Der Fußball, mein Leben & ich: Lothar Matthäus

»Können Sie stolz auf Ihren Beruf sein?«

Weltmeister, Weltfußballer, Weltstar! Doch zugleich haftet Lothar Matthäus der Ruf des Dampfplauderers an, der kein Fettnäpfchen auslässt. Wir trafen ihn in München zum Interview für »Der Fußball, mein Leben & ich«.

Volker Schrank
Heft: #
135

Lothar Matthäus, sind Sie ein Vorbild?
Ich denke schon.

Zumindest zu Ihrer aktiven Zeit waren Sie das sportliche Vorbild einer ganzen Generation von Nachwuchsfußballern. Ist das motivierend oder eher eine Last?
Es gab Momente in meiner Karriere, da bin ich an diesem Erwartungsdruck fast erstickt. Immer der Beste und gleichzeitig ein Vorbild sein zu wollen, das ist nicht einfach. Ich habe schnell gemerkt, dass es nicht nur mich etwas anging, wenn ich jemandem in die Beine grätschte oder in der Kneipe ein Bier zu viel trank, sondern dass es Millionen Menschen registrierten. Mir sind beim Fußball häufig die Sicherungen durchgebrannt, ich hatte viele Momente, in denen ich mich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Wenn ich dann wieder klar denken konnte, klingelte es in meinem Kopf: Das hätte mir nicht passieren sollen.

1979 wechselten Sie in die Bundesliga zu Borussia Mönchengladbach. Wie wichtig war es für Sie als junger Fußballprofi, ein Vorbild zu sein?
Ich stand damals noch nicht annähernd so in der Öffentlichkeit, wie ich es heute tue. Nicht jeder Fehltritt wurde mir am nächsten Tag um die Ohren gehauen. Aber die Vereine und vor allem der DFB haben uns Spieler vor den großen Partien oder Turnieren immer wieder darauf hingewiesen: Denkt daran, euch schauen heute so und so viele Millionen Kinder zu! Wir wurden dazu erzogen, die Vorbildfunktion auch anzunehmen.

Sie haben Ihre Kindheit in Herzogenaurach verbracht. Hatten Sie ein Idol?
Nein, keinen einzelnen Spieler. Aber einen Verein, der von Anfang an meine Sympathien hatte. Mein Vater arbeitete bei Puma, Puma war unter anderem der Ausstatter von Borussia Mönchengladbach. Also war die Borussia mein Verein, und über meinem Bett hing ein Poster von Günter Netzer. Die Bayern waren Adidas, also für mich nicht interessant.

Einer Ihrer großen Mentoren war Jupp Heynckes, von 1979 bis 1987 Trainer bei Borussia Mönchengladbach. Sie schreiben in Ihrer Biografie allerdings von einigen Enttäuschungen in der Beziehung zu Heynckes.
Das kam erst später, als er 1987 Trainer von Bayern München wurde. In Mönchengladbach hatten wir fünf großartige gemeinsame Jahre. Jupp hat mich geformt, gefördert, kritisiert und wieder aufgebaut. In den ersten Jahren meiner Laufbahn war er sicherlich der beste Trainer, den ich mir wünschen konnte. Der erste Kratzer in dieser Beziehung war das Pokalfinale 1984 gegen die Bayern, als er mich dazu zwang, beim Elfmeterschießen anzutreten. Ich wollte das eigentlich nicht, hatte ein ungutes Gefühl dabei. Und was passierte? Ich verschoss und war in Mönchengladbach der große Buhmann.

Nach der Saison 1983/84 wechselten Sie zum FC Bayern. Fans und sogar Vereinsvertreter aus Mönchengladbach warfen Ihnen vor, Sie hätten den Elfmeter absichtlich verschossen. Im ersten Spiel als Bayern-Profi auf dem Bökelberg wurden Sie als »Judas« beschimpft. An welcher starken Schulter konnten Sie sich als damals gerade 23-Jähriger ausheulen?
Starke Schulter? Die brauchte ich nicht. Die hatte ich selbst mit 18 nicht mehr nötig. Ratschläge von älteren Mitspielern habe ich mir zwar angehört und auch befolgt, wenn ich der Meinung war, dass es sinnvoll ist. Aber eigentlich habe ich mir immer ganz gut selbst helfen können.

Dafür muss man ziemlich stark sein.
Kann sein. Ich musste schon immer meinen eigenen Weg gehen. Meine Eltern waren und sind gute Eltern, aber ihr Leben bestand nur aus Arbeit. Ich war früh auf mich allein gestellt. Als ich mit 18 meinen Heimatort verließ, war mir klar, dass ich mich durchboxen muss.

Ticken Fußballprofis heute auch noch so?
Fußballer sind, was Disziplin und Eigenverantwortung betrifft, relativ frühreif. Wer heute als 18-Jähriger zu den Bayern kommt, der muss die wichtigen Entscheidungen noch immer allein treffen. Da nimmt dich keiner zur Seite und erklärt dir das Leben, die Welt und wie du dich richtig auf dem Platz verhältst. Es geht im Leben doch immer darum, die richtigen Entscheidungen zu treffen und für die selbstgesteckten Ziele zu arbeiten.



Sie haben als Fußballer in München, Mailand und New York gespielt, als Trainer wirkten Sie in Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien, Israel und Brasilien. Ihren Vater, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus seiner schlesischen Heimat fliehen musste, zitieren Sie in Ihrer Biografie mit dem Satz: »Freiheit haben wir eigentlich nie groß gehabt«. Treibt Sie der Wunsch nach Freiheit bis heute um die Welt?
Ich erinnere mich noch an einen anderen Satz meines Vaters: »Erst kommt die Pflicht und dann die Freiheit.« Nach diesem Motto lebe ich auch heute noch.

Im Sinne von: Wenn ich im Job meine Leistung bringe, kann ich auch mal Fünfe gerade sein lassen?
Nein. Ich will meine Leistung generell bringen. Immer. Ob im Job oder im Leben. Nur das garantiert mir meine Freiheit.

Apropos Job: Was ärgert Sie eigentlich daran, wenn Journalisten Ihnen den Beinamen »der gelernte Innenausstatter aus Herzogenaurach« geben?
Das dient nicht der Information, das ist eine bewusste Verniedlichung.

Sind Sie eigentlich stolz auf Ihre Herkunft und den erlernten Beruf?
Natürlich!

Dann könnte Ihnen die Verniedlichung doch egal sein.
Ist sie aber nicht. Weil das auch etwas mit mangelndem Respekt zu tun hat. Journalisten, die das schreiben, kommen erstens häufig aus noch kleineren Orten als ich, und zweitens bin ich der festen Überzeugung, dass Innenausstatter ein wesentlich interessanterer Beruf ist als Journalist.

Inwiefern?
Es gilt nicht für alle Journalisten, aber einige interpretieren ihren Job so, dass sie sich auf Kosten anderer profilieren. Und zwar sehr häufig auf meine Kosten. Das wäre nichts für mich. Ich wollte etwas lernen, in dem ich meine Qualitäten zur Geltung bringen kann. Etwas Schönes und Nützliches fürs Auge produzieren, das bringt mir ein gutes Gefühl. Zum Beispiel der Stuhl, auf dem Sie gerade sitzen ...

Was ist damit?
Ich kann Ihnen ganz genau sagen, wie der hergestellt wurde. Und sehen Sie das große Gemälde dort hinten an der Wand hängen? Wie musste man es anbringen, damit es richtig im Raum hängt? Nun, ich weiß es, und das macht mich stolz. Können Sie stolz auf Ihren Beruf sein?

Ich denke schon.
Ich habe Schwierigkeiten, mir vorzustellen, ein Journalist zu sein. Ich habe eben leider auch solche kennengelernt, die nicht ehrlich waren, und es fiele mir schwer, mit Respektlosigkeiten meine Brötchen zu verdienen. Nichts für ungut, aber diese Erfahrungen habe ich nun mal in den vergangenen 33 Jahren gemacht. Man kann mir ja einiges vorwerfen, aber nicht, dass ich gegenüber den Medien nicht immer versucht habe, respektvoll und ehrlich zu sein. Warum werde ich dann nicht ehrlich behandelt und für meine Leistungen respektiert? Warum macht man sich darüber lustig, was ich gelernt habe?

Profitieren Sie heute noch von Ihrer handwerklichen Ausbildung?
Ich habe zu Hause immer genügend Werkzeug parat, um anfallende Reparaturen selbst zu übernehmen. Und seit meiner Zeit in Herzogenaurach begleitet mich mein Gesellenstück: ein alter Stuhl aus hellem Holz. Der steht aktuell in meiner Wohnung in Budapest. Der ist eine schöne Erinnerung daran, wo ich herkomme.

Was bedeutet Ihnen der Ort Ihrer Kindheit?
Ich verspüre nicht unbedingt ein starkes Heimat- oder Sehnsuchtsgefühl, wenn ich daran denke. Es ist einfach der Ort meiner Kindheit, mit dem schöne Erinnerungen verbunden sind. Wenn ich meine Eltern besuche und durch Herzogenaurach spaziere, dann denke ich häufig: Mensch, da hast du das erste Mal gekickt, dort das erste Mal ein Mädchen geküsst ...

Im ersten Kapitel Ihrer Autobiografie schreiben Sie: »Ich wäre auch als Raumausstatter glücklich geworden. Vielleicht hätte ich dann längst das warme Zuhause, das ich suche.« Trauern Sie diesem verpassten Leben hinterher?
Nein, überhaupt nicht. Ich lebe in der Gegenwart und schaue generell nach vorne und nicht zurück. Mit der Vergangenheit beschäftige ich mich eher selten.

Sie wirkten schon als Fußballer immer sehr zielstrebig und gewissenhaft – aber auch durchaus verbissen. Ihre Eltern, sagen Sie, hätten früher so viel gearbeitet, dass Sie nicht wüssten, wann überhaupt mal im Hause Matthäus gelacht wurde. Sind Sie ein ernster Mensch?
Wenn ich professionell sein muss, bin ich seriös. Wenn ich mich motivieren muss, bin ich verbissen. Auf dem Fußballplatz gibt es eigentlich nur wenig Zeit zum Lachen – wenn man nicht gerade wie Lionel Messi spielt. Ich war immer fokussiert, ehrgeizig und erfolgsorientiert. Was nicht heißt, dass ich kein fröhlicher Mensch sein kann. Erst neulich auf dem Oktoberfest habe ich unseren Tisch bestens unterhalten und mich selbst sehr amüsiert.

Dann erzählen Sie Ihre Lieblingswitze?
Genau.

Verraten Sie uns einen?
Nein. Vielleicht beim nächsten Oktoberfest.



Sie betonen häufig die Bedeutung der Prinzipien Ehrlichkeit und Respekt. Wie ehrlich kann man als Fußballprofi sein?
Ehrlichkeit mit Diplomatie zu verbinden, ist im Fußball nicht verkehrt. Wenn es allerdings um Probleme geht, um Dinge, die einen stören, ist es ganz entscheidend, ehrlich zu sein. Im Fußball und im Alltag. Man muss stark genug sein, die Konsequenzen dann auch zu ertragen.

Gibt es momentan etwas, das Sie stört?
Ich habe ein Problem damit, wie ich von den Medien in der Öffentlichkeit dargestellt werde. Seit vielen Jahren. Deshalb sage ich Journalisten auch manchmal: Journalismus, wie du ihn betreibst, ist ein schmutziges Geschäft. Weil es diesen Journalisten egal ist, ob sie mit ihren Geschichten nur mir weh tun oder damit vor allem meiner Familie schaden.

Das sagen Sie einem Journalisten. Die Risiken dieser Kritik sind Ihnen bewusst?
Absolut. Viele Freunde werde ich damit unter Journalisten nicht gewinnen. Das ist mir aber auch egal.

Wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal mit dieser Ehrlichkeit auf die Nase gefallen sind?
Sicherlich schon mit 18 oder 19 Jahren. Aber ich habe keine konkrete Szene vor Augen.

Wir sprachen über Vorbilder und starke Schultern. Hätten Sie sich als junger Spieler denn zumindest mehr Eingewöhnungszeit gewünscht? Man hat Sie schon 1980 als Wunderkind gefeiert und dafür nach schwächeren Leistungen sehr hart kritisiert.
Das war kein Problem für mich. Ich wollte Erfolg – und zwar immer und überall und so schnell wie möglich. Da konnten mich die Leute so viel kritisieren, wie sie wollten, am Ende war ich Weltmeister, Weltfußballer und Weltsportler. Die Fans haben mich verehrt, ich habe Titel gewonnen und alles erreicht, was ich mir gewünscht habe. Was mich bis heute ärgert, ist, dass man mich in eine Schublade gesteckt hat und mich bis heute nicht raus lässt.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die Situation so: »In Italien habe ich einen Spitznamen: Il Grande. Der Große. Nur hier, in Deutschland, bin ich der Loddar.«
Überall auf der Welt werde ich mit Respekt und Anerkennung bedacht, auch in Deutschland. Vor unserem Gespräch war ich beim Bäcker. Die Bäckersfrau hat sich so gefreut, mich zu sehen, und ein Haufen Teenager hat zehn Fotos mit mir gemacht. Aber im Zeitschriftenständer lagen Zeitungen mit der Behauptung, meine Freundin und ich hätten uns verlobt und würden bald heiraten, weil sie einen neuen Ring am Finger trage. Den Ring hat sie seit eineinhalb Jahren!


Ist es generell ein Problem der deutschen Gesellschaft, dass sie gern in Schubladen denkt?
Die Gesellschaft weiß, was ihre Helden geleistet haben. Und das nicht nur auf dem Sportplatz. Nehmen wir Boris Becker: Der hat mit seinem Erfolg tausende Arbeitsstellen geschaffen und gesichert. Als Boris 1985 Wimbledon gewann, verkaufte Puma anschließend nicht mehr 500 Rackets im Monat, sondern 160 000! Für die Medien ist er trotzdem bis heute der Typ, der ein Kind in der Besenkammer zeugte.

Wenn Sie dieses Schubladen-Denken so stört, warum mussten Sie dann mit dem Sender Vox eine Sendung produzieren, in der Sie Joghurt im Kühlschrank zur Viererkette aufstellten?
Ich wollte diese Sendung machen, um mein Image in Deutschland zu verbessern. Ich saß mit jungen, motivierten Menschen zusammen, gemeinsam wollten wir ein tolles Projekt auf die Beine stellen. Sämtliche Folgen waren mit dem TV-Sender abgesprochen. Die Vorgabe war ganz klar: Mich und mein Leben so zeigen, wie es wirklich ist. Mir war bewusst, dass wir in Deutschland mit einem 0:2-Rückstand an den Start gehen würden.

Aber dass Sie so hoch verlieren würden, hätten Sie nicht gedacht?
Es war alles abgesprochen. Sendezeit: Sonntag, 19.15 Uhr, sämtliche Folgen werden vor der EM ausgestrahlt. Ich habe mich reingehängt, weil mich vieles, was in den vergangenen Jahren über mich geschrieben wurde, verletzt hat. Und dann hat der Sender mich hängen lassen, sich nicht mehr an Absprachen gehalten und die Folgen so aufgebaut, dass ich in manchen Szenen am Ende wieder wie ein Trottel dastand. Aber ich bereue nichts. Entscheidungen bereut man nicht, man lernt höchstens aus ihnen und zieht seine Konsequenzen.


Haben Sie irgendwann mal den Wunsch verspürt, eine einsame Insel zu kaufen und für drei Jahre von der Bildfläche zu verschwinden?
Warum sollte ich das tun?

Sie haben schon so viel gewonnen, genügend Geld verdient und sind enttäuscht über Ihr Image. Grund genug, um zu sagen: Ihr könnt mich mal, ich lasse es mir jetzt gut gehen.
Ich erlaube mir eine Gegenfrage: Glauben Sie, dass Sie sich nach drei Monaten Urlaub noch wohl fühlen? Ob man nun die Möglichkeit dazu hat oder nicht: Morgens aufzuwachen und zu wissen, dass man keine Aufgabe hat, ist nicht befriedigend.

Lothar Matthäus, mit welchem Etikett ist Ihre Schublade versehen, wenn wir über die Journalisten sprechen, die Sie anprangern?
»Nicht erwünscht«. Oder: »Bei uns erwünscht, damit wir Schlagzeilen haben«.

Wie stehen die Chancen, dass Sie jemals aus dieser Schublade rausgelassen werden?
Ich erwarte nur Fairness. Wenn fair über mich berichtet wird, stehen die Chancen gut.

Aber so, wie wir Sie eben verstanden haben, sprechen Sie den deutschen Journalisten diese Fähigkeit ab.
Dann bleibe ich eben drin. Und werde damit leben.

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