20.01.2014

Der erste türkische Fußballprofi in der Bundesliga: Özcan Arkoc

»Deutscher? Türke? Mir war die Herkunft immer egal!«

Özcan Arkoc machte über 200 Spiele für Besiktas und Fenerbahce, gewann Meistereschaften und Pokale, ehe er der erste türkische Fußballprofi in Deutschland wurde. Ein Gespräch über Döner in Hamburg, Pionierarbeit und ein kaputtes Tornetz.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Besiktas wollte Sie ursprünglich gar nicht ziehen lassen. Es soll richtig Ärger gegeben haben. Was war der Grund?
Sie drohten, mich bei der Uefa anzuschwärzen, wenn ich nach Wien wechseln würde. Ich antwortete: »Mir egal, dann pausiere ich ein Jahr und arbeite irgendwo.« Schließlich gaben sie klein bei, allerdings nicht ohne einen Vertrag aufzusetzen, in dem sie sich zusichern ließen, dass ich, falls ich in die Türkei zurückkehre, nur bei Besiktas spielen dürfte.
 
Und Sie stimmten zu?
Im Wissen, dass ich eh nie wiederkommen würde.
 
Es hätte in Westeuropa auch schiefgehen können.
Darüber dachte ich nicht nach, denn ich war sehr ehrgeizig.
 
Sie bekamen keinen Kulturschock?
Österreich erschien sehr weit weg. Aus dem Zug sah ich auf die bergigen Landschaften. Dann die Blicke der Menschen, von denen viele noch nie einen Türken gesehen hatten. Viele sprachen mit mir wie mit einem Kleinkind. Dennoch: Heimweh hatte ich nie. Tatsächlich habe ich meine Urlaube nur in den ersten vier Jahren in der Türkei verbracht. Seitdem war ich sehr selten dort.
 
Das alles ist über 50 Jahre her, und Sie erinnern sich an die Daten, als sei es gestern gewesen. Woran liegt das?
Ich habe alles abgeheftet in Ordnern. Ich archiviere gerne Dinge (zeigt auf zwei Leitz-Ordner, auf denen HSV und Austria Wien stehen).
 
Hängt das mit Ihrer Liebe zum geschriebenen Wort zusammen?
Vielleicht. Als ich zum HSV wechselte, arbeitete ich als Teilzeit-Journalist. Aus Hamburg schrieb ich einmal die Woche für die »Milliyet«. Die Türken fanden das sehr interessant, schließlich war der Fußball in Deutschland eine andere Welt für sie.
 
Warum haben Sie überhaupt geschrieben? Reichte das Geld, das Sie mit Fußball verdienten, nicht zum Leben?
Das Schreiben war ein Hobby. Meine Mitspieler rieten mir aber, etwas Bodenständiges aufzubauen, also eröffnete ich 1970 eine Gaststätte.
 
Nach dem Vorbild von Günter Netzers »Lover’s Lane«?
Nein, unsere Gaststätte »Bei Özcan« – versichert übrigens von meinem Mitspieler Willi Schulz – war keine Party-Lokalität. Es war eine Mischung aus Kneipe und Restaurant. Es gab Frühschoppen, und montags, wenn wir trainingsfrei hatten, kamen die Spieler vorbei. Und natürlich gab es auch Speisen.
 
Was denn?
Alles mögliche, donnerstags servierten wir zum Beispiel Döner. Die Leute waren begeistert, denn sie hatten so etwas noch nie gegessen. Doch die Zeit mit der Gaststätte war nicht einfach, ich war ständig beim Training oder bei Spielen, während meine Frau bis spät in die Nacht hinter dem Tresen stand. Als unsere Ehe immer mehr darunter litt, haben wir sie geschlossen. Meine Frau hat dann eine Schneiderei gehabt.
 
Sie war eigentlich Schauspielerin. Warum hat sie in Deutschland keine Filme mehr gedreht?
In der Türkei hat sie viel als Theater- und Film-Schauspielerin sowie Synchronsprecherin gearbeitet. Sie war zum Beispiel die türkische Stimme von Hildegard Knef. In Hamburg hat sie einmal eine Hauptrolle in einem Fernsehfilm gespielt und später auch in Tom Toelles Serie »Der Fall von nebenan«. Irgendwann wollte sie aber nicht mehr, weil sie häufig nur die Klischee-Türkin spielen sollte.
 
Wie war das bei Ihnen: Waren Sie der Fremde in der Mannschaft?
Ich war der Ausländer. Das lag aber nicht mal daran, dass ich aus der Türkei kam, sondern an der Tatsache, dass 90 Prozent meiner Mitspieler aus Hamburg kamen. Die scherzten schon über Kollegen, die in Buxtehude geboren waren. Fremdenfeindlichkeit wie einige Spieler in den achtziger oder neunziger Jahren habe ich allerdings nie erfahren.
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