12.06.2011

Der Fußball, mein Leben & ich: Bernd Nickel

»Ich war Dr. Hammer«

Mittels seiner Schusskraft deckte er den Bundesligaskandal auf, als »Dr. Hammer« verwandelte er Ecken am liebsten direkt und bei Olympia 1972 lief er fast den Geiselnehmern in die Arme. Für die aktuelle Ausgabe von 11FREUNDE sprachen wir mit Bernd Nickel.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago


Hatten Sie damals ein Idol?

Ich war schon als Kind Eintracht-Fan. Die Meistermannschaft von 1959 bedeutete mir sehr viel – und die Dribblings und Tore von István Sztani haben mir imponiert.

Mit 17 zogen Sie vom Dorf in die Mainmetropole. Wie lief das Leben für ein Landei wie Sie dort ab?

Im ersten Jahr hatte ich ein Zimmer in der Wohnung einer 70-jährigen Frau. Da gab es keine Dusche, nur einen Schrank und ein Bett. Nach einem Jahr zog ich ins Klubhaus am Riederwald, wo ich auf einer ausklappbaren Couch schlief. Bald darauf zogen dort auch Charly Körbel und Peter Reichel ein.

Nebenbei arbeiteten Sie als Fernmeldetechniker.

Mir blieb nichts anderes übrig, denn am Anfang bei den Eintracht-Amateuren wurde nur das Zimmer bezahlt und für jedes Heimspiel bekam ich acht Mark und vierzehn für ein Auswärtsmatch.

1967 erhielten Sie Ihren ersten Profivertrag.

Und es wurde finanziell besser: Neben dem monatlichen Grundgehalt von 1250 Mark gab es Siegprämien von 250 Mark. Für ein Unentschieden gab es die Hälfte und für Niederlagen nichts. Dazu bekam jeder Spieler 10 000 Mark brutto Handgeld pro Saison.

Eintracht Frankfurt eilt der Ruf der »launischen Diva« voraus. Auch damals schon?

Das Launische war immer da. Ich habe zwischen 1968 und 1983 nur ein Heimspiel gegen den FC Bayern verloren. Damals waren unsere Prämien noch an die Zuschauerzahlen gekoppelt. Gegen den FC Bayern gab es also die höchste Prämie. Aber wenn wir zwei Wochen später gegen den Tabellenletzten aus Oberhausen spielten, konnten wir auch sang- und klanglos untergehen.

Gemeinsam mit Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein bildeten Sie schon bald eine glorreiche Eintracht-Trias. Was war Ihr Erfolgsgeheimnis?

Dass wir uns immer gut verstanden haben. Jeder von uns wusste genau, wie der andere tickt, wir haben blind miteinander kombiniert. Dieses blinde Verständnis führte mitunter sogar dazu, dass es Krach mit den anderen gab.

Was passte denen denn nicht?

An manchen Tagen haben wir es übertrieben. Dann spielte ich mit Grabi oder Holz nicht nur den einfachen oder doppelten Doppelpass, sondern den drei- oder vierfachen. Und wenn wir dann hängenblieben, waren die besser postierten natürlich sauer. Einmal haben wir ein Freundschaftspiel gegen den SV Hattersheim mit 30:0 gewonnen. Da habe ich zehn Tore erzielt, der Grabi elf. Peter Reichel war stinksauer, weil wir so selten abgespielt hatten.

Was entgegneten Sie ihm?

»Peter, warum soll ich Dir den Ball zuspielen? Da ist er doch gleich wieder fort.« (lacht)

Dabei wurde Ihnen nachgesagt, dass Sie nicht besonders laufstark seien.

Den Vorwurf musste ich mir immer wieder anhören, aber, wissen Sie, ich war in der Lage, einen Pass über 60 Meter so zu spielen, dass er auf den Zentimeter genau beim Mitspieler ankommt. Jetzt frage ich Sie: Wie soll man einen Pass aus der eigenen Hälfte an den gegnerischen Strafraum spielen und gleichzeitig dort sein, wo er landet?  
Sie sind bis heute der Mittelfeldspieler mit den meisten Bundesligatoren: in 426 Spielen haben Sie 141 Mal getroffen. Sie waren schwer zu stoppen.

Das ging schon. Ich kann mich an ein Spiel gegen Gladbach erinnern, da hat Uli Stielike mich sogar bis an meinen eigenen Strafraum verfolgt, der wäre wahrscheinlich bis zur Toilette mitgelaufen. Das machte keinen Spaß. Man »spielt« doch Fußball, aber das ließ der Stielike nicht zu.

Ihr unangenehmster Gegenspieler?

Nein, da gab es deutlich schlimmere.

Zum Beispiel?

Sepp Pointek von Werder Bremen. Ich erinnere mich an ein Spiel, da stand das Wasser zentimeterhoch auf dem Platz. Nach drei Minuten hat der mich dermaßen umgesäbelt, dass ich ihm fortan aus dem Weg gegangen bin.

Trotz Ihrer beeindruckenden Bilanz haben Sie nur ein Länderspiel absolviert: Sie wurden beim EM-Qualifikationsspiel gegen Malta im Dezember 1974 eingewechselt.

Helmut Schön sagte einmal zu mir: »Bernd, Du musst noch beständiger werden.« Dabei hatte ich gerade in zwei aufeinanderfolgenden Spielen drei Tore gemacht. Was konnte noch mehr machen? Kurz: Der Bundestrainer hatte seine Leute im Mittelfeld, an denen hielt er fest. Da hätte ich noch 50 Tore schießen können, es half alles nichts.

Dafür bestritten Sie für die Amateurnationalmannschaft 41 Länderspiele. Anfangs war Udo Lattek dort Ihr Coach.

Mit ihm hatten wir viel Spaß. Nach den Spielen traf sich immer der harte Kern mit ihm auf ein Bier an der Hotelbar.

Gehörte zum »harten Kern« auch Ihr Mitspieler Uli Hoeneß?

Uli war eher ein Eigenbrötler im Team. Aber mit Horst Schmidt, dem Schiedsrichterbetreuer des DFB, Erhard Ahmann, Dieter Mietz, Niko Semlitsch und Egon Schmitt konnte man viel Spaß haben.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden