12.06.2011

Der Fußball, mein Leben & ich: Bernd Nickel

»Ich war Dr. Hammer«

Mittels seiner Schusskraft deckte er den Bundesligaskandal auf, als »Dr. Hammer« verwandelte er Ecken am liebsten direkt und bei Olympia 1972 lief er fast den Geiselnehmern in die Arme. Für die aktuelle Ausgabe von 11FREUNDE sprachen wir mit Bernd Nickel.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Bernd Nickel, Sie mussten nie irgendwo abschreiben, um einen Doktortitel zu erlangen, Ihre Schusskraft reichte völlig. Wann aber wurden Sie zu »Dr. Hammer«?

Schon relativ früh. Als ich 1967/68 zu den Profis von Eintracht stieß, stand Hans Tilkowski im Tor. Ihm fiel auf, dass ich mit einem strammen Linksschuß ausgestattet war und er gab mir diesen Spitznamen. Das bekamen bald auch die Reporter mit. Und als ich mit einem ordentlichen Wumms in der Bundesliga einen Treffer erzielte, machten die Zeitungen den Namen in ganz Deutschland bekannt.



Haben Sie den Schuss speziell trainiert?

Nein, den hatte ich schon immer. Vielleicht sorgt meine Statur für eine besondere Hebelwirkung, die einen harten Schuss erleichtert.

Aber die Schusspräzision muss Ihnen jemand beigebracht haben?

In meiner Jugend haben wir uns sowas selbst erarbeitet. Ich komme vom Dorf, aus Eisemroth in Hessen. Zuhause hatten wir ein riesiges Scheunentor. Da habe ich den ganzen Tag draufgeballert und mir dabei bestimmte  Aufgaben gestellt. Die Scheune ist heute längst abgerissen. Wahrscheinlich, weil das Holztor morsch war...

Was denn für Aufgaben?

Ich suchte Punkte oder Kästen an der Wand, die ich treffen wollte. Und dann wurde so lange geübt, bis ich es im Schlaf beherrschte. Hinzu kam, dass es sich mein Vater nicht leisten, mir ständig neue Fußballschuhe zu kaufen. Also schoss ich mit Straßenschuhen – bis die komplett hinüber waren.

Förderte Ihr Vater Ihre Fußballleidenschaft?

Eher mein Onkel. Er hatte in Eisemroth die Vereinskneipe, wo während der Weltmeisterschaft 1954 der einzige Fernseher im Dorf stand.

Die WM war für Sie die Initialzündung.

Ein unvergessliches Erlebnis. Ich war ein kleiner Junge, die Kneipe gerammelt voll und wenn ein Spiel übertragen wurde, durfte ich auf dem Boden sitzen und zuschauen. Sie können sich vorstellen, wie die Stimmung war, als Deutschland den Titel gewann.

Sie sind gewissermaßen unter Fußballer aufgewachsen.

Der SV Eisemroth hatte damals noch kein Klubhaus. Die Fußballer der ersten Mannschaft konnten sich nach den Spielen nicht duschen. Vor Tür wuschen sie sich kurz unterm Wasserhahn den gröbsten Dreck ab und kamen in kurzen Hosen in die Wirtschaft.

Mit Ihren fussballerischen Qualitäten waren Sie in Eisemroth bestimmt schon früh ein Star.

Ich war ziemlich schüchtern. Da wir nicht so viele Nachwuchsspieler hatten, spielte ich bereits mit 13 in der A-Jugend. Als ich später meine Lehre zum Fernmeldetechniker in Giessen machte, habe ich dort beim VfB mal mittrainert. Die Mannschaft bereitete sich gerade auf ein wichtiges Spiel vor und der Trainer sagte, ich solle hinterm Tor den Ball hochhalten. Aber nach einiger Zeit merkte ich, dass er mich gar nicht beachtete. Also hörte ich auf, packte meine Sachen und ging nie wieder hin.

Zum Glück, denn statt zum VfB Giessen wechselten Sie 1966 zu Eintracht Frankfurt.

Mein Onkel hatte angerufen und gefragt, ob ich mal zum Probetraining kommen dürfe. Sowas wäre heute unvorstellbar: Die haben mich gleich bei der ersten Mannschaft mittrainieren lassen.

Und Ihnen rutschte das Herz in die Hose?

Mein Vater fuhr mich hin. Schon kurz hinter Wetzlar bekam ich Herzklopfen. Als ich dann den Eintracht-Bogen am Eingang zum Riederwald sah, blieb mir das Herz fast stehen. Und dann sah ich den Willi Huberts und die Größen, die ich bis dato nur aus dem Fernsehen kannte, und durfte mit ihnen trainieren.

Aber es lief ganz gut.

Trainer Elek Schwartz sagte, ich könne was. Also wurde ich zu einem Turnier mit den Junioren in Rotterdam eingeladen. Bernd Hölzenbein und ich fuhren als einzige Gastspieler mit. Der Holz stammt aus Dehrn, was etwa 50 Kilometer von Eisemroth entfernt ist. An diesem Tag begann unsere Freundschaft. Dabei hätten wir es beinahe gar nicht nach Rotterdam geschaft.

Warum denn nicht?

Ein Eintracht-Betreuer hatte uns gesagt, dass wir in Limburg an der Raststätte auf den Bus warten sollten. Und da standen wir, Bernd und Bernd, mit unseren Vätern, die zufällig auch beide Alfred hießen, und warteten.

Die Eintracht hatte Sie vergessen.

Nein, der Bus hatte lediglich eine Stunde Verspätung. Ich war froh, dass der Holz da war und wir uns unterhalten konnten, denn ich grübelte, wie ich mich verhalten solle, wenn ich in den Bus steige: Sollte ich jeden per Handschlag begrüßen oder nur lässig vorbei gehen. So schüchtern war ich damals.     

Dennoch wurden Sie nach dem Turnier verpflichtet.

Wir spielten gegen Tottenham Hotspur oder Feyenoord Rotterdam. Meine Schusskraft half mir, ein paar Tore zu erzielen. Der Juniorentrainer sagte, dass er mich haben wolle. Ich kam zurück nach Eisemroth und erzählte stolz, dass ich zur Eintracht wechseln würde. Und dann hörte ich wochenlang nichts mehr.

Kriegten die Frankfurter kalte Füße?

Das Problem war, dass der Jugendcoach unmittelbar nach dem Turnier den Klub verließ. Er war der Einzige, der meine Telefonnummer und Adresse hatte.  

Warum fragten Sie nicht nach?

Dazu war ich viel zu schüchtern. Also rief nach drei Wochen mein Onkel an und fragte, was los sei. Er bekam gleich den damaligen Geschäftsführer, Jürgen Gerhardt, an den Hörer. Der sagte: »Gott sei Dank, dass Sie sich melden, wir suchen den Herrn Nickel schon ewig, wir hatten keine Kontaktdaten.«

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