Deisler-Arzt Dr. Nickel über DRUCK

»Fans sind gnadenlos«

Deisler-Arzt Dr. Nickel über DRUCK
Heft#101 04/2010
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Dr. Thomas Nickel, über psychische Defizite wird im Fußball ungern gesprochen. Wie weit sind Depressionen unter Profis verbreitet?

Rund 17 Prozent aller Mensch haben im Leben einmal eine Depression. Die Dunkelziffer unter Fußballern ist sicherlich hoch, dennoch sind Fussballer wahrscheinlich nicht häufiger von einer Depression betroffen als dies in der Allgemeinbevölkerung der Fall ist. Ein Profi geht schon recht früh durch eine ständige, sehr engmaschige Selektion. Jemand, der sich auf diesem Weg zu viel zu Herzen nimmt, fällt meist früher durchs Raster.

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Dennoch avancierte ein offenkundig psychisch labiler Mensch wie Sebastian Deisler zu einem Top-Star der Bundesliga.

Sebastian Deisler war von seinem Talent derart herausragend, dass er sehr rasch die Spitze erreichte, obwohl er von seiner Persönlichkeit her nicht unbedingt für dieses Leben geschaffen war.

Was können die Ursachen dafür sein, dass ein Kicker ein seelisches Tief durchwandert?

Eine Depression entsteht einerseits bei Menschen, die eine genetische Veranlagung dafür mitbringen. Außerdem sind chronische Stresssituation für ihr Entstehen verantwortlich. Das kann bei einem Fußballer beispielsweise eine Verletzung sein, die den Spieler Nachteile in der Selektion verschafft und ihn in der Situation zudem durch die extreme mediale Aufarbeitung unter Druck setzt.  

Tragen die Medien so gesehen eine Mitschuld an einer Depression, die ein Profi erlebt?

Kaum jemand steht mehr in der Öffentlichkeit als ein Fußballer. Vorstände von Dax-Konzernen beispielsweise haben schon x-mal gezeigt, dass sie sich durchsetzen und Druck aushalten können, bevor sie derart in der Öffentlichkeit stehen, aber bei jungen Fußballern kann diese Wahrnehmung fast über Nacht entstehen. Einige sind dem nicht gewachsen.  

Welchen Aufgaben haben die sogenannten Mentaltrainer in den Bundesligaklubs?

Manche Fußballer leider z.B. unter einer Unsicherheit in sozialen Situationen. Diese kann sich etwa auch darin äußern, dass sie Probleme mit Interviews haben, was den Druck auf den Spieler verschärft. Deshalb achten die Mentaltrainer in den Klubs gerade auch auf solche Defizite, um dann gezielt mit den Spielern daran zu arbeiten und ihnen die Versagensangst in so einem Szenario zu nehmen.  

Gibt es Strategien, die speziell ein Profi beherzigen sollte, um psychisch stabil seinen Job zu versehen?

Wir raten den Spieler dasselbe, was wir allen Menschen raten: Lebt ein glückliches Leben mit allem, was dazu gehört: einer Freundin, Kindern, Hobbys, damit sich der Horizont der Spieler nicht allein auf den Fußball begrenzt. Ganz wichtig: Wenn ein Spieler feststellt, dass er beispielsweise Probleme mit der Außendarstellung hat, soll er ein Coaching oder mentale Hilfe in Anspruch nehmen. Damit er auch auf diesem Gebiet seine Fertigkeiten – und damit auch die Ausübung seines Berufs  – verbessert.

Depressionen im Profifußball sind immer noch ein Tabuthema. Was muss passieren, damit sich das ändert?

Die Fans sind gnadenlos, das haben wir gemerkt, als Sebastian Deisler nach seiner Erkrankung wieder auf das Spielfeld zurückkehrte. Was die Fans einiger gegnerischen Klubs ihm da hinterher riefen, möchte ich hier nicht wieder geben. Die Gesellschaft ist offensichtlich noch nicht so weit, einem Fußballer psychische Probleme zuzugestehen.

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