17.07.2011

Der »Beckenbauer Ghanas« Charles Gyamfi

»Sie riefen mich Kalle«

Charles Gyamfi war der erste Afrikaner im deutschen Fußball, später führte er Ghana zu drei Afrika Meisterschaften. Im Interview spricht er über Beine aus Stahl, die ersten Fußball-Schuhe in Ghana und das Spiel gegen die Deutschen.

Interview: Daniel Tödt und Jan Scheve Bild: Imago
Charles Kumi Gyamfi wechselte 1960 als erster afrikanischer Fußballer überhaupt nach Deutschland. Ein Jahr spielte der heute als »Beckenbauer Ghanas« bekannte Gyamfi bei Fortuna Düsseldorf. Seine größte Zeit hatte er als Trainer seines Landes: 1963, 1965 und 1982 führte er Ghana zum Titel beim »Africa Cup of Nations«.



Charles Gyamfi, wann waren Sie zuletzt in Deutschland?

Nach meinem Jahr als Spieler in Düsseldorf war ich noch einmal dort. 1963 haben wir mit der Nationalmannschaft auf dem Weg nach Russland zwei Spiele in Deutschland gespielt, unter anderem gegen Düsseldorf. Das Ergebnis war ein Unentschieden.

Wie kam es zu Ihrem Aufenthalt in Düsseldorf Ende der 1950er Jahre?

Fortuna Düsseldorf kam 1959 für einige Freundschaftsspiele nach Ghana und nahm mich im Anschluß gleich mit. Auch wollte der ghanaische Fußballverband, dass ich dorthin gehe und mich als Trainer ausbilden lasse. Zunächst rechnete niemand damit, dass ich bei Fortuna meinen Platz als Spieler finden würde. Doch Fortuna merkte, dass ich ein guter Spieler war. Aus Hennef (der Ort der Fussballschule, d. Red.) nahm ich viel Fußballwissen mit nach Hause, denn ich wusste, dass ich bei meiner Rückkehr Trainer werden wollte. Ich lernte viel, auch als
Spieler im Fortuna-Dress, viel Taktik, Technik.

Wie gestaltete sich Ihr Privatleben in Deutschland?

Mein Alltag? Als ich ankam, hatte ich keine Freunde, auch konnte ich die Sprache nicht. Ich beobachtete das Leben der Menschen in Deutschland. Es waren noch Kriegsspuren in der Stadt zu sehen, doch die Deutschen arbeiteten hart daran, das alles hinter sich zu lassen. Ich freundete mich aber schnell mit meinen Kollegen an, vor allem mit Erich Juskowiak. Er spielte im Nationalteam und war dort Teamkapitän. Wir verstanden uns schon in Afrika auf Anhieb. Mir ging es gut und ich vergaß meine Einsamkeit.

Wie reagierten die Fans in Düsseldorf auf den ersten schwarzen Spieler?

Oh mein Gott, das war unglaublich! Vor meinem ersten Spiel bei Fortuna fragte mich Fortuna-Präsident Dr. Thier in der Kabine, ob ich nervös sei. Ich sagte: Nein, überhaupt nicht. Und auf dem Platz sahen sie dann, was ich wirklich konnte, ich war wie ausgewechselt, ich war hier und da, nahm den Ball, schoss an die Latte, dass sie nur so zitterte und alle waren begeistert. Ich war überrascht über den Umgang mit mir, denn ich war als Afrikaner ein
Novum in der Liga. Jedes Heimspiel war ausverkauft, alle wollten den Afrikaner sehen, sich von seinen Fussballkünsten überzeugen. Jedes Mal, wenn wir einliefen, schwenkten die Fans in der Kurve Flaggen und riefen: Kalle, Kalle, da ich ja Charles heiße. Als ob ich der einziger
Spieler wäre, der spielte (lacht).

1951 absolvierten Sie als Mitglied einer ghanaischen Auswahl bereits einige Spiele in England. Vor dem Hintergrund ihrer späteren Deutschland-Erfahrungen, sehen sie einen Unterschied in der Reaktion der Menschen im kolonialen Mutterland auf afrikanische Spieler im Vergleich zu Deutschland?

In England und Irland waren wir abgeschieden von den Weißen, wir waren in einem Camp untergebracht. In Düsseldorf war es anders, ich war ein freier Mann, ich war wie die Anderen. In England kamen nach dem Spiel die kleinen Jungs, wollten uns die Hände schütteln und wischten dabei über unsere Haut. Sie wollten wissen, ob unsere Haut schwarz vom Dreck sei.

Als sie in den 1940ern mit dem Fußballspielen anfingen, befand sich Ghana noch unter kolonialer Herrschaft. Spielte die rassistische Vorstellung einer Überlegenheit des »weißen Mannes« auch auf dem Platz eine Rolle?

Eigentlich spielten Afrikaner ausschließlich untereinander, Weiße spielten kaum Fußball. Eine Ausnahme stellten Seemännner in Cape Coast (Hafenstadt in Ghana, d. Red.) dar. Die Schiffsbesatzungen bildeten eigene Teams. Auf Landgang forderten sie dann auch die Afrikaner heraus. Bei diesen Freundschaftsspielen ging es mir aber nicht um das Ergebnis. Spannender war vielmehr, wie die Europäer gekleidet waren. Übrigens tauchten in Cape Coast die ersten Fußballschuhe auf, doch als diese kaputt waren, spielten alle wieder Barfuß. So auch auf unserer Englandtour. Wenn wir gegen den Ball traten, stöhnte das ganze Stadion auf: Aauuu! Nach dem Spiel kamen die Kinder angelaufen, um zu gucken ob unsere Beine
aus Stahl wären. Später aber gewöhnte ich mich an die Schuhe, ich brachte mir welche aus Europa mit, ein anderer besorgte sie sich aus der Elfenbeinküste. So gab es immerhin zwei Spieler in Ghana, die Schuhe hatten.

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