22.11.2009

Declan Hill über das große Wettgeschäft

»Sie würden mich töten«

In seinem Buch »Sichere Siege« zeigt Declan Hill die Machenschaften der asiatischen Wettmafia auf. Es gibt Indizien, dass in der Vergangenheit auch Bundesliga- und WM-Spiele verschoben wurden. Wir trafen Hill in Berlin.

Interview: Benjamin Apitius und Andreas Bock Bild: KiWi
Declan Hill über das große Wettgeschäft
Da steht er, Declan Hill, wie aus dem Ei gepellt, adrett, in Anzug, Krawatte, im Dauerfeuer der Fotografen. Hill verzieht keine Miene, er möchte ernst genommen werden, überlegen wirken. Hill ist Investigativjournalist.



Die Präsentation zu Hills Buch »Sichere Siege« wird eingeleitet vom KiWi-Geschäftsführer Helge Malchow, er zeichnet eine Analogie zu Günter Wallraff, der in auch bei KiWi veröffentlichte, und der von Hill sehr geschätzt wird. Wallraff ging nach unten, arbeitete bei McDonalds, als Türke Ali, er war der Mann, der bei »Bild« Hans Esser war. Declan Hill ist: Declan Hill.

Dann beginnen seine 60 Minuten, seine großen 60 Minuten. Hill erzählt von dem Moment, als er zum ersten Mal die Ahnung hatte, dass ein Fußballspiel verschoben wurde, davon, wie er daraufhin den Glauben an das Spiel verlor, wie seine Kindheitsträume noch im Stadion zerplatzten. Dann geht er durch den Saal und malt mit seinen Händen in die kleine Ecke Las Vegas, in die andere, in den Rest des Saales, die asiatische Welt. 80 Prozent der Spiele würden dort manipuliert.

Drei Jahre hat Declan Hill über illegale Wetten in Asien und Europa geforscht, herausgekommen ist eine wissenschaftliche Analyse (seine Dissertation in Oxford) in einem populären Gewand (sein Buch »Sichere Siege« bei KiWi). Und eines stellt er heute wiederholt klar: »Ich habe nicht gesagt, dass die Spiele verschoben wurden. Niemals!« Es sind alles Vermutungen. Ahnungen. Die Bundesliga haben sie schon jetzt gehörig durcheinander gewirbelt.


Declan Hill, Sie veröffentlichen heute das Buch »Sichere Siege«, eine populäre Version Ihrer Dissertation über organisierte illegale Fußballwetten. Der Buchrücken suggeriert eine allumfassende Aufklärung. Stichhaltige Beweise liefert es aber nicht.

Ich habe nie gesagt, dass ich Beweise liefere. Ich wurde falsch zitiert. Nun entsteht ein verzerrtes Bild. Und genau davor habe ich Sorge: Dass die Leser das Buch als Seifenoper auffassen. Das ist es nicht!

Sondern?

Es will die Verantwortlichen in den Verbandsetagen zum Handeln anregen. Was wir momentan erleben – organisiertes Spielverschieben – hat denselben Effekt, den das illegale Downloaden von Songs auf die Musikindustrie hat. Das Spiel an sich wird zerstört. Ich erhoffe mir von den verantwortlichen Stellen, von FIFA und UEFA, ein klares Statement. Ich hoffe, dass sie sagen: Dieses Spiel ist es wert, beschützt zu werden. Denn ich denke, dass sie Fußball lieben – genauso wie ich.

Während Ihrer Recherche trafen Sie auf einen Drahtzieher der asiatischen Wettmafia – Sie nennen ihn im Buch Lee Chin. Sie stellten sich ihm als Buchautor vor, erzählten ihm sogar von dem Thema Ihres Buches.

Ja, ich bin ein Typ, der sich ungern bedeckt hält – ich mag es lieber geradeaus. Am Anfang war Chin sehr interessiert, er hoffte, dass ich ein Buch über ihn schreiben würde. Als ich ihm erzählte, dass man nicht wirklich reich werden könnte mit Bücherschreiben, nahm sein Interesse ab.

Chin erzählte Ihnen offenherzig von seinen Machenschaften. Während eines Treffens konnten Sie sogar mithören, wie er am Telefon angeblich das Bundesligaspiel Hannover gegen Kaiserslautern manipulierte. Warum war der Mann so unvorsichtig Ihnen gegenüber?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich denke, es steckt ein psychologisches Phänomen dahinter. Ich kam für diesen Mann aus einer vollkommen anderen Welt. Für mich war es alles andere als normal, dass nahezu jedes Fußballspiel manipuliert und von einigen wenigen Geldgebern kontrolliert werden soll. Ich glaubte ihm nicht. Ich denke, Chin sah sich herausgefordert mir zu beweisen, dass es doch so ist, dass er jedes Spiel in seiner Hand hat. Sie müssen sich vorstellen: Dieser Mann erzählte mir solch verrückte Geschichten, dass ich fast vom Stuhl fiel, und ich dachte nur: Das kann doch alles nicht wahr sein. Es hat ihm anfangs geradezu Spaß bereitet, mich immer weiter zu schockieren. Man muss sich die Situation einmal vorstellen: Da kommt ein Typ im feinen Anzug extra zu ihm nach Bangkok in den Golfclub und glaubt kein Wort, das er da hört. Ich kam mir vor wie ein Alien. Das hat Chin natürlich gefallen.

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