Davor Šuker im Interview

»Alle wollen Euren Skalp«

Bei der WM 1998 besiegte Davor Šuker Deutschland fast im Alleingang. Hier erklärt er, wer die Schlüsselspieler der neuen kroatischen Generation sind, wieso Spanien wieder nichts holt und dass er manchmal von Christian Wörns träumt. Davor Šuker im InterviewImago
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Davor Šuker, heute treffen in der Gruppe B Deutschland und Kroatien aufeinander. Was für ein Spiel erwartet uns?

Sie spielen auf die 3:0-Niederlage der Deutschen von 1998 an, richtig?

Wenn Sie das so interpretieren wollen, bitte.

Nun, seit damals hat sich in ihrem Verband sehr viel verändert. Schon bei der WM 2002 war Deutschland – wie so oft – wieder stark genug, um das Endspiel zu erreichen. Wir erleben heute also ein vollkommen anderes Team als damals.

Tippen Sie ein Ergebnis.


Wenn Kroatien auf Deutschland trifft, steht viel Prestige auf dem Spiel. Ich gehe also davon aus, das beide Mannschaften auf drei Punkte aus sind.

Die Partien bei der EM 1996 in Manchester und bei WM 1998 in Lyon sind auch deshalb noch vielen in Erinnerung geblieben, weil sie von beiden Teams sehr hart geführt wurden.

Sie sehen das falsch. Deutschland ist seit jeher eine der besten Mannschaften in der Welt. Wer gegen die Deutschen antritt, will um jeden Preis gewinnen. So geht es auch uns, denn wir wissen: Wenn wir nur mit 99 Prozent ins Spiel gehen, sind wir verloren. Es geht also um jeden Ball, um jeden Zweikampf. Da kommt es dann auch vor, dass es etwas härter zur Sache geht.

Heißt das, wir können uns wieder auf einen feurigen Schlagabtausch gefasst machen?


Fußball ist ein Männersport (lacht.). Ausschließen würde ich es jedenfalls nicht.

Träumen Sie noch manchmal von Christian Wörns?

Alpträume macht er mir keine, aber ich erinnere mich sehr gut an sein Foul bei der WM 1998. Ich hatte anschließend noch einige Zeit Probleme mit meinem Knie. Die Deutschen haben sich oft beklagt, dass wir im EM-Viertelfinale 1996 sehr hart gespielt hätten – aber ihr habt es uns mit gleicher Münze bei der WM 1998 zurückgezahlt. Was Wörns damals gemacht hat, war mehr als ein gewöhnlicher Platzverweis. Wenn der Schiedsrichter die Möglichkeit gehabt hätte, er hätte ihm drei Rote Karten geben müssen.

Woran liegt es eigentlich, dass so viele Kroaten in der Bundesliga spielen?


Wir haben mit Euch Deutschen sehr viel gemein. Wir sind in Mitteleuropa groß geworden, haben ähnliche Lebensgewohnheiten. In Deutschland gibt es einen hohen kroatischen Bevölkerungsanteil.

Wo sehen Sie die Bundesliga im internationalen Vergleich?


Zu meiner aktiven Zeit war es fraglos eine der besten Ligen der Welt. Inzwischen ist sie von der englischen und spanischen Liga ein bisschen abgehängt worden, was auch mit den Investoren in diesen Ligen zu tun hat. Aber ich bin sicher, dass der DFB mit seinen angeschlossenen Verbänden bald dafür sorgt, dass die Bundesliga wieder auf Augenhöhe ist.

In einem Interview haben Sie gesagt, dem aktuellen Team fehlen Spieler wie die Stars Ihrer Spielerzeit, Leute wie Boban oder Prosine?ki?


Es gibt nun einmal nur einen Boban, nur einen Bokši?. In einem Interview liest sich so was ganz gut. Aber in Wahrheit mag ich solche Vergleiche nicht. In der Qualifikation hat unsere junge Mannschaft immerhin zweimal gegen England gewonnen und auch sehr gut gegen Russland gespielt. Das Spiel von Slaven Bilic ist erfolgreich. Und wenn es ihm gelingt, die Mannschaft auf den Punkt fit zu machen, kann sie auch weit kommen.

Hätten Sie erwartet, dass von Ihren früheren Teamkollegen ausgerechnet der Verteidiger Bilic eines Tages Nationaltrainer wird?

Nein. Das sind eben die Geschichten, die der Fußball schreibt. Er hat England in Wembley geschlagen. Wirklich gut. Aber nun muss er diese Stärke auch im Turnier beweisen. Wenn er dreimal schlecht spielt und früh ausscheidet, gerät er auch schnell wieder in Vergessenheit. Auch so ist der Fußball.

Slaven Bilic war Spieler in der großen kroatischen Mannschaft Mitte der 90er. Kann er in dem heutigen Team einen ähnlichen Geist entfachen?


Teamspirit war und ist immer vorhanden. Für Kroaten ist die Nominierung für die Nationalmannschaft eine besondere Ehre, jeder ist sich bewusst, dass das Auftreten bei einer EM oder WM eine große Chance für unser kleines Land ist, sich vor der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Ob dieses Gefühl ausreicht, um erneut ins Halbfinale vorzudringen, will ich nicht beurteilen. Wir machen es wie die Deutschen. Wir schauen von Spiel zu Spiel – so wie bei der WM 1998.

Wer sind die Schlüsselspieler im aktuellen Team der Kroaten?

Wenn Luka Modric, Niko Kranj?ar und Niko Kovac gut miteinander harmonieren, haben sie gute Chancen, ins Viertelfinale vorzudringen.

Wie problematisch ist der Ausfall von Eduardo, der verletzungsbedingt nicht dabei kann?


Das ist ein großes Problem. Eduardo hat in der Qualifikation mehr als 80 Prozent der kroatischen Tore geschossen. Ohne durchschlagskräftigen Stürmer, hat ein Team bei einer EM keine Chance. Es kommt also darauf an, ob Petric und Olic diese Lücke schließen können.

Mladen Petric ist bei Borussia Dortmund ein Führungsspieler. Kann er der neue Davor Suker werden?

Ich kenne ihn seit der Jugend, er ist für jeden Verein eine Hilfe und Torgarant. Er hat durchaus die Kapazitäten in einer Saison an die 30 Tore zu schießen. Leider hat er bei Dortmund in dieser Spielzeit nicht die Möglichkeiten dazu gehabt.

Sie haben lange für Real Madrid gespielt und kennen den spanischen Fußball sehr gut. Warum bleibt die spanische Nationalmannschaft bei großen Turnieren immer wieder hinter den Erwartungen zurück?


Die Spanier können einfach nicht mit realistischen Erwartungen zu einem Turnier reisen. Sie glauben jedes Mal, dass sie – und nur sie – mit dem Cup nach Hause fahren. Mit so einer Einstellung wird das nichts, denn mir den Spaniern ist es wie mit den Deutschen. Gegen sie will jeder gewinnen, jedes Team will sich ihren Skalp an den Gürtel heften. Damit kommen die Spanier nicht klar.

Interessante Theorie.


Und sie haben noch ein Problem: In Spanien gibt es keine Winterpause. Sie haben keine Zeit zur Regeneration und treten bei Sommerturnieren meistens mit Spielern an, die von der Saison erschöpft sind.

Wer wird denn Europameister?

Ich bin ein schlechter Tipper, aber ich bin mir relativ sicher: Die Deutschen schaffen es bis ins Finale. Gary Lineker wird mal wieder Recht behalten.

Davor Šuker, Sie haben einige Zeit für 1860 München gespielt. Haben Sie die Deutschen nicht zumindest ein bisschen ins Herz geschlossen?

Doch, freilich. Einmal Löwe, immer Löwe – das gilt auch für mich.

Können Sie uns dann nicht verraten, wie unser Team gegen Kroatien gewinnen kann.

Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder es schießt ein Tor mehr als Kroatien – oder es hat am Ende des Spiels einen Treffer weniger gefangen. Wenn Löws Mannschaft das beherzigt, dürfte Kroatien keine Chance haben. Es könnte allerdings passieren, dass die Kroaten diesen Plan auch haben.

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