Der Fußball, mein Leben & ich: Kees Bregman

»Wir sind mit dem Moped zum Spiel gekommen«

Gestern einer der besten Liberos der Bundesliga, heute Friseur in Amsterdam. Kees Bregman über seine verblüffende Umschulung, gefälschte Autogramme und seine dunkle Zeit im Gefängnis.

Volker Schrank
Heft: #
135

Kees Bregman, Sie sind gelernter Friseur, haben Sie eigentlich jemals einem Ihrer Spielerkollegen die Haare geschnitten?
Ja, ab und zu mal im Trainingslager. Aber meinem Duisburger Mannschaftskameraden Rudi Seeliger habe ich mal die Haare verschnitten, da war er sauer auf mich.

Inzwischen arbeiten Sie seit 20 Jahren als Friseur in Ihrem eigenen Salon in Amsterdam. Hatten Sie vor dem Beginn Ihrer Profikarriere auch schon richtig in Ihrem Beruf gearbeitet?
Oh ja, sogar relativ lange. Ich war immer Spätzünder und bin auch erst mit 23 Jahren Profi geworden. Bis dahin hatte ich noch als Friseur gearbeitet.

War gar nicht vorgesehen gewesen, dass Sie mal mit Fußballspielen Ihr Geld verdienen würden?
Nein, obwohl mein Großvater bei DWS Amsterdam in der ersten Liga gespielt hat und mein Vater zumindest ein guter Amateurspieler gewesen ist. Aber ich bin erst spät vom FC Haarlem entdeckt worden. Mit denen bin ich aus der zweiten Liga in die Eredivisie aufgestiegen. Und weil ich mit 19 Treffern der Torschützenkönig war, hat mich ADO Den Haag verpflichtet. Aber dort habe ich in der ersten Saison nur acht und in der zweiten dann sechs Tore geschossen, das war denen zu wenig.

Sie sind also eigentlich in Holland aussortiert gewesen, als der MSV Duisburg Sie verpflichtet hat?
So kann man das sagen. Als ein Bekannter mir gesagt hat, dass in Duisburg ein Stürmer gesucht wird, habe ich mich dort vorgestellt.

Sie haben sich selbst beworben?
Ja, denn die Weltmeisterschaft 1974 war gerade vorbei und das Interesse an holländischen Spielern in Deutschland sehr groß.

Bernard Dietz erzählt gerne, dass eigentlich ein anderer holländischer Spieler beim MSV Duisburg zum Probetraining eingeladen worden war, Sie als dessen Begleiter aber genommen wurden.
Nein, ganz so war das nicht. Ein anderer Holländer war wirklich zur gleichen Zeit zum Vorspielen da, aber dem war wohl die Bezahlung zu schlecht.

Sie haben sich in Deutschland als einer der elegantesten und verwegensten Liberos der Bundesliga einen Namen gemacht, aber wenn ich das jetzt richtig verstehe, sind Sie als Stürmer gekommen?
Im ersten Jahr habe ich noch Stürmer gespielt und später auch im Mittelfeld. Dann gab es zum Saisonende ein Spiel, in dem unser Libero Detlef Pirsig nach einem Foul an Willi Lippens vom Platz gestellt und acht Wochen gesperrt wurde. Unser Trainer Willibert Kremer hat mich zunächst als Ersatz zum Libero gemacht, und dabei blieb es dann. Pirsig wurde Vorstopper.

Kommt Ihnen das nicht selbst etwas rätselhaft vor, dass ein in Holland aussortierter Stürmer mit 27 Jahren in der Bundesliga zu einem der besten Liberos der siebziger Jahre wurde?
In der »Bild«-Zeitung stand sogar mal: »Das können nur Beckenbauer und Bregman.« Aber das liegt daran, dass ich erst in Deutschland richtig habe Fußball spielen können, vorher durfte ich auf dem Platz immer nur arbeiten. Daran zeigt sich wieder mal, dass man viel mehr leisten kann, wenn einem Vertrauen entgegen gebracht wird.

Also hat Ihnen am Anfang Ihrer Karriere die Unterstützung gefehlt.
Das war so. In Duisburg war das anders, obwohl es für mich zu Beginn wegen der Sprache schwer war. Ich konnte kein Deutsch, und weil es damals noch keine Dolmetscher gab, habe ich kaum etwas verstanden. Als ich es etwas besser konnte, habe ich unseren Vereinspräsidenten Paul Märzheuser geduzt, weil ich den Unterschied zwischen Duzen und Siezen nicht kannte. Sportlich bin ich ganz langsam in die Sache hineingewachsen. Weil mich in Deutschland keiner kannte, hat niemand viel von mir erwartet.

Dass es Ihnen mal an Selbstvertrauen gemangelt hat, kann man sich gar nicht vorstellen. Ihre Kollegen von damals und viele MSV-Fans erinnern sich noch heute mit einer Mischung aus Entzücken und Grusel daran, wenn Sie als letzter Mann ein Dribbling versucht haben. Sie galten als ziemlich leichtsinnig.
Das bin ich immer noch. Aber ich konnte Leuten den Ball durch die Beine spielen, und dann habe ich es eben gemacht - manchmal auch im eigenen Fünf-Meter-Raum. Schlau war das nicht immer, aber es gibt Spieler, die hauen mitunter Flanken blind vors Tor, und ich habe halt so was gemacht.

Holländer galten damals im Vergleich zu den Deutschen als viel lockerer. Wollten Sie beweisen, wie lässig Sie sind?
Ich bin Amsterdamer und das bedeutet: Ich bin frei im Denken. Wenn einem Amsterdamer gesagt wird, dass alle geradeaus gehen sollen, gehen zehn von uns nach links und fünf nach rechts. Im Fußball ist das nicht anders. Wenn in Deutschland der Trainer was sagt, nicken die Spieler alle: »Wird gemacht!« In Holland hingegen heißt es: »Warum machen wir das so?« So war es jedenfalls damals. Heute, glaube ich, sind die Unterschiede zwischen Deutschen und Holländern nicht mehr so groß.

Hat Ihnen die Freiheit im Denken in Deutschland auch mal Probleme eingetragen?
Klar. Einer unserer Trainer, Otto Knefler, hat uns immer laufen, laufen und laufen lassen. Irgendwann hieß es: »Noch zwei Runden!« Also habe ich Gas gegeben, denn ich wollte schließlich nicht als Letzter ankommen. Kurz vor dem Ziel rief er: »So, jetzt noch zwei Runden.« Da bin ich abgebogen und in die Kabine gegangen. Zur Strafe musste ich 5000 Mark bezahlen.

Gab es ansonsten Unterschiede zwischen deutschem und holländischem Fußball?
In Deutschland war alles viel professioneller. Die Stadien waren größer und die Spiele besser besucht als in Holland. Ich kannte es etwa nicht, vor jedem Spiel ins Trainingslager zu gehen, ob man auswärts gespielt hat oder daheim. Das hat man bei uns bestenfalls dann gemacht, wenn man im Europapokal gespielt hat. Oft sind wir in Holland am Spieltag mit dem Motorroller zum Stadion gekommen, daran war in Deutschland nicht zu denken.

Sie haben mit Duisburg 1975 das Pokalfinale erreicht!
Das ist für mich eine der schönsten Erinnerungen, auch wenn ich nur für eine Viertelstunde rein kam und wir gegen Eintracht Frankfurt verloren haben. Aber trotzdem gab es in Duisburg einen großen Empfang, fast die ganze Stadt war da.

Im Jahr darauf ist der MSV erst im Halbfinale des UEFA-Cups gegen Borussia Mönchengladbach ausgeschieden, später wurde die Mannschaft in der Bundesliga sogar Sechster. Das erscheint aus heutiger Sicht für einen Klub wie den MSV genauso unglaublich, wie dass Duisburg damals der absolute Bayern-Schreck war.
Wir haben ja mit 5:2 und einmal sogar mit 6:3 gegen die Bayern gewonnen. Da habe ich zu Bernard Dietz gesagt, als er schon drei Tore geschossen hatte: »So, jetzt bleib aber mal hinten.« Aber nach ein paar Minuten hat er gefragt. »Kees, darf ich noch einmal nach vorne?« Und dann hat er sein viertes Tor geschossen. Unglaublich! Warum die Bayern mit uns solche Schwierigkeiten hatten, weiß ich nicht. Aber wir hatten eine wirklich gute Mannschaft. Neben Dietz spielte Ditmar Jakobs in der Abwehr, Kurt Jara im Mittelfeld, Ronnie Worm und Rudi Seeliger waren Spitzen, wie man sie besser nicht haben kann. Das war auch gut für mich. So bin ich zumindest einmal zur holländischen Nationalmannschaft eingeladen worden. Gespielt habe ich aber nicht, und zur WM 1978 bin ich auch nicht mitgefahren.

Gab es beim MSV einen besonderen Teamgeist?
Das kann man schon sagen. Ich habe in den fünf Bundesligajahren beim MSV zwar immer in Holland, in der Nähe von Venlo, gewohnt. Aber weil wir oft zweimal am Tag trainiert haben, sind wir mit vielen Spielern mittags zusammen immer in ein jugoslawisches Restaurant oder zu einem Italiener gegangen. Es gab auch Feiern gemeinsam mit unseren Frauen, das war schön.

Mit welchem Spieler haben Sie sich besonders gut verstanden?
Sicherlich mit Ditmar Jakobs. Einerseits sportlich, weil er ein so guter Vorstopper war und wir auf dem Platz wunderbar zusammengepasst haben. Aber er war auch jenseits davon ein guter Freund. Leider haben wir lange nichts voneinander gehört, dafür stand neulich Norbert Fruck, auch ein Mitspieler von damals, mit seiner Frau bei mir im Friseursalon. Das war eine schöne Überraschung.

Gab es damals Bundesligaspieler, denen Sie mit besonderer Hochachtung begegnet sind?
Wolfgang Overath. Gegen ihn habe ich in meinem ersten Bundesligajahr noch im Mittelfeld gespielt. Ich war schnell, ziemlich hart und sollte ihn ausschalten. Nach ein paar Minuten hat er zu mir gesagt. »Bitte Kees, in der nächsten Woche muss ich auch wieder spielen.« Ich war so überrascht, dass er meinen Namen kannte, anschließend habe ich mit angezogener Handbremse gespielt.

Gegen wen haben Sie besonders gerne gespielt?
Ich weiß noch, gegen wen ich sehr ungern gespielt habe: Paul Breitner. Er begegnete einem immer so von oben herab: »Hey, was willst du eigentlich?« Da konnte man schon mal richtig böse werden, aber zugleich war er sehr gut.

Eine erstaunliche Wendung Ihrer Karriere war es, dass Sie den MSV Duisburg nach fünf Jahren zu Roda Kerkrade verließen, um zwölf Monate später, mit inzwischen 33 Jahren, noch mal zwei Jahre Bundesliga bei Arminia Bielefeld zu spielen.
Bielefeld war gerade in die Bundesliga aufgestiegen und hatte noch kein Spiel gewonnen. Dann hatte sich auch noch ihr Libero verletzt, und so haben sie mich aus Holland nach Deutschland zurückgeholt. Als ich zwei Jahre später gegangen bin, sind sie übrigens abgestiegen.

An wen erinnern Sie sich aus der Zeit bei Arminia noch besonders?
Ich war gerne in Bielefeld, aber Duisburg war mehr meine Stadt. Mein bekanntester Mitspieler war natürlich Ewald Lienen. Ein super Kerl, aber er hat damals keine Autogramme geschrieben, weil er sagte: »Ich bin nur Fußballspieler und kein Gott.« Ich fand das ehrlich gesagt vor allem gegenüber Kindern nicht so gut, und auch deshalb haben wir ihn ein bisschen geärgert. Als zu Saisonbeginn die Autogrammkarten kamen, haben wir uns seinen Stapel geschnappt und seinen Namen drauf geschrieben. Darüber war er richtig böse.

Sollte also jemand noch eine Autogrammkarte von Lienen aus der Zeit haben, könnte es gut sein, dass es Ihre Unterschrift ist?
Oder die eines damaligen Kollegen von mir.

Hat Lienen Sie dafür zum Müsliessen bekehrt?
Nein, aber ich weiß noch, dass Ewald uns damals immer gesagt hat, dass wir kein Deo mit Treibgas nehmen sollen. Daran kann ich mich bis heute erinnern, weil ich bis heute Deoroller benutze. Verrückt, nicht wahr?

Nach den zwei Jahren in Bielefeld sind Sie mit 35 noch einmal für zwei Jahre zum MSV Duisburg zurückgekehrt, der inzwischen in der zweiten Liga spielte. Haben Sie das aus Anhänglichkeit gemacht?
Ich habe mich noch gut gefühlt, und wenn Sie mal schauen: In den beiden Jahren habe ich noch fast alle Spiele mitgemacht. Wir wären sogar fast wieder in die Bundesliga aufgestiegen und sind erst in der Relegation an Eintracht Frankfurt gescheitert. So bin ich auf zehn Jahre Profifußball in Deutschland gekommen. Ich bin in Deutschland bekannter als in Holland, aber das ist auch kein Wunder, hier habe ich nur vier Jahre gespielt. Überhaupt kommen hier immer noch Fans aus Deutschland vorbei, die einfach nur ein Autogramm haben wollen. Das finde ich schön.

Ihre Karriere ging nicht so schön zu Ende. Sie haben schließlich, inzwischen in Diensten von Fortuna Köln, beim Spiel in Saarbrücken dem Schiedsrichter auf den Fuß getreten. Daraufhin wurden Sie sechs Monate gesperrt.
Das war etwas traurig. Aber der Schiedsrichter hat sich so wichtig gemacht, und mein Pech war, dass bei dem Spiel eine Fernsehkamera dabei war. Schade, aber ich bin ja immer noch auf dem Fußballplatz.

Aber als Trainer.
Beim AFC Amsterdam. Das ist ein Traditionsklub mit sehr vielen Teams, da trainiere ich neun Mannschaften.

Wie geht das denn?
Die meisten sind Freizeitteams, die trainiere ich mittwochs und freitags am Abend, bei den Spielen am Wochenende bin ich nicht dabei. Das mache ich nur bei der A-Jugend, mit denen war ich auch schon in Bottrop bei Willi Lippens im Trainingslager.

Der ja auch Holländer ist.
Aber Holländisch sprechen konnte er noch nie. Viele meiner Spieler sehe ich auch unter der Woche, die kommen bei mir vorbei und lassen sich die Haare schneiden. Ich muss halt weiterhin arbeiten. Früher bin ich Porsche gefahren und Jaguar, heute komme ich mit dem Moped zur Arbeit.

Haben Sie damals nicht genug verdient?
Doch, aber es war ganz schnell alles weg. Ich habe zu viele Geschäfte gemacht und hatte zu wenig Ahnung davon. Ich hatte Fitnesscenter in Duisburg und einen Re-Import von Autos mit Leuten aufgezogen, von denen man sich besser fernhalten sollte.

1989, vier Jahre nach dem Ende Ihrer Karriere, sind Sie mit einem Kilogramm Kokain verhaftet worden, als Sie es an einen Lockvogel der Polizei verkaufen wollten. Sie sind dafür ins Gefängnis gegangen.
Für zweieinhalb Jahre in Düsseldorf. Das war eine schlimme Zeit für mich, und eigentlich ist sie es noch immer. Es fällt mir nach wie vor schwer, darüber zu sprechen. In Holland tue ich es nie. Wenn ein Journalist kommt und mich danach fragt, schicke ich ihn sofort weg.

Obwohl inzwischen über 20 Jahre vergangen sind?
Ja, aber so etwas gehört nicht zu Kees. Ich habe nie was mit Drogen zu tun gehabt.

Sind Sie aus Leichtsinn in die Sache geraten?
Ich war sehr naiv. Die Geschäfte gingen schlecht, und dann kamen Leute, die gesagt haben: »Du fährst doch immer nach Amsterdam.« Naja, und dann war ich blödsinnig.

Haben Ihnen ehemalige Mitspieler geholfen, als Sie im Gefängnis saßen?
Nein.

Hat Sie das enttäuscht?
Das ist so üblich. Die Verbindungen in einer Mannschaft sind auch nicht anders als in einem Büro. Der Unterschied ist nur, dass man seine ehemaligen Kollegen ab und zu im Fernsehen sieht und denkt, dass man noch in Kontakt steht.

Was ist von den Verbindungen von früher geblieben?
Manchmal setze ich mich noch in den Zug und fahre nach Duisburg. Dann gehe ich über die Königsstraße und schaue, ob ich noch eine Freundin von früher sehe.

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