Der Balljungen-Betreuer vom HSV über das Derby und Eden Hazard

»Beleidigungen sind Alltag«

Eden Hazards Zusammenstoß mit einem Balljungen hat diverse Frage aufgeworfen. Was dürfen Balljungen, was dürfen sie nicht? Was müssen sie können, was darf man von ihnen erwarten? Und: Wie spielentscheidend sind die Helfer hinter den Banden. Sven Ehlen betreut beim Hamburger SV die Balljungen. Vor dem Nordderby sprachen wir mit ihm über schmutzige Tricks und die Pike von Oliver Reck.

Sven Ehlen, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Szene mit Chelseas Eden Hazard und dem Balljungen aus Swansea sahen?
Dass das, was Hazard macht, einfach unfassbar ist. Ganz egal ob der Balljunge nun Zeit schinden wollte oder nicht, ein Fußballer muss seine Nerven in so einer Situation doch im Griff haben.

Sie sind beim Hamburger SV neben Ihrer Funktion als Teamleiter der U17 auch für die Betreuung der Balljungen zuständig. Haben Sie schon einmal erlebt, wie einer Ihrer Spieler physisch angegangen wurde?
Nur einmal. Beim Spiel gegen Schalke 04, Oliver Reck stand bei den Schalkern noch im Tor, warf einer der Jungs den Ball offenbar nicht so aufs Spielfeld zurück, wie es sich Reck gewünscht hatte. Mit der Pike schoss er den Ball zurück und traf unseren Balljungen so hart am Arm, dass der im Krankenhaus behandelt werden musste. Was man Reck aber hoch anrechnen musste: Er besuchte den Jungen anschließend an seinem Krankenbett, entschuldigte sich aufrichtig, schenkte ihm ein Trikot und lud ihn zum nächsten Schalke-Heimspiel ein. Wenn jemand einen Fehler macht und dafür auch gerade steht, ist die Sache für mich gegessen.

Aber Eden Hazard…
…hätte ich bestimmt in den Katakomben zur Rede gestellt.

Inzwischen hat er sich in einem Interview bei dem Balljungen entschuldigt.
Dann ist ja gut.

Wie gefährlich lebt es sich als Balljunge?
Gefährlich wird es nur dann, wenn Gegenstände aus der Kurve auf den Rasen geworfen werden. Wenn diese Gefahr droht, haben unsere Balljungen die Order, sich so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen.

Und im Umgang mit wütenden Spielern und Trainern?
Dass die Jungs wirklich tätlich angegriffen werden, ist – bis auf sehr wenige Ausnahmen – eigentlich nie der Fall. Was allerdings zum Tagesgeschäft eines Balljungen gehört, sind Beleidigungen und verbale Ausfälle. In der Hektik eines Bundesligaspiels rutschen Spielern und Trainern häufig mal Wörter raus, die sie im Alltag sicherlich nicht gegenüber Minderjährigen gebrauchen würden.

Mussten Sie schon Jungs nach dem Spiel in den Arm nehmen und trösten?
Nein, so schlimm ist es dann doch nicht. Außerdem setzen wir beim HSV nur Jungs an der Außenlinie ein, die selber für den HSV Fußball spielen. Denen sage ich vor jedem Spiel: Leute, nehmt euch die Sprüche nicht zu Herzen, denkt daran, wie emotional ihr reagieren könnt, wenn das Spiel erstmal angepfiffen ist.

Wie viele Balljungen und Bälle sind bei einem Bundesligaspiel eigentlich im Einsatz?
In der Regel zwölf Balljungen plus Betreuer – beim HSV ist das meine Wenigkeit – und insgesamt elf Bälle, wenn man den Spielball mit einberechnet.

Wie sieht die Vorbereitung mit den Balljungen aus?
Es gibt ein paar Verhaltensregeln, an die sich die Jungs halten müssen. Ich sage ihnen ganz klar: Ihr vertretet mit diesem Job den HSV, also verhaltet euch auch angemessen. Ich bin allergisch dagegen, wenn jemand während des Spiels mit seinem Handy rumdaddelt oder seine Kumpels auf der Tribüne grüßt. Die Konzentration gilt dem Spiel.

Am Sonntag ist der Erzrivale aus Bremen zu Gast im Volksparkstadion. Nimmt Sie Thorsten Fink dann auch mal zur Seite, um mit Ihnen über das korrekte Verhalten der Balljungen zu sprechen, falls der HSV kurz vor Schluss eine knappe Führung über die Zeit retten muss?
Nein. Das hat es noch nie gegeben und wird es auch nicht geben. Im Gegenteil: Ich bin dann zufrieden, wenn die Balljungen das Spiel schneller und nicht langsamer machen. Vor einiger Zeit habe ich eine Szene gesehen, in der ein Ball so schnell wieder aufs Feld geworfen wurde, dass aus dem daraus entstandenen Konter ein Tor resultierte. So muss es sein.

Ganz ehrlich: Wie viel Spaß macht der Job eines Balljungen?
Für die Teilnehmer ist jedes Spiel ja nicht nur lästige Pflicht, sondern Theorie-Training allererster Güte! Wir stellen unsere Balljungen entsprechend ihrer eigenen Position auf dem Fußballplatz auf, heißt: Torhüter stehen hinter dem Torwart, Abwehrspieler auf Höhe der Viererkette und so weiter. Besser lernen, wie man sich als Profi auf dem Platz verhält, kann man eigentlich nicht.

Philipp Lahm war einst Balljunge beim FC Bayern, Pep Guardiola beim FC Barcelona – welche Ihrer ehemaligen Schützlinge haben bereits den Sprung von der Bande auf dem Rasen geschafft?
Aus dem aktuellen Kader Son Heung-Min und Maxi Beister. Und die nächsten potentiellen Bundesligaspieler mit Balljungenerfahrung stehen schon in den Startlöchern: Jonathan Tah und Levin Öztunali, der Enkel von Uwe Seeler.

Wenn Öztunali seinem Opa zuwinken würde, drücken Sie doch bestimmt beide Augen zu.
Brauche ich gar nicht. Dafür ist Levin viel zu schüchtern.

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