18.11.2012

Der Fußball, mein Leben & ich: Pelé

»Nach dem Finalsieg gegen Italien war ich fast nackt«

Er ist der größte Spieler aller Zeiten und war nie besser als bei der WM 1970. Zum Jahrestag seines 1000. Treffers spricht Edson Arantes do Nascimento über rauchende Mitspieler, das wahre Finale in Mexiko und den Platzsturm nach dem Titelgewinn.

Interview: Christoph Biermann Bild: Volker Schrank

Pelé, als Sie im WM-Finale 1970 das erste Tor gegen Italien schossen hatten, entstand eines der berühmtesten Fotos der Fußballgeschichte. Jairzinho hebt Sie hoch und Sie strecken strahlend die rechte Faust in den Himmel. Erinnern Sie sich noch an diesen Moment?
Ich kann mich auch an die Weltmeisterschaft 1958 noch immer erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Ich war damals erst 17 Jahre alt und für mich war natürlich alles toll, ein Happening. Darüber hinaus war der Titelgewinn in Schweden aber auch mein schönster oder wichtigster, weil es damals keine schwarzen Fußballspieler gab. Es heißt immer, dass Pelé im Fußball die Tür für Schwarze geöffnet hat. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Mexiko 1970 war für Brasilien und meine Karriere trotzdem der Höhepunkt. Und es war der beste Moment meines Lebens, als ich das erste Tor schoss und wir schließlich das Finale mit 4:1 gewannen.

Warum kommt gerade diesem Erfolg eine so große Bedeutung zu?
Nach unserem ersten Titelgewinn 1958 kam 1962 in Chile gleich der zweite, und 1966 in England habe ich mich verletzt. 1970 wusste ich schon vorher: Das wird meine letzte WM sein. Ich hatte bereits beschlossen, meine Karriere im Nationalteam zu beenden. Außerdem hatte ich im Januar des Jahres für den FC Santos das tausendste Tor meiner Karriere geschossen, und wir hatten mit dem Klub alle Titel gewonnen, auch den Weltpokal. Also wusste ich, dass in Mexiko alle auf mich schauen würden. Dazu dürfen Sie nicht vergessen, unter welchen Bedingungen das Spiel stattgefunden hat. Brasilien hatte damals eine Militärdiktatur, und auch deshalb war es für das brasilianische Volk essentiell, dass wir das Endspiel für die Leute gewinnen.

Zusätzliche Bedeutung bekam das Finale auch dadurch, dass der Sieger den Coupe Jules-Rimet endgültig mit in sein Land nehmen durfte, denn Italien und Brasilien hatten vorher zweimal gewonnen. War das auch für Sie damals ein großes Thema?
Nein, nicht nur für mich, für ganz Brasilien war das ein großes Thema.

Können Sie sich noch an den Tag des Finales und die Vorbereitung darauf erinnern?
Ich habe Ihnen gerade erklärt, welche Bedeutung es hatte, dass wir den Titel gewinnen. Daran habe ich gedacht, als ich mich auf das Spiel gegen Italien vorbereitet habe. Ich habe wie vor jedem Spiel zu Gott gebetet, dass ich nichts falsch mache, dass ich mich nicht verletze und nicht krank werde. Der Titel war so wichtig für mein Land, deshalb musste ich einfach fit bleiben, und Gott sei Dank habe ich dieses Geschenk empfangen. Damit wir uns aber nicht missverstehen: Ich habe während meiner ganzen Karriere nie gebetet, um ein Spiel zu gewinnen, auch nicht das WM-Finale.

Wie hat Trainer Mario Zagallo, mit dem gemeinsam Sie als Spieler die WM 1958 gewonnen hatten, die Selecao auf das Finale eingestellt?
Interessant war, dass wir unserer Vorbereitung mit der Nationalmannschaft auf das Turnier gar nicht mit Zagallo angefangen hatten. Es gab damals in Brasilien ein großes Problem: Unser Trainer war ein Journalist, der viel Macht hatte (gemeint ist João Saldanha, der während der Vorbereitung laut darüber nachgedacht hatte, ob er Pelé nicht draußen lassen sollte, Anm. d. Red.). Es gab Riesendiskussionen mit João Havelange, dem damaligen Präsidenten des brasilianischen Fußballverbandes. Dieser Trainer hat gesagt, wenn diese und jene Spieler nicht dabei sind, bin ich es auch nicht. Er ist dann einfach gegangen, erst dann kam Zagallo, und da war eigentlich alles schon mindestens halbfertig. (Saldanha wurde im März entlassen, knapp drei Monate vor Turnierbeginn, Anm. d. Red.)

Was hat Zagallo am Tag des Finales gegen Italien für Vorgaben gemacht? Was war der Matchplan, wie man heute sagen würde?
Wir waren einfach sehr aufeinander abgestimmt und mussten nichts verändern. Wir haben genau so gespielt wie zuvor. Und meiner Meinung nach war das Spiel gegen England sowieso sehr viel schwieriger.

Sie sprechen das zweite Vorrundenspiel gegen Titelverteidiger England an, das Brasilien durch ein Kopfballtor von Ihnen mit 1:0 gewonnen hat. War das für Sie das wahre WM-Finale?
Ja, das sagen alle, und ich finde es eigentlich auch.

Hatten Sie denn nach dem Spiel gegen England das Gefühl, den Titel schon sicher zu haben?
Nein, das natürlich nicht, es standen schließlich noch vier Spiele an. Aber ich war ruhiger und hatte mehr Vertrauen, nachdem wir sie bezwungen hatten. Und im Finale wussten wir ungefähr, was mit Italien auf uns zukommt. Wir kannten die italienischen Spieler gut.

Hat es der brasilianischen Mannschaft im Endspiel Ihrer Ansicht nach geholfen, dass die Italiener vorher dieses wahnsinnig schwere Halbfinale gegen Deutschland hatten?
Nein, ich glaube, das hat keine Rolle gespielt.

Haben Sie das Halbfinale Italien gegen Deutschland denn gesehen?
Ja, im Fernsehen zusammen mit der Mannschaft, und anschließend haben wir natürlich darüber gesprochen.

War dabei auch ein Thema, dass Sie im Finale lieber gegen Deutschland gespielt hätten oder froh waren, dass es nicht gegen Deutschland ging?
Nein, weder das eine noch das andere war für uns ein Thema. Mario Zagallo hat immer gesagt: »Um den Titel zu gewinnen, müssen wir nicht an den jetzigen Gegner denken, sondern alle besiegen. Egal wen.« Das Finale hat bei uns sehr viele Emotionen geweckt. Aber 1970 war nicht nur mein bestes Jahr, sondern auch unserer Mannschaft insgesamt. Die FIFA hatte später nicht zu Unrecht gesagt, dass die damalige brasilianische Nationalmannschaft die beste des Jahrhunderts gewesen sei. Mit Tostao, Jairzinho und all den anderen, das ist eingebrannt in meinem Gehirn.

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