20.01.2014

Der erste türkische Fußballprofi in der Bundesliga: Özcan Arkoc

»Deutscher? Türke? Mir war die Herkunft immer egal!«

Özcan Arkoc machte über 200 Spiele für Besiktas und Fenerbahce, gewann Meistereschaften und Pokale, ehe er der erste türkische Fußballprofi in Deutschland wurde. Ein Gespräch über Döner in Hamburg, Pionierarbeit und ein kaputtes Tornetz.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Coskun Tas erzählte einmal, dass 1959 in der Stadt Köln 18 Türken angemeldet waren – einer davon war er. Wie war es bei Ihnen, als Sie 1967 nach Hamburg kamen?
Da war es schon ein wenig anders, schließlich war sechs Jahre zuvor der Gastarbeiterabkommen zwischen der Türkei und Deutschland geschlossen worden. Allerdings waren die türkischen Gemeinschaften anfangs gar nicht so sichtbar, ich habe mich auch nicht wirklich darum bemüht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Nur manchmal sah ich Landsleute, wenn ich am Steindamm auf einem kleinen türkischen Markt einkaufen ging. Meistens ging ich aber in einen normalen deutschen Supermarkt.
 
Die Deutschen begegneten Ihnen nicht mit Vorurteilen?
Was kaum jemand weiß: Türken galten im Deutschland der sechziger Jahren als diszipliniert und fleißig. Im Gegensatz zu Gastarbeitern aus Italien oder Griechenland. Es gab auch noch keine Türkenwitze oder Islamhass, das kam alles viel später. Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre.
 
Hatten Sie das Gefühl, eine Art Botschafter zu sein?
Nein. Was hätte ich auch tun sollen? Türkische Gastarbeiter zu Uwe Seeler bringen und sagen: Jetzt integriert euch! Wissen Sie, ich finde, man muss diesen Nationalitätsgedanken überwinden. Ich habe mir jedenfalls nie viel aus der Herkunft meiner Mitmenschen gemacht. Ich war und bin mit Menschen befreundet, die ich gerne mag – egal ob sie Türken oder Deutsche sind. So war es damals schon: Wenn ich mit Deutschen zusammensaß, fand ich es schön, für sie Kebap oder Köfte zu machen. Wenn ich mich mit Türken traf, habe ich ihnen erklärt, was »Hummel, Hummel – Mors, Mors« heißt ist. Ich tat das aber nicht, weil ich dachte: Ich muss die Kulturen miteinander verbinden. Ich tat es, weil ich glaubte, es könnte die Leute interessieren.
 
Wie fühlen Sie sich heute: Als Deutscher oder als Türke?
Als Deutscher mit türkischen Wurzeln. Ich habe ja auch seit 1980 einen deutschen Pass.
 
Sie waren der erste Türke in der Bundesliga. Macht es Sie stolz, ein Pionier zu sein?
Ein Fehler, der sich viele Jahre gehalten hat. Der Türke Aykut Ümnyazici spielte bereits von 1961 bis 1965 bei Eintracht Braunschweig, zwar auf Amateurbasis, aber ab 1963 als Teil der Bundesligamannschaft. Zudem war Coskun Tas 1959 von Besiktas zum 1. FC Köln gewechselt – allerdings hat er nie Bundesliga gespielt. Wenn Sie mich also als Pionier wollen: Ich war der erste Vollprofi in der Bundesliga sowie der erste und bis heute einzige türkische Bundesligatrainer. Das macht mich ein wenig stolz.
 
Bei wem fanden Sie denn Anschluss?
Wir waren die besagten Elf Freunde. Dabei waren die Charaktere recht unterschiedlich. Hier die Studenten, dort die Typen, die frei nach Schnauze redeten und ständig rumscherzten. Kennen Sie die Geschichte von Charly Dörfel, wie er sich an einer Palme verletzte?
 
Nein.
Es passierte bei einer Reise durch Indonesien. Er wollte unbedingt eine Kokosnuss von einer Palme holen und kletterte mit nacktem Oberkörper den Baumstamm hoch. Danach rutschte er lässig hinunter. Doch als er wieder unten ankam, schrie er vor Schmerzen. Er hatte sich am Holz seinen Bauch aufgerissen und alles war voll mit Blut. So habe ich ihn kennengelernt.
 
Wie kamen Sie mit Uwe Seeler aus?
Super. Im Winter 1967, ein halbes Jahr nach meiner Ankunft, lud er meine Frau und mich zum Weihnachtsessen ein. Es gab Forelle Blau, köstlich. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gegessen.
 
Konnten Sie da schon Deutsch?
Ich habe schon in der Türkei den »Kicker« gelesen und mit einer Kassette ein wenig Deutsch gelernt. Außerdem paukte ich wie verrückt Italienisch, denn ich träumte davon, eines Tages zu Inter Mailand zu wechseln.
 
Sie haben gesagt, Ihr HSV-Team bestand nur aus Freunden. Wie war es denn für den langjährigen Torwart Horst Schnoor, als er merkte, dass Sie ihn verdrängten?
Er konnte ja nichts daran ändern, denn er hatte eine Achillessehnen-Verletzung zugezogen. Die Ärzte wussten damals, dass er über ein halbes Jahr ausfallen würde, denn kurz zuvor hatte auch Uwe Seeler eine solche Verletzung erlitten. Als ich kam, war ich also sofort Stammtorhüter – und blieb es bis 1975.
 
Einmal hätten Sie Ihren Posten beinahe verloren...
...weil ich 500 Gramm zu viel auf die Waage brachte. Als Manager Georg Knöpfle das mitbekam, tobte er und beorderte einen Torwartwechsel an. Beim nächsten Spiel gegen den FC Bayern stand plötzlich Gert Girschkowski im Tor – und wurde nach 35 Minuten wieder vom Feld genommen.
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