Dedé über Vereinstreue und deutsche Kultur

»Ich war früher schon Borusse«

Als Dedé 1998 nach Deutschland kam, wollte er eigentlich nur eines: schnell wieder nach Hause. Das Wetter war schlecht, der Fußball so hart und sein bester Freund Lincoln weit weg. Warum doch alles ganz anders kam, erzählt er hier. Dedé über Vereinstreue und deutsche Kulturimago

Dedé, Sie spielen seit über elf Jahren bei Borussia Dortmund und sind momentan der Bundesligaprofi, der seinem Verein am längsten die Treue hält. Hätten Sie im Frühjahr 1998 geglaubt, dass Ihre Karriere so verlaufen würde?

Mein Plan war eigentlich ein anderer. Ich wollte hier drei Jahre meinen Vertrag erfüllen und dann zurück nach Brasilien gehen.

Warum wollten Sie zurück?

Mir fiel der Abschied aus Brasilien unheimlich schwer. Ich wuchs mit meinen Brüdern und meinen Eltern in einer kleiner Wohnung in einer Favela von Belo Horizonte auf. Wir lebten zu acht auf nicht mal 35 Quadratmetern. Doch das war mein zu Hause, die Favela, meine Familie. Ich kannte dort jeden Stein, ich hatte an jeder Ecke Freunde, bei Atlético Mineiro, meinem damaligen Verein, liebten mich die Fans.

Sie hatten Sorge, dass das in Deutschland anders wird?

Klar. Doch mein Vater nahm mich eines Tages zur Seite und sagte: »Geh nach Deutschland. Versuch in den drei Jahren dein Bestes zu geben. Danach kannst du immer noch entscheiden, ob du zurückkehrst.« Und so wagte ich den Schritt, auch weil ich meiner Familie ein Haus kaufen wollte – ich wollte ihnen ein besseres Leben ermöglichen. Wir hatten damals nicht viel.

Sie und Ihre Brüder sind als Kinder arbeiten gegangen, um überleben zu können.

Im Supermarkt stand ich am Eingang und wartete auf ältere Menschen, um ihre Tüten nach Hause zu tragen. Ich habe als Autowäscher gearbeitet und als Eisverkäufer...

...mit dem späteren Bundesligaspieler Cássio de Souza Soares, auch als Lincoln bekannt.

Wir lernten uns kennen, als wir zehn Jahre alt waren. Seitdem waren wir unzertrennlich. Wir hingen in den Straßen ab, teilten uns kleinere Jobs – und spielten Fußball. Unentwegt: Fußball. Er ist mein Jahrgang, später spielten wir gemeinsam bei Mineiro. Als Lincoln drei Jahre nach meinem Wechsel zum BVB auch in die Bundesliga kam, habe ich mich wahnsinnig gefreut.

Träumten Sie schon als Kind davon, Profifußballer zu werden?

Sie werden in Brasilien kaum einen Jungen finden, der nicht davon träumt. Fußball bestimmt das Leben. So war es auch bei Lincoln und mir. Ich habe in meiner Kindheit in vier Vereinen gleichzeitig gespielt. Die Wochenenden waren komplett mit Fußball belegt. Manchmal mit zwei oder drei Spielen am Stück.

Hatten Sie Talent, oder mussten Sie hart arbeiten, um besser zu werden?

Ich war talentiert. Ich habe immer mit Älteren gespielt, mit zehn Jahren war ich bei den 12-Jährigen. Mein erstes Profispiel machte ich im Alter von 17 Jahren für Atlético Mineiro. Ich war mächtig stolz, schließlich war Mineiro mein Klub, der Klub, bei dem ich unzählige Male im Stadion war.

Konnten Sie sich damals die Tickets für die Spiele leisten?

Nein. Meine Kumpels und ich sprangen einfach über die Mauer, wir halfen uns gegenseitig, während ein paar Jungs Schmiere standen. Wenn wir es in den Innenbereich geschafft hatten, ging die Verfolgung los: Wir tauchten blitzschnell in der Menge unter, während die Polizisten hinter uns her liefen.
Sprechen wir über Ihre Ankunft in Deutschland. Was hatten Sie für ein Bild von dem Land, bevor Sie nach Dortmund kamen?

Ich kannte Deutschland überhaupt nicht. Das lag zum einen daran, dass die Bundesliga im brasilianischen Fernsehen nicht so präsent war wie heute. Andererseits war das Internet noch nicht so verbreitet. Man konnte sich also nicht in Kürze umfassend informieren. Ich kannte daher leidglich nur die gängigen Klischees, ein paar Erzählungen. Einige meinten, es sei immer kalt in Deutschland. Andere sagten, die Leute seien schlecht gelaunt.

Was stimmte?

Als ich 1997 nach Deutschland kam, unterschrieb ich einen Vorvertrag bei Bayer Leverkusen und traf mich dafür mit Reiner Calmund. Der war gut gelaunt. (lacht) Doch es war Winter, eiskalt.

Warum gingen Sie letztendlich nach Dortmund?

Leverkusen erschien mir durchaus attraktiv, doch Borussia Dortmund bemühte sich in den kommenden Monaten sehr stark um mich. Und ich kannte den Verein bereits vom Weltpokalsieg. Ich war ein Fan.

Sie waren BVB-Fan?

Gewissermaßen. Sie spielten 1997 im Weltpokal gegen Cruzeiro Belo Horizonte, den großen Stadtrivalen von Atlético Mineiro. Die mögen sich ungefähr so gerne wie Borussia Dortmund und Schalke 04. Wobei die Rivalität dort viel mehr in Gewalt und Aggression ausartet. Damals drückte ich natürlich dem BVB die Daumen.

Sie sagten einmal, dass Sie nach Ihrer Ankunft in Dortmund sehr viel geweint und ständig mit Ihrer Mutter telefoniert hätten. War der Kulturschock so groß?

Es war einfach alles anders. Ich war alleine, keine Freunde, keine Familie, anderes Essen, andere Sprache, anderes Wetter. Die Leute waren viel reservierter als in Brasilien. Und auch der Fußball war ganz anders. Es stürzte alles geballt auf mich ein – ich war damals ja erst 20 Jahre alt. Heute kenne ich viele warmherzige Menschen hier, doch ich weiß auch, dass es hier mitunter ein wenig länger braucht, damit Freundschaften entstehen können.

Für viele Spieler, die direkt aus Brasilien kommen, ist das nach wie vor ein großes Problem.

Und ich verstehe diese Spieler, die sich zunächst nicht zurechtfinden, weil sie in eine vollkommen neue Welt eintauchen. Da gibt es geniale Spieler aus Brasilien, Spieler, die in Brasilien alles in Grund und Boden spielen, Tore am Fließband schießen und dann in Deutschland nicht mal ansatzweise ihre Leistung bringen. Sie kommen nicht mit den neuen Eindrücken und den neuen Verhältnissen zurecht. Und es ist mitunter schwer, sich auf diese in einer sehr kurzen Zeit einzustellen.

Sie waren von Anfang an gewillt, Deutsch zu lernen. War das vielleicht auch der Grund, weshalb Sie sich nach den Anfangsschwierigkeiten dann relativ schnell integrieren konnten?


Auf jeden Fall. Ich bin ein recht freundlicher und gut gelaunter Mensch, doch konnte ich das am Anfang überhaupt nicht richtig zeigen. Die erfahrenen BVB-Spieler haben mich in ihre Mitte genommen, mich geführt, sie waren sehr gut zu mir, der Kokser, Icke Häßler und andere. Doch wenn sie mich fragten »Dede, geht’s dir gut?«, konnte ich stets nur antworten »Ja.« Dabei ging es mir nicht gut. Alleine, ich konnte es nicht artikulieren. Mir wurde klar: Wenn du hier bleiben willst, musst du die Sprache lernen, du musst mit den Leuten reden können.

Bekamen Sie einen Deutschlehrer?

Am Anfang hatte ich einen, doch wir hatten unterschiedliche Ideen vom Unterricht. Er wollte mir die deutsche Sprache wie einem kleinen Schüler beibringen, er begann mit dem Alphabet: A, B, C, D, und so weiter. Er begriff nicht, dass ich gar keine Zeit hatte, so grundlegend die Sprache zu lernen. Ich wollte einfach viel Deutsch hören und viel sprechen.

Sie wollten einfach anfangen.

Richtig. Natürlich macht man Fehler am Anfang, doch ich wollte ein schnelles Erfolgserlebnis, nicht erst die Grammatik in Perfektion beherrschen, sondern wichtige Sätze und Worte sagen, auch, um auf dem Platz mit meinen Mitspielern kommunizieren zu können. Ich wollte Dinge rufen wie: »Links!«, »Rechts!«, »Spiel!«

Brachen Sie den Unterricht ab?

Ja, ich kaufte mir eine Lernkassette, die ich immer bei mir hatte. Wenn wir zu Auswärtsspielen gefahren oder geflogen sind, habe ich die Kassette in meinen Walkman gelegt und angemacht. Außerdem habe ich Bücher gelesen, in denen jede Seite eine portugiesische Übersetzung hatte.

Heute gelten Sie als der »Deutsche« unter den Brasilianern. Sie haben mittlerweile einen deutschen Pass, Sie spielen so lange in Deutschland wie kein Brasilianer vor Ihnen. Und Sie spielen kaum noch für die Galerie.

Als ich nach Deutschland kam, war mein Fußball noch ein ganz anderer. Ich spielte typisch brasilianisch, ich liebte das technische Spiel, die Tricks, Finten, Übersteiger. Das ganze Programm. Es kam, was kommen musste: Ich wurde unentwegt gefoult. In meiner ersten Saison war ich laut Statistik der Spieler, den die Gegenspieler am häufigsten von den Beinen holten. Normalerweise hat die Nummer Zehn dieses Schicksal, doch beim BVB war ich es, ganz einfach, weil ich so riskant spielte.

Sie begannen, effektiver zu spielen.

Ich merkte bald, dass ich anders spielen muss, um in der Bundesliga Erfolg zu haben, ich wollte schneller den Ball passen, schnörkelloser spielen, robuster und stärker in die Zweikämpfe gehen. Ich glaube, als Matthias Sammer im Sommer 2000 als Trainer beim BVB anfing, hatte ich dieses Spiel komplett verinnerlicht. Und nicht nur das, ich war auch menschlich vollends integriert. Weg wollte ich nicht mehr.

Sie sind mittlerweile auch eine wichtige Integrationsfigur für neue Spieler, vor allem für die Brasilianer. Wie bringen Sie den Spielern ihren BVB nahe?

Jeder Neue fragt mich: »Dedé, warum bist du schon so lange beim Borussia Dortmund?« Oder: »Dedé, was magst du so am BVB?« So war es auch bei Ewerthon, Amoroso, Evanilson, Tinga. Viele von den Jungs haben ja auch bei mir gewohnt. Wenn wir dann beisammen sitzen, sage ich ihnen nichts als die Wahrheit, ich erzähle ihnen etwa von den Fans, von dieser imposanten Südtribüne, diesem Stadion, das nahezu bei jedem Spiel ausverkauft ist. Manchmal glauben sie mir nicht – und gerade die sind umso faszinierter, wenn sie das bei ihrem ersten Spiel live erleben. Und das macht mich sehr froh, auch weil für mich am Anfang dieses Faszinierende des Vereins nicht sofort sichtbar war.

Haben Sie eigentlich nie mit einem Vereinswechsel geliebäugelt? Immerhin hatten einige Vereine schon diverse Male Interesse bekundet.

Natürlich mache ich mir über Angebote Gedanken, vom AS Rom bekam ich vor drei Jahren etwa eines, bei dem ich zweimal so viel verdient hätte wie bei Borussia Dortmund. Solche Angebote stellen einen auch immer auf die Probe. Doch letztendlich hat der BVB mir so viel gegeben, dass ich gerne viel zurückgebe. Vielleicht rührt dieses Verständnis auch aus meiner Kindheit: Meine Familie war für mich immer sehr wichtig, und es war mir immer wichtig, gut zu den Leuten zu sein, die gut zu mir waren. Am wichtigsten war mir immer, dass ich mich wohl fühle.

Was hat Ihr Vater dieses Mal gesagt?

Viele Leute waren natürlich erstaunt, dass ich das Angebot aus Rom nicht annahm, zumal der BVB zum Zeitpunkt der Offerte nicht gerade die beste Zeit durchmachte. Mein Vater sagte trotzdem: »Du darfst in deiner Position nicht das Geld sehen, sondern du musst dich fragen, was du fühlst. Wenn du dich in Dortmund wohl fühlst, dann bleib.« Also blieb ich. Vielleicht schwang auch die Sorge mit, wieder eine Heimat zu verlassen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Spieler heute nur noch maximal drei oder vier Jahre bei einem Verein bleiben?

Die Diskussion um Vereinstreue finde ich nicht fair. Jedenfalls stimmt es nicht, dass sich Spieler, die häufiger den Verein wechseln, nicht mit ihren Vereinen identifizieren. Man muss zunächst festhalten, dass ein Spieler zumeist nur bis zu seinem 35. oder 36. Lebensjahr aktiv im Profibereich spielen kann. Was kommt danach? Er hat keine richtige Ausbildung und es manchmal nicht so einfach einen Job nach seiner Spielerkarriere zu bekommen.

Wozu auch? Er hat genug verdient.

Das schon, doch was ich sagen will: Ein Profi hat nur maximal 15 Jahre Zeit, das Beste aus seiner Karriere rauszuholen, sich selbst zu verwirklichen. Einerseits sind da natürlich finanzielle Überlegungen, andererseits möchte der Spieler aber auch seinen Erfahrungshorizont erweitern, er möchte vielleicht auch mal die Chance wahrnehmen, bei und mit den Besten der Welt zu spielen, auch wenn viele sagen: Du hast keine Chance bei Bayern, Barcelona oder bei Real Madrid. So ist das doch auch bei jedem gewöhnlichen Angestellten, der versucht, in einem Topunternehmen zu arbeiten. Dieser Antrieb ist für mich also völlig legitim – und auch wenn mein Antrieb ein etwas anderer ist, macht mich das nicht zu dem perfekten Fußballprofi.

Wenn Sie heute auf Ihre zwölf Jahre in Dortmund zurückblicken: Was war der Moment, an den Sie sich immer wieder erinnern werden?


Es gab unzählig viele. Der 4:0-Sieg gegen den AC Mailand. Oder als ich mit meinem Bruder in der Champions League gegen AJ Auxerre einlief. Den bewegendsten Moment erlebte ich allerdings nach meinem Kreuzbandriss im August des letzten Jahres. Drei Tage nach meiner Operation wollte ich unbedingt beim Spiel gegen die Bayern im Stadion sein. Meine Ärzte rieten ab, doch ich drängte. So humpelte ich auf Krücken aufs Feld. Was ich dann erlebte, werde ich nie vergessen: Die Fans jubelten mir zu, sie hielten ein Spruchband hoch (»Dede, nur noch 4.152 Stunden«, Anm.) und die Mannschaft trug ein Transparent auf den Rasen: »Der ganze BVB für unseren Dedé«. Ich war zu Tränen gerührt. Freudentränen.

Was dachten Sie in dem Moment?

Dass es richtig war, in Dortmund zu bleiben, dass es richtig war, das Angebot aus Rom abzulehnen. In diesem Moment wusste ich, dass alles Sinn machte.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!