30.03.2014

Der Fußball, mein Leben & ich: Horst Ehrmanntraut

»So ein Kondom hat nur gute Eigenschaften«

Sie nannten ihn »Voodoo-Horst«. Er saß in Frankfurt auf einem Gartenstuhl und hätte um ein Haar Carsten Jancker nach Meppen geholt. Horst Ehrmanntraut über verpasste Transfers und das Leben nach dem Fußballgeschäft.

Interview: Jens Kirschneck Bild: imago

War es gigantisch?
Anfangs war es schwierig. Als ich nach meiner Unterschrift nach Berlin flog, habe ich erstmals darüber nachgedacht, ob das wirklich richtig war: von einer deutschen Topmannschaft zu einem Zweitligisten zu wechseln. Ich weiß noch, es war der letzte Flug an einem Sonntagabend, und ich kam um halb elf oder elf in Tegel an. Der Mann, der mich abholen sollte, war zu spät, und da saß ich mit meinen Koffern. In Tegel war ja um die Uhrzeit auch nichts mehr los. Ich war völlig demoralisiert und auf einmal schoss es mir durch den Kopf: Was habe ich da nur gemacht? Da floss auch die eine oder andere Träne.

Trotzdem sind Sie fünf Jahre geblieben.
In der Rückschau war die Zeit bei Hertha die schönste meiner Spielerkarriere. Den Aufstieg haben wir tatsächlich geschafft, außerdem kamen mir die Menschen in Berlin viel aufgeschlossener und draufgängerischer vor als die, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Die können austeilen, das schon, aber auch einstecken. Und allein schon den Kaiserdamm runterzufahren, mit seinen vier Spuren auf jeder Seite. Da habe ich geguckt: Fahren die wirklich alle in eine Richtung?

Zum Ende Ihrer Laufbahn sind Sie zum FC Homburg zurückgekehrt und mit dem Kleinstadtverein tatsächlich in die Bundesliga aufgestiegen.
Irre, nicht wahr? 25 000 Einwohner und dann so was! Das waren Glücksmomente.

Der FC Homburg war damals bundesweites Gesprächsthema durch seine Trikotwerbung für eine Kondommarke.
Wir waren in allen Gazetten. Dass die Gesellschaft noch nicht so weit war, so etwas anzunehmen, und dass der DFB es nicht gestattete, ist heute unfassbar. So ein Kondom hat ja nur positive Eigenschaften! Unser Präsident Manfred Ommer war so klug, den Schriftzug mit einem schwarzen Balken zu überkleben. Der Werbeeffekt war immer noch da, weil ohnehin jeder wusste, was sich darunter befand.

Katalysator Ihrer anschließenden Trainerkarriere war das Zweitligaabenteuer des SV Meppen.
Die Zeit in Meppen hat mich als Persönlichkeit sehr geprägt. Solch einen Verein fünf Jahre in der zweiten Liga zu halten, war das Größte. Erstmals war ich alleiniger Chef und konnte machen, was ich wollte, natürlich im Rahmen des vorgegebenen Budgets. Einmal hätte ich fast Carsten Jancker verpflichtet.

Wieso nur fast?
Jancker kam aus der zweiten Mannschaft des 1. FC Köln und wollte da weg, weil er in der ersten keine Chance bekam. Er absolvierte ein Probetraining bei uns und ich war zu zögerlich. Der Junge hatte technisch seine Probleme, aber er war ein Torjäger und sehr flink für seine Größe. Danach zog er weiter zum nächsten Probetraining bei Rapid Wien, wir hatten ein Auswärtsspiel in Jena, und auf dem Rückweg denke ich plötzlich: »Wir müssen den Carsten holen!« Wir riefen ihn noch aus dem Bus an, doch er sagte: »Trainer, es tut mir leid, aber ich habe schon in Wien unterschrieben.« Als er später bei Bayern München landete, habe ich mich noch mehr geärgert. Der wäre ja gekommen, auch für das Geld! Da kriegst du die Vollkrise, innerbetrieblich.

Haben Sie davon geträumt, mit Meppen in die Bundesliga aufzusteigen?
Wir waren ja zweimal nah dran. Letztlich hat es aber an der Qualität gefehlt, das muss man fairerweise zugeben. Doch auch so ist etwas Unglaubliches passiert, nämlich dass mich, den Trainer, der bis dahin nur kleine Vereine trainiert hatte, auf einmal Eintracht Frankfurt haben wollte. So bin ich mit meinem alten, an­thra­zitfarbenen BMW dahin gefahren und sah mich auf einmal einem Podium mit 15 bis 20 honorigen Leuten gegenüber. Ich war so perplex, dass ich nur in kurzen Sätzen antworten konnte. »Trauen Sie sich die Aufgabe zu, Herr Ehrmantraut?« – »Na klar.«

War Frankfurt die intensivste Zeit Ihrer Trainerkarriere?
Die markanteste. Anspruchsvollste. Verrückteste. Vorher war Dragoslav Stepanovic Trainer gewesen, der aber trotz Spielern wie Maurizio Gaudino keinen Erfolg mehr hatte. Die Eintracht war aus der ersten Liga abgestiegen und stand in der zweiten unten drin. Als ich im Januar 1996 kam, trainierten wir in der Halle, weil das Wetter zu schlecht war. Ich rief die Spieler zusammen, setzte mich auf einen Ball und tat meine Vorstellungen kund. Da hast du förmlich gespürt, wie die Spieler dachten: »Was will der denn? Und der soll uns in die erste Liga bringen?«
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