19.01.2013

Der Fußball, mein Leben & ich: Lothar Matthäus

»Können Sie stolz auf Ihren Beruf sein?«

Weltmeister, Weltfußballer, Weltstar! Doch zugleich haftet Lothar Matthäus der Ruf des Dampfplauderers an, der kein Fettnäpfchen auslässt. Wir trafen ihn in München zum Interview für »Der Fußball, mein Leben & ich«.

Interview: Alex Raack Bild: Volker Schrank


Sie haben als Fußballer in München, Mailand und New York gespielt, als Trainer wirkten Sie in Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien, Israel und Brasilien. Ihren Vater, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus seiner schlesischen Heimat fliehen musste, zitieren Sie in Ihrer Biografie mit dem Satz: »Freiheit haben wir eigentlich nie groß gehabt«. Treibt Sie der Wunsch nach Freiheit bis heute um die Welt?
Ich erinnere mich noch an einen anderen Satz meines Vaters: »Erst kommt die Pflicht und dann die Freiheit.« Nach diesem Motto lebe ich auch heute noch.

Im Sinne von: Wenn ich im Job meine Leistung bringe, kann ich auch mal Fünfe gerade sein lassen?
Nein. Ich will meine Leistung generell bringen. Immer. Ob im Job oder im Leben. Nur das garantiert mir meine Freiheit.

Apropos Job: Was ärgert Sie eigentlich daran, wenn Journalisten Ihnen den Beinamen »der gelernte Innenausstatter aus Herzogenaurach« geben?
Das dient nicht der Information, das ist eine bewusste Verniedlichung.

Sind Sie eigentlich stolz auf Ihre Herkunft und den erlernten Beruf?
Natürlich!

Dann könnte Ihnen die Verniedlichung doch egal sein.
Ist sie aber nicht. Weil das auch etwas mit mangelndem Respekt zu tun hat. Journalisten, die das schreiben, kommen erstens häufig aus noch kleineren Orten als ich, und zweitens bin ich der festen Überzeugung, dass Innenausstatter ein wesentlich interessanterer Beruf ist als Journalist.

Inwiefern?
Es gilt nicht für alle Journalisten, aber einige interpretieren ihren Job so, dass sie sich auf Kosten anderer profilieren. Und zwar sehr häufig auf meine Kosten. Das wäre nichts für mich. Ich wollte etwas lernen, in dem ich meine Qualitäten zur Geltung bringen kann. Etwas Schönes und Nützliches fürs Auge produzieren, das bringt mir ein gutes Gefühl. Zum Beispiel der Stuhl, auf dem Sie gerade sitzen ...

Was ist damit?
Ich kann Ihnen ganz genau sagen, wie der hergestellt wurde. Und sehen Sie das große Gemälde dort hinten an der Wand hängen? Wie musste man es anbringen, damit es richtig im Raum hängt? Nun, ich weiß es, und das macht mich stolz. Können Sie stolz auf Ihren Beruf sein?

Ich denke schon.
Ich habe Schwierigkeiten, mir vorzustellen, ein Journalist zu sein. Ich habe eben leider auch solche kennengelernt, die nicht ehrlich waren, und es fiele mir schwer, mit Respektlosigkeiten meine Brötchen zu verdienen. Nichts für ungut, aber diese Erfahrungen habe ich nun mal in den vergangenen 33 Jahren gemacht. Man kann mir ja einiges vorwerfen, aber nicht, dass ich gegenüber den Medien nicht immer versucht habe, respektvoll und ehrlich zu sein. Warum werde ich dann nicht ehrlich behandelt und für meine Leistungen respektiert? Warum macht man sich darüber lustig, was ich gelernt habe?

Profitieren Sie heute noch von Ihrer handwerklichen Ausbildung?
Ich habe zu Hause immer genügend Werkzeug parat, um anfallende Reparaturen selbst zu übernehmen. Und seit meiner Zeit in Herzogenaurach begleitet mich mein Gesellenstück: ein alter Stuhl aus hellem Holz. Der steht aktuell in meiner Wohnung in Budapest. Der ist eine schöne Erinnerung daran, wo ich herkomme.

Was bedeutet Ihnen der Ort Ihrer Kindheit?
Ich verspüre nicht unbedingt ein starkes Heimat- oder Sehnsuchtsgefühl, wenn ich daran denke. Es ist einfach der Ort meiner Kindheit, mit dem schöne Erinnerungen verbunden sind. Wenn ich meine Eltern besuche und durch Herzogenaurach spaziere, dann denke ich häufig: Mensch, da hast du das erste Mal gekickt, dort das erste Mal ein Mädchen geküsst ...

Im ersten Kapitel Ihrer Autobiografie schreiben Sie: »Ich wäre auch als Raumausstatter glücklich geworden. Vielleicht hätte ich dann längst das warme Zuhause, das ich suche.« Trauern Sie diesem verpassten Leben hinterher?
Nein, überhaupt nicht. Ich lebe in der Gegenwart und schaue generell nach vorne und nicht zurück. Mit der Vergangenheit beschäftige ich mich eher selten.

Sie wirkten schon als Fußballer immer sehr zielstrebig und gewissenhaft – aber auch durchaus verbissen. Ihre Eltern, sagen Sie, hätten früher so viel gearbeitet, dass Sie nicht wüssten, wann überhaupt mal im Hause Matthäus gelacht wurde. Sind Sie ein ernster Mensch?
Wenn ich professionell sein muss, bin ich seriös. Wenn ich mich motivieren muss, bin ich verbissen. Auf dem Fußballplatz gibt es eigentlich nur wenig Zeit zum Lachen – wenn man nicht gerade wie Lionel Messi spielt. Ich war immer fokussiert, ehrgeizig und erfolgsorientiert. Was nicht heißt, dass ich kein fröhlicher Mensch sein kann. Erst neulich auf dem Oktoberfest habe ich unseren Tisch bestens unterhalten und mich selbst sehr amüsiert.

Dann erzählen Sie Ihre Lieblingswitze?
Genau.

Verraten Sie uns einen?
Nein. Vielleicht beim nächsten Oktoberfest.

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