Declan Hill über das große Wettgeschäft

»Sie würden mich töten«

In seinem Buch »Sichere Siege« zeigt Declan Hill die Machenschaften der asiatischen Wettmafia auf. Es gibt Indizien, dass in der Vergangenheit auch Bundesliga- und WM-Spiele verschoben wurden. Wir trafen Hill in Berlin. Declan Hill über das große WettgeschäftKiWi

Da steht er, Declan Hill, wie aus dem Ei gepellt, adrett, in Anzug, Krawatte, im Dauerfeuer der Fotografen. Hill verzieht keine Miene, er möchte ernst genommen werden, überlegen wirken. Hill ist Investigativjournalist.

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Die Präsentation zu Hills Buch »Sichere Siege« wird eingeleitet vom KiWi-Geschäftsführer Helge Malchow, er zeichnet eine Analogie zu Günter Wallraff, der in auch bei KiWi veröffentlichte, und der von Hill sehr geschätzt wird. Wallraff ging nach unten, arbeitete bei McDonalds, als Türke Ali, er war der Mann, der bei »Bild« Hans Esser war. Declan Hill ist: Declan Hill.

Dann beginnen seine 60 Minuten, seine großen 60 Minuten. Hill erzählt von dem Moment, als er zum ersten Mal die Ahnung hatte, dass ein Fußballspiel verschoben wurde, davon, wie er daraufhin den Glauben an das Spiel verlor, wie seine Kindheitsträume noch im Stadion zerplatzten. Dann geht er durch den Saal und malt mit seinen Händen in die kleine Ecke Las Vegas, in die andere, in den Rest des Saales, die asiatische Welt. 80 Prozent der Spiele würden dort manipuliert.

Drei Jahre hat Declan Hill über illegale Wetten in Asien und Europa geforscht, herausgekommen ist eine wissenschaftliche Analyse (seine Dissertation in Oxford) in einem populären Gewand (sein Buch »Sichere Siege« bei KiWi). Und eines stellt er heute wiederholt klar: »Ich habe nicht gesagt, dass die Spiele verschoben wurden. Niemals!« Es sind alles Vermutungen. Ahnungen. Die Bundesliga haben sie schon jetzt gehörig durcheinander gewirbelt.


Declan Hill, Sie veröffentlichen heute das Buch »Sichere Siege«, eine populäre Version Ihrer Dissertation über organisierte illegale Fußballwetten. Der Buchrücken suggeriert eine allumfassende Aufklärung. Stichhaltige Beweise liefert es aber nicht.

Ich habe nie gesagt, dass ich Beweise liefere. Ich wurde falsch zitiert. Nun entsteht ein verzerrtes Bild. Und genau davor habe ich Sorge: Dass die Leser das Buch als Seifenoper auffassen. Das ist es nicht!

Sondern?

Es will die Verantwortlichen in den Verbandsetagen zum Handeln anregen. Was wir momentan erleben – organisiertes Spielverschieben – hat denselben Effekt, den das illegale Downloaden von Songs auf die Musikindustrie hat. Das Spiel an sich wird zerstört. Ich erhoffe mir von den verantwortlichen Stellen, von FIFA und UEFA, ein klares Statement. Ich hoffe, dass sie sagen: Dieses Spiel ist es wert, beschützt zu werden. Denn ich denke, dass sie Fußball lieben – genauso wie ich.

Während Ihrer Recherche trafen Sie auf einen Drahtzieher der asiatischen Wettmafia – Sie nennen ihn im Buch Lee Chin. Sie stellten sich ihm als Buchautor vor, erzählten ihm sogar von dem Thema Ihres Buches.

Ja, ich bin ein Typ, der sich ungern bedeckt hält – ich mag es lieber geradeaus. Am Anfang war Chin sehr interessiert, er hoffte, dass ich ein Buch über ihn schreiben würde. Als ich ihm erzählte, dass man nicht wirklich reich werden könnte mit Bücherschreiben, nahm sein Interesse ab.

Chin erzählte Ihnen offenherzig von seinen Machenschaften. Während eines Treffens konnten Sie sogar mithören, wie er am Telefon angeblich das Bundesligaspiel Hannover gegen Kaiserslautern manipulierte. Warum war der Mann so unvorsichtig Ihnen gegenüber?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich denke, es steckt ein psychologisches Phänomen dahinter. Ich kam für diesen Mann aus einer vollkommen anderen Welt. Für mich war es alles andere als normal, dass nahezu jedes Fußballspiel manipuliert und von einigen wenigen Geldgebern kontrolliert werden soll. Ich glaubte ihm nicht. Ich denke, Chin sah sich herausgefordert mir zu beweisen, dass es doch so ist, dass er jedes Spiel in seiner Hand hat. Sie müssen sich vorstellen: Dieser Mann erzählte mir solch verrückte Geschichten, dass ich fast vom Stuhl fiel, und ich dachte nur: Das kann doch alles nicht wahr sein. Es hat ihm anfangs geradezu Spaß bereitet, mich immer weiter zu schockieren. Man muss sich die Situation einmal vorstellen: Da kommt ein Typ im feinen Anzug extra zu ihm nach Bangkok in den Golfclub und glaubt kein Wort, das er da hört. Ich kam mir vor wie ein Alien. Das hat Chin natürlich gefallen.

Was bedeutet der Fußball als Sport einem Mann wie Chin?

Fußball ist ein Geschäft für ihn. Er ist emotional nicht daran interessiert, wer ein Spiel gewinnt oder verliert, er ist kein Fußballfan, er ist Fan des Glücksspiels.

Sie sprachen auch vor dem WM-Spiel Ghana gegen Brasilien miteinander.

Ich sagte zu Chin: »Brasilien wird gewinnen.« Er antwortete: »Nein, Ghana wird verlieren.« Dieser Satz kam mir damals so unglaublich surreal vor.

Ghana verlor dann tatsächlich. Sie sahen das Spiel live im Dortmunder Westfalenstadion.

Während des Spiels beschlich mich ein ungutes Gefühl, es war total bizarr, die Ghanaer spielten unglaubliche Fehlpässe, liefen wie Jugendliche über den Platz. Nach dem Spiel fühlte ich mich wie ausgesaugt. Alle Zuschauer verließen in fröhlicher Stimmung das Stadion. Ich schleppte mich in die erstbeste Kneipe - und musste heulen. Ich konnte nichts dagegen tun, die Tränen liefen über mein Gesicht. Es war eine Welt für mich zusammen gebrochen.

Hatten Sie nach dem Spiel Kontakt mit Chin?

Ja, ich habe ihn angerufen und ihm gesagt: »Nun glaube ich dir.«

Das Thema hatte Sie nun endgültig geschluckt.

Ich flog nach Ghana. Und dort erfuhr ich zum ersten Mal, wie häufig ghanaische Spieler in den letzten Jahren mit unmoralischen Angeboten konfrontiert wurden.

Wer erzählte Ihnen das?

Kwesi Nyantakyi, der Präsident des ghanaischen Fußballverbandes. Er sagte, dass vor jedem großen Turnier irgendwelche Wettpaten vor der Tür stehen und den Spielern Geld anbieten. Nicht nur bei den Männerteams, auch bei den Frauen, sogar bei den U-17-Teams versuchen sie es immer wieder.

Warum suchen sich Leute wie Chin für ihre Wetten ausgerechnet die »großen« Spiele aus, die im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen?


Es ist ein großer Irrtum, wenn man glaubt, es würden nur Weltmeisterschaftsspiele, Europapokalspiele oder Bundesligaspiele manipuliert werden. Hören Sie, in Schottland gibt es Fußballspiele von Teenagern, bei denen zwei Dutzend Leute und drei Hunde zuschauen. Und zwischen diesen verlorenen Zuschauern sitzen ein oder zwei Chinesen, mit Mobiltelefonen und Laptops ausgestattet, die direkt mit Shanghai und Peking verbunden sind – bei einem Spiel von 15-jährigen irgendwo in Schottland! Und das Spiel geht genauso aus, wie es die Männer wollen. Es sind also nicht nur die »großen« Spiele von diesem illegalen Multi-Milliarden-Geschäft bedroht sind, sondern auch die »kleinen« Spiele, es fängt ganz unten an.

Basiert dieses Wettnetzwerk auf einigen wenigen Köpfen oder gibt es ein weltumspannendes Netz?

Ich denke, es gibt eine Art loses Netzwerk. Diese Leute reisen um die Welt und unterbreiten ihre Angebote.

Wie kommen diese Männer in Kontakt mit den Spielern?

Über so genannte »Runner«. Das sind häufig ehemalige Spieler, Betreuer oder Trainer. Diese Leute haben zumeist problemlosen Zugang zu Trainingsarealen oder Stadien – die »Runner« pendeln zwischen dem korrupten Spieler und dem Wetter. Direkten Kontakt zwischen Spieler und Wetter gibt es nicht.

Welche Spieler wählen diese »Runner« aus?

Bestenfalls einen, der normal talentiert ist, aber nicht genug Geld bekommt. Einen, der einen gewissen Frust in sich trägt.

Es kursierte aber auch der Name Stephen Appiah im Zusammenhang mit Spielmanipulationen in den Medien. Hat es ein solcher Spieler tatsächlich nötig, für 30.000 Dollar ein Spiel zu verlieren?

Ich habe niemals gesagt, dass Stephen Appiah ein Spiel geschoben hat. Allerdings hat Appiah mir zweimal in Interviews bestätigt, dass er Geld von Wettern bekommen hat und in der Mannschaft verteilt hat. Und nun frage ich mich auch: Warum hat er das Geld angenommen?

Was müssen die Verbände Ihrer Meinung nach tun, um den Fußball vor solchen Manipulationen zu schützen?


Man müsste ein Sicherheitssystem aufbauen. Damit meine ich nicht ein oder zwei Leute, ich meine ein global funktionierendes Sicherheitssystem. Man sollte fünf oder sechs ehemalige professionelle Sicherheitsleute in die UEFA und FIFA integrieren, die super bezahlt werden, die unbestechlich sind. Sie sollten von überall herkommen, aus Italien, aus Frankreich, aus Japan, China, aus den USA, und sie sollten genau wissen, wie solche Menschen ticken und wie sie vorgehen.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, Ihr Dossier mit allen Informationen und allen Namen an die Behörden weiterzugeben?

Nein, dann würden mich die Leute töten. Meine Anwälte haben das Dossier, sie haben alle Informationen, alle Fakten, alle Daten. Falls mir oder meiner Familie etwas zustoßen sollte, wird dieses Dossier an die Öffentlichkeit kommen.

Können Sie heute überhaupt noch ein Spiel anschauen ohne den Gedanken einem Schwindel aufzuliegen?

Ja. Bei der EM war es so.

Keine Gedanken an Chin?

Nein.

Haben Sie ihm denn mittlerweile auch ein Exemplar Ihres Buches geschickt?


Nein. Aber er wird sicherlich noch eins bekommen.

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