12.06.2011

Der Fußball, mein Leben & ich: Bernd Nickel

»Ich war Dr. Hammer«

Mittels seiner Schusskraft deckte er den Bundesligaskandal auf, als »Dr. Hammer« verwandelte er Ecken am liebsten direkt und bei Olympia 1972 lief er fast den Geiselnehmern in die Arme. Für die aktuelle Ausgabe von 11FREUNDE sprachen wir mit Bernd Nickel.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago


Obwohl Semlitsch und Schmitt beim Lokalrivalen Offenbacher Kickers spielten?

Die beiden waren die einzigen von dort, mit denen ich berfreundet war. Denn die Rivalität zu den Kickers war immer extrem. Bis heute scherze ich, dass ich nach Offenbach nur fahren würde, um dort Geld abzuholen. Sonst habe ich da nichts zu suchen. Wir haben auf dem »Bieberer Berg« oft verloren, weil einige Gegenspieler mit der Brechstange zu Werke gingen. Da gab es regelrechte Hassgefühle. Typen wie Manfred Ritschel, die langten nicht nur hin, die waren auch mit Sprüchen nicht zimperlich.  

Eine Intimfeindschaft sollen Sie auch zu Winfried Schäfer gepflegt haben.

Was heißt Feindschaft? Aber man weiß ja, dass Rotblonde immer etwas speziell sind…

Erst vor wenigen Jahren bekräftigten Sie, dass Sie nie wieder ins Offenbacher Stadion gehen würden.

Das hatte damit zu tun, dass mein Sohn Frank mit den Amateuren des VfL Marburg dort spielte. Wir beide wurden ziemlich bepöbelt. Auf der Fahrt nach Hause fuhren wir mit zwei Autos und wurden auch noch beide geblitzt. Da war ich so verärgert, dass ich verkündete, den Bieberer Berg nie mehr zu betreten.

Am 29. Mai 1971 erzielten Sie per Seitfallzieher in Offenbach ein »Tor des Monats«. Ein Treffer, der Ihr Leben veränderte.

Wenn ich das Tor nicht erzielt hätte, wären nicht die Kickers, sondern Eintracht abgestiegen. Und in dem Fall wäre ich zum FC Bayern gewechselt. Ich hatte mit Bayern-Manager Robert Schwan und Trainer Udo Lattek schon alles ausgehandelt.

Die beiden hatten Sie vorher in Frankfurt besucht?

Nein, wir hatten uns nach einem Spiel der Bayern in Düsseldorf in einem Hotel getroffen. In München hätte ich deutlich mehr Geld verdient, aber im Endeffekt war ich froh, dass ich in Frankfurt bleiben konnte. Ich hatte mich ja gerade erst eingelebt.
Sie waren schon fünf Jahre in Frankfurt. Das stimmt, aber es war mein Klub. Ich fühlte mich dort zuhause.  

Sie wollten also gar nicht weg?

So ging es damals vielen: die Kölner blieben in Köln, die Münchner bei den Bayern und wir Hessen spielten eben für die Eintracht.

Hatten Sie in Ihrer Laufbahn noch andere Angebote?

In Braunschweig hätte ich 10.000 Mark im Jahr mehr als in Frankfurt verdienen können. Aber für das Geld wäre ich doch nicht ins Zonenrandgebiet gezogen. 1979 fragte auch mal Atletico Madrid an, aber die Eintracht wollte 1,2 Millionen Mark Ablöse haben, was die Spanier natürlich nicht bezahlten.

Kurz nachdem Sie 1971 in Offenbach gewonnen hatten, machte Kickers-Präsident Horst-Gregorio Canellas den Bundesligaskandal öffentlich.

Wenn ich das Tor damals nicht erzielt hätte, garantiere ich Ihnen: Dann wäre der Skandal nie öffentlich geworden.  

Haben Sie etwas von dem Skandal geahnt?

Ich war ein junger Spieler, ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich jemand fürs Verlieren bezahlen lässt. Allerdings erinnere ich mich an ein Gespräch mit Willi Konrad, dem damaligen Geschäftsführer der Offenbacher. Er sagte sehr selbstbewusst, wo seine Mannschaft überall gewinnen werde. Ich fragte mich damals, wie er da so sicher sein konnte. Später kam dann raus, dass er der Mann war, der mit dem Geldkoffer reiste.

Ein Highlight Ihrer Karriere in der Nationalmannschaft der Amateure war Olympia 1972 in München.

Wir wohnten im olympischen Dorf. Die Atmosphäre im neugebauten Stadion war einzigartig. Aber dann bekamen wir die Geiselnahme der israelischen Sportler hautnah mit.

Am 5. September 1972 nahm eine palästinensische Terrororganisation elf Mitglieder der israelischen Delegation als Geiseln.

Wir wohnten vielleicht achtzig Meter von dem Haus entfernt, wo es sich ereignete. Anfangs bekamen wir gar nichts  mit, es hieß, es habe einen Zwischenfall gegeben, aber alles sei glimpflich abgegangen. Aber am nächsten Tag ging es richtig los. Als wir morgens zum Essen gingen, konnten wir sehen, wie dort auf dem Balkon die vermummten Attentäter herumstanden.

Waren Sie nicht angehalten, in Ihren Zimmer zu bleiben?

Nein, da gab es keine Auflagen. Uli Hoeneß und ich wollten sogar etwas genauer wissen, was da passierte. Wir sind in die Tiefgarage gegangen und konnten von der Treppe aus sehen, wie dort der Bus mit den Geiseln abfuhr. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die uns gesehen hätten.

Erich Ribbeck war Trainer in Frankfurt, als Sie 1968/69 erstmals alle 34 Bundesligaspiele für die Eintracht absolvierten. Hat er Sie besonders geprägt?

Nein, er ließ nur sehr hart trainieren. Wenn wir verloren, haben wir drei Tage keinen Ball gesehen. Es war eine Quälerei. Mit Horst Heese auf dem Knick – also Huckepack – die Stadiontreppe hoch und Ribbeck stand oben mit der Stoppuhr. Das würde sich heute kein Trainer mehr erlauben.

Gab es andere Trainer, die Ihrer Karriere einen besonderen Schub gegeben haben?

Nach fünf Jahren unter Ribbeck kam Dietrich Weise. Er machte ein ganz anderes Training: mehr spielerische Elemente, Torschusstraining in Verbindung mit Laufeinheiten. Wir spielten offensiver und dieselbe Mannschaft, die vorher im Schnitt 40 Tore erzielt hatte, machte plötzlich um die achtzig pro Saison.

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