20.11.2011

Der Fußball, mein Leben & ich: Buffy Ettmeyer

»Eng wie ein Kondom«

Hans »Buffy« Ettmayer, der bullige Spaßfußballer aus Wien, über Initiationsriten mit Schuhcreme, geheime Vertragsverhandlungen mit Robert Schwan und einen Trainer, der ihn anflehte, mehr zu essen.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
 

Ihre ständigen Provokationen brachten Altmeister Albert Sing fast um den Verstand. Was war denn Ihr Problem mit ihm?

Hans Ettmayer: Seine Methoden waren mir ein Rätsel. Im Trainingslager kündigte er an, wir würden jetzt »Schbachtln« gehen. Schon wieder essen, fragte ich mich? Aber er öffnete den Kofferaum seines Autos und holte 20 Taschenmesser raus. Sag ich: »Was jetzt? Bringen mer uns gegenseitig um?« »Nein, wir spitzen damit Hölzl an.« Als schnitzen wir ein paar Stöcker an, die wurden in den Boden gesteckt und wir mussten sie uns gegenseitig rausschlagen. Ein Spiel für Kinder – und wir steckten mitten im Abstiegskampf.

Wie ging der Kleinkrieg weiter?

Hans Ettmayer: Nachdem der VfB ohne meine Beteiligung verloren hatte, konnte Sing nicht mehr auf mich verzichten. Im nächsten Spiel gegen den 1. FC Köln schoß ich beide Tore. Beim ersten laufe ich zur Bank und rufe ihm zu: »Zählt das Tor?« Fragt der Sing: »Warum denn nicht?« »Weil ich es geschossen habe, der Dicke!« Beim zweiten Treffer wollte ich das wieder machen, aber die Mitspieler haben mich zurück gehalten. Ich galt als Unruhestifter, als derjenige, der die Truppe aufstachelt. Noch vor Ende der Saison kam die Suspendierung – ohne nähere Angabe von Gründen.

Ihre Karriere begann im Jahr 1957 in der Jugend bei Austria Wien.

Hans Ettmayer: Wir waren Straßenfußballer und spielten im Stadtteil Ottakring im Zwinger. Manchmal kamen die Späher der großen Vereine vorbei. Ich wurde von Admira, von Wacker, von Rapid oder vom Wiener Sportklub zum Training eingeladen. Aber als ich dahin kam und die alten Spieler sah, habe ich es mit der Angst bekommen. Stellen Sie sich vor, Ernst Happel geht vor einem 10-Jährigen in die Kabine. Da bin ich zusammengezuckt.

Warum fiel es Ihnen bei Austria leichter?

Hans Ettmayer: Dort war »Tscharry« Vogel Jugendtrainer, der hatte im legendären »Wunderteam« gespielt. Als er mich im  Zwinger sah, kam er mit zu mir nach Hause und besprach mit meinem Vater, dass er mich fortan zum Training abholen würde. Nur mit ihm traute ich mich dahin.

Wieviel Taschengeld bekam ein Nachwuchstalent bei der Austria in den Fünfzigern?

Hans Ettmayer: Gar nichts. Wir bekamen Fahrscheine für die Straßenbahn. Dienstags beim Training ein Ticket für die Donnerstagseinheit und am Donnerstag zwei: eins für das Spiel am Wochenende und für das darauffolgende Training nächsten Dienstag.

Sie sind berühmt für Ihre Ballfertigkeit. Haben Sie die Technik in Wien erlernt?

Ich habe über sieben Jahre am Ballpendel trainiert. Am Anfang hat »Tscharry« Vogel ständig Einzeltraining mit mir gemacht. Kopfball, Spannstoß, Innenseite, links, rechts. Ich frage mich, warum das Pendel aus der Mode gekommen ist. Als ich letztens Kindern in einer Sportschule fragte, was das sei, sagte einer: »Da sind die Leute früher dran aufgehängt worden.«

Auch Ihr platzierter, harter Schuss war gefürchtet.

Hans Ettmayer: Als wir später mit dem VfB Stuttgart gegen den FC Bayern spielten, habe ich mir mal den Ball für einen Freistoß bei 35 Meter hingelegt. Der Bulle Roth sagt: »Sepp, solln mer ne Mauer stellen?« Darauf Sepp Maier: »Schmarrn, des sind 35 Meter.« Also habe ich draufgehalten, der Ball knallt an den Innenpfosten und von dort ins Tor. Bulle sagt: »Schön, Sepp, prima. Brauch mer halt koa Mauer.«

Ihre größte Schwäche war die Defensivarbeit.

Hans Ettmayer: Schon richtig, Grätschen ging bei mir gar nicht, aber die meisten Trainer waren gnädig, weil ich in der Offensive genug beizutragen hatte.

Es heißt, Sie hätten Ihre Fußballschuhe immer zwei Nummern zu klein getragen.

Hans Ettmayer: Ein Fußballschuh muss eng anliegen, wie ein Kondom am Zipfel. Für den Ball brauchts doch ein Gefühl. Ich bin immer vorn angestoßen beim Kaufen der Schuhe und anschließend mit den Dingern unter die Dusche gegangen. Dann dehnt sich das Leder automatisch.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie zu Höherem berufen waren?

Hans Ettmayer: In der Austria-Jugend wurde ich mit jeder Mannschaft Meister. Wir spielten meistens am Sonntagmorgen, während sich nebenan die Profis ausliefen. Wenn die Herren hinterher bei uns zuschauten, stand auch mein Vater unter ihnen. Er war ein guter Amateurspieler gewesen und hatte immer davon geträumt, Fußballer zu werden. Nun er bekam mit, wie die Profis von mir schwärmten. Da packte ihn der Ehrgeiz.

Aber mit 15 verliebten Sie sich in Ihre spätere Frau Susanna, mit der Sie inzwischen seit 43 Jahren verheiratet sind.

Hans Ettmayer: Das gab ein Drama bei uns zuhause. Ich fuhr mit ihr auf dem Mofa, mein Vater verfolgte uns im Auto. Als ich sie zuhause ablieferte, stand er schon da. Er stieg aus dem Wagen und sagte: »Ich dulde es nicht, dass mein Sohn eine Freundin hat.«

Und Ihre spätere Frau?

Hans Ettmayer: Die hat sich gleich ins Haus verdrückt – wir waren ja noch fast Kinder. Aber nicht mehr auseinander zu kriegen. Dem Fußball hat es auch nicht geschadet. Ich war ein Brocken, spielte vormittags in der Jugend- und nachmittags bei der Juniorenmannschaft.

Und mit 18 in der ersten Mannschaft.

Hans Ettmayer: Wieder mal sandte der Herrgott ein Zeichen. Die Verletztenliste war lang. Wir spielten gegen Sturm Graz. Es gab Eckball, ich habe mich gar nicht in den Strafraum reingetraut, weil da so viel los war. Ich war damals noch per Sie mit den Gegenspielern, so groß war der Respekt. Aber der Ball fliegt raus aus dem Sechzehner, ich hau drauf und wir gewinnen 1:0. Am nächsten Tag kaufte mein Vater alle Zeitungen, die er kriegen konnte. Als wir zum Training kamen, musste ich fünf Meter hinter ihm her gehen und die Leute sprachen ihn ehrfürchtig an: »Ist das dei Bur?«

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