14.09.2011

Der Fußball, mein Leben & ich: Herbert Laumen

»Netzer war der King«

Zum 67. Geburtstag von Günter Netzer noch mal online: Das große Interview mit Herbert Laumen. Als Verursacher des Pfostenbruchs am Bökelberg 1971 wurde der Stürmer unsterblich. Hier spricht er über Autorennen mit Netzer und Diskoabende mit Vogts.

Interview: Tim Jürgens Bild: Volker Schrank


Er führte bei Borussia ein, dass Sie vor jedem Spiel ins Trainingslager ins benachbarte Süchteln fuhren.

Es war immer dasselbe Ritual: Freitags um 11 Uhr war Training, anschließend fuhren wir in Fahrgemeinschaften rüber zum Parkhotel. Dort wurde gegessen. Mittagsruhe. Anschließend gingen wir Kaffee trinken, danach über Jahre immer derselbe Spaziergang durch den Süchtelner Wald. Und abends fuhren wir nach Mönchengladbach ins Kino. Wir waren mit fünf Autos unterwegs, aber beim Trainingsplatz in Süchteln gab es nur zwei Parkgaragen. Im Kino fing vor der Rückfahrt oft schon das Rennen um einen dieser Plätze an. Die ersten scharrten bereits beim Abspann mit den Füßen.

Beim wem saßen Sie im Auto?

Ich bin oft selbst gefahren. Aber gegen Günter Netzers Karren, die Jaguars und Ferraris, hatte ich mit meinem Mercedes 200 Diesel natürlich keine Chance. Es ging über eine Landstraße zurück nach Süchteln. Die sind gefahren wie die Verrückten, dass da nichts passiert ist …

Und wer bekam die Parkgarage?

Der Netzer immer.

Wer war in Süchteln Ihr Zimmernachbar?

Es gab vier Einzelzimmer, eins davon hatte ich.

Ging Weisweiler mit seinen Spielern nach den Spielen auch mal einen trinken?

Nein, das machten wir schon ohne ihn – und er ohne uns. Er schlief im Trainingslager im Zimmer neben mir. Manchmal hörte ich nachts, wenn etwas umfiel, weil er das Bett nicht mehr richtig fand und sein Co-Trainer rief: »Hennes, du weckst die Jungs…«

Und wie reagierte Weisweiler, wenn ein Spieler zu tief ins Glas schaute?

Wer samstags seine Leistung brachte, hatte mit Hennes kein Problem. Fritz Langner war da ganz anders. Der ist Streife gefahren und hat in den Diskos geschaut, ob einer von uns da ist. Der machte sogar Kontrollanrufe zu Hause.

Sie sagten »Hennes« zum Trainer?

Nein, wir sagten »Chef«. Er duzte uns, nur wenn es hieß »Herbert, Sie wissen doch …« wusste ich, dass es brenzlig für mich wird.

Dennoch hatten Sie auch mit Weisweiler Ihre Probleme.

Es war am Ende der Saison 1965/66. Ich war mit der Position des Rechtsaußen nicht zufrieden und wollte lieber hinter den Spitzen spielen. Er war dagegen, deshalb standen wir eine Zeitlang auf Kriegsfuß. Dann fragte Weisweiler, ob Berti Vogts mit ihm und seiner Frau zur WM nach England fahren wolle. Er war ja so was wie Weisweilers Ziehsohn. Aber Berti und ich hatten schon einen Urlaub im Schwarzwald geplant. Das Ende vom Lied war, dass Berti und ich mit dem Ehepaar Weisweiler für 14 Tage zur WM nach England fuhren.

Wie war der Urlaub mit den Weisweilers?

Wir fuhren nach Ashbourne, in die Nähe des Trainingszentrums der deutschen Mannschaft. Unser Tag begann um 9 Uhr auf diesem Platz, wo wir zu dritt unsere Einheiten machten. Um elf Uhr kam dann die Nationalelf, und wir gingen frühstücken.

Konnte man gut mit ihm reden?

Er ließ Meinungen zu. Ein Beispiel: Hennes Weisweiler war ein Trainer, der lieber 5:4 als 1:0 gewann, aber als wir 1965 in die Bundesliga aufstiegen, wurde das zum Problem. Wir brauchten Verstärkung in der Abwehr, also sprach Günter Netzer mit ihm. Daraufhin handelte Weisweiler: Am letzten Spieltag der Saison 1968/69 fuhren wir ohne ihn zum Spiel bei Werder Bremen – und verloren 5:6. Der Chef aber blieb in Köln, wo an diesem Tag der FC gegen Nürnberg gegen den Abstieg spielte. Wolfgang Weber spielte in Köln, Ludwig Müller beim FCN. Weisweiler wartete, bis klar war, dass Nürnberg abgestiegen war. Dann ging er in die Katakomben und überredete Luggi Müller, in der nächsten Saison zu uns zu kommen. Wäre Köln abgestiegen, hätte er Weber geholt.

Viele damalige Spieler beschreiben Weisweiler als Vaterfigur.

Das war er. Mit mir fuhr er beispielsweise 1964 in die Firma und sorgte dafür, dass ich nur noch bis 14 Uhr arbeiten musste. Als Berti Vogts verpflichtet wurde, adoptierte er ihn fast, weil Berti ja Vollwaise war. Und mir gab er den Auftrag, mich ein bisschen um Berti zu kümmern.

Wie lief das ab?

Berti lebte noch in Büttgen, was auf halber Strecke zwischen Düsseldorf und Mönchengladbach liegt. Auf dem Rückweg von der Arbeit holte ich ihn fortan jeden Tag zum Training ab. Daraus entwickelte sich eine gute Freundschaft. Wir sind vier Jahre gemeinsam um die Häuser gezogen.

In Günter Netzers legendärer Diskothek Lovers Lane?

Später waren wir dort auch mal, aber höchstens auf einen Absacker. In der Lovers Lane wurde man meist blöd angequatscht. Dort gingen viele hin, um mit den Spielern in Kontakt zu kommen. Nach einem schlechten Spiel ließ man es also gleich bleiben. Berti und ich waren eher in Düsseldorf und Neuss in Diskotheken unterwegs. Übrigens auch an dem Tag, an dem ich meine spätere Frau kennenlernte.

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