Der Fußball, mein Leben & ich: Buffy Ettmeyer

»Eng wie ein Kondom«

Hans »Buffy« Ettmayer, der bullige Spaßfußballer aus Wien, über Initiationsriten mit Schuhcreme, geheime Vertragsverhandlungen mit Robert Schwan und einen Trainer, der ihn anflehte, mehr zu essen. Der Fußball, mein Leben & ich: Buffy Ettmeyer
Heft#120 11/2011
Heft: #
120

Hans Ettmayer, die Welt kennt Sie nur als »Buffy«, was auf tschechisch soviel bedeutet wie »Dickerchen«.

Hans Ettmayer: Den Namen verpasste mit der Trainer Leopold Stastny, der mich 1966 zu Wacker Innsbruck holte. Damals trugen alle Spieler irgendwelche Spitznamen.

Waren Sie denn damals ein Kraftpaket?

Hans Ettmayer: Kann man schon sagen. Zur aktiven Zeit wog ich bei einer Größe von 1,72 Meter immer zwischen 83 und 85 Kilo. Ich esse halt gern und besonders gern süß. Kuchen, Eis, Schokolade.

[ad]

Gesunde, profigerechte Ernäherung, wie Sie heute obligatorisch ist, war also nicht Ihr Ding.

Hans Ettmayer: Mit den heutigen Trainer hätte ich mich schon beim Frühstück in die Wolle gekriegt. Als ich in Stuttgart spielte, ordnete Trainer Hermann Eppenhoff im Trainingslager vor in Herzogenaurach an, ich solle abnehmen. Also hungerte ich mich auf 79,9 Kilo runter, die Mitspieler applaudierten. Doch beim ersten Freundschaftsspiel kickte ich wie der letzte Depp. Nach dem Abpfiff kam Eppenhoff und sagte: »Buffy, ich bitte Dich, friss wieder.«

Ihre Leibspeise zur aktiven Zeit?

Hans Ettmayer: Ein großes Filet, medium gebraten, mit soviel Sauce Béarnaise darüber, dass man kein Fleisch mehr sehen konnte.

Es heißt, Sie würden heute spielend 20 Kugeln Eis verdrücken.

Hans Ettmayer: Das ist übertrieben. Hier um die Ecke beim »Wachthaus«, einem guten Italiener, hau mir schon mal sieben, acht Kugeln rein. Und hinterher zwei auf die Faust.

Sie kokettieren mit Ihrer Körperfülle. Aber mal ehrlich, hat es Sie zumindest zur Profizeit nicht geärgert, wenn die Leute darüber witzelten?

Hans Ettmayer: Nein, es gibt aus meiner Perspektive nur gute und schlechte Spieler, nicht dicke oder dünne. Und ich war nie ein Spaghetti. Ich muss dem Stastny doch dankbar sein. Den Hans Ettmayer kennt doch kein Mensch. Aber wenn ich sage »Buffy«, wissen alle Bescheid. Der »Buffy« ist legendär.

Keine Schmähung, die Sie jemals genervt hat?

Hans Ettmayer: Nur einmal. In der Saison 1974/75 übernahm in der Albert Sing den abstiegsbedrohten VfB Suttgart. Ein Trainer vom alten Schlag, er kam mit meiner lockeren Art überhaupt nicht zurecht. Bei der Mannschaftsbesprechung stehe ich plötzlich nicht in der Startelf. Ich frage also: »Warum spiele ich nicht?« Sagt er: »Weil du zu dick bist!« »Ich habe schon immer so ausgesehen.« »Nein, es gibt Bilder, da warst Du dünner.« Darauf ich: »Das war dann wohl mit einer Schmalfilmkamer fotografiert.« Dafür brummte mir der Klub 1000 Mark Strafe auf.

Für Ihr loses Mundwerk sind Sie bis heute berühmt-berüchtigt.

Hans Ettmayer: Ich konnte meine Goschn eben nicht halten. Die Pointe an der Geschichte: Als eine Esslinger Firma für Einrichtungsgegenstände von der Strafe hörte, boten sie an, das Geld zu zahlen, und luden mich außerdem zu einer Autogrammstunde ein. Daraufhin erklärte ich öffentlich: »Wenn das so ist, mach ich ab jetzt jede Woche ‘nen Spruch, da verdiene ich mehr Geld als auf dem Platz« Das gab natürlich wieder Theater.

Das Publikum liebte Sie, die Trainer nur bedingt.

Hans Ettmayer: Als der VfB daheim verlor, kam natürlich raus, dass Sing mich für zu dick hielt. Ein Journalist schrieb: »Bei der Leistung hätte Ettmayer noch fünf Kilo zulegen können und wäre trotzdem bester Mann auf dem Platz gewesen.« Ich saß beim Spiel der Tribüne drei Reihen hinter Präsident Mayer-Vorfelder. Nach dem Schlusspfiff sangen die Fans: »Wir wollen unseren Buffy wieder haben.« Und ich stand auf und dirigierte.

 

Ihre ständigen Provokationen brachten Altmeister Albert Sing fast um den Verstand. Was war denn Ihr Problem mit ihm?

Hans Ettmayer: Seine Methoden waren mir ein Rätsel. Im Trainingslager kündigte er an, wir würden jetzt »Schbachtln« gehen. Schon wieder essen, fragte ich mich? Aber er öffnete den Kofferaum seines Autos und holte 20 Taschenmesser raus. Sag ich: »Was jetzt? Bringen mer uns gegenseitig um?« »Nein, wir spitzen damit Hölzl an.« Als schnitzen wir ein paar Stöcker an, die wurden in den Boden gesteckt und wir mussten sie uns gegenseitig rausschlagen. Ein Spiel für Kinder – und wir steckten mitten im Abstiegskampf.

Wie ging der Kleinkrieg weiter?

Hans Ettmayer: Nachdem der VfB ohne meine Beteiligung verloren hatte, konnte Sing nicht mehr auf mich verzichten. Im nächsten Spiel gegen den 1. FC Köln schoß ich beide Tore. Beim ersten laufe ich zur Bank und rufe ihm zu: »Zählt das Tor?« Fragt der Sing: »Warum denn nicht?« »Weil ich es geschossen habe, der Dicke!« Beim zweiten Treffer wollte ich das wieder machen, aber die Mitspieler haben mich zurück gehalten. Ich galt als Unruhestifter, als derjenige, der die Truppe aufstachelt. Noch vor Ende der Saison kam die Suspendierung – ohne nähere Angabe von Gründen.

Ihre Karriere begann im Jahr 1957 in der Jugend bei Austria Wien.

Hans Ettmayer: Wir waren Straßenfußballer und spielten im Stadtteil Ottakring im Zwinger. Manchmal kamen die Späher der großen Vereine vorbei. Ich wurde von Admira, von Wacker, von Rapid oder vom Wiener Sportklub zum Training eingeladen. Aber als ich dahin kam und die alten Spieler sah, habe ich es mit der Angst bekommen. Stellen Sie sich vor, Ernst Happel geht vor einem 10-Jährigen in die Kabine. Da bin ich zusammengezuckt.

Warum fiel es Ihnen bei Austria leichter?

Hans Ettmayer: Dort war »Tscharry« Vogel Jugendtrainer, der hatte im legendären »Wunderteam« gespielt. Als er mich im  Zwinger sah, kam er mit zu mir nach Hause und besprach mit meinem Vater, dass er mich fortan zum Training abholen würde. Nur mit ihm traute ich mich dahin.

Wieviel Taschengeld bekam ein Nachwuchstalent bei der Austria in den Fünfzigern?

Hans Ettmayer: Gar nichts. Wir bekamen Fahrscheine für die Straßenbahn. Dienstags beim Training ein Ticket für die Donnerstagseinheit und am Donnerstag zwei: eins für das Spiel am Wochenende und für das darauffolgende Training nächsten Dienstag.

Sie sind berühmt für Ihre Ballfertigkeit. Haben Sie die Technik in Wien erlernt?

Ich habe über sieben Jahre am Ballpendel trainiert. Am Anfang hat »Tscharry« Vogel ständig Einzeltraining mit mir gemacht. Kopfball, Spannstoß, Innenseite, links, rechts. Ich frage mich, warum das Pendel aus der Mode gekommen ist. Als ich letztens Kindern in einer Sportschule fragte, was das sei, sagte einer: »Da sind die Leute früher dran aufgehängt worden.«

Auch Ihr platzierter, harter Schuss war gefürchtet.

Hans Ettmayer: Als wir später mit dem VfB Stuttgart gegen den FC Bayern spielten, habe ich mir mal den Ball für einen Freistoß bei 35 Meter hingelegt. Der Bulle Roth sagt: »Sepp, solln mer ne Mauer stellen?« Darauf Sepp Maier: »Schmarrn, des sind 35 Meter.« Also habe ich draufgehalten, der Ball knallt an den Innenpfosten und von dort ins Tor. Bulle sagt: »Schön, Sepp, prima. Brauch mer halt koa Mauer.«

Ihre größte Schwäche war die Defensivarbeit.

Hans Ettmayer: Schon richtig, Grätschen ging bei mir gar nicht, aber die meisten Trainer waren gnädig, weil ich in der Offensive genug beizutragen hatte.

Es heißt, Sie hätten Ihre Fußballschuhe immer zwei Nummern zu klein getragen.

Hans Ettmayer: Ein Fußballschuh muss eng anliegen, wie ein Kondom am Zipfel. Für den Ball brauchts doch ein Gefühl. Ich bin immer vorn angestoßen beim Kaufen der Schuhe und anschließend mit den Dingern unter die Dusche gegangen. Dann dehnt sich das Leder automatisch.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie zu Höherem berufen waren?

Hans Ettmayer: In der Austria-Jugend wurde ich mit jeder Mannschaft Meister. Wir spielten meistens am Sonntagmorgen, während sich nebenan die Profis ausliefen. Wenn die Herren hinterher bei uns zuschauten, stand auch mein Vater unter ihnen. Er war ein guter Amateurspieler gewesen und hatte immer davon geträumt, Fußballer zu werden. Nun er bekam mit, wie die Profis von mir schwärmten. Da packte ihn der Ehrgeiz.

Aber mit 15 verliebten Sie sich in Ihre spätere Frau Susanna, mit der Sie inzwischen seit 43 Jahren verheiratet sind.

Hans Ettmayer: Das gab ein Drama bei uns zuhause. Ich fuhr mit ihr auf dem Mofa, mein Vater verfolgte uns im Auto. Als ich sie zuhause ablieferte, stand er schon da. Er stieg aus dem Wagen und sagte: »Ich dulde es nicht, dass mein Sohn eine Freundin hat.«

Und Ihre spätere Frau?

Hans Ettmayer: Die hat sich gleich ins Haus verdrückt – wir waren ja noch fast Kinder. Aber nicht mehr auseinander zu kriegen. Dem Fußball hat es auch nicht geschadet. Ich war ein Brocken, spielte vormittags in der Jugend- und nachmittags bei der Juniorenmannschaft.

Und mit 18 in der ersten Mannschaft.

Hans Ettmayer: Wieder mal sandte der Herrgott ein Zeichen. Die Verletztenliste war lang. Wir spielten gegen Sturm Graz. Es gab Eckball, ich habe mich gar nicht in den Strafraum reingetraut, weil da so viel los war. Ich war damals noch per Sie mit den Gegenspielern, so groß war der Respekt. Aber der Ball fliegt raus aus dem Sechzehner, ich hau drauf und wir gewinnen 1:0. Am nächsten Tag kaufte mein Vater alle Zeitungen, die er kriegen konnte. Als wir zum Training kamen, musste ich fünf Meter hinter ihm her gehen und die Leute sprachen ihn ehrfürchtig an: »Ist das dei Bur?«

 

Ein stolzer Patriarch. Waren Sie froh, als Leopold Stastny Sie mit 20 zu Wacker Innsbruck weglotste?

Hans Ettmayer: Meine letzte Watschn daheim hatte ich mit 19 gekriegt, ich musste um 20 Uhr zuhause sein. Als das Angebot kam, hat meine Mutter erstmal zum Heulen angefangen. Aber mein Vater hat die Chance erkannt.

Verglichen mit der Austria war Wacker jedoch eher ein Provinzverein.

Hans Ettmayer: Schon, aber ich war nicht sicher, ob ich mich in Wien durchsetzen würde. Es war eine junge Mannschaft. Ich war Vertragsspieler, arbeitete vormittags als Autolackierer und Schildermaler und verdiente umgerechnet 30 Mark im Monat.

Plus Prämien.

Hans Ettmayer: Aber die reichten gerade, um ein Magnum Mandel davon zu kaufen. In Innsbruck bekam ich auf einen Schlag 1500 Schilling Gehalt, rund 220 Mark.

Und Sie waren von Beginn an ein Star.

Hans Ettmayer: Wacker zahlte umgerechnet 10000 Mark Ablöse, sollte ich ich den Sprung zum Stammspieler schaffen, waren noch weitere 20 000 Schilling (rund 3000 Mark, d.Red.) vereinbart. Am 6. Spieltag spielten wir in Wien gegen Austria, gewannen mit 3:1 und die Presse wütete: »Wie kann man so einen Spieler verschenken.« Der Wacker-Präsident ging nach dem Spiel direkt zu den Kollegen von Austria und fragte: »Entschuldigt, kann ich euch das Geld gleich da lassen?«

Gab es in den österreischen Klubs der Sechziger noch spezielle Aufnahmerituale für neue Spieler?

Hans Ettmayer: In Innsbruck bekam jeder Neuling den Hintern mit Schuhcreme eingeschmiert und jeder Teamkollege durfte einmal ordentlich mit Hand auf die Backen batzeln.

Welche Rolle spielte Leopold Stastny für Ihren Durchbruch?

Hans Ettmayer: Er war der beste Trainer, unter dem ich je gespielt habe. Er wusste genau, wie er mich nehmen muss. Auch wenn es schwer war, ihn zu durchschauen. Einmal gewannen wir 5:2 gegen Admira, ich erzielte zwei Tore. Ich komme in die Kabine, um mich feiern zu lassen, und er sagt: »Mit diesem Scheiß werden Sie nicht weiterkommen.« Eine Woche später ginge wir hoffnungslos unter. Was sagt er? »So stelle ich mir Fußball vor.« Ja, sag, hab ich einen Vogel?

Was war seine besondere Stärke?

Hans Ettmayer: Er kannte sich aus mit Trainingslehre und hat mich eingebremst. Ich wollte nach den Einheiten immer noch Torschüsse machen. Da gab es dann Ärger: »Das machen Sie nicht, ich weiß genau, wie lange man trainieren soll. Schluss.« Er hat aus uns eine Mannschaft gemacht, die in Österreich alles weggefegt haben. Nach fünf Jahren wurde aus einem Abstiegskandidaten ein Meister.

Was unterschied ihn von ihrem späteren Stuttgarter Coach Branko Zebec?

Hans Ettmayer: Zebec war ein Tier. Perfekt in der Spielvorbereitung und in Sachen Taktik. Aber beim Training kannte er kein Maß.

Das heißt?


Hans Ettmayer: Wir haben Läufe um den Platz gemacht, die Länge sprinten, die Breite traben, Gehen gab es bei Zebec nicht. Was meinen Sie, wieviele Runden wir gedreht haben?

Sagen Sie es uns.

Hans Ettmayer: Zweiundsiebzig!! Und hinterher sagte er: »Jungs, sind wir gut warm, machen wir Spiel.« Da habe ich in meiner Wut eine Eckfahne genommen und mit dem spitzen Ende auf den Ball eingestochen. Sagt Zebec völlig unbeeindruckt: »Ball kaputt, gut, nehmen wir andere.« Aber auf meiner Gehaltsabbrechnung zog mir der Klub 40 Mark für den Ball ab.

Stimmt es, dass Sie schon beim FC Bayern unterschrieben hatten, ehe Sie 1971 zum VfB Stuttgart wechselten?

Hans Ettmayer: In Innsbruck lebten die Susi und ich in einer Zwei-Zimmer-Wohnung auf 60 Quadratmeter. Wir hatten kein Telefon, wenn ich wen anrufen wollte, musste ich zum Nachbarn oder auf die Post gehen. Eines Tages kommt die Nachbarin und sagt, da sei ein Telefon für mich. Es meldet sich ein Robert Schwan von Bayern München. Da sage ich: »Und hier ist der Udo Jürgens aus Klagenfurt.« Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Schwan bei mir anruft. Ich fuhr also hoch. Am Ende der Autobahn wartete ein weißer Mercedes, den sollte ich anblinken, damit er mich zum Haus von Präsident Neudecker eskortiert. Wie in einem Agentenfilm. Sie legten mir einen Vertrag auf den Tisch und versprachen auch ein bisschen Anthrazit…

Anthrazit?

Hans Ettmayer: Handgeld für die Unterzeichnung. Schwan sagte, ich solle mir den Vertrag in Ruhe durchlesen und wenn ich unterschreibe, wäre ich Bayern-Spieler. Und wenn nicht, dann wisse ich ja, wie es zurück zur Autobahn ging.

Und Sie haben unterschrieben?

Hans Ettmayer: Ich habe nur gesagt: »Herr Schwan, mich interessiert gar nicht, was dort steht. Wenn der FC Bayern mich haben will, unterschreibe ich blind. Aber in zwei Jahren sage ich, was ich verdienen möchte.« Natürlich unterschrieb ich. Aber Innsbruck wollte damals 275 000 Mark Ablöse haben. Das war stattlich. Bei Wacker war der Teufel los, so ähnlich wie jetzt auf Schalke als der Neuer wegging. Es ging hin- und her. Mein Pech aber war, dass Branko Zebec, der 1970 noch in München trainierte, kurz vor Ende der Saison gehen musste. Sein Nachfolger Udo Lattek brachte Rainer Zobel, Paul Breitner und Uli Hoeneß mit. Da war Fisch natürlich geputzt. Man riet mir, dass ich um eine Abfindung feilschen sollte, aber dazu hatte ich keine Lust. Kurz: Es zerschlug sich und Zebec holte mich ein Jahr später nach Stuttgart.

  

Wie kam es in Österreich an, dass Sie nach Deutschland wechselten?

Hans Ettmayer: Natürlich gab es Drohbriefe, aber das war mir wurscht. Die Bundesliga war die beste Liga in Europa. Der Kurs war eins zu sieben. Ich habe in Stuttgart dasselbe in Mark verdient, was ich in Innsbruck in Schilling bekam.

Statt mit Robert Schwan verhandelten Sie nun mit dem Stuttgarter Verleger und VfB-Präsident Hans Weitpert, dem »Lila Hans«.

Hans Ettmayer: So nannten sie ihn, weil er gefärbte Haare trug. Als ich zu ihm zur Vertragsunterzeichnung ins Verlagshaus kam, bat er mich am Eingang, die Schuhe auszuziehen. Wie bitte? Er brachte mir dann Plastiküberzüge, damit ich den Boden nicht dreckig mache.

Schon drei Wochen nach Ihrem Wechsel jubelte die »Stuttgarter Zeitung«: »Buffy – Jumbo-Jet von Stuttgart«. Anschlussprobleme kannten Sie wohl nicht.

Hans Ettmayer: Ich mache mir halt keinen Kopf. Nervosität auf dem Platz – das gab es bei mir nicht. Bis auf einmal.

Nämlich?

Hans Ettmayer: EM-Qualifikation 1972 mit Österreich gegen Italien in Wien. Elfmeter in der 86. Minute. Es steht 1:2. Das entscheidende Spiel. Die Kollegen sagten nur: »Der Trainer hat gesagt, Du sollst das machen.« Im Tor der Italiener: Enrico Albertosi. Ein Mann groß wie ein Haus, ich wusste überhaupt nicht, wohin ich schießen soll. Das Stadion röhrte, plötzlich brummte mir der Schädel. Ich sah noch im Anlaufen, wie der Torwart eine Ecke freimacht, aber zu spät. Ich war froh, dass ich überhaupt den Ball trag. Beim Golfen würden wir sagen, ein Sedlmayer-Put, ein Schüsschen. Aus. Ende. Das liegt mir heute noch im Ranzen. Eine Woche drauf spielen wir mit Wacker in Klagenfurt. Wieder gibt‘s Elfmeter. Kommt der Friedel Koncilia und sagt: »Machst’s noch mal wie gegen Italien?«

Ihr erstes Länderspiel absolvierten Sie 1968 auswärts gegen die Schweiz. Österreich unterlag mit 1:0.

Hans Ettmayer: Das Spiel wurde live übertragen, in der Halbzeit schickte mich der Trainer zum Warmlaufen auf den Platz. Aus Nervosität hau ich beim ersten Schuss voll in den Boden und lege mich lang – alles bei laufender Kamera. Das weiße Trikot war vollkommen verdreckt. Als ich in die Kabine kam, fragten die anderen, ob ich schon gespielt hätte. Dennoch habe ich anschließend 25 Länderspiele in Folge für Österreich gemacht.

1973 unterlagen Sie England mit 7:0.

Hans Ettmayer: Das alte Wembley-Stadion war eine Wiese. Beim Warmlaufen entschieden wir, mit Noppen zu spielen. Aber als wir aufliefen, hatten die Briten den Platz gewässert. Wir sind nur noch Schlittschuh gefahren. Die Presse schrieb: »Ettmayer und Starek gingen vor der Haupttribüne auf und ab und begrüßten die Queen.«

1975 wechselten Sie zum Hamburger SV, wo Dr. Peter Krohn als Manager den Fußball auf Show umzukrempeln versuchte.

Hans Ettmayer: Und deshalb holte er mich, er wollte einen, der Stimmung im Stadion macht. Krohn lud mich und meine Frau nach Hamburg ein. In seinem Büro fragte er nach meinen Gehaltsvorstellungen und ich habe noch ordentlich was draufgehauen. Er drückt nur gelangweilt auf die Gegensprechanlage und sagt zu seiner Sekretärin: »Bringen Sie die Verträge und eine Flasche Sekt mit drei Gläsern.« Ich hatte offenbar viel zu niedrig angesetzt.

Mit HSV-Coach Kuno Klötzer kamen Sie nicht zurecht.

Hans Ettmayer: Er wollte Winnie Schäfer haben, aber Krohn setzte sich durch. Im ersten Jahr lief es dennoch sehr gut, ich spielte vom Mittelfeld die langen Bälle auf die Flügel. Manni Kaltz rannte ständig die Außenlinie runter, kriegte den Ball in den Fuß und flankte auf Willi Reimann in der Mitte. Es lief so automatisch ab, dass Kaltz irgendwann sagte: »Buffy, mach mal halblang, sonst kriege ich einen Lungenriss.«

Im zweiten Jahr gewann der HSV den Europacup der Pokalsieger. Da waren Sie aber nicht mehr erste Wahl.

Hans Ettmayer: Es kam Felix Magath, ich knickte im Trainingslager um und konnte eine Zeitlang nicht spielen, so dass Felix an meinen Platz rückte.

Sie wechselten zum FC Lugano in die Schweiz.

Hans Ettmayer: Wie wohnten fürstlich in einem Penthouse am Berg mit einem Rundumblick. Das Drama aber war, dass alle außer mir halbtags in normalen Jobs steckten. Das Training fand um halb acht abends statt. Ich langweilte mich zu Tode, trank tagsüber 34 Cappucinos und war vom Nichtstun völlig fertig.

Buffy Ettmayer, was war der schönste Moment Ihrer Karriere?

Hans Ettmayer: Den gibt es nicht. Sein Hobby zum Beruf zu machen, ist etwas Wunderbares. Am Ende wurde ich beim SV Göppingen Spielertrainer und fand über den Klubssponsor einen Job als Disponent für Taschenbücher im Zeitschriftenhandel. Das war super, weil mich die Leute kannten und es in den Läden immer etwas zu erzählen gab. In kürzester Zeit hatte ich 102 Neukunden geworben.

Parallel waren Sie noch einige Jahre in der Landesliga Trainer der SpVgg Rommelshausen.

Hans Ettmayer: Die hatten mich überredet. Eigentlich wollt ich nur ein Jahr aushelfen, aber wir verpassten so knapp den Aufstieg, dass ich noch ein Jahr dränhängte. Wieder wurden wir nur Zweiter. Ich dachte, das kann doch nicht sein, also habe ich nochmal verlängert. Es musste doch klappen. Fünf Spieltage vor Schluss waren wir Erster. Ab da wurde nur noch verloren.

Was war das Problem?

Hans Ettmayer: Das fragte ich die Spieler. Die aber fragten nur zurück: »Trainer, weischt du wo Illetissen liegt?« Das lag etwa 130 Kilometer entfernt und war ihnen schlicht und einfach zu weit weg. Da verstand ich: Die wollten gar nicht aufsteigen.

Und deshalb haben Sie nie eine höhere Trainerkarriere angestrebt?

Hans Ettmayer: Ach was, aber ich war als Spieler sehr glücklich. Trainer ist nicht meins, das war mir immer klar. Denn wenn der Herrgott mich eines Tages zu sich holt, dann will ich im Bett sterben…

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nichts akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!