DDR-Nationaltorwart René Müller im Interview

»Du bist zu schnell für uns«

Die Stasi im Nacken, den FC Bayern im Herzen. René Müller träumte in der DDR von einer Weltkarriere. In unserer Reihe »Der Fußball, mein Leben und ich« erzählt er von Fluchtgedanken, Ärger mit Mielke und dem Spiel seines Lebens. DDR-Nationaltorwart René Müller im Interview
Heft#108 11/2010
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René Müller, wenn Sie sich an Ihre Kindheit erinnern: Was sehen Sie? Und was riechen Sie?

Jedenfalls nicht das Grau und den Smog, die heute die DDR symbolisieren! Nein, ich sehe und rieche die Wiesen meiner Heimat Markkleeberg, einer kleinen Stadt bei Leipzig. Nach der Schule habe ich sofort den Ranzen volley in die Ecke gedonnert und bin hinausgelaufen, um Fußball zu spielen. Jeden Tag.

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Und die Hausaufgaben?

Ach, die waren zweitrangig. Mein Vater hatte vollstes Verständnis, dass ich sofort kicken wollte. Er wäre selbst gern Fußballer geworden, aber er hatte einen kleinen Friseursalon, für eine eigene Karriere blieb da keine Zeit. Ich habe also in gewisser Weise seinen Traum gelebt.

Wie sah denn dieser Traum aus?

Vom und für den Fußball zu leben. Fußball zu atmen. Wenn mein Vater mich zu seinen Altherrenspielen mitnahm, sog ich den Geruch von Gras, Schweiß und Leder in mich auf. Auch das ist ein solcher Sinneseindruck, der geblieben ist: die Luft in der Kabine. Ah! Herrlich!

Wenn Jungs von einer Fußballkarriere träumen, wollen sie meistens Spielmacher oder Stürmer werden. Sie wurden Torwart.

Das Torwartspiel ist im Laufe der Jahre zum Leitmotiv meines Lebens geworden: hinfallen und aufstehen, hinfallen und aufstehen, immer wieder. Ich bin kein Rheinländer, der von Natur aus optimistisch ist – ich bin ein Sachse, der gelernt hat, dass Liegenbleiben alles noch schlimmer macht.

Wer kam auf die Idee, Sie in den Kasten zu stellen?

Ich selbst. Wir spielten mit der BSG Aktivist Markkleeberg ein Turnier gegen die großen Vereine der Stadt. Ich war recht beweglich, da ich neben dem Fußball noch zweimal in der Woche zum Turnen ging. Also stellte ich mich ins Tor, um das Schlimmste zu verhindern. Das hat so gut geklappt, dass ich von Lok Leipzig entdeckt wurde.

Als Keeper muss man leidensfähig sein.

Das bin ich! Schon beim Fußball auf den Wiesen kam es vor, dass die Großen den Kleinen eine Kippe auf dem Oberschenkel ausdrückten. Ich aber bin nicht weinend nach Hause gelaufen, ich habe meinen Mann gestanden. Die Angst vor Schmerzen kannst du dir nicht abgewöhnen – du darfst sie gar nicht erst haben. Nicht als Boxer, nicht als Skispringer, nicht als Stürmer. Und erst recht nicht als Torwart.

Zahlen Sie heute den Preis für Ihren bedingungslosen Einsatz?


Meine Knie- und Hüftgelenke sind arg lädiert. Der Fußball war mein Gott, aber ein zerstörerischer. Jedes Spiel war eine heilige Messe, die nicht ohne mich stattfinden durfte.



Als Ihr größtes Spiel gilt das Halbfinale im Europapokal der Pokalsieger zwischen Lok Leipzig und Girondins Bordeaux 1987: Sie hielten zwei Elfer und knallten den entscheidenden selbst ins linke obere Eck.

Das war natürlich klasse, aber nur ein Spiel von vielen. Ich habe alle ernst genommen, ob nun auf den Wiesen von Markkleeberg oder im Leipziger Zentralstadion vor Zehntausenden von Fans. Ich habe mich überall geärgert, wenn mir der Ball reingeflutscht war, und Glückshormone ausgeschüttet, wenn ich ihn pariert hatte.

Das eine Spiel ihres Lebens gibt es also nicht.

Das Spiel des Lebens ist das Leben selbst.

Das klingt philosophisch, dabei waren Sie auf dem Platz ein berüchtigter Heißsporn. Was trieb Sie an?

Auch wenn Sie mich jetzt auslachen: Ich wollte auch in dieser kleinen, komischen DDR das erreichen, was Bayern München erreicht hat.

Wie präsent waren denn die Weststars in Ihrem Alltag?

Im Staatsfernsehen natürlich gar nicht, aber weil mein Vater wie viele andere eine Antenne durchs Dach geschoben hatte, konnten wir ARD und ZDF empfangen. Als Kind habe ich »Die Augsburger Puppenkiste« geguckt, aber noch viel lieber die Bundesliga, die Europapokalspiele und die Weltmeisterschaften. So habe ich Sepp Maier vom FC Bayern und Horst Wolter von Eintracht Braunschweig gesehen, überragende Torhüter, von denen ich mir einiges abschauen konnte.

Wie wäre es angekommen, wenn Sie offen gesagt hätten, dass Maier und Wolter ihre Vorbilder sind?

Überhaupt nicht gut. Aber es gab ja auch im Osten Männer, zu denen ich aufblickte. Als Balljunge im Zentralstadion sah ich fantastische Keeper, etwa Jürgen Croy von der BSG Motor Zwickau, Hans-Ulrich »Sprotte« Grapen
thin vom FC Carl Zeiss Jena oder Werner Friese von Lok Leipzig.

Letzteren beerbten Sie 1979 als Stammtorwart.


Am Ende der Saison 1976/77 konnte ich mich schon einmal beweisen, als Werner wegen einer Gürtelrose ausfiel. Ich fieberte schon dem FDGB-Pokalfinale gegen Dynamo Dresden entgegen, aber dann spielte Werner doch. Trotzdem werde ich diese Kulisse im Stadion der Weltjugend in Ost-Berlin nie vergessen, als bei jeder Torraumszene 50.000 Menschen raunten wie ein Naturphänomen. Auch wenn wir 2:3 verloren und ich nur auf der Bank saß, hatte ich Lunte gerochen und wusste nun endgültig: Torwart, das wird mein Beruf!

Berufsfußballer zu sein, das bedeutete in der DDR etwas anderes als in der BRD.

Das war keine Frage der individuellen Klasse, sondern des Marktes. In der DDR waren wir letzten Endes Leibeigene. Es durfte keine Stars geben, man glaubte ja an das Kollektiv, wir hatten nicht ausreichend Autogrammkarten, weil das Papier so knapp war, und wir verdienten nur einen Bruchteil der Westgehälter. Nach der Währungsreform 1990 hatte ich noch 15.000 DM auf der hohen Kante – davon hätte ich mir gerade mal einen Polo in Grundausstattung kaufen können. Tat ich aber nicht.

Mit ihrem Drang, Großes zu leisten, stießen Sie in der DDR buchstäblich an Grenzen. Hatten Sie je Fluchtgedanken?

Als ich siebzehn Jahre alt war, wurde Jörg Berger, damals der aufstrebende Trainer des DDR-Fußballs, von den Funktionären aus dem Verkehr gezogen, weil er sich weigerte, nach seiner Scheidung erneut zu heiraten. Das hat uns mitgenommen, und mein Vater sagte zu mir: »René, wenn du gehen willst, dann geh! Auf deine Mutter und mich musst du keine Rücksicht nehmen.« Es wäre einfach gewesen. Auf einer Reise mit der Juniorennationalmannschaft nach Hagen hätte ich, statt in die Kabine zu gehen, in irgendeinen Linienbus einsteigen können. Wir konnten uns auf solchen Reisen ja frei bewegen.

Sie stiegen nicht in den Bus.

Nein, weil ich meine Heimat nicht verlassen wollte. Das habe ich auch zu meinem Vater gesagt: »Ihr seid doch meine Familie! Ich lasse euch nicht allein zurück.«



Jörg Berger war 1979 in die Bundesrepublik geflohen – auf einer Länderspielreise nach Jugoslawien, an der auch Sie teilnahmen.


Wir Jungen fanden es regelrecht geil, was er sich da getraut hatte. Erst später habe ich mir die Frage gestellt: Was wird denn aus seiner Familie? Das war die andere Seite dieser Entscheidung.

Während einer Länderspielreise nach Schweden 1984 wurden auch Sie verdächtigt, Ihre Republikflucht zu planen.

Was nicht der Fall war! Ich hatte doch gerade ein Haus gebaut, Leipzig war meine Heimat – warum hätte ich all das einfach hinter mir lassen sollen? Die ganze Geschichte war frei erfunden. Als Fußballer wäre ich tot gewesen, wenn man die Vorwürfe aufrecht erhalten hätte. Ein Gedanke ging mir immer wieder durch den Kopf: »Was passiert, wenn jetzt Schluss ist? Dann komme ich hier nie mehr raus!« Die Reisen mit Lok und der Nationalmannschaft waren ja die einzige Möglichkeit, andere Länder zu kennenzulernen.

Wer steckte hinter der Kampagne?

Einige Monate zuvor hatte ich Bodo Rutwaleit vom BFC Dynamo im Tor der Nationalmannschaft abgelöst. Und Bodo war das Lieblingskind des Stasi-Chefs Erich Mielke. Ein typisches Mielke-Manöver: Er wollte mich kaltstellen. Die Inszenierung ging so weit, dass meine Eltern getrennt voneinander verhört wurden. Obwohl die Stasi-Leute wussten, dass ich mich zu diesem Zeitpunkt in Leipzig befand, sagten sie zu ihnen: »Ihr Sohn hat sich ins Ausland abgesetzt.« Es war perfide.

Ein Brief von Manfred Ewald, dem Präsidenten des Turn- und Sportbunds, rettete Ihre Karriere.

Das weiß ich selbst erst seit 2004! Der Autor Hanns Leske hat mir diesen Brief zugespielt, und ich sagte nur: »Ewald? Warum der?« Er war ein berüchtigter Fußballhasser! Bis heute kann ich mir nicht erklären, warum er sich bei Egon Krenz, dem Sekretär des Zentralkomitees der SED, für meine Begnadigung eingesetzt hat. Und es wird ein Geheimnis bleiben: Ewald ist verstorben, meine Stasi-Akte enthält ab dem Jahr 1984 keine Einträge mehr. Auch dafür liegen die Gründe im Dunkeln.

Wie lebt es sich, wenn man Teil eines Ränkespiels ist, dessen Logik man nicht versteht?

Man wird paranoid. Schon kurz nachdem ich Rutwaleit verdrängt hatte, musste ich Repressalien über mich ergehen lassen. So sollte ich in ein Gerichtsverfahren wegen Steuerhinterziehung verwickelt werden, weil ich Jürgen Raab von Carl Zeiss Jena mit einem Briefmarkenhändler bekanntgemacht hatte, gegen den ermittelt wurde. Da wusste ich: »Jetzt hast du die Stasi am Arsch!« Ich hatte ständig das Gefühl, überwacht zu werden. Ab 1985 habe ich mich nur noch im engsten Familienkreis bewegt. Zu anderen Menschen hatte ich das Vertrauen verloren.

Zum Europapokal-Finale 1987 nach Athen begleitete Sie Ihre Frau, Sie waren noch kinderlos. Waren Sie da in Versuchung, sich gemeinsam mit ihr in den Westen abzusetzen?

Das war für mich nie eine Option, zumal dann immer noch die Daheimgebliebenen massive Probleme mit der Staatssicherheit bekommen hätten. Wenn überhaupt, dann wollte ich auf legalem Wege in den Westen wechseln. Schon 1984 bin ich zur Sportführung gegangen und habe dafür plädiert, dass die besten Spieler ins Ausland gehen dürfen. Nur dann hätte sich der DDR-Fußball weiterentwickeln können.



Willi Lemke wollte Sie tatsächlich zum SV Werder Bremen holen.

Ich hatte über Jahre Kontakt zu ihm, jedes Mal, wenn ich im Ausland war und nicht abgehört werden konnte, habe ich ihn angerufen. Er wollte mich als Nachfolger von Dieter Burdenski verpflichten, wir waren uns aber einig, dass nur ein offizieller Wechsel in Frage kam.

Der kam nicht zustande.

Leider nicht. Karl Zimmermann, der Generalsekretär des DFV, war mir zwar wohl gesonnen, aber er sagte: »Du bist zu schnell für uns.« Dass nicht ich zu schnell, sondern sie zu langsam waren, das war spätestens 1989 klar.

Um Wechselerlaubnis zu bitten, muss riskant gewesen sein.

Vielleicht war ich naiv. Aber damals wie heute kann ich nicht anders, als offen zu diskutieren. Erst 1987 habe ich gemerkt: Du kämpfst vergeblich. Im DDR-Fußball wird sich nichts mehr bewegen.

Was war geschehen?

Karl Zimmermann war gestorben – ich glaube bis heute, dass er keines natürlichen Todes gestorben ist, sondern liquidiert wurde. Er war die letzte Bastion gegen die Einflussnahme des Staates. Er hatte sogar Schiedsrichter gesperrt, die Spiele zugunsten des Stasi-Klubs BFC Dynamo verpfiffen hatten. Sein Nachfolger Wolfgang Spitzner, ein ehemaliger Offizier, verkörperte das Gegenteil: Er wollte, dass wir den Nationaltrainer mit »Genosse Zapf« ansprechen. Die jungen Spieler wie Ulf Kirsten, Andreas Thom oder Thomas Doll haben sich kaputt gelacht.

Die Dekadenz eines untergehenden Systems.

Das hat mich unglaublich geärgert, zumal es uns die WM-Teilnahme 1990 gekostet hat. Deshalb bin ich nach der entscheidenden Niederlage gegen die Türkei auch aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Zu dem sportlichen Niedergang mischte sich der politische: Es kam der Tag, an dem ich die Panzer sah, als ich von Bad Düben nach Leipzig fuhr. Sie waren bereit, die Montagsdemonstrationen niederzuschlagen und ein Blutbad anzurichten, wie schon 1953. Zum Glück kam es nicht dazu. Aber ich wusste: Du wirst für dieses Land nicht mehr spielen. Es fällt auseinander. So oder so. 

Bei der Wiedervereinigung waren Sie 31 Jahre – ein bisschen zu alt, um noch ein paar Mark zu machen.

Immerhin habe ich noch in der Bundesliga spielen können, was mir für die längste Zeit meiner Laufbahn unerreichbar erschien. Ich habe noch ein paar gute Jahre bei Dynamo Dresden gehabt, beim FC St. Pauli hätte ich mich auch gern durchgesetzt, aber da wollte mein Körper nicht mehr. Ich gräme mich nicht: Ich hätte ja mit siebzehn abhauen können, damals, beim Juniorenländerspiel gegen den DFB in Hagen. Ich habe es an diesem Tag und auch danach nicht getan. Deshalb habe ich keinen Grund, mich zu beschweren.

Sie haben 48 Länderspiele bestritten, waren dreimal Pokalsieger und zweimal Fußballer des Jahres – in einem Land, das nicht mehr existiert. Erfüllt Sie das mit Wehmut?

Wissen Sie, die Wiesen von Markkleeberg sind mittlerweile von den Braunkohlebaggern zerstört worden. Jetzt findet man dort eine Seenlandschaft, geflutete Tagebauflächen. Das ist eine Metapher für mich: Meine Heimat, sie ist untergegangen.

Und damit auch die Erinnerung an den DDR-Fußball. Im kollektiven Gedächtnis des wiedervereinigten Deutschland hat bestenfalls Sparwasser Platz.

Das ist der Lauf der Dinge, irgendwann verblasst jede Erinnerung. Oder glauben Sie, dass in 200 Jahren noch jemand von Pelé, Beckenbauer oder Cruyff redet?

Wenn das, was wichtig war, verblasst – was bleibt am Ende des Tages?


Die Liebe meiner Frau. Sie kannte mich als Nationaltorwart, als Fußballer des Jahres, als stolzen Mann, als eitlen Mann. Sie hat mich aber auch erlebt, als ich am Boden war. Und sie hat immer 
zu mir gehalten.

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