Dedé über Vereinstreue, Heimweh und Fans

»Ich war früher schon Borusse«

Heute findet das größte Abschiedsspiel statt, das es in Europa jemals gegeben hat. Über 80.000 Fans verneigen sich ein letztes Mal vor Dedé. Zur Einstimmung: ein Karriere-Rückblick.

Dedé, hätten Sie im Frühjahr 1998 geglaubt, dass Ihre Karriere so verlaufen würde?
Mein Plan war eigentlich ein anderer. Ich wollte hier drei Jahre meinen Vertrag erfüllen und dann zurück nach Brasilien gehen.

Warum wollten Sie zurück?
Mir fiel der Abschied aus Brasilien unheimlich schwer. Ich wuchs mit meinen Brüdern und meinen Eltern in einer kleiner Wohnung in einer Favela von Belo Horizonte auf. Wir lebten zu acht auf nicht mal 35 Quadratmetern. Doch das war mein zu Hause, die Favela, meine Familie. Ich kannte dort jeden Stein, ich hatte an jeder Ecke Freunde, bei Atlético Mineiro, meinem damaligen Verein, liebten mich die Fans.

Sie hatten Sorge, dass das in Deutschland anders wird?
Klar. Doch mein Vater nahm mich eines Tages zur Seite und sagte: »Geh nach Deutschland. Versuch in den drei Jahren dein Bestes zu geben. Danach kannst du immer noch entscheiden, ob du zurückkehrst.« Und so wagte ich den Schritt, auch weil ich meiner Familie ein Haus kaufen wollte – ich wollte ihnen ein besseres Leben ermöglichen. Wir hatten damals nicht viel.

Sie und Ihre Brüder sind als Kinder arbeiten gegangen, um überleben zu können.
Im Supermarkt stand ich am Eingang und wartete auf ältere Menschen, um ihre Tüten nach Hause zu tragen. Ich habe als Autowäscher gearbeitet und als Eisverkäufer...

...mit dem späteren Bundesligaspieler Cássio de Souza Soares, auch als Lincoln bekannt.
Wir lernten uns kennen, als wir zehn Jahre alt waren. Seitdem waren wir unzertrennlich. Wir hingen in den Straßen ab, teilten uns kleinere Jobs – und spielten Fußball. Unentwegt: Fußball. Er ist mein Jahrgang, später spielten wir gemeinsam bei Mineiro. Als Lincoln drei Jahre nach meinem Wechsel zum BVB auch in die Bundesliga kam, habe ich mich wahnsinnig gefreut.

Träumten Sie schon als Kind davon, Profifußballer zu werden?
Sie werden in Brasilien kaum einen Jungen finden, der nicht davon träumt. Fußball bestimmt das Leben. So war es auch bei Lincoln und mir. Ich habe in meiner Kindheit in vier Vereinen gleichzeitig gespielt. Die Wochenenden waren komplett mit Fußball belegt. Manchmal mit zwei oder drei Spielen am Stück.

Hatten Sie Talent, oder mussten Sie hart arbeiten, um besser zu werden?
Ich war talentiert. Ich habe immer mit Älteren gespielt, mit zehn Jahren war ich bei den Zwölfjährigen. Mein erstes Profispiel machte ich im Alter von 17 Jahren für Atlético Mineiro. Ich war mächtig stolz, schließlich war Mineiro mein Klub, der Klub, bei dem ich unzählige Male im Stadion war.

Konnten Sie sich damals die Tickets für die Spiele leisten?
Nein. Meine Kumpels und ich sprangen einfach über die Mauer, wir halfen uns gegenseitig, während ein paar Jungs Schmiere standen. Wenn wir es in den Innenbereich geschafft hatten, ging die Verfolgung los: Wir tauchten blitzschnell in der Menge unter, während die Polizisten hinter uns her liefen.

Sprechen wir über Ihre Ankunft in Deutschland. Was hatten Sie für ein Bild von dem Land, bevor Sie nach Dortmund kamen?
Ich kannte Deutschland überhaupt nicht. Das lag zum einen daran, dass die Bundesliga im brasilianischen Fernsehen nicht so präsent war wie heute. Andererseits war das Internet noch nicht so verbreitet. Man konnte sich also nicht in Kürze umfassend informieren. Ich kannte daher leidglich nur die gängigen Klischees, ein paar Erzählungen. Einige meinten, es sei immer kalt in Deutschland. Andere sagten, die Leute seien schlecht gelaunt.

Was stimmte?
Als ich 1997 nach Deutschland kam, unterschrieb ich einen Vorvertrag bei Bayer Leverkusen und traf mich dafür mit Reiner Calmund. Der war gut gelaunt. (lacht) Doch es war Winter, eiskalt.

Warum gingen Sie letztendlich nach Dortmund?
Leverkusen erschien mir durchaus attraktiv, aber Borussia Dortmund bemühte sich in den kommenden Monaten sehr stark um mich. Und ich kannte den Verein bereits vom Weltpokalsieg. Ich war ein Fan.

Sie waren BVB-Fan?
Gewissermaßen. Sie spielten 1997 im Weltpokal gegen Cruzeiro Belo Horizonte, den großen Stadtrivalen von Atlético Mineiro. Die mögen sich ungefähr so gerne wie Borussia Dortmund und Schalke 04. Wobei die Rivalität dort viel mehr in Gewalt und Aggression ausartet. Damals drückte ich natürlich dem BVB die Daumen.

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