22.11.2009

Declan Hill über das große Wettgeschäft

»Sie würden mich töten«

In seinem Buch »Sichere Siege« zeigt Declan Hill die Machenschaften der asiatischen Wettmafia auf. Es gibt Indizien, dass in der Vergangenheit auch Bundesliga- und WM-Spiele verschoben wurden. Wir trafen Hill in Berlin.

Interview: Benjamin Apitius und Andreas Bock Bild: KiWi
Declan Hill über das große Wettgeschäft
Was bedeutet der Fußball als Sport einem Mann wie Chin?

Fußball ist ein Geschäft für ihn. Er ist emotional nicht daran interessiert, wer ein Spiel gewinnt oder verliert, er ist kein Fußballfan, er ist Fan des Glücksspiels.

Sie sprachen auch vor dem WM-Spiel Ghana gegen Brasilien miteinander.

Ich sagte zu Chin: »Brasilien wird gewinnen.« Er antwortete: »Nein, Ghana wird verlieren.« Dieser Satz kam mir damals so unglaublich surreal vor.

Ghana verlor dann tatsächlich. Sie sahen das Spiel live im Dortmunder Westfalenstadion.

Während des Spiels beschlich mich ein ungutes Gefühl, es war total bizarr, die Ghanaer spielten unglaubliche Fehlpässe, liefen wie Jugendliche über den Platz. Nach dem Spiel fühlte ich mich wie ausgesaugt. Alle Zuschauer verließen in fröhlicher Stimmung das Stadion. Ich schleppte mich in die erstbeste Kneipe - und musste heulen. Ich konnte nichts dagegen tun, die Tränen liefen über mein Gesicht. Es war eine Welt für mich zusammen gebrochen.

Hatten Sie nach dem Spiel Kontakt mit Chin?

Ja, ich habe ihn angerufen und ihm gesagt: »Nun glaube ich dir.«

Das Thema hatte Sie nun endgültig geschluckt.

Ich flog nach Ghana. Und dort erfuhr ich zum ersten Mal, wie häufig ghanaische Spieler in den letzten Jahren mit unmoralischen Angeboten konfrontiert wurden.

Wer erzählte Ihnen das?

Kwesi Nyantakyi, der Präsident des ghanaischen Fußballverbandes. Er sagte, dass vor jedem großen Turnier irgendwelche Wettpaten vor der Tür stehen und den Spielern Geld anbieten. Nicht nur bei den Männerteams, auch bei den Frauen, sogar bei den U-17-Teams versuchen sie es immer wieder.

Warum suchen sich Leute wie Chin für ihre Wetten ausgerechnet die »großen« Spiele aus, die im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen?


Es ist ein großer Irrtum, wenn man glaubt, es würden nur Weltmeisterschaftsspiele, Europapokalspiele oder Bundesligaspiele manipuliert werden. Hören Sie, in Schottland gibt es Fußballspiele von Teenagern, bei denen zwei Dutzend Leute und drei Hunde zuschauen. Und zwischen diesen verlorenen Zuschauern sitzen ein oder zwei Chinesen, mit Mobiltelefonen und Laptops ausgestattet, die direkt mit Shanghai und Peking verbunden sind – bei einem Spiel von 15-jährigen irgendwo in Schottland! Und das Spiel geht genauso aus, wie es die Männer wollen. Es sind also nicht nur die »großen« Spiele von diesem illegalen Multi-Milliarden-Geschäft bedroht sind, sondern auch die »kleinen« Spiele, es fängt ganz unten an.

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