16.03.2011

Dedé über Vereinstreue und deutsche Kultur

»Ich war früher schon Borusse«

Als Dedé 1998 nach Deutschland kam, wollte er eigentlich nur eines: schnell wieder nach Hause. Das Wetter war schlecht, der Fußball so hart und sein bester Freund Lincoln weit weg. Warum doch alles ganz anders kam, erzählt er hier.

Interview: Andreas Bock Bild: imago
Sprechen wir über Ihre Ankunft in Deutschland. Was hatten Sie für ein Bild von dem Land, bevor Sie nach Dortmund kamen?

Ich kannte Deutschland überhaupt nicht. Das lag zum einen daran, dass die Bundesliga im brasilianischen Fernsehen nicht so präsent war wie heute. Andererseits war das Internet noch nicht so verbreitet. Man konnte sich also nicht in Kürze umfassend informieren. Ich kannte daher leidglich nur die gängigen Klischees, ein paar Erzählungen. Einige meinten, es sei immer kalt in Deutschland. Andere sagten, die Leute seien schlecht gelaunt.

Was stimmte?

Als ich 1997 nach Deutschland kam, unterschrieb ich einen Vorvertrag bei Bayer Leverkusen und traf mich dafür mit Reiner Calmund. Der war gut gelaunt. (lacht) Doch es war Winter, eiskalt.

Warum gingen Sie letztendlich nach Dortmund?

Leverkusen erschien mir durchaus attraktiv, doch Borussia Dortmund bemühte sich in den kommenden Monaten sehr stark um mich. Und ich kannte den Verein bereits vom Weltpokalsieg. Ich war ein Fan.

Sie waren BVB-Fan?

Gewissermaßen. Sie spielten 1997 im Weltpokal gegen Cruzeiro Belo Horizonte, den großen Stadtrivalen von Atlético Mineiro. Die mögen sich ungefähr so gerne wie Borussia Dortmund und Schalke 04. Wobei die Rivalität dort viel mehr in Gewalt und Aggression ausartet. Damals drückte ich natürlich dem BVB die Daumen.

Sie sagten einmal, dass Sie nach Ihrer Ankunft in Dortmund sehr viel geweint und ständig mit Ihrer Mutter telefoniert hätten. War der Kulturschock so groß?

Es war einfach alles anders. Ich war alleine, keine Freunde, keine Familie, anderes Essen, andere Sprache, anderes Wetter. Die Leute waren viel reservierter als in Brasilien. Und auch der Fußball war ganz anders. Es stürzte alles geballt auf mich ein – ich war damals ja erst 20 Jahre alt. Heute kenne ich viele warmherzige Menschen hier, doch ich weiß auch, dass es hier mitunter ein wenig länger braucht, damit Freundschaften entstehen können.

Für viele Spieler, die direkt aus Brasilien kommen, ist das nach wie vor ein großes Problem.

Und ich verstehe diese Spieler, die sich zunächst nicht zurechtfinden, weil sie in eine vollkommen neue Welt eintauchen. Da gibt es geniale Spieler aus Brasilien, Spieler, die in Brasilien alles in Grund und Boden spielen, Tore am Fließband schießen und dann in Deutschland nicht mal ansatzweise ihre Leistung bringen. Sie kommen nicht mit den neuen Eindrücken und den neuen Verhältnissen zurecht. Und es ist mitunter schwer, sich auf diese in einer sehr kurzen Zeit einzustellen.

Sie waren von Anfang an gewillt, Deutsch zu lernen. War das vielleicht auch der Grund, weshalb Sie sich nach den Anfangsschwierigkeiten dann relativ schnell integrieren konnten?


Auf jeden Fall. Ich bin ein recht freundlicher und gut gelaunter Mensch, doch konnte ich das am Anfang überhaupt nicht richtig zeigen. Die erfahrenen BVB-Spieler haben mich in ihre Mitte genommen, mich geführt, sie waren sehr gut zu mir, der Kokser, Icke Häßler und andere. Doch wenn sie mich fragten »Dede, geht’s dir gut?«, konnte ich stets nur antworten »Ja.« Dabei ging es mir nicht gut. Alleine, ich konnte es nicht artikulieren. Mir wurde klar: Wenn du hier bleiben willst, musst du die Sprache lernen, du musst mit den Leuten reden können.

Bekamen Sie einen Deutschlehrer?

Am Anfang hatte ich einen, doch wir hatten unterschiedliche Ideen vom Unterricht. Er wollte mir die deutsche Sprache wie einem kleinen Schüler beibringen, er begann mit dem Alphabet: A, B, C, D, und so weiter. Er begriff nicht, dass ich gar keine Zeit hatte, so grundlegend die Sprache zu lernen. Ich wollte einfach viel Deutsch hören und viel sprechen.

Sie wollten einfach anfangen.

Richtig. Natürlich macht man Fehler am Anfang, doch ich wollte ein schnelles Erfolgserlebnis, nicht erst die Grammatik in Perfektion beherrschen, sondern wichtige Sätze und Worte sagen, auch, um auf dem Platz mit meinen Mitspielern kommunizieren zu können. Ich wollte Dinge rufen wie: »Links!«, »Rechts!«, »Spiel!«

Brachen Sie den Unterricht ab?

Ja, ich kaufte mir eine Lernkassette, die ich immer bei mir hatte. Wenn wir zu Auswärtsspielen gefahren oder geflogen sind, habe ich die Kassette in meinen Walkman gelegt und angemacht. Außerdem habe ich Bücher gelesen, in denen jede Seite eine portugiesische Übersetzung hatte.

Heute gelten Sie als der »Deutsche« unter den Brasilianern. Sie haben mittlerweile einen deutschen Pass, Sie spielen so lange in Deutschland wie kein Brasilianer vor Ihnen. Und Sie spielen kaum noch für die Galerie.

Als ich nach Deutschland kam, war mein Fußball noch ein ganz anderer. Ich spielte typisch brasilianisch, ich liebte das technische Spiel, die Tricks, Finten, Übersteiger. Das ganze Programm. Es kam, was kommen musste: Ich wurde unentwegt gefoult. In meiner ersten Saison war ich laut Statistik der Spieler, den die Gegenspieler am häufigsten von den Beinen holten. Normalerweise hat die Nummer Zehn dieses Schicksal, doch beim BVB war ich es, ganz einfach, weil ich so riskant spielte.

Sie begannen, effektiver zu spielen.

Ich merkte bald, dass ich anders spielen muss, um in der Bundesliga Erfolg zu haben, ich wollte schneller den Ball passen, schnörkelloser spielen, robuster und stärker in die Zweikämpfe gehen. Ich glaube, als Matthias Sammer im Sommer 2000 als Trainer beim BVB anfing, hatte ich dieses Spiel komplett verinnerlicht. Und nicht nur das, ich war auch menschlich vollends integriert. Weg wollte ich nicht mehr.

Sie sind mittlerweile auch eine wichtige Integrationsfigur für neue Spieler, vor allem für die Brasilianer. Wie bringen Sie den Spielern ihren BVB nahe?

Jeder Neue fragt mich: »Dedé, warum bist du schon so lange beim Borussia Dortmund?« Oder: »Dedé, was magst du so am BVB?« So war es auch bei Ewerthon, Amoroso, Evanilson, Tinga. Viele von den Jungs haben ja auch bei mir gewohnt. Wenn wir dann beisammen sitzen, sage ich ihnen nichts als die Wahrheit, ich erzähle ihnen etwa von den Fans, von dieser imposanten Südtribüne, diesem Stadion, das nahezu bei jedem Spiel ausverkauft ist. Manchmal glauben sie mir nicht – und gerade die sind umso faszinierter, wenn sie das bei ihrem ersten Spiel live erleben. Und das macht mich sehr froh, auch weil für mich am Anfang dieses Faszinierende des Vereins nicht sofort sichtbar war.

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