Demo zum Erhalt der Fankultur

»Kein Dialog auf Augenhöhe«

Heute endete in Berlin die dritte klubübergreifende Demonstration zum Erhalt der Fankultur statt. Wir sprachen mit Philipp Markhardt von »Pro Fans« über den ernüchternden Dialog mit der DFL und das Ende der Fahnenstange. Demo zum Erhalt der FankulturImago

Philipp Markhardt, am Samstag findet in Berlin nach 2002 und 2005 die dritte Demonstration zum Erhalt der Fankultur statt. Was haben wir zu erwarten?

Es werden über 160 Gruppen aus 50 Fanszenen an der Demo teilnehmen, dazu natürlich etliche Einzelpersonen. Wir treffen uns um 13 Uhr am Roten Rathaus. Danach wird jede Fanszene zu den von ihr vorbereiteten Themen Position beziehen. Zudem wird es einige Redebeiträge geben.

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Um welche Themen wird es vornehmlich gehen?

Knapp umrissen: Um willkürliche Stadionverbote, die Preisexplosion in den Stadien, das Verbot von Fanutensilien, das Mitspracherecht für Fußballfans und Mitglieder, die Datei »Gewalttäter Sport« und Selbstreflexion.

Selbstreflexion bei Fußballfans?

Genau. Es wäre doch paradox an einem Tag »Fußballfans sind keine Verbrecher« zu schreien und am nächsten Wochenende die Fahnen der rivalisierenden Klubs zu klauen oder ein Fanprojekt zu überfallen. Eine kritische Selbstbetrachtung soll nicht ausbleiben.

Gladbacher und Leverkusener Fangruppen haben deswegen ihr Erscheinen abgesagt.

Sie unterstellen der Veranstaltung eine Doppelmoral, ja. Allerdings haben wir doch gerade am Samstag in Berlin die Chance, darüber zu diskutieren. Und ich bin mir sicher, dass dort vornehmlich Fans erscheinen, die Gewalt nicht goutieren. Daher finde ich den Schluss, den Leverkusen und Gladbach ziehen, auch vollkommen falsch.

Fernab von der Medienhysterie nach den Vorfällen von Hamburg oder auch Berlin im letzten Jahr: Hat die Gewalt wieder zugenommen?

Ich denke nicht. Vor allem weil das Gros der Fans merkt, dass man durch so ein Riot-Getue Wasser auf die Mühlen derer kippt, die mehr Sicherheit in den Stadien fordern. Allerdings, und das verneint auch niemand, gibt es in jeder deutschen Fußballszene immer noch Leute, bei denen die Selbstregulierung noch nicht gegriffen hat oder nicht mehr zu erwarten ist. Nichtsdestotrotz hat die Gewalt nicht zugenommen. Sie steht nur viel mehr im öffentlichen Fokus. Es wird intensiver, leider aber auch nicht immer wahrheitsgetreu darüber berichtet.

Ein Aspekt der Demo wird die Datei »Gewalttäter Sport« sein. Was ist der konkrete Kritikpunkt?

Zunächst die sehr undurchsichtige Verfahrensweise. Meistens beruhen die Einträge auf Verdachtsmomenten und subjektiven Urteilen. Schlimm ist auch, dass die Betroffenen nicht einmal über ihre Eintrag informiert werden. Darüber hinaus ist diese Datei unserer Ansicht nach nicht legal: Sie wurde erst durch eine nachträgliche Rechtsverordnung des Bundesrates legitimiert. Vorher manövrierte man sie geschickt am Bundestag vorbei, um jede öffentliche Diskussion zu vermeiden. Mindestens die Daten, die vor dem BGH-Urteil zur Datei GS erhoben wurden, sind rechtswidrig erhoben worden.

Ein anderer Aspekt sind die unverschämten Preisanstiege in den Stadien. Die Kritik wird in Deutschland oft mit dem Hinweis abgeschmettert, dass es in England noch viel schlimmer ist.

Wie zuletzt von Klaus Allofs, der sich öffentlich darüber echauffierte, dass Fans gegen die Preistreiberei protestierten. Der Mann hat offenbar nichts begriffen. Es ist doch eine ganz klare Tendenz auszumachen: Die Preise steigen seit Jahren kontinuierlich. Das ist ja nicht nur auf Schalke so, auch in anderen Stadien. Beim HSV kosten Stehtickets gegen Bayern auch 22 Euro. Eine absolute Frechheit.

Ist das Ende der Fahnenstange erreicht?

Vielleicht. Und deshalb ist jetzt der Zeitpunkt, an dem sich die Klubs die Frage stellen sollten, ob sie es in Kauf nehmen wollen, dass bestimmte Fans sich die Tickets nicht mehr leisten können oder wollen. Denn wenn das passiert, dann kommt es unweigerlich zu einem Publikumsaustausch wie in England.

Die Frage nach den Stadionpreisen ist ein vereinsspezifisches Problem. Die stetig wechselnden Anstoßzeiten eines der DFL. Wie sah diesbezüglich der Dialog in den letzten Jahren aus?

Die Gespräche in der einst mit großen Versprechungen und Zielen gegründeten »AG Fandialog« sind aus heutiger Sicht ernüchternd gewesen. Wir diskutierten nicht auf Augenhöhe. Es gab unregelmäßig immer wieder Runden in Frankfurt, bei denen die Fanbeauftragten von DFL und DFB, Gerald von Gorrissen oder Thomas Schneider, saßen, dazu Fanbeauftragte der Vereine, Leute von der KOS und Vertreter der Fanorganisationen. Dazu immer mal wieder Offizielle der beiden genannten Institutionen. DFL und DFB stellen uns damals stets Mitsprache in Aussicht. So sollten wir etwa in die Spielplanung einbezogen werden – es passierte nichts.

Warum?

Es scheint, als hätten die Herren etwas zu verbergen. Man fragt sich etwa, warum die Bundesligaspieltage bis Ende des Jahres noch nicht terminiert sind, obwohl die Europacup-Spiele, die bis dato immer als Ausrede für die späte Terminierung der Bundesliga herhalten mussten, längst gesetzt sind. Es liegt der Verdacht nahe, dass die Begründung nur davon ablenken soll, dass man sich in Wahrheit längst zum Sklaven des Pay-TV gemacht hat. Im Ganzen kann man festhalten:  Wir sind weiterhin bereit für einen Dialog, allerdings auch arg desillusioniert was eine fruchtbare Zusammenarbeit mit der DFL oder dem DFB angeht.

Was haben die Demonstrationen 2002 und 2005 rückblickend gebracht?


So bitter es klingt, aber wir sind heute kaum weiter als vor 2005. Zwei Beispiele: Nach der Demo im Jahr 2002 versprach man uns, Sonntagsspiele fanfreundlicher zu legen. Das heißt konkret, dass zwei Vereine gegeneinander spielen, die nicht weiter als 300 Kilometer auseinander liegen. In der Praxis hat sich die DFL nie daran gehalten. Wenn so etwas mal vorkam, dann kann man wohl von einem glücklichen Zufall sprechen.

Und 2005?

Nach der Demonstration in Frankfurt tönte der damalige Innenminister Otto Schily eine Ombudsstelle einzurichten, bei der sich Fans Gehör verschaffen können, die sich von der Polizei ungerecht behandelt fühlen. Ein leeres Versprechen, denn kurz nach dem Treffen der Fanorganisationen mit Schily kam es zu Neuwahlen. Schily wusste damals schon, dass er nicht wieder Minister werden würde.

Es klingt nach einem Kampf gegen Windmühlen. Mitunter fragt man sich, ob der Fanprotest gegen die rapide voranschreitende Kommerzialisierung des Fußballs nicht schon viel früher hätte einsetzen müssen. Kurz: Haben Fangruppierungen die neunziger Jahre verschlafen?

Es wurde ja auch in den Neunzigern durchaus einiges erreicht. Ich erinnere an den Einsatz von BAFF für den Erhalt von Stehplätzen im Stadion. Und auch auf regionaler Ebene gab es Erfolge. Ich kann vornehmlich für den HSV sprechen: Hier setzte der Supporters Club durch, dass es auch Stehplätze im neuen Stadion geben wird. Allerdings war man vor zehn oder zwanzig Jahren noch nicht so breit aufgestellt, der Dialog war ein anderer. Zudem gab es damals Organisationen wie »Pro Fans« oder »Unsere Kurve« noch gar nicht. Und ich glaube, die Leute konnten damals schlichtweg noch nicht absehen, welche Blüten das Ganze treiben würde.

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Die Demonstration »Zum Erhalt der Fankultur« wird am Samstag nicht wie geplant um 13 Uhr am Berliner Alexanderplatz starten. Hier der aktuelle Hinweis der Veranstalter:

»Nach einem konstruktiven Gespräch mit den örtlichen Sicherheitsbehörden, wurde der Startort der Demo um wenige hundert Meter verlegt. Die Demo startet somit am Roten Rathaus/Spandauer Straße. Rund um den Demoort stehen zahlreiche Helfer bereit, die bei Unklarheiten gefragt werden können.«

Weitere Infos: http://www.erhalt-der-fankultur.de/

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