29.03.2013

Der Fußball, mein Leben & ich: Kees Bregman

»Wir sind mit dem Moped zum Spiel gekommen«

Gestern einer der besten Liberos der Bundesliga, heute Friseur in Amsterdam. Kees Bregman über seine verblüffende Umschulung, gefälschte Autogramme und seine dunkle Zeit im Gefängnis.

Interview: Christoph Biermann Bild: Volker Schrank

Also hat Ihnen am Anfang Ihrer Karriere die Unterstützung gefehlt.
Das war so. In Duisburg war das anders, obwohl es für mich zu Beginn wegen der Sprache schwer war. Ich konnte kein Deutsch, und weil es damals noch keine Dolmetscher gab, habe ich kaum etwas verstanden. Als ich es etwas besser konnte, habe ich unseren Vereinspräsidenten Paul Märzheuser geduzt, weil ich den Unterschied zwischen Duzen und Siezen nicht kannte. Sportlich bin ich ganz langsam in die Sache hineingewachsen. Weil mich in Deutschland keiner kannte, hat niemand viel von mir erwartet.

Dass es Ihnen mal an Selbstvertrauen gemangelt hat, kann man sich gar nicht vorstellen. Ihre Kollegen von damals und viele MSV-Fans erinnern sich noch heute mit einer Mischung aus Entzücken und Grusel daran, wenn Sie als letzter Mann ein Dribbling versucht haben. Sie galten als ziemlich leichtsinnig.
Das bin ich immer noch. Aber ich konnte Leuten den Ball durch die Beine spielen, und dann habe ich es eben gemacht - manchmal auch im eigenen Fünf-Meter-Raum. Schlau war das nicht immer, aber es gibt Spieler, die hauen mitunter Flanken blind vors Tor, und ich habe halt so was gemacht.

Holländer galten damals im Vergleich zu den Deutschen als viel lockerer. Wollten Sie beweisen, wie lässig Sie sind?
Ich bin Amsterdamer und das bedeutet: Ich bin frei im Denken. Wenn einem Amsterdamer gesagt wird, dass alle geradeaus gehen sollen, gehen zehn von uns nach links und fünf nach rechts. Im Fußball ist das nicht anders. Wenn in Deutschland der Trainer was sagt, nicken die Spieler alle: »Wird gemacht!« In Holland hingegen heißt es: »Warum machen wir das so?« So war es jedenfalls damals. Heute, glaube ich, sind die Unterschiede zwischen Deutschen und Holländern nicht mehr so groß.

Hat Ihnen die Freiheit im Denken in Deutschland auch mal Probleme eingetragen?
Klar. Einer unserer Trainer, Otto Knefler, hat uns immer laufen, laufen und laufen lassen. Irgendwann hieß es: »Noch zwei Runden!« Also habe ich Gas gegeben, denn ich wollte schließlich nicht als Letzter ankommen. Kurz vor dem Ziel rief er: »So, jetzt noch zwei Runden.« Da bin ich abgebogen und in die Kabine gegangen. Zur Strafe musste ich 5000 Mark bezahlen.

Gab es ansonsten Unterschiede zwischen deutschem und holländischem Fußball?
In Deutschland war alles viel professioneller. Die Stadien waren größer und die Spiele besser besucht als in Holland. Ich kannte es etwa nicht, vor jedem Spiel ins Trainingslager zu gehen, ob man auswärts gespielt hat oder daheim. Das hat man bei uns bestenfalls dann gemacht, wenn man im Europapokal gespielt hat. Oft sind wir in Holland am Spieltag mit dem Motorroller zum Stadion gekommen, daran war in Deutschland nicht zu denken.

Sie haben mit Duisburg 1975 das Pokalfinale erreicht!
Das ist für mich eine der schönsten Erinnerungen, auch wenn ich nur für eine Viertelstunde rein kam und wir gegen Eintracht Frankfurt verloren haben. Aber trotzdem gab es in Duisburg einen großen Empfang, fast die ganze Stadt war da.

Im Jahr darauf ist der MSV erst im Halbfinale des UEFA-Cups gegen Borussia Mönchengladbach ausgeschieden, später wurde die Mannschaft in der Bundesliga sogar Sechster. Das erscheint aus heutiger Sicht für einen Klub wie den MSV genauso unglaublich, wie dass Duisburg damals der absolute Bayern-Schreck war.
Wir haben ja mit 5:2 und einmal sogar mit 6:3 gegen die Bayern gewonnen. Da habe ich zu Bernard Dietz gesagt, als er schon drei Tore geschossen hatte: »So, jetzt bleib aber mal hinten.« Aber nach ein paar Minuten hat er gefragt. »Kees, darf ich noch einmal nach vorne?« Und dann hat er sein viertes Tor geschossen. Unglaublich! Warum die Bayern mit uns solche Schwierigkeiten hatten, weiß ich nicht. Aber wir hatten eine wirklich gute Mannschaft. Neben Dietz spielte Ditmar Jakobs in der Abwehr, Kurt Jara im Mittelfeld, Ronnie Worm und Rudi Seeliger waren Spitzen, wie man sie besser nicht haben kann. Das war auch gut für mich. So bin ich zumindest einmal zur holländischen Nationalmannschaft eingeladen worden. Gespielt habe ich aber nicht, und zur WM 1978 bin ich auch nicht mitgefahren.

Gab es beim MSV einen besonderen Teamgeist?
Das kann man schon sagen. Ich habe in den fünf Bundesligajahren beim MSV zwar immer in Holland, in der Nähe von Venlo, gewohnt. Aber weil wir oft zweimal am Tag trainiert haben, sind wir mit vielen Spielern mittags zusammen immer in ein jugoslawisches Restaurant oder zu einem Italiener gegangen. Es gab auch Feiern gemeinsam mit unseren Frauen, das war schön.

Mit welchem Spieler haben Sie sich besonders gut verstanden?
Sicherlich mit Ditmar Jakobs. Einerseits sportlich, weil er ein so guter Vorstopper war und wir auf dem Platz wunderbar zusammengepasst haben. Aber er war auch jenseits davon ein guter Freund. Leider haben wir lange nichts voneinander gehört, dafür stand neulich Norbert Fruck, auch ein Mitspieler von damals, mit seiner Frau bei mir im Friseursalon. Das war eine schöne Überraschung.

Gab es damals Bundesligaspieler, denen Sie mit besonderer Hochachtung begegnet sind?
Wolfgang Overath. Gegen ihn habe ich in meinem ersten Bundesligajahr noch im Mittelfeld gespielt. Ich war schnell, ziemlich hart und sollte ihn ausschalten. Nach ein paar Minuten hat er zu mir gesagt. »Bitte Kees, in der nächsten Woche muss ich auch wieder spielen.« Ich war so überrascht, dass er meinen Namen kannte, anschließend habe ich mit angezogener Handbremse gespielt.
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