30.03.2014

Der Fußball, mein Leben & ich: Horst Ehrmanntraut

»So ein Kondom hat nur gute Eigenschaften«

Sie nannten ihn »Voodoo-Horst«. Er saß in Frankfurt auf einem Gartenstuhl und hätte um ein Haar Carsten Jancker nach Meppen geholt. Horst Ehrmanntraut über verpasste Transfers und das Leben nach dem Fußballgeschäft.

Interview: Jens Kirschneck Bild: imago

Horst Ehrmantraut, am besten wir bringen die Sache mit dem Gartenstuhl gleich hinter uns. Haben Sie damals geahnt, was der für eine Karriere machen würde?
Das nicht, aber ich habe mir schon etwas dabei gedacht. Damals spielte Eintracht Frankfurt, dieser stolze Verein, nur in der zweiten Liga. Frankfurt ist ja die deutsche Bankenmetropole, und in dieser Branche sind Menschen tätig, die anders denken und handeln als das gemeine Volk. Da ging es mir darum, einen Kontrapunkt zu setzen: Schluss mit Bankerstadt und Denkerstadt, stattdessen hart arbeiten.

Also ...

bat ich unseren Lizenzspielleiter, in den Baumarkt zu gehen und mir den günstigsten Stuhl zu besorgen, den es dort gab. Mit dem habe ich mich bei den Spielen an den Spielfeldrand gesetzt. Es hat nicht lange gedauert, bis das Ding in aller Munde war.

Heute steht der Stuhl im Eintracht-Museum.
Darauf bin ich im Nachhinein stolz. Damals war mir nicht bewusst, was solch ein Stuhl aus dem Baumarkt bewirken kann. Der hatte noch andere Vorteile: Man konnte ihn als Trainer richtig schön quälen. Er wurde getreten und weggeworfen, aber auch geliebt, gestreichelt und geküsst.

Sie stammen aus Einöd, einem winzigen Ort im Saarland.
Mein Weg in den Fußball war ziemlich ungewöhnlich. Noch in der D-Jugend hatte ich es nicht mal in die D1 meines Heimatvereins geschafft. Und als ich mit 19 für ein Grundgehalt von 300 Mark brutto im Monat zum örtlichen Zweitligisten FC Homburg wechselte, hatte ich bis dahin nur Kreisklasse gespielt.

Wie kamen Sie in Homburg zurecht?
Ich schmales Kerlchen war rein körperlich nicht der geborene Profifußballer. Als Stürmer hatte ich anfangs keine Chance, bis sich der linke Verteidiger in einem Spiel gegen Röchling Völklingen das Schienbein brach. Trainer Uwe Klimaschewski hat mich auf dieser Position gebracht, es hat funktioniert, und damit war ich erstens Stammspieler und zweitens für den Rest meines Lebens linker Verteidiger. Irgendetwas muss Klima damals in mir gesehen haben.

Hat er es nicht erklärt?
Nein, das war nicht so einfach. Klima war ja ein kerniger Kerl, der nicht ganz leicht zu händeln war.

Es heißt, er habe mal den Platzwart zum Torschusstraining an den Pfosten gebunden.
Oh ja, ich war dabei. Heute lacht man darüber. Klima hat damals noch ganz andere Sachen gemacht. Wenn Gastspieler zum Probetraining da waren, hat er sie mit der betonschweren Handwalze um den Platz rennen lassen und die Zeit gestoppt. Oder die Probespieler mussten unter der Dusche bei erschwerten Bedingungen mit dem Ball jonglieren. Die haben natürlich alles mitgemacht, weil sie unbedingt einen Vertrag wollten.

Mit 23 Jahren heuerten Sie bei Eintracht Frankfurt an.
Die 160 Kilometer von Homburg nach Frankfurt waren für mich wie der Schritt in eine andere Welt. Grabowski. Pezzey. Körbel. Nickel. Hölzenbein. Bum Kun Cha. Ronnie Borchers. Norbert Nachtweih. Leider kam ich anfangs überhaupt nicht zurecht.

Warum nicht?
Trainer Friedel Rausch und Manager Udo Klug hatten mich geholt, trotzdem habe ich vom ersten Tag an Ablehnung gespürt. Heute kann ich es vielleicht ein bisschen erklären. Möglicherweise lag es daran, dass ich das Training nicht richtig verstanden habe. In Homburg haben wir sehr einfach trainiert, und nun ging es auf einmal um Taktik und moderne Trainingsinhalte. Allein das ganze Stretching hatte ich bis dahin nicht gekannt. Wenn man nur mal den Bum Kun Cha nahm: ein Ästhet vor dem Herrn. Ich habe mich selbst dabei erwischt, wie ich gar nicht dehnte, sondern Bum Kun Cha dabei zusah. Der hatte eine Muskulatur und ein Dehnverhalten, das war ein Genuss! Wie auch immer: Ich war ein etablierter Zweitligaspieler und habe im ersten halben Jahr ein einziges Mal auf der Bank gesessen und ansonsten auf der Tribüne.

Das hat sich in der Rückrunde schlagartig geändert.
Ich habe trainiert, als ob jeder Tag für mich ein Endspiel wäre. Damals sahen bei jedem Eintracht-Training 100 oder 200 Rentner zu, und die machten irgendwann Sprüche in Richtung Rausch: »Friedel, jetzt musst du aber mal den Ehrmantraut bringen!« In der Rückrunde habe ich fast alle Bundesligaspiele und die Europapokalspiele absolviert, inklusive der Endspiele gegen Mönchengladbach.

War der Triumph im UEFA-Cup bereits Ihr Karrierehöhepunkt?
Im Grunde ja. Aber ich habe dann eines gemacht: Obwohl ich einen Zweijahresvertrag hatte, sagte ich mit dem für mich brillanten halben Jahr im Rücken: »Liebe Leute, ich will den Verein verlassen!« Weil ich immer noch sauer war, dass ich zuerst so verkannt wurde.

Warum sind Sie ausgerechnet zu einem Zweitligisten gegangen?
Heute klingt es verrückt, aber damals war es für mich nachvollziehbar, weil Hertha BSC wie auch Eintracht Frankfurt ein Traditionsverein war. Dass Hertha Zweitligist war, hat mir nichts ausgemacht. Eher hab ich gedacht: In einer Stadt wie Berlin mit solch einem Verein den Aufstieg zu schaffen, muss gigantisch sein.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden