Der Ex-Nationalspieler über das Berlin-Derby

Marko Rehmer: »Union ist ein schlafender Riese«

Wenn am Samstag Hertha BSC auf den 1.FC Union trifft, wird Marko Rehmer ganz besonders mitfiebern – er spielte für beide Mannschaften. Wir sprachen mit ihm über das Derby, seinen Cousin und wie er beinahe den Mauerfall verschlief. Der Ex-Nationalspieler über das Berlin-Derby

Marko Rehmer, welche Stadt ist Deutschlands Fußball-Hauptstadt: Hamburg, München, Dortmund?

Marko Rehmer: Ich würde sagen: Berlin!

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Berlin? Aber die Stadt hat derzeit keinen einzigen Erstligisten!

Marko Rehmer: Das stimmt, in Europa ist es einzigartig, dass eine Hauptstadt keinen Erstligisten hat. Aber der Abstieg von Hertha war nur ein Ausrutscher, der Verein hat sich in den vergangenen Jahren als echte Marke etabliert und ist auch international ein Begriff.

Und wie ordnen Sie Union Berlin ein?

Marko Rehmer: Union ein schlafender Riese, der in den kommenden Jahre langsam wachsen wird. Union war schon immer ein Arbeiterverein, der viel aus seinen bescheidenen Mitteln gemacht hat. Und was dieser Klub für seine Fans, für die Berliner, bedeutet, hat man ja erst beim Neubau des Stadions gesehen.

Trotzdem scheint die Fußballbegeisterung in anderen Städten größer zu sein als in Berlin.

Marko Rehmer: Das finde ich nicht. Wenn ich Berlin mit meinen Vereinsstationen Frankfurt und Rostock vergleiche, hat diese Stadt doch viel mehr Möglichkeiten sich zu einer Hochburg des deutschen Fußballs zu entwickeln. Das Problem in Berlin sehe ich ganz woanders: Wir haben enorm viele Fußball-Talente, doch noch haben sich die beiden größten Klubs – Hertha und Union – nicht dazu durchringen können, auch voll auf die Talente dieser Stadt zu setzen. Sehen Sie sich an, was mit den Berliner Jungs Boateng oder Dejagah passiert ist: Die wurden hier ausgebildet und machten dann doch bei anderen Vereinen ihren ersten Erfahrungen im Seniorenbereich.  

Bei der deutsch-deutschen Wiedervereinigung 1990 waren Sie ein 17-jähriges Jungtalent, dass bei Union Berlin spielte. In diesen Monaten sind reihenweise junge Fußballer Richtung Westen verschwunden. Sie nicht. Warum?

Marko Rehmer: Um ehrlich zu sein, damals war der Westen für mich einfach zu weit weg. Wie die meisten meiner Freunde habe ich natürlich auch jahrelang heimlich die »Sportschau« geguckt, aber nie einen Gedanken daran verschwendet, mal außerhalb Berlins Fußball zu spielen. Damals gab es für mich nur Union, selbst dann, als die Mauer fiel.  

Stichwort: Mauerfall. Wo waren Sie am 9. November 1989?

Marko Rehmer: Das ist eine kuriose Geschichte: Der 9. November war ein Donnerstag, ich kam erst spät abends nach Hause und legte mich todmüde ins Bett. Am nächsten Tag musste ich erst nachmittags zum Training, konnte also ausschlafen. Doch schon um sieben Uhr in der Früh stürzte meine Mutter ins Zimmer: »Marko, komm schnell zum Fernseher!« Und dort sah ich erst, was los war in der Stadt, die tanzenden Menschen auf der Mauer, die Trabbis, die durch West-Berlin fuhren – später bin ich pflichtbewusst zum Training gegangen. Von 25 Spielern waren nur acht gekommen. Später bin ich auch mit der S-Bahn zum Ku´damm gefahren, aber ehrlich gesagt, war mir damals das Training bei Union wichtiger, als das plötzlich rüber zufahren.



Sie kommen aus dem Prenzlauer Berg, weit weg von Köpenick und Union Berlin. Sind Sie ein kleiner Junge zu den Spielen von BFC Dynamo gegangen?

Marko Rehmer: Klar, ab und zu bin ich auch mal im Jahnsportpark (Stadion von BFC Dynamo, d. Red.). Aber im Prenzlauer Berg stand auch das Trainingszentrum. Und das war die Talentschmiede von Union Berlin. Ich war auch nie Fan eines Vereins. Dafür aber Fan eines Spielers!  

Welchen?

Marko Rehmer: Rene Adamczeszweski.  

Wer ist das?

Marko Rehmer: Mein Cousin. Ein richtig guter Fußballer, der allerdings nach drei Kreuzbandrissen seine Karriere frühzeitig beendet musste.  

Heute findet das mit Spannung erwartete Derby zwischen Hertha und Union statt, das Olympiastadion ist komplett ausverkauft. Die Rivalität zwischen beiden Teams ist groß. Woher kommt diese Abneigung?  

Marko Rehmer: Die Teilung der Stadt hat schon ihre Spuren hinterlassen. Das waren damals zwei verschiedene Fußballkulturen, die aufeinander prallten. Trotzdem gab es ja einige Jahre lang eine feste Fanfreundschaft zwischen Hertha und Union. Schade, dass sich das in die andere Richtung entwickelt hat. Was auch an der immer noch existierenden Ost-West-Problematik liegt. Eigentlich völlig unnötig, dass 21 Jahre nach der Wiedervereinigung noch darüber gesprochen wird.  

Was bedeutet das Derby für die Fußballstadt Berlin?  

Marko Rehmer: Es knistert richtig in der Stadt, an jeder Ecke spürt man das. Das ist wichtig für Berlin, wichtig für die beiden Vereine und jeden, den etwas mit dem Fußball in dieser Stadt verbindet. Ich hoffe, es wird ein unvergessliches Spiel!            

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