Der Fußball, mein Leben & ich: Bernd Nickel

»Ich war Dr. Hammer«

Mittels seiner Schusskraft deckte er den Bundesligaskandal auf, als »Dr. Hammer« verwandelte er Ecken am liebsten direkt und bei Olympia 1972 lief er fast den Geiselnehmern in die Arme. Für die aktuelle Ausgabe von 11FREUNDE sprachen wir mit Bernd Nickel. Der Fußball, mein Leben & ich: Bernd Nickel
Heft#115 06/2011
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Bernd Nickel, Sie mussten nie irgendwo abschreiben, um einen Doktortitel zu erlangen, Ihre Schusskraft reichte völlig. Wann aber wurden Sie zu »Dr. Hammer«?

Schon relativ früh. Als ich 1967/68 zu den Profis von Eintracht stieß, stand Hans Tilkowski im Tor. Ihm fiel auf, dass ich mit einem strammen Linksschuß ausgestattet war und er gab mir diesen Spitznamen. Das bekamen bald auch die Reporter mit. Und als ich mit einem ordentlichen Wumms in der Bundesliga einen Treffer erzielte, machten die Zeitungen den Namen in ganz Deutschland bekannt.

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Haben Sie den Schuss speziell trainiert?

Nein, den hatte ich schon immer. Vielleicht sorgt meine Statur für eine besondere Hebelwirkung, die einen harten Schuss erleichtert.

Aber die Schusspräzision muss Ihnen jemand beigebracht haben?

In meiner Jugend haben wir uns sowas selbst erarbeitet. Ich komme vom Dorf, aus Eisemroth in Hessen. Zuhause hatten wir ein riesiges Scheunentor. Da habe ich den ganzen Tag draufgeballert und mir dabei bestimmte  Aufgaben gestellt. Die Scheune ist heute längst abgerissen. Wahrscheinlich, weil das Holztor morsch war...

Was denn für Aufgaben?

Ich suchte Punkte oder Kästen an der Wand, die ich treffen wollte. Und dann wurde so lange geübt, bis ich es im Schlaf beherrschte. Hinzu kam, dass es sich mein Vater nicht leisten, mir ständig neue Fußballschuhe zu kaufen. Also schoss ich mit Straßenschuhen – bis die komplett hinüber waren.

Förderte Ihr Vater Ihre Fußballleidenschaft?

Eher mein Onkel. Er hatte in Eisemroth die Vereinskneipe, wo während der Weltmeisterschaft 1954 der einzige Fernseher im Dorf stand.

Die WM war für Sie die Initialzündung.

Ein unvergessliches Erlebnis. Ich war ein kleiner Junge, die Kneipe gerammelt voll und wenn ein Spiel übertragen wurde, durfte ich auf dem Boden sitzen und zuschauen. Sie können sich vorstellen, wie die Stimmung war, als Deutschland den Titel gewann.

Sie sind gewissermaßen unter Fußballer aufgewachsen.

Der SV Eisemroth hatte damals noch kein Klubhaus. Die Fußballer der ersten Mannschaft konnten sich nach den Spielen nicht duschen. Vor Tür wuschen sie sich kurz unterm Wasserhahn den gröbsten Dreck ab und kamen in kurzen Hosen in die Wirtschaft.

Mit Ihren fussballerischen Qualitäten waren Sie in Eisemroth bestimmt schon früh ein Star.

Ich war ziemlich schüchtern. Da wir nicht so viele Nachwuchsspieler hatten, spielte ich bereits mit 13 in der A-Jugend. Als ich später meine Lehre zum Fernmeldetechniker in Giessen machte, habe ich dort beim VfB mal mittrainert. Die Mannschaft bereitete sich gerade auf ein wichtiges Spiel vor und der Trainer sagte, ich solle hinterm Tor den Ball hochhalten. Aber nach einiger Zeit merkte ich, dass er mich gar nicht beachtete. Also hörte ich auf, packte meine Sachen und ging nie wieder hin.

Zum Glück, denn statt zum VfB Giessen wechselten Sie 1966 zu Eintracht Frankfurt.

Mein Onkel hatte angerufen und gefragt, ob ich mal zum Probetraining kommen dürfe. Sowas wäre heute unvorstellbar: Die haben mich gleich bei der ersten Mannschaft mittrainieren lassen.

Und Ihnen rutschte das Herz in die Hose?

Mein Vater fuhr mich hin. Schon kurz hinter Wetzlar bekam ich Herzklopfen. Als ich dann den Eintracht-Bogen am Eingang zum Riederwald sah, blieb mir das Herz fast stehen. Und dann sah ich den Willi Huberts und die Größen, die ich bis dato nur aus dem Fernsehen kannte, und durfte mit ihnen trainieren.

Aber es lief ganz gut.

Trainer Elek Schwartz sagte, ich könne was. Also wurde ich zu einem Turnier mit den Junioren in Rotterdam eingeladen. Bernd Hölzenbein und ich fuhren als einzige Gastspieler mit. Der Holz stammt aus Dehrn, was etwa 50 Kilometer von Eisemroth entfernt ist. An diesem Tag begann unsere Freundschaft. Dabei hätten wir es beinahe gar nicht nach Rotterdam geschaft.

Warum denn nicht?

Ein Eintracht-Betreuer hatte uns gesagt, dass wir in Limburg an der Raststätte auf den Bus warten sollten. Und da standen wir, Bernd und Bernd, mit unseren Vätern, die zufällig auch beide Alfred hießen, und warteten.

Die Eintracht hatte Sie vergessen.

Nein, der Bus hatte lediglich eine Stunde Verspätung. Ich war froh, dass der Holz da war und wir uns unterhalten konnten, denn ich grübelte, wie ich mich verhalten solle, wenn ich in den Bus steige: Sollte ich jeden per Handschlag begrüßen oder nur lässig vorbei gehen. So schüchtern war ich damals.     

Dennoch wurden Sie nach dem Turnier verpflichtet.

Wir spielten gegen Tottenham Hotspur oder Feyenoord Rotterdam. Meine Schusskraft half mir, ein paar Tore zu erzielen. Der Juniorentrainer sagte, dass er mich haben wolle. Ich kam zurück nach Eisemroth und erzählte stolz, dass ich zur Eintracht wechseln würde. Und dann hörte ich wochenlang nichts mehr.

Kriegten die Frankfurter kalte Füße?

Das Problem war, dass der Jugendcoach unmittelbar nach dem Turnier den Klub verließ. Er war der Einzige, der meine Telefonnummer und Adresse hatte.  

Warum fragten Sie nicht nach?

Dazu war ich viel zu schüchtern. Also rief nach drei Wochen mein Onkel an und fragte, was los sei. Er bekam gleich den damaligen Geschäftsführer, Jürgen Gerhardt, an den Hörer. Der sagte: »Gott sei Dank, dass Sie sich melden, wir suchen den Herrn Nickel schon ewig, wir hatten keine Kontaktdaten.«



Hatten Sie damals ein Idol?

Ich war schon als Kind Eintracht-Fan. Die Meistermannschaft von 1959 bedeutete mir sehr viel – und die Dribblings und Tore von István Sztani haben mir imponiert.

Mit 17 zogen Sie vom Dorf in die Mainmetropole. Wie lief das Leben für ein Landei wie Sie dort ab?

Im ersten Jahr hatte ich ein Zimmer in der Wohnung einer 70-jährigen Frau. Da gab es keine Dusche, nur einen Schrank und ein Bett. Nach einem Jahr zog ich ins Klubhaus am Riederwald, wo ich auf einer ausklappbaren Couch schlief. Bald darauf zogen dort auch Charly Körbel und Peter Reichel ein.

Nebenbei arbeiteten Sie als Fernmeldetechniker.

Mir blieb nichts anderes übrig, denn am Anfang bei den Eintracht-Amateuren wurde nur das Zimmer bezahlt und für jedes Heimspiel bekam ich acht Mark und vierzehn für ein Auswärtsmatch.

1967 erhielten Sie Ihren ersten Profivertrag.

Und es wurde finanziell besser: Neben dem monatlichen Grundgehalt von 1250 Mark gab es Siegprämien von 250 Mark. Für ein Unentschieden gab es die Hälfte und für Niederlagen nichts. Dazu bekam jeder Spieler 10 000 Mark brutto Handgeld pro Saison.

Eintracht Frankfurt eilt der Ruf der »launischen Diva« voraus. Auch damals schon?

Das Launische war immer da. Ich habe zwischen 1968 und 1983 nur ein Heimspiel gegen den FC Bayern verloren. Damals waren unsere Prämien noch an die Zuschauerzahlen gekoppelt. Gegen den FC Bayern gab es also die höchste Prämie. Aber wenn wir zwei Wochen später gegen den Tabellenletzten aus Oberhausen spielten, konnten wir auch sang- und klanglos untergehen.

Gemeinsam mit Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein bildeten Sie schon bald eine glorreiche Eintracht-Trias. Was war Ihr Erfolgsgeheimnis?

Dass wir uns immer gut verstanden haben. Jeder von uns wusste genau, wie der andere tickt, wir haben blind miteinander kombiniert. Dieses blinde Verständnis führte mitunter sogar dazu, dass es Krach mit den anderen gab.

Was passte denen denn nicht?

An manchen Tagen haben wir es übertrieben. Dann spielte ich mit Grabi oder Holz nicht nur den einfachen oder doppelten Doppelpass, sondern den drei- oder vierfachen. Und wenn wir dann hängenblieben, waren die besser postierten natürlich sauer. Einmal haben wir ein Freundschaftspiel gegen den SV Hattersheim mit 30:0 gewonnen. Da habe ich zehn Tore erzielt, der Grabi elf. Peter Reichel war stinksauer, weil wir so selten abgespielt hatten.

Was entgegneten Sie ihm?

»Peter, warum soll ich Dir den Ball zuspielen? Da ist er doch gleich wieder fort.« (lacht)

Dabei wurde Ihnen nachgesagt, dass Sie nicht besonders laufstark seien.

Den Vorwurf musste ich mir immer wieder anhören, aber, wissen Sie, ich war in der Lage, einen Pass über 60 Meter so zu spielen, dass er auf den Zentimeter genau beim Mitspieler ankommt. Jetzt frage ich Sie: Wie soll man einen Pass aus der eigenen Hälfte an den gegnerischen Strafraum spielen und gleichzeitig dort sein, wo er landet?  
Sie sind bis heute der Mittelfeldspieler mit den meisten Bundesligatoren: in 426 Spielen haben Sie 141 Mal getroffen. Sie waren schwer zu stoppen.

Das ging schon. Ich kann mich an ein Spiel gegen Gladbach erinnern, da hat Uli Stielike mich sogar bis an meinen eigenen Strafraum verfolgt, der wäre wahrscheinlich bis zur Toilette mitgelaufen. Das machte keinen Spaß. Man »spielt« doch Fußball, aber das ließ der Stielike nicht zu.

Ihr unangenehmster Gegenspieler?

Nein, da gab es deutlich schlimmere.

Zum Beispiel?

Sepp Pointek von Werder Bremen. Ich erinnere mich an ein Spiel, da stand das Wasser zentimeterhoch auf dem Platz. Nach drei Minuten hat der mich dermaßen umgesäbelt, dass ich ihm fortan aus dem Weg gegangen bin.

Trotz Ihrer beeindruckenden Bilanz haben Sie nur ein Länderspiel absolviert: Sie wurden beim EM-Qualifikationsspiel gegen Malta im Dezember 1974 eingewechselt.

Helmut Schön sagte einmal zu mir: »Bernd, Du musst noch beständiger werden.« Dabei hatte ich gerade in zwei aufeinanderfolgenden Spielen drei Tore gemacht. Was konnte noch mehr machen? Kurz: Der Bundestrainer hatte seine Leute im Mittelfeld, an denen hielt er fest. Da hätte ich noch 50 Tore schießen können, es half alles nichts.

Dafür bestritten Sie für die Amateurnationalmannschaft 41 Länderspiele. Anfangs war Udo Lattek dort Ihr Coach.

Mit ihm hatten wir viel Spaß. Nach den Spielen traf sich immer der harte Kern mit ihm auf ein Bier an der Hotelbar.

Gehörte zum »harten Kern« auch Ihr Mitspieler Uli Hoeneß?

Uli war eher ein Eigenbrötler im Team. Aber mit Horst Schmidt, dem Schiedsrichterbetreuer des DFB, Erhard Ahmann, Dieter Mietz, Niko Semlitsch und Egon Schmitt konnte man viel Spaß haben.



Obwohl Semlitsch und Schmitt beim Lokalrivalen Offenbacher Kickers spielten?

Die beiden waren die einzigen von dort, mit denen ich berfreundet war. Denn die Rivalität zu den Kickers war immer extrem. Bis heute scherze ich, dass ich nach Offenbach nur fahren würde, um dort Geld abzuholen. Sonst habe ich da nichts zu suchen. Wir haben auf dem »Bieberer Berg« oft verloren, weil einige Gegenspieler mit der Brechstange zu Werke gingen. Da gab es regelrechte Hassgefühle. Typen wie Manfred Ritschel, die langten nicht nur hin, die waren auch mit Sprüchen nicht zimperlich.  

Eine Intimfeindschaft sollen Sie auch zu Winfried Schäfer gepflegt haben.

Was heißt Feindschaft? Aber man weiß ja, dass Rotblonde immer etwas speziell sind…

Erst vor wenigen Jahren bekräftigten Sie, dass Sie nie wieder ins Offenbacher Stadion gehen würden.

Das hatte damit zu tun, dass mein Sohn Frank mit den Amateuren des VfL Marburg dort spielte. Wir beide wurden ziemlich bepöbelt. Auf der Fahrt nach Hause fuhren wir mit zwei Autos und wurden auch noch beide geblitzt. Da war ich so verärgert, dass ich verkündete, den Bieberer Berg nie mehr zu betreten.

Am 29. Mai 1971 erzielten Sie per Seitfallzieher in Offenbach ein »Tor des Monats«. Ein Treffer, der Ihr Leben veränderte.

Wenn ich das Tor nicht erzielt hätte, wären nicht die Kickers, sondern Eintracht abgestiegen. Und in dem Fall wäre ich zum FC Bayern gewechselt. Ich hatte mit Bayern-Manager Robert Schwan und Trainer Udo Lattek schon alles ausgehandelt.

Die beiden hatten Sie vorher in Frankfurt besucht?

Nein, wir hatten uns nach einem Spiel der Bayern in Düsseldorf in einem Hotel getroffen. In München hätte ich deutlich mehr Geld verdient, aber im Endeffekt war ich froh, dass ich in Frankfurt bleiben konnte. Ich hatte mich ja gerade erst eingelebt.
Sie waren schon fünf Jahre in Frankfurt. Das stimmt, aber es war mein Klub. Ich fühlte mich dort zuhause.  

Sie wollten also gar nicht weg?

So ging es damals vielen: die Kölner blieben in Köln, die Münchner bei den Bayern und wir Hessen spielten eben für die Eintracht.

Hatten Sie in Ihrer Laufbahn noch andere Angebote?

In Braunschweig hätte ich 10.000 Mark im Jahr mehr als in Frankfurt verdienen können. Aber für das Geld wäre ich doch nicht ins Zonenrandgebiet gezogen. 1979 fragte auch mal Atletico Madrid an, aber die Eintracht wollte 1,2 Millionen Mark Ablöse haben, was die Spanier natürlich nicht bezahlten.

Kurz nachdem Sie 1971 in Offenbach gewonnen hatten, machte Kickers-Präsident Horst-Gregorio Canellas den Bundesligaskandal öffentlich.

Wenn ich das Tor damals nicht erzielt hätte, garantiere ich Ihnen: Dann wäre der Skandal nie öffentlich geworden.  

Haben Sie etwas von dem Skandal geahnt?

Ich war ein junger Spieler, ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich jemand fürs Verlieren bezahlen lässt. Allerdings erinnere ich mich an ein Gespräch mit Willi Konrad, dem damaligen Geschäftsführer der Offenbacher. Er sagte sehr selbstbewusst, wo seine Mannschaft überall gewinnen werde. Ich fragte mich damals, wie er da so sicher sein konnte. Später kam dann raus, dass er der Mann war, der mit dem Geldkoffer reiste.

Ein Highlight Ihrer Karriere in der Nationalmannschaft der Amateure war Olympia 1972 in München.

Wir wohnten im olympischen Dorf. Die Atmosphäre im neugebauten Stadion war einzigartig. Aber dann bekamen wir die Geiselnahme der israelischen Sportler hautnah mit.

Am 5. September 1972 nahm eine palästinensische Terrororganisation elf Mitglieder der israelischen Delegation als Geiseln.

Wir wohnten vielleicht achtzig Meter von dem Haus entfernt, wo es sich ereignete. Anfangs bekamen wir gar nichts  mit, es hieß, es habe einen Zwischenfall gegeben, aber alles sei glimpflich abgegangen. Aber am nächsten Tag ging es richtig los. Als wir morgens zum Essen gingen, konnten wir sehen, wie dort auf dem Balkon die vermummten Attentäter herumstanden.

Waren Sie nicht angehalten, in Ihren Zimmer zu bleiben?

Nein, da gab es keine Auflagen. Uli Hoeneß und ich wollten sogar etwas genauer wissen, was da passierte. Wir sind in die Tiefgarage gegangen und konnten von der Treppe aus sehen, wie dort der Bus mit den Geiseln abfuhr. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die uns gesehen hätten.

Erich Ribbeck war Trainer in Frankfurt, als Sie 1968/69 erstmals alle 34 Bundesligaspiele für die Eintracht absolvierten. Hat er Sie besonders geprägt?

Nein, er ließ nur sehr hart trainieren. Wenn wir verloren, haben wir drei Tage keinen Ball gesehen. Es war eine Quälerei. Mit Horst Heese auf dem Knick – also Huckepack – die Stadiontreppe hoch und Ribbeck stand oben mit der Stoppuhr. Das würde sich heute kein Trainer mehr erlauben.

Gab es andere Trainer, die Ihrer Karriere einen besonderen Schub gegeben haben?

Nach fünf Jahren unter Ribbeck kam Dietrich Weise. Er machte ein ganz anderes Training: mehr spielerische Elemente, Torschusstraining in Verbindung mit Laufeinheiten. Wir spielten offensiver und dieselbe Mannschaft, die vorher im Schnitt 40 Tore erzielt hatte, machte plötzlich um die achtzig pro Saison.



Die Eintracht wechselte sehr häufig die Trainer. An welchen Coach haben Sie sonst noch gute Erinnerungen?

Gyula Lorant brachte uns in einer verkorksten Saison die Hierarchie zurück. Unter Hans Dieter Roos waren wir drauf und dran abzusteigen, als dann Lorant kam, verloren wir 23 Mal in Folge nicht mehr.

Was machte er anders?

Er galt als sehr harter Trainer, hatte vorher auch in Offenbach gearbeitet. Aber Grabi und ich fanden einen Draht zu ihm und sprachen ihn auf sein Image an. Da sagte er: »Was soll ich machen? In Offenbach habe ich Spieler, die sind wie Rennpferde. Rennpferde müssen laufen. Aber ihr, ihr könnt spielen Fußball!«

In der Saison 1973/74 fielen Sie mit einer Knöchelverletzung für vier Monate aus.

Ich wurde von der Eintracht zu etlichen Ärzten geschickt, aber keiner konnte mir helfen. Schließlich bin ich auf eigene Faust zu einem Spezialisten gegangen, der feststellte, das es sich lediglich um entzündetes Gewebe handelte. Nach seiner Operation war ich innerhalb von sechs Wochen wieder fit, vorher konnte ich ein halbes Jahr nicht fest auftreten. Damals gab es Hinweise, dass einige Funktionäre es ganz gerne gesehen hätten, wenn ich Sportinvalide geworden wäre.

Aber wieso? Sie waren doch ein 25-jähriger Leistungsträger.

Für einen Invaliden hätte die Versicherung dem Verein 100.000 Mark gezahlt. Und die Eintracht war schon immer sehr knapp bei Kasse. Für mich war es sehr enttäuschend, wie die Leute anfingen, einen Profi zu ignorieren, der verletzt ist. Ich plante in dieser Zeit gerade meine Hochzeit. Gehälter wurden nicht pünktlich gezahlt. Ich war verletzt und fragte, wann ich mit dem Geld rechnen könne, aber es dauerte ewig bis der Verein überwies.

In der Saison 1978/79 hatten Sie innerhalb eines Jahres in beiden Beinen einen Achillessehenriss.

Das war deprimierend, weil ich auch nicht mehr der Jüngste war. Im ersten Saisonspiel auf Schalke riss ich mir die Sehne im rechten Fuß. Aber ich wollte spielen, deswegen war ich schon vor Weihnachten wieder einsatzbereit. Weil ich diese Verletzung nicht ausheilen ließ, leide ich bis heute darunter. Zu allem Überfluss trat ich noch im Dezember in einem Vorbereitungsspiel wieder an – und riss mir die linke Achillessehne. Danach habe ich bis Saisonende nicht mehr gespielt.

Solche Verletzungen können auch heute noch das Karriereende für einen Profi bedeuten. Sie müssen mit einem besonderen Willen ausgestattet sein.

Den Willen meine Ziele zu erreichen, hatte ich schon immer. Als ich damals aus Eisemroth nach Frankfurt ging, musste ich mich allein deshalb durchsetzen, weil ich es als Riesenblamage empfunden hätte, wenn die Eintracht mich abgelehnt hätte.

Welche Ziele hatten Sie sonst noch?

Ich wollte Profi werden, ein Haus bauen, Mercedes fahren und einen Sohn zeigen – das habe ich alles erreicht. Ich habe sogar zwei Söhne gezeugt. (lacht)

1980 haben Sie mit der Eintracht auch den UEFA-Cup gewonnen. Neben drei Erfolgen im DFB-Pokal Ihr größter Triumph als Profi.

Aber damit ging langsam auch eine Eintracht-Ära zuende. Die Stimmung zwischen Mannschaft und Trainer Friedel Rausch war sehr schlecht. Grabi war durch das Foul von Lothar Matthäus schon nicht mehr dabei. Rausch wollte den Holz, obwohl er Kapitän war, zwanzig Minuten vor Schluss auswechseln. Beim Bankett nach dem Spiel saßen wir in der einen Ecke und der Coach mit seinem Clan in der anderen.

Und trotzdem gelang Ihnen der größte Erfolg in der Vereinsgeschichte.

Weil der Zusammenhalt auf dem Platz stimmte. Mit Willi Neuberger, Bruno Pezzey, Charly Körbel und dem Holz zogen wir die anderen Spieler mit.



Wenn Sie Ihre 426 Bundesligaspiele Revue passieren lassen: Gibt es ein Spiel, auf das sie besonders stolz sind?

Wir haben den FC Bayern im November 1975 zuhause mit 6:0 geschlagen. Es war auch deshalb ein besonderes Spiel, weil ich gegen Sepp Maier einen Eckball direkt verwandelt habe. Das ist mir im Waldstadion übrigens aus allen vier Ecken gelungen.

Ein Rekord für die Ewigkeit. Wissen Sie noch von welcher Ecke Sie gegen welchen Klub trafen?

Wenn Sie von der Haupttibüne aufs Spielfeld schauen, traf ich gegen die Bayern von links unten. Gegen den 1.FC Kaiserlautern und Ronnie Hellström von links oben. Gegen Fortuna Düsseldorf verwandelte ich einem Eckball direkt von oben rechts. Das war allerdings etwas glücklich, weil Charly Körbel zum Kopfball ansetzte, den Ball nicht richtig traf und er ins Tor trudelte. Und von unten rechts traf ich gegen Hermann Rülander bei unserem 9:2 Sieg über Werder Bremen im Jahr 1981. Gegen ihn habe ich erst vor zwei Jahren Golf gespielt und er sagte: »Wusstest Du eigentlich, dass Du mir die Karriere gekostet hast?« Nach dem Spiel hat ihn Otto Rehhagel nie mehr aufgestellt.

Wie kommt es, dass Sie so viele Ecken direkt verwandelt haben?

Ich hielt immer mit vollem Risiko drauf. Die Kollegen waren öfter mal sauer, wenn der Ball anstatt aufs Tor aufnahmsweise dahinter ging.

Haben Sie diesen Eckentorschuss speziell trainiert?

Hier kam mir wieder mein Schusstraining aufs Scheunentor zugute. Denn in den damaligen Stadien waren Ecken noch schwieriger zu schießen, weil der Schütze von der Aschenbahn aus anlief, dann auf den Rasen übertrat und dort höchstens zwei Schritte bis zum Ball hatte. Heute ist in den Stadien alles eben.

Wie trainiert man einen Eckentorschuss?

Freitags vor dem Spiel habe ich immer 30, 40 Eckstöße geschossen. Im Tor stand Jürgen Pahl, im Strafraum die Abwehr- und Angriffsformationen und ich haute drauf – mit Außenrist oder Vollspan.

Da brauchten die Kollegen aber reichlich Geduld.

Ich erinnere mich an ein Spiel gegen Schalke 04. Wir liegen 2:0 im Parkstadion zurück. Es gibt Eckball, vor mir steht Branko Oblak, sieben, acht Meter entfernt. Ich ziehe mit Vollspann ab, Oblak kriegt den Ball an den Oberschenkel und er geht ins Aus. Nächste Ecke. Ich schieße erneut aufs Tor, wieder treffe ich den Schalker – und wieder gibt es Ecke. So ging es ein paar Mal. Hinterm Tor stand ein Fotograf aus Frankfurt, dem rief ich zu: »Wenn der Oblak nicht aus dem Weg geht, schieß ich hier noch bis viertel nach fünf Eckbälle.«

Und Ihre Mitspieler?

Grabi zeigte mir im Strafraum einen Vogel und ging zurück an die Mittellinie. Aber ich habe den Ball dann doch irgendwie in den Strafraum bekommen. Der Holz steht am zweiten Pfosten und haut das Ding rein. Am Ende sind wir mit einem 3:2-Sieg nach Hause gefahren.

Bernd Nickel, warum sind Sie nie Trainer geworden?

Tja, warum? Vielleicht hat mir der Mut gefehlt. Ich war nie jemand, der die Öffentlichkeit gesucht hat – und ohne das geht es heute als Trainer nicht. In meiner Karriere bin ich dreimal »Torschütze des Monats« geworden, aber ich war nicht einmal im Fernsehen, um meine Medaille abzuholen.

Warum nicht?

Ich wollte nicht. Deswegen bin ich auch überzeugt, dass mein Tor in Offenbach 1971, das bei der Wahl zum »Tor des Jahres« den  zweiten Platz belegte, in Wahrheit gewonnen hat. Die mussten einen anderen Treffer auszeichnen, weil sie ahnten, dass ich nicht persönlich in der »Sportschau« erscheinen würde.

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