03.10.2011

Der beste Fußballer der DDR: Joachim Streich

»Zehn Arbeiter und ein Streich«

Joachim Streich war einst der beste Fußballer der DDR. Seine Tore für Hansa Rostock, den 1. FC Magdeburg und die Nationalmannschaft machten ihn zum »Gerd Müller des Ostens«. Wir sprachen mit ihm.

Interview: Felix Laurenz Bild: Imago
Joachim Streich, Sie sind der erfolgreichste Torjäger der DDR. Beim legendären Spiel zwischen BRD und DDR bei der WM 1974 saßen Sie aber nur auf der Bank. Sind Sie neidisch auf Ihren Kollegen Jürgen Sparwasser, dem das Spiel zu ewigem Ruhm verholfen hat?

Wissen Sie, ich habe über 100 Länderspiele gemacht. Ich bin froh, dass ich dieses Tor nicht gemacht habe. Dann wäre meine gesamte Karriere bis heute auf ein Tor reduziert.

Würden Sie uns trotzdem sagen, welches Ihr schönstes Tor war?

Vor der WM 1974 haben wir in Leipzig gegen England gespielt. Ich habe das Tor zum 1:1-Endstand  geschossen. Von links kam ein langer Pass auf die halbrechte Seite, ich nahm ihn an und schlenzte den Ball an Peter Shillton vorbei ins lange Eck. Eine Zeitung schrieb anschließend: »Die DDR hat zehn Arbeiter und einen Streich.«



Mittlerweile arbeiten Sie als Verkäufer in einem großen Sportgeschäft in Magdeburg. Werden Sie dort oft von ehemaligen Fans heimgesucht?

Hin und wieder schon. Ich schreibe ja noch manchmal eine Kolumne für den »kicker«, weswegen sich viele Leute an mich erinnern. Meine Generation, die älteren Herren, kommen dann oft mit ihren Enkeln im Geschäft vorbei und sagen: »Guck mal, das war einer unserer größten Fußballer.«

Liegen die Autogrammkarten dann schon bereit?

Viele wollen ein Foto machen, oder eine Unterschrift auf den Sportschuhen, die ich ihnen verkauft habe. Autogrammkarten habe ich auch bei der Arbeit liegen. Ich hatte das Glück, dass ich nach 1990 in der Uwe Seeler Traditionsmannschaft gespielt habe. Die haben damals so viele Autogrammkarten gedruckt – das reicht wohl für die Ewigkeit.

Schon seit 1997 sind Sie nicht mehr im Fußballgeschäft aktiv. Warum sind Sie ausgestiegen?

Ich war damals Trainer beim FSV Zwickau in der zweiten Liga. Mein Ziel war es, den Klassenerhalt zu schaffen, was nach einem tollen Endspurt auch geklappt hat. Aber am Ende der Saison habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr motiviert war. Ich war die meiste Zeit in Zwickau, meine Frau in Möckern, meine Kinder in Magdeburg. Da habe ich zu mir gesagt: Irgendwann musst du auch mal ein normales Leben führen.

Damit endete Ihre Trainerkarriere, die Sie 1985 nicht ganz freiwillig begonnen haben.

Stimmt. Eigentlich wollte ich 1985, nach dem Ende meiner aktiven Karriere, beim 1. FC Magdeburg in den Nachwuchsbereich einsteigen. Aber dann kam auf einmal die Verbandsführung auf mich zu und sagte: »Du wirst Oberliga-Trainer beim FC Magdeburg.«

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe natürlich abgelehnt. Aber wie das damals so war, musste ich zum Generalsekretär des DFV (Deutscher Fußball-Verband, der Fußballverband der DDR, d. Red.), Klaus Zimmerman, und der hat mir gesagt: »Du wirst es.« Ich habe trotzdem abgelehnt. Da meinte er nur: »Weißt du, Klaus Sammer hat sich auch gesträubt, Trainer in Dresden zu werden. Den habe ich zig Mal nach Berlin geholt, bis er nicht mehr ´Nein´ sagen konnte.« Da war mir klar: Das wird nichts mehr mit der Nachwuchsarbeit. Also trat ich am Tag nach meinem Karriereende den Job als Cheftrainer beim 1. FC Magdeburg an.

Schon als Spieler hatte der Verband Sie 1975 gegen Ihren Willen nach Magdeburg gelotst.

Wir waren mit Rostock in die zweite Liga abgestiegen und Hans Meyer, damals Trainer bei Carl-Zeiss Jena, wollte mich verpflichten. Und da in Jena seinerzeit sehr professionell gearbeitet wurde, habe ich mich dort angemeldet. Dann kam allerdings die Anweisung aus Berlin: »Entweder du gehst zu Magdeburg, oder du bleibst in Rostock.« Und da ich nicht zweite Liga spielen wollte, bin ich natürlich nach Magdeburg gegangen.

War das Leben eines Fußballers in der DDR trotz der Fremdbestimmung angenehmer, als für andere Sportler?

Wir konnten unter Profi-Bedingungen spielen, außerdem konnte ich ein Sportstudium absolvieren. Uns ging es gut. Besser als dem Durchschnitt. Andere Sportler hatten es trotz guter Leistungen wahrscheinlich nicht so leicht wie wir.

Woran lag das?

Fußball war auch in der DDR der wichtigste und beliebteste Sport. Das konnte selbst die Staatsführung nicht verhindern, denn sonst hätten die den Fußball sicherlich in den Hintergrund gedrängt. In anderen Sportarten war die DDR schließlich deutlich erfolgreicher.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden