Der Autor der »Football Factory« erzählt

»Eine Parallelgesellschaft«

John King schrieb das Buch »The Football Factory«, auf dem der gleichnamige Film basiert. Nun erscheint das Buch in einer deutschen Neuauflage. Wir sprachen mit John King über den Wandel der Hoolszene. Der Autor der »Football Factory« erzählt

John King, können Sie sich erklären, warum Ihr Buch noch immer ein so großes Interessen weckt?

Es ist ein populäres Thema, Fußball ist und bleibt ein Massenphänomen. Es geht um die verschiedenen Charaktere, die bei einem Fußballspiel aufeinander treffen. Außerdem herrscht bei vielen immer noch diese Faszination für die Gewalt vor, dieses Gegenüberstehen von Gangs, wie es sich bei Hooligans abspielt.

[ad] Wie würden Sie die Hoolszene umschreiben?

Es ist eine Parallelgesellschaft. Meistens Leute, die vom politischen System vernachlässigt worden sind. Beim Fußball wird der Frust dann rausgelassen, weil Fußball immer ein Sport der Unterdrückten, der Arbeiterklasse war. Aber im Vergleich zu meiner Zeit hat sich die Szene sehr verändert.

Inwiefern?

Früher waren das irgendwelche Lads, für die es ums Singen, Biertrinken und Fußball ging. Sie sind für ihr Team zu Auswärtsspielen gefahren, bei denen es dann geknallt hat. Der Fokus liegt heute bei vielen eben nur auf der Gewalt. Es driftet ins Extreme ab, das Spiel ist Nebensache. In den 70er Jahren spielte sich die Gewalt noch rund um das Stadion ab, weil die Leute auch das Spiel wertgeschätzt haben. Heute treffen sie sich mitunter in irgendwelchen Wäldern.

Aber drehte es sich damals nicht auch schon bei Hools ausschließlich um Gewalt?

Nicht in dem ursprünglichen Verständnis. Die Ränge waren doch voll mit Jugendlichen und Draufgängern. Zu meiner Zeit hat eine Eintrittskarte ein paar Pfund gekostet, da waren 10 000 Teenager im Stadion. Das waren die, die den Club nach vorne peitschten und die für Stimmung gesorgt haben. Heute muss man für eine Karte mindestens 50 Pfund hinlegen. Kein Wunder, dass die jungen Leute nicht mehr ins Stadion kommen.

Gehen Sie heute noch ins Stadion?

Ich gehe heute auch noch ins Stadion, aber es ist schrecklich, welche Leute sich jetzt dort tummeln. Viele meiner Kumpels von damals haben auch gesagt, dass sie sich das nicht mehr antun. In den Neunziger Jahren, quasi mit dem Start der Premier League, haben sie begonnen, Fußball der Arbeiterklasse wegzunehmen. Die Atmosphäre wurde zerstört.

Hängt das auch mit der Übernahme vieler Clubs durch Investoren zusammen?

Klar, das Ganze läuft in die falsche Richtung. So absurd das für eure Ohren auch klingen mag, so haben wir es bei Chelsea bisher noch ganz gut getroffen. Abramowitsch hat sehr viel in den Club gesteckt, ohne ihn auszubeuten wie das anderswo geschieht. Aber klar: Die Sache ist gefährlich. In Deutschland sind die Fans viel besser in den Club eingebunden, können eine Explosion der Ticketpreise aufhalten.

In der deutschen Fanszene sind die Ultras sehr bestimmend. Warum, glauben Sie, gibt es dieses Phänomen in England nicht?

Wenn sich in England jemand mit dem Megafon vor die Kurve stellt, würden sie ihn mit Verachtung strafen. In England steht man nicht so auf diesen durchorganisierten Kram. Niemand lässt sich hier im Fanblock sagen, was er singen soll. Das läuft alle mehr spontan ab.

John Kings Buch  »The Football Factory« ist im Mai im Heyne-Verlag erschienen und somit nun auch in Deutschland erhältlich.

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