nach links, sah Andy Möller, Olaf Thon, Karl-Heinz Riedle, diese ganzen Granaten und dachte: Du kannst froh sein, wenn du bei diesem Kader auch mal spielen darfst.

Sie sollen extrem wütend gewesen sein, als Franz Beckenbauer Sie während des Halbfinal-Spiels gegen England nur auf der Bank ließ.
Während des Viertelfinals gegen Tschechien hatte mich Jozef Chovanec hart abgegrätscht, ich spürte gleich einen Schmerz im Knie. Vermutlich war mein Kreuzband da schon angerissen. Vor dem Halbfinale konnte ich nur unter Schmerzen trainieren, Schüsse mit rechts gingen gar nicht. Beckenbauer blieb keine andere Wahl, als mich draußen zu lassen. Aber ich war fuchsteufelswild und musste in letzter Minute von unserem damaligen Pressesprecher Wolfgang Niersbach vor einer Dummheit bewahrt werden.

Was war Ihr Plan?
Gemeinsam mit Uwe Bein wollte ich vor die Presse treten und Franz Beckenbauer an die Wand nageln.

Der ließ Sie im Finale wieder spielen. Sie wurden Weltmeister.
Und eigentlich hätte ich auch in diesem Spiel nicht auf dem Platz stehen dürfen. Mein Knie tat immer noch weh. Aber ich sagte zu unseren Physiotherapeuten Adolf Katzenmeier und Hans Montag: »Wenn ihr dem Franz was sagt, dann seid ihr für mich gestorben!« Sie behandelten mich die ganze Nacht lang, hielten den Mund und ich spielte.

Auf den Jubelfotos sieht man Sie stets in der vordersten Reihe. Haben Sie den Pokal mit ins Bett genommen?
Erstens haben wir in dieser Nacht nicht geschlafen und zweitens war ich daran nicht unbeteiligt: Schon 1982 hatte zwei riesige Koffer dabei – einen mit Klamotten, einen mit meiner Soundanlage und meinem Amiga 500 mit dem Klassiker »Space Invaders«. Das wurde nächtelang gezockt. Und 1990 kümmerte ich mich als DJ um unser musikalisches Wohlergehen. Die Nacht nach dem Titelgewinn feierten wir durch und ich brachte einen Hit nach dem anderen. »The Sweet« und »Queen« standen ganz hoch im Kurs! Bis auf Lothar Matthäus, der sich nach jedem Glas immer schnellere Musik wünschte, gab es keine Klagen.

Nach der WM kam es zum Skandal. Sie brachten ein Foto-Tagebuch auf den Markt und mussten sich von Lothar Matthäus den Vorwurf gefallen lassen, auf Kosten der Mannschaft den großen Reibach zu machen.
Eine lächerliche Sache. Ein Kölner Fotograf hatte mir vor dem Turnier eine Kamera in die Hand gedrückt, die Idee war folgende: Ich schieße ein paar Fotos, wir lassen das drucken und verkaufen das Buch für den guten Zweck. Mein Fehler war nur, dass ich eine Mitspieler nicht um Erlaubnis gefragt hatte. Nach einem Telefonat mit Lothar war die Geschichte wieder aus der Welt.

Wenige Wochen nach der WM ließen Sie am Kreuzband operieren und fielen für sechs Monate aus. Im April 1991 feierten Sie im Pokal-Viertelfinale gegen den VfB Stuttgart und Ihren ehemaligen Trainer Christoph Daum das Comeback.
Das war das emotionalste Spiel meine Karriere. Gemeinsam mit Trainer Erich Rutemöller tricksten wir die Stuttgarter aus: In meinem allerersten Training mit der Mannschaft kurz vor der Partie humpelte ich mit schmerzverzerrter Miene in die Kabine. Fans und Journalisten klopften mir mitfühlend auf die Schultern. Aber ich hatte nur geblufft. Als die Aufstellung im Müngersdorfer Stadion bekannt gegeben wurde, fehlte hinter der »10« mein Name. Das Raunen der Zuschauer hörte ich bis in die Kabine. Und kurz bevor wir auf den Rasen liefen, leuchtete hinter der Nummer plötzlich »Pierre Littbarski« auf. Die Leute flippten aus. Ich gab die Vorlage zum entscheidenden 1:0 in der Verlängerung. Schönere 120 Minuten habe ich als Fußballer nie erlebt.

Sie gelten als einer der größten Spaßvögel der Bundesligageschichte – welche Rolle spielte Humor in Ihrem Dasein als Fußballer?
Die kleinen Gags waren zunächst einmal wesentlicher Bestandteil der psychologischen Kriegsführung. Heute würde man das »Trashtalk« nennen. In dieser Disziplin gab es richtige Könner, die sich in der Woche vor dem Spiel durch sämtliche Klatschblätter lasen und am Spieltag dann mit pikanten Details aus dem Privatleben des Gegenspielers punkten konnten. Ich machte mich eben über die langen Beine von Guido Buchwald lustig.

Ihr gelungenster »Trashtalk«?
Die Bayern reizten wir mal vor dem Anpfiff so vehement, dass mein Nationalmannschaftskumpel Andy Brehme zu mir kam und sagte: »Litti, lass mich doch heute raus aus der Scheiße. Ich will einfach nur dieses Spiel überstehen.« Da wusste ich: Wir hatten ihn!

Zeigten die Sprüche der Kollegen bei Ihnen Wirkung?
Erst später, am Ende meiner Laufbahn, als sich mein Alter und die Verletzungen bemerkbar machten. Wenn dann einer stichelte: »Na, Litti, du bist aber auch nicht mehr der Alte«, dann traf mich das, weil es stimmte. Die Gags über meine Körpergröße oder die O-Beine, durch die man angeblich ganze Rinderherden schicken konnte, hatten sich dagegen sehr bald abgenutzt.

Hatten jemals das Gefühl, dass Sie Ihre physische Erscheinung irgendwie kompensieren mussten?
Als junger Mann ganz bestimmt. Die Deutschen wollen Mitmenschen, die Erfolg haben, mindestens einmal so richtig im Dreck liegen sehen.

Wie sind Sie früher damit umgegangen? Brauchten Sie auch mal eine starke Schulter?
Sich bei anderen ausheulen war nie mein Ding. Der Fußball war meine Therapie. Deshalb war es manchmal auch so schwer, mich vom Platz zu kriegen. Unzählige Stunden bolzte ich nach noch dem Training weiter, bis mich die Trainer regelrecht in die Kabine zerren mussten.

Hatten Sie ein Problem damit, dass man Sie, einen Weltmeister und verdienten Bundesligaspieler, noch Anfang der Neunziger in Zeitungsberichten als »Kobold mit den krummen Beinen« bezeichnete?
Absolut, das ging mir irgendwann auf den Keks.

Warum inszenierten Sie sich dann bei der legendären »Dingsda«-Parodie während der WM 1990 mit Thomas Häsßer oder bei Gastauftritten als Herbert-Feuerstein-Double in der Sendung »Schmidteinander« 1992 als lustigen Fußball-Clown?
Weil ich Spaß daran hatte. »Dingsda« war spontane Stand-up-Comedy, »Schmidteinander« war professionelle Komik und die gefiel mir. Was mich störte war, dass die Medien immer nur eine Facette meiner Person zeigten: die des Clowns. Meine sportlichen Leistungen wurden eher am Rande erwähnt.

Vielleicht haben Sie mit Ihren lustigen Auftritten diese Wahrnehmung aber nur verstärkt.
Ich habe nie nach Kalkül gehandelt, sondern einfach drauf los gelebt. Matthias Sammer ist da zum Beispiel anders, der versucht mit jeder Geste und jeder Aussage eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Nur wenige wissen wahrscheinlich, wie akribisch ich in meinen letzten Jahren beim FC auch abseits des Platzes gearbeitet habe. Da war der lustige Litti ganz weit weg.

Was meinen Sie?
Zur Vorbereitung auf kommende Spiele schnitt ich mit meiner VHS-Anlage Sequenzen zurecht, heutigen Scoutingberichten nicht unähnlich. Eine sehr aufwändige Arbeit. Ich erstellte Statistiken von den gegnerischen Mannschaften, druckte sie aus und gab sie meinen Mitspielern. Oder die Geschichte mit den an die Wand genagelte 20.000 DM Meisterschaftsprämie vor einem Spiel gegen Werder Bremen – das war meine Idee! Ich sagte Christoph Daum: »Besorg die Kohle, besser können wir die Jungs nicht motivieren!« Bis heute kam noch nicht heraus, dass das eigentlich meine Idee war. Solche Geschichten machte ich damals nicht publik, ärgerte mich aber trotzdem über die verzerrte Wahrnehmung.


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Glauben Sie, man hätte Sie anders behandelt, wenn Sie ein 1,90 Meter großer Spaßvogel gewesen wären?
Ich denke schon. Die Statur und Größe spielt in Deutschland bei der Bewertung eines Menschen eine große Rolle.

Haben Sie Ihren Humor als eine Art Schutzweste genutzt?
In der Schule schon. Als Fußballer hatte ich meine Titel und Erfolge, die mir einen gewissen Panzer verliehen. Meinen Humor habe da wirklich nur benutzt, um Spaß zu haben und Spaß zu verbreiten.

Warum sind Sie 1993 nach Japan gegangen?
Schon 1992 bekam ich ein Angebot von den Urawa Red Diamonts, aber das lehnte ich ab. Im Frühjahr 1993 meldete sich dann mein ehemaliger Mitspieler Yasuhiko Okudera bei mir, der beim Aufbau der neugegründeten »J-League« mithalf und mich zu JEF United Ichihara locken wollte. Ich sagte: »Oki, was soll ich denn da? Ich mag keinen Fisch, ich mag keinen Salat – ich werde dort verhungern. Ich weiß noch nicht mal, wo Japan genau liegt!« Er antwortete mir: »Wenn du einmal hier bist, wirst du es lieben.«

Und Sie stiegen sofort ins nächste Flugzeug?
Es dauerte, bis er mich überredet hatte. Schließlich sagte ich doch zu, auch, weil es mir in Köln nicht mehr gefiel. Fünf Monate waren zunächst abgemacht. Am 29. Spieltag sicherte ich mit zwei Toren gegen Nürnberg den Klassenerhalt und verließ den FC noch vor dem Saisonende. Mit zwei großen Koffern reiste ich nach Tokio, in einem waren Klamotten, in dem anderen Lebensmittel. Butter und Schokolade. Als ich ankam, waren es 40 Grad, meine Winterjacke zog ich aus, die Butter war geschmolzen. Dafür warteten 5000 Fans und Dutzende Journalisten auf mich. Ich war völlig geplättet, mit so einer Euphorie hatte ich nie im Leben gerechnet. Ich dachte nur: Woher kennen die dich?

Wann fassten Sie den Entschluss, in Japan zu bleiben?
Schon nach wenigen Tagen. Es war exakt so, wie es Okudera mir prophezeit hatte. Dafür ging meine erste Ehe in die Brüche. Meine Frau flog zurück nach Deutschland und blieb mit meinen Kindern dort. Es war eine harte Entscheidung, aber ich blieb in Japan. Wenige Wochen später lernte ich meine heutige Frau kennen. Sie zeigte mir ihr Land und machte mir die Eingewöhnung sehr leicht. Den Preis, den ich für dieses neue Leben zahlen musste, war hoch: Heute habe ich nur noch Kontakt zu einer meiner Töchter aus erster Ehe.

Sie wurden mit einer unglaublichen Begeisterung empfangen. Welche Blüten trieb dieser Hype um Ihr Person?
Unser Hauptsponsor, die japanische Eisenbahn-Gesellschaft, ernannte mich für einen Tag zum Ehrenschaffner, ich durfte den Bahnhof durch den Eingang der kaiserlichen Familie betreten und An- und Abfahrten leiten. Aus deutscher Sicht klingt das kurios, in Japan ist das eine sehr große Ehre. Bald schon konnte ich nicht mehr ohne Tarnung aus dem Haus gehen, mehrfach musste die Polizei eingreifen, um die Menschenmassen aufzulösen, wenn ich irgendwo einen Kaffee trinken wollte oder ein Fußballspiel besuchte.

Sie blieben acht Jahre in Japan, beendeten dort Ihre aktive Karriere, machten den Trainerschein und gründeten eine neue Familie – was faszinierte Sie an diesem Land?
Vor allem der Umgang miteinander, dieser Respekt, mit dem sich die Menschen behandeln. In Deutschland bildet man sich in Sekundenschnelle ein Urteil, häufig sogar ein Vorurteil, ohne den Menschen zu kennen. Die Japaner bilden sich ihr Urteil erst, wenn sie in Ruhe darüber nachgedacht haben. Ich sog die ganze Lebensphilosophie, das soziale und kulturelle Miteinander in mich auf. Felipe Scolari hat gesagt, ich sei ein Brasilianer. Aber er hatte Unrecht: Im Herzen bin ich scheinbar ein Japaner.

Wie hat Sie die Zeit in Japan verändert?
Ich bin dort neu geboren worden. Nicht, dass ich mit bisherigen Leben unzufrieden gewesen wäre, aber in Japan fand ich neues Zuhause und eine innere Ruhe, die mich auch heute noch leitet und begleitet.

Wenn es so schön war in Japan, warum sind Sie dann 2001 als Co-Trainer von Berti Vogts bei Bayer Leverkusen nach Deutschland zurückgekehrt?
Alte Verpflichtungen. Berti hatte mich als U-21-Trainer einst zum A-Nationalspieler geformt, jetzt bat er um eine kleine Gegenleistung. Rainer Calmund rief mich an und sagte: »Der Berti will nur Trainer werden, wenn du sein Assi wirst!« Ich flog nach Leverkusen, ließ mich von Calli bequatschen und blieb da.

Schon nach einem halben Jahr war Ihre Zeit in Leverkusen beendet, Ihr anschließender Job als Cheftrainer beim MSV Duisburg war nach einem Jahr vorbei. Bereuen Sie Ihre Rückkehr nach Deutschland?
Nein. Mit Leverkusen hätten wir einfach Meister werden müssen, so einfach ist das. Die Mannschaft war ja stark genug. Und Duisburg war zwar von Beginn an eine Todgeburt – der Verein war pleite – aber ich fand die Arbeit trotzdem sehr spannend.

Gibt es eine japanische Lebensweisheit, die Ihnen besonders zuspricht?
Vielleicht diese hier: »Die Leute verschwenden viel zu viel Zeit über Probleme zu sprechen, als die Zeit zu nutzen, um Probleme zu lösen.«

Fällt Ihnen dazu ein konkretes Beispiel aus dem Alltag ein?
2010, nach dem verheerenden Tsunami, flog ich nach Japan. Das Fernsehen zeigte eine Frau, die auf einer Brücke stand und auf einen riesigen Schutthaufen blickte, der einmal ein Dorf gewesen war. »Warum stehen Sie hier?«, fragte der Journalist. »Da vorne war mein Haus«, antwortete sie. »Und warum stehen sie dann hier?« »Meine beiden Brüder, meine Mutter und mein Vater sind hier gestorben.« »Warum sind sie dann noch hier?« Und sie antwortete: »Weil ich unser Haus wieder aufbauen werde. Aus genau diesen Steinen.«


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