Der erste türkische Fußballprofi in der Bundesliga: Özcan Arkoc

»Deutscher? Türke? Mir war die Herkunft immer egal!«

Özcan Arkoc machte über 200 Spiele für Besiktas und Fenerbahce, gewann Meistereschaften und Pokale, ehe er der erste türkische Fußballprofi in Deutschland wurde. Ein Gespräch über Döner in Hamburg, Pionierarbeit und ein kaputtes Tornetz.

Özcan Arkoc, wie hört es sich an, wenn ein Tornetz reißt?
Schmerzhaft. Wir spielten im Meisterschaftsfinale von 1959 mit Fenerbahce gegen Galatasaray, und Metin Oktay zimmerte den Ball mit einer wahnsinnigen Wucht aufs Tor. Es machte nur zisch, und dann blickte ich dem Ball hinterher, wie er durch das Netz in Richtung Tribüne flog.
 
Der Treffer gilt als eines der legendärsten Tore der türkischen Fußballgeschichte. Heute ist Oktay bekannt als »Der Mann, der das Tornetz kaputtschoss«.
Und ich als der Mann, der dabei im Tor stand. Man muss allerdings sagen, dass es in den Tagen zuvor viel geregnet hatte, und das poröse Tornetz sehr straff gespannt war. Ich konnte gut damit leben, denn das Rückspiel gewannen wir 4:0.
 
Sie haben nach Ihrem Abitur Schriftsetzer gelernt und hätten besser verdient als jeder türkische Fußballspieler. Wieso wollten Sie überhaupt Profi werden?     
Ich hatte den Russen Lew Jaschin und den Ungarn Gyula Grosics gesehen und mich in ihr Spiel verliebt. Einmal, 1956, war ich auf einem Jugendturnier in Budapest, und Grosics spielte mit Ungarn im Mitropa-Cup gegen die Sowjetunion. Ich wartete mit meinen Freunden auf die Ankunft der Mannschaftsbusse, um einen Blick auf meine Idole zu erhaschen. Schließlich kam das ungarische Team an, und als Grosics ausstieg, stand er da wie James Dean – mit Zigarette im Mundwinkel.
 
Das fanden Sie cool?
Ich bin nicht wegen der Zigarette Profi geworden, zumal ich gar nicht geraucht habe. Das Torwartspiel übte was Faszinierendes auf mich aus: Die Reflexe, die Paraden, die feste Position und auch die Einsamkeit, die damit einhergeht. Du kannst in der letzten Minute der Held werden, wenn du einen Elfmeter hältst, du kannst der Idiot sein, wenn du einen Ball durch die Beine lässt.
 
So wie Sie im Mai 1968?
Wir spielten mit dem HSV im Europacup-Finale gegen den AC Mailand, damals die beste Mannschaft Europas. In Rotterdam standen diese italienischen Superspieler auf dem Platz, in edelsten Anzügen, und schauten ein wenig pikiert auf die HSV-Jungs in den Trainingsanzügen. Wir hielten ganz gut mit, doch dann tauchte Kurt Hamrin vor mir auf. Ich spekulierte auf einen gefühlvollen Schlenzer, doch er schoss den Ball mit der Fußspitze durch meine Beine. Wer konnte denn damit rechnen, dass dieser Edeltechniker die Pike benutzt? Das schlimmste Gegentor meiner Karriere – ich habe bitterlich geweint.
 
In der Türkei waren Sie über mehrere Spielzeiten der Keeper, der die wenigsten Gegentore kassierte. Was zeichnete Sie als Torwart aus?
Ich hatte keine Angst. Zudem war ich reaktionsschnell und körperlich stark. Und ich war ein guter Fänger. Das kam, weil ich oft mit den Basketballern trainierte. Als Handschuhe längst zur Standardausstattung eines Torhüters gehörten, habe ich noch mit blanken Hände gehalten. Erst Anfang der siebziger Jahre zog ich mir auch Handschuhe über.
 
Wer hat Ihr Talent erkannt?
Mein Bruder. Er war ebenfalls auf dem Weg zum Fußballprofi. Doch eines Tages hat er sich beim Training mit einem seltsamen Virus infiziert. Danach zog er sich eine Lungenentzündung zu und konnte nie wieder Fußball spielen. Mein Vater hatte große Sorge um mich, er wollte nicht, dass ich Profi werde, ich sollte studieren. Doch ich liebte den Fußball zu sehr. Ich liebte es, hart zu trainieren.
 
Mit wem haben Sie denn trainiert?
Ich wuchs in Hayrabolu auf, einer kleinen Stadt im Nordosten der Türkei, direkt an der Grenze zu Bulgarien und Griechenland, sehr industriell, viele Fabriken. Da es keine Schulbusse gab, fuhr ich jeden Tag mit dem Bus der Fabrikarbeiter zur Schule und zurück. Manchmal stieg ich allerdings früher aus, denn auf halber Strecke befand sich ein Fußballplatz, wo die Arbeiter gespielt haben. Dort hat mich mal ein Torwart beobachtet und gefragt, ob es mir gefalle, wie er durch die Luft flog. Ich bejahte, und er sagte: »Komm nächstes Mal ein bisschen früher und wir trainieren gemeinsam.« Wir haben dann in einer Sandkiste Sprungübungen gemacht. Er warf mir die Bälle zu, und ich flog und flog und flog.
 
Wie sind Sie in Istanbul gelandet?
In meinem Dorf gab es einen Spieler namens Refik Gündogan, der bereits in Istanbul spielte. Er hat mich eines Tages zu Vefaspor geholt. Dort spielte ich 1956 als 17-Jähriger in der ersten Mannschaft und machte mein Länderspieldebüt für die U18-Nationalmannschaft. Wir haben tolle Spiele gehabt, etwa gegen die DDR mit Peter Ducke oder Italien mit Sandro Mazzola. Irgendwann wurde Fenerbahce auf mich aufmerksam.
 
Ein solches Angebot lehnt man nicht ab.
Zumal ich ein ordentliches Handgeld bekam. 36.000 türkische Lira, das waren ungefähr 6000 Mark. Der Wechsel fiel in das Jahr 1958, in dem auch die erste türkische Profiliga gegründet wurde (Türkiye Profesyonel 1. Liga, später Süper Lig, d. Red.).
 
Nach vier Jahren, zwei Meisterschaften und über 150 Spielen für Fenerbahce wechselten Sie zum kleineren Istanbuler Verein Besiktas. Warum?
Fenerbahce wollte meinen Vertrag bis 1964 verlängern, und ich willigte zunächst ein. Allerdings gab es einige ausstehenden Zahlungen. Dummerweise hatte ein Funktionär das Geld längst anderweitig ausgegeben. Ich war ziemlich wütend, doch verschwieg in der Öffentlichkeit die Details der Geschichte, auch um diese Person – eine Fenerbahce-Legende – nicht bloßzustellen. Das war Ende Juni 1962. Ich ging also enttäuscht für zwei Jahre zu Besiktas, bis ich mir schließlich ein Zugticket nach Österreich besorgte – ohne Rückfahrkarte.
 
Wieso wussten Sie, dass Sie nie mehr zurückkehren würden?
Ich war in den Jahren zuvor häufig mit der türkischen Nationalmannschaft in Westeuropa gewesen und hatte immer wieder gesehen, auf welchem Niveau dort Fußball gespielt wurde. Alleine die Platzverhältnisse! Der Wahnsinn. Mit Besiktas haben wir damals auf Asche trainiert, und wir mussten wir uns ein Stadion mit drei anderen Istanbuler Teams teilen. Dementsprechend sah der Rasen vier Wochen nach Saisonbeginn aus wie ein Acker. Also stieg ich eines Tages in den Zug, fuhr nach Westeuropa, machte über 100 Spiele für Austria Wien und absolvierte Probetrainings bei 1860 München, Eintracht Frankfurt und Bayern München.

Besiktas wollte Sie ursprünglich gar nicht ziehen lassen. Es soll richtig Ärger gegeben haben. Was war der Grund?
Sie drohten, mich bei der Uefa anzuschwärzen, wenn ich nach Wien wechseln würde. Ich antwortete: »Mir egal, dann pausiere ich ein Jahr und arbeite irgendwo.« Schließlich gaben sie klein bei, allerdings nicht ohne einen Vertrag aufzusetzen, in dem sie sich zusichern ließen, dass ich, falls ich in die Türkei zurückkehre, nur bei Besiktas spielen dürfte.
 
Und Sie stimmten zu?
Im Wissen, dass ich eh nie wiederkommen würde.
 
Es hätte in Westeuropa auch schiefgehen können.
Darüber dachte ich nicht nach, denn ich war sehr ehrgeizig.
 
Sie bekamen keinen Kulturschock?
Österreich erschien sehr weit weg. Aus dem Zug sah ich auf die bergigen Landschaften. Dann die Blicke der Menschen, von denen viele noch nie einen Türken gesehen hatten. Viele sprachen mit mir wie mit einem Kleinkind. Dennoch: Heimweh hatte ich nie. Tatsächlich habe ich meine Urlaube nur in den ersten vier Jahren in der Türkei verbracht. Seitdem war ich sehr selten dort.
 
Das alles ist über 50 Jahre her, und Sie erinnern sich an die Daten, als sei es gestern gewesen. Woran liegt das?
Ich habe alles abgeheftet in Ordnern. Ich archiviere gerne Dinge (zeigt auf zwei Leitz-Ordner, auf denen HSV und Austria Wien stehen).
 
Hängt das mit Ihrer Liebe zum geschriebenen Wort zusammen?
Vielleicht. Als ich zum HSV wechselte, arbeitete ich als Teilzeit-Journalist. Aus Hamburg schrieb ich einmal die Woche für die »Milliyet«. Die Türken fanden das sehr interessant, schließlich war der Fußball in Deutschland eine andere Welt für sie.
 
Warum haben Sie überhaupt geschrieben? Reichte das Geld, das Sie mit Fußball verdienten, nicht zum Leben?
Das Schreiben war ein Hobby. Meine Mitspieler rieten mir aber, etwas Bodenständiges aufzubauen, also eröffnete ich 1970 eine Gaststätte.
 
Nach dem Vorbild von Günter Netzers »Lover’s Lane«?
Nein, unsere Gaststätte »Bei Özcan« – versichert übrigens von meinem Mitspieler Willi Schulz – war keine Party-Lokalität. Es war eine Mischung aus Kneipe und Restaurant. Es gab Frühschoppen, und montags, wenn wir trainingsfrei hatten, kamen die Spieler vorbei. Und natürlich gab es auch Speisen.
 
Was denn?
Alles mögliche, donnerstags servierten wir zum Beispiel Döner. Die Leute waren begeistert, denn sie hatten so etwas noch nie gegessen. Doch die Zeit mit der Gaststätte war nicht einfach, ich war ständig beim Training oder bei Spielen, während meine Frau bis spät in die Nacht hinter dem Tresen stand. Als unsere Ehe immer mehr darunter litt, haben wir sie geschlossen. Meine Frau hat dann eine Schneiderei gehabt.
 
Sie war eigentlich Schauspielerin. Warum hat sie in Deutschland keine Filme mehr gedreht?
In der Türkei hat sie viel als Theater- und Film-Schauspielerin sowie Synchronsprecherin gearbeitet. Sie war zum Beispiel die türkische Stimme von Hildegard Knef. In Hamburg hat sie einmal eine Hauptrolle in einem Fernsehfilm gespielt und später auch in Tom Toelles Serie »Der Fall von nebenan«. Irgendwann wollte sie aber nicht mehr, weil sie häufig nur die Klischee-Türkin spielen sollte.
 
Wie war das bei Ihnen: Waren Sie der Fremde in der Mannschaft?
Ich war der Ausländer. Das lag aber nicht mal daran, dass ich aus der Türkei kam, sondern an der Tatsache, dass 90 Prozent meiner Mitspieler aus Hamburg kamen. Die scherzten schon über Kollegen, die in Buxtehude geboren waren. Fremdenfeindlichkeit wie einige Spieler in den achtziger oder neunziger Jahren habe ich allerdings nie erfahren.

Coskun Tas erzählte einmal, dass 1959 in der Stadt Köln 18 Türken angemeldet waren – einer davon war er. Wie war es bei Ihnen, als Sie 1967 nach Hamburg kamen?
Da war es schon ein wenig anders, schließlich war sechs Jahre zuvor der Gastarbeiterabkommen zwischen der Türkei und Deutschland geschlossen worden. Allerdings waren die türkischen Gemeinschaften anfangs gar nicht so sichtbar, ich habe mich auch nicht wirklich darum bemüht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Nur manchmal sah ich Landsleute, wenn ich am Steindamm auf einem kleinen türkischen Markt einkaufen ging. Meistens ging ich aber in einen normalen deutschen Supermarkt.
 
Die Deutschen begegneten Ihnen nicht mit Vorurteilen?
Was kaum jemand weiß: Türken galten im Deutschland der sechziger Jahren als diszipliniert und fleißig. Im Gegensatz zu Gastarbeitern aus Italien oder Griechenland. Es gab auch noch keine Türkenwitze oder Islamhass, das kam alles viel später. Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre.
 
Hatten Sie das Gefühl, eine Art Botschafter zu sein?
Nein. Was hätte ich auch tun sollen? Türkische Gastarbeiter zu Uwe Seeler bringen und sagen: Jetzt integriert euch! Wissen Sie, ich finde, man muss diesen Nationalitätsgedanken überwinden. Ich habe mir jedenfalls nie viel aus der Herkunft meiner Mitmenschen gemacht. Ich war und bin mit Menschen befreundet, die ich gerne mag – egal ob sie Türken oder Deutsche sind. So war es damals schon: Wenn ich mit Deutschen zusammensaß, fand ich es schön, für sie Kebap oder Köfte zu machen. Wenn ich mich mit Türken traf, habe ich ihnen erklärt, was »Hummel, Hummel – Mors, Mors« heißt ist. Ich tat das aber nicht, weil ich dachte: Ich muss die Kulturen miteinander verbinden. Ich tat es, weil ich glaubte, es könnte die Leute interessieren.
 
Wie fühlen Sie sich heute: Als Deutscher oder als Türke?
Als Deutscher mit türkischen Wurzeln. Ich habe ja auch seit 1980 einen deutschen Pass.
 
Sie waren der erste Türke in der Bundesliga. Macht es Sie stolz, ein Pionier zu sein?
Ein Fehler, der sich viele Jahre gehalten hat. Der Türke Aykut Ümnyazici spielte bereits von 1961 bis 1965 bei Eintracht Braunschweig, zwar auf Amateurbasis, aber ab 1963 als Teil der Bundesligamannschaft. Zudem war Coskun Tas 1959 von Besiktas zum 1. FC Köln gewechselt – allerdings hat er nie Bundesliga gespielt. Wenn Sie mich also als Pionier wollen: Ich war der erste Vollprofi in der Bundesliga sowie der erste und bis heute einzige türkische Bundesligatrainer. Das macht mich ein wenig stolz.
 
Bei wem fanden Sie denn Anschluss?
Wir waren die besagten Elf Freunde. Dabei waren die Charaktere recht unterschiedlich. Hier die Studenten, dort die Typen, die frei nach Schnauze redeten und ständig rumscherzten. Kennen Sie die Geschichte von Charly Dörfel, wie er sich an einer Palme verletzte?
 
Nein.
Es passierte bei einer Reise durch Indonesien. Er wollte unbedingt eine Kokosnuss von einer Palme holen und kletterte mit nacktem Oberkörper den Baumstamm hoch. Danach rutschte er lässig hinunter. Doch als er wieder unten ankam, schrie er vor Schmerzen. Er hatte sich am Holz seinen Bauch aufgerissen und alles war voll mit Blut. So habe ich ihn kennengelernt.
 
Wie kamen Sie mit Uwe Seeler aus?
Super. Im Winter 1967, ein halbes Jahr nach meiner Ankunft, lud er meine Frau und mich zum Weihnachtsessen ein. Es gab Forelle Blau, köstlich. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gegessen.
 
Konnten Sie da schon Deutsch?
Ich habe schon in der Türkei den »Kicker« gelesen und mit einer Kassette ein wenig Deutsch gelernt. Außerdem paukte ich wie verrückt Italienisch, denn ich träumte davon, eines Tages zu Inter Mailand zu wechseln.
 
Sie haben gesagt, Ihr HSV-Team bestand nur aus Freunden. Wie war es denn für den langjährigen Torwart Horst Schnoor, als er merkte, dass Sie ihn verdrängten?
Er konnte ja nichts daran ändern, denn er hatte eine Achillessehnen-Verletzung zugezogen. Die Ärzte wussten damals, dass er über ein halbes Jahr ausfallen würde, denn kurz zuvor hatte auch Uwe Seeler eine solche Verletzung erlitten. Als ich kam, war ich also sofort Stammtorhüter – und blieb es bis 1975.
 
Einmal hätten Sie Ihren Posten beinahe verloren...
...weil ich 500 Gramm zu viel auf die Waage brachte. Als Manager Georg Knöpfle das mitbekam, tobte er und beorderte einen Torwartwechsel an. Beim nächsten Spiel gegen den FC Bayern stand plötzlich Gert Girschkowski im Tor – und wurde nach 35 Minuten wieder vom Feld genommen.
 
Ab 1973 übernahm Dr. Peter Krohn die Geschicke beim HSV. Er führte Showtrainings ein, bei denen Mike Krüger den Linienrichter machte und ließ die Spieler auf Elefanten einreiten. Wie kamen Sie mit ihm zurecht?
Ich habe nie ein Problem mit ihm gehabt.
 
Ach, kommen Sie...
Nein, wirklich. Einmal hat er mir sogar eine Reise in die Türkei spendiert, weil mein Nachfolger, Rudi Kargus, dort sein erstes Länderspiel machte. Krohn sah das als mein Verdienst, denn ich hatte in den Jahren zuvor viel mit Kargus trainiert und ihn an die Mannschaft herangeführt. Kargus blieb ohne Gegentor – Deutschland gewann 5:0.
 
Aber Sie wissen, dass einige Spieler nicht mit Krohn zurechtkamen.  
Klar, er trat sehr dominant auf und manchmal auch überheblich, doch er verstand was von Marketing und PR. Kuno Klötzer (HSV-Trainer von 1973 bis 1977, d. Red.) wurde es irgendwann zu viel, denn Krohn stand oft in der Kabine und diktierte die Mannschaftsaufstellung. Irgendwann mussten wir sogar in rosa Trikots spielen. Er dachte, so würden mehr Frauen ins Stadion kommen.
 
Waren Sie da froh, dass Sie Ihr Torwarttrikot selbst wählen konnten?
(lacht) Nein, ich war damals schon Co-Trainer von Klötzer. Aber die Spieler fanden es nicht gerade toll.
 
Auf Klötzer folgte Rudi Gutendorf, der weder bei den Spielern noch bei Krohn gut gelitten war. Und auch mit Ihnen gab es Streit.
Rudi glaubte, ich hätte mich mit den Spielern gegen ihn verschworen und wäre mitverantwortlich für seinen Rauswurf. Das war totaler Quatsch. Er behauptete außerdem, dass ich kein Mitglied im Deutschen Trainer-Bund sei. Es gab einen Rechtsstreit, aber das ist alles lange her. Wir haben die Sache aus der Welt geräumt, und ich habe Rudi viele Male wiedergetroffen – in aller Freundschaft.
 
Herr Arkoc, Sie klingen sehr milde.
Ist das so?
 
In einem Interview haben Sie mal gesagt: »Wenn ich fluche, dann nur auf Türkisch oder Italienisch.«
Ich habe selten geflucht. Ich habe immer daran geglaubt, dass die Spieler immer alles geben wollten. Fußball ist eben viel Tagesform, viel Glück, viel Pech.
 
Kurz nachdem Sie 1977 die HSV-Mannschaft als Chefcoach übernommen hatten, war häufig zu lesen, Sie seien zu weich gewesen, um ein Starensemble zu trainieren. Was glauben Sie: Brauchte der HSV 1977/78 eine harte Hand?
Einmal befahl Präsident Paul Benthien sogar Günter Netzer als Berater in die Kabine. Doch was hätte ich tun sollen? Mich verstellen? Ich bin nun mal wie ich bin. Ich hätte gerne ein bisschen mehr Zeit gehabt, doch nach einem Jahr war Schluss, auch weil der HSV keinen Erfolg hatte.
 
Immerhin wurde er 1976 Vizemeister und gewann 1977 gegen den RSC Anderlecht den Europapokal der Pokalsieger.
Mit mir als Co-Trainer und meinem Chef Kuno Klötzer, der danach entlassen wurde. Der HSV war erfolgreich, aber man wollte mehr. Man wollte den großen Rummel. Letztendlich kann man den Klub für meine oder Klötzers Entlassungen nicht kritisieren, denn er hat in den Folgejahren die Bundesliga dominiert und reifte zur europäischen Spitzenmannschaft.
 
Haben Sie damals schon geahnt, dass der HSV am Vorabend einer großen Ära steht?
Kevin Keegan war damals schon eine Ausnahmeerscheinung. Einer, der besessen war, der immer mehr wollte als seine Mitspieler. Doch auch den anderen – Felix Magath oder Manfred Kaltz – habe ich große Karrieren zugetraut. Einmal belauschte ich ein Gespräch zwischen Manni und einem Mitspieler. Manni sagte: »Ich wette mit dir, dass ich ein Länderspiel mehr machen werde als du!« Der Mitspieler wettete dagegen. Manni behielt Recht.
 
Wieso haben Sie danach nie als Trainer bei einem höherklassigen Verein Fuß fassen können?
Ich war in Deutschland noch bei Wormatia Worms und Holstein Kiel, schließlich in der Türkei bei Kocaelispor. Wir wurden 1983/84 Achter in der Süper Lig, ein beachtliches Ergebnis, doch für die Präsidenten zählten nur Titel. Ich hätte gerne als Trainer weitergearbeitet, doch es hat nicht geklappt, weil ich Hüftprobleme hatte und dachte, es gehöre zu einem Trainer, die Übungen selbst vorzumachen. Also habe ich mich mit einem Kurierdienst selbständig gemacht. Mit dem Auto habe ich Unterlagen von A nach B gebracht. Das habe ich bis zu meinem 71. Lebensjahr gemacht, denn es hat mir Freude bereitet.
 
Den Fußball haben Sie nie vermisst?
Das Fußballgeschäft war mir und meiner Frau oftmals viel zu schnell. Als ich etwa in Kiel Trainer war, pendelte ich die ersten Monate. Irgendwann sagte der Klub, dass er eine Wohnung für uns gefunden hätte. Wir haben die Umzugskartons gepackt und sind losgefahren. Ein paar Tage später war ich entlassen. Der Fußball hat mich dennoch nie ganz losgelassen, ich bin bei jedem HSV-Heimspiel, und circa einmal die Woche bekomme ich sogar noch Fanpost.
 
Adressiert an Arkoc Özcan?
Wieso fragen Sie?
 
In Zeitungsartikeln aus den sechziger Jahren ist immer von Arkoc Özcan die Rede. Dabei ist Özcan doch Ihr Vorname.
(lacht) Der Fehler nahm seinen Anfang an meinem ersten Tag bei Austria Wien. Damals fragte mich jemand nach meinem Namen, und ich sagte, ich heiße Özcan – in meinem Heimatdorf in der Türkei war es nämlich üblich, dass man sich mit Vornamen vorstellt. Bei Austria nahm man aber an, dass dies mein Nachname sei. So hieß ich außerhalb der Türkei über Jahrzehnte Arkoc Özcan. Genervt hat es mich nie – und die Fanpost ist meistens eh an »Ötschi« adressiert.

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