03.10.2011

DDR-Nationaltorwart René Müller im Interview

»Du bist zu schnell für uns«

Die Stasi im Nacken, den FC Bayern im Herzen. René Müller träumte in der DDR von einer Weltkarriere. In unserer Reihe »Der Fußball, mein Leben und ich« erzählt er von Fluchtgedanken, Ärger mit Mielke und dem Spiel seines Lebens.

Interview: Dirk Gieselmann und Fabian Jonas Bild: Imago


Als Ihr größtes Spiel gilt das Halbfinale im Europapokal der Pokalsieger zwischen Lok Leipzig und Girondins Bordeaux 1987: Sie hielten zwei Elfer und knallten den entscheidenden selbst ins linke obere Eck.

Das war natürlich klasse, aber nur ein Spiel von vielen. Ich habe alle ernst genommen, ob nun auf den Wiesen von Markkleeberg oder im Leipziger Zentralstadion vor Zehntausenden von Fans. Ich habe mich überall geärgert, wenn mir der Ball reingeflutscht war, und Glückshormone ausgeschüttet, wenn ich ihn pariert hatte.

Das eine Spiel ihres Lebens gibt es also nicht.

Das Spiel des Lebens ist das Leben selbst.

Das klingt philosophisch, dabei waren Sie auf dem Platz ein berüchtigter Heißsporn. Was trieb Sie an?

Auch wenn Sie mich jetzt auslachen: Ich wollte auch in dieser kleinen, komischen DDR das erreichen, was Bayern München erreicht hat.

Wie präsent waren denn die Weststars in Ihrem Alltag?

Im Staatsfernsehen natürlich gar nicht, aber weil mein Vater wie viele andere eine Antenne durchs Dach geschoben hatte, konnten wir ARD und ZDF empfangen. Als Kind habe ich »Die Augsburger Puppenkiste« geguckt, aber noch viel lieber die Bundesliga, die Europapokalspiele und die Weltmeisterschaften. So habe ich Sepp Maier vom FC Bayern und Horst Wolter von Eintracht Braunschweig gesehen, überragende Torhüter, von denen ich mir einiges abschauen konnte.

Wie wäre es angekommen, wenn Sie offen gesagt hätten, dass Maier und Wolter ihre Vorbilder sind?

Überhaupt nicht gut. Aber es gab ja auch im Osten Männer, zu denen ich aufblickte. Als Balljunge im Zentralstadion sah ich fantastische Keeper, etwa Jürgen Croy von der BSG Motor Zwickau, Hans-Ulrich »Sprotte« Grapen
thin vom FC Carl Zeiss Jena oder Werner Friese von Lok Leipzig.

Letzteren beerbten Sie 1979 als Stammtorwart.


Am Ende der Saison 1976/77 konnte ich mich schon einmal beweisen, als Werner wegen einer Gürtelrose ausfiel. Ich fieberte schon dem FDGB-Pokalfinale gegen Dynamo Dresden entgegen, aber dann spielte Werner doch. Trotzdem werde ich diese Kulisse im Stadion der Weltjugend in Ost-Berlin nie vergessen, als bei jeder Torraumszene 50.000 Menschen raunten wie ein Naturphänomen. Auch wenn wir 2:3 verloren und ich nur auf der Bank saß, hatte ich Lunte gerochen und wusste nun endgültig: Torwart, das wird mein Beruf!

Berufsfußballer zu sein, das bedeutete in der DDR etwas anderes als in der BRD.

Das war keine Frage der individuellen Klasse, sondern des Marktes. In der DDR waren wir letzten Endes Leibeigene. Es durfte keine Stars geben, man glaubte ja an das Kollektiv, wir hatten nicht ausreichend Autogrammkarten, weil das Papier so knapp war, und wir verdienten nur einen Bruchteil der Westgehälter. Nach der Währungsreform 1990 hatte ich noch 15.000 DM auf der hohen Kante – davon hätte ich mir gerade mal einen Polo in Grundausstattung kaufen können. Tat ich aber nicht.

Mit ihrem Drang, Großes zu leisten, stießen Sie in der DDR buchstäblich an Grenzen. Hatten Sie je Fluchtgedanken?

Als ich siebzehn Jahre alt war, wurde Jörg Berger, damals der aufstrebende Trainer des DDR-Fußballs, von den Funktionären aus dem Verkehr gezogen, weil er sich weigerte, nach seiner Scheidung erneut zu heiraten. Das hat uns mitgenommen, und mein Vater sagte zu mir: »René, wenn du gehen willst, dann geh! Auf deine Mutter und mich musst du keine Rücksicht nehmen.« Es wäre einfach gewesen. Auf einer Reise mit der Juniorennationalmannschaft nach Hagen hätte ich, statt in die Kabine zu gehen, in irgendeinen Linienbus einsteigen können. Wir konnten uns auf solchen Reisen ja frei bewegen.

Sie stiegen nicht in den Bus.

Nein, weil ich meine Heimat nicht verlassen wollte. Das habe ich auch zu meinem Vater gesagt: »Ihr seid doch meine Familie! Ich lasse euch nicht allein zurück.«

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