David Miller (81) über seine 15. WM in Folge

»Sorry, Deutschland, 1990 war fürchterlich!«

David Miller war dabei, als der 17-jährige Pelé 1958 Schweden verzauberte, Geoff Hurst 1966 das Wembleytor schoss und Zinedine Zidane 2006 mit einem Kopfstoß seine Karriere beendete. In Brasilien erlebt der 81-jährige Journalist seine 15. WM. Macht es noch Spaß?

David Miller, seit 1958 fahren Sie alle vier Jahre zu einer Weltmeisterschaft. Sind Sie nicht langsam fußballmüde?
Überhaupt nicht. Ich habe Fußball immer geliebt – und außerdem habe ich auch über andere Sportarten geschrieben. Meine Leben war abwechslungsreich genug.
 
Aufgeregt sind Sie aber sicher nicht mehr.
Das war ich auch bei meiner ersten WM nicht, denn ich bin recht unbedarft nach Schweden gereist. Ich arbeitete damals als Sub-Editor bei der »Times«, schrieb also keine eigenen Artikel, sondern redigierte die Texte anderer Autoren. Weil ich 1958 nicht als Reporter arbeitete, war eine Reise nach Schweden Privatsache. Ich nahm also meinen kompletten Jahresurlaub und flog los.
 
War das nicht riskant?
Es war teuer, denn ich arbeitete als Freelancer und hatte nicht mal Geld, um mir ein Taxi zu leisten. Zu den Stadien bin ich zu Fuß gegangen und gelegentlich mit dem Bus gefahren. Ansonsten war es aber eine unbeschwerte Zeit, denn die Spieler und Trainer wurden nicht so hermetisch abgeschottet wie heute. Ich kannte außerdem die Atmosphäre solcher Turniere ein wenig, denn ich hatte vorher für die englische Amateurnationalelf gespielt. Nach den Spielen klopfte man einfach an die Mannschaftskabine...
 
...und dann öffnete Billy Wright die Tür?
Oder Sepp Herberger.
 
Wie haben Sie ihn erlebt?
Er war ein sehr korrekter Mann. Ein bisschen erinnerte er mich an einen Schuldirektor: nicht gerade emotional, aber präzise und freundlich. Wissen Sie, es ist schwierig, einem Journalisten aus der heutigen Zeit diese unaufgeregte Atmosphäre zu erklären. Alleine die Tatsache, dass man als Fan oder Journalist sehr wenig wusste, kann man im heutigen Internet- und Fernsehzeitalter kaum noch nachvollziehen.
 
Wie haben Sie sich denn vorbereitet?
Über die wenigen Zeitungsberichte, wobei auch das schwierig war. Ich erinnere mich noch, dass hier kaum eine Zeitung über die WM 1950 berichtet hat, weil England nach der Vorrunde ausgeschieden ist. Also blieben zur Informationsbeschaffung vornehmlich die Spiele, wo man sich mit Spielern, Trainern, Funktionären und anderen Journalisten unterhalten konnte.
 
Was wussten Sie vor der WM 1958 über Pelé oder Garrincha?
Ich kannte diese Spieler vom Namen. Doch ob Sie es glauben oder nicht: Diese Unwissenheit machte die Turniere auch interessant, denn es war nicht alles von Bildern und Erwartungen überlagert.
 
Dementsprechend intensiver müssen die Erlebnisse gewesen sein.
Absolut. Pelés Spiel wirkte wie eine gewaltige Revolution auf mich. Das Spiel gegen Schweden war unfassbar. Dennoch: Die große Zäsur kam erst viel später.

David Miller, 81, 1956-1959: Times (Sub-Editor); 1959-1973: Daily Telegraph (Football); 1961-1973: Sunday Telegraph (Correspondent, Football); 1973-1982: Daily Express (Football); 1982-1997: Times (All Sports); 1997-heute: Freelancer (All Sports)

Wann denn?

Nach der WM 1974 wurde der Fußball taktischer, defensiver und athletischer. Ein Beispiel: Viele Fußballfans schwärmen noch heute von den Spielen bei der WM 1970 in Mexiko, und auch ich saß beim Halbfinale zwischen Italien gegen Deutschland (4:3 n.V., d. Red.) gebannt auf der Tribüne. Doch in Wahrheit war das Spiel für die Trainer ein Grauen: Da schleppten sich 22 Spieler mit größter Mühe über den Rasen, bis irgendwann das große Chaos ausbrach, weil die Kondition nachließ. Die Folge: Sechs der sieben Tore fielen in der Schlussphase und in der Verlängerung. Für die Trainer war es ein Alptraumspiel.
 
So was gab es 1978 nicht mehr?
Ich denke, die Weltmeisterschaften 1970 und 1974 haben die Fans die letzten wirklich freien Spiele gesehen. Partien, die Elemente von Anarchie und Risiko beinhalteten. Ich will nicht sagen, dass wir heute keine tollen Spiele mehr haben, aber für mich war es damals spannender. Denn nach 1974 stand bei vielen Trainern nicht mehr der Traum vom Sieg im Vordergrund, sondern die Angst vor der Niederlage.
 
Haben Sie ein Beispiel?
Vielleicht war es in Rom 1990 so. Sorry Deutschland: Aber es war ein fürchterliches Finale, was auch mit der größer werdenden medialen Aufmerksamkeit und dem einhergehenden Druck auf die Spieler zu tun hatte. Dieses Gefühl verstärkte sich bei den kommenden Turnieren immer mehr. Und als ich bei der WM 2002 in Japan und Südkorea ankam, dachte ich nur: Wow, so groß ist Fußball geworden! Allerdings muss ich auch sagen, dass mir das ganze Drumherum immer recht egal war. Mir war immer wichtig, was auf dem Platz passiert. Ich war und bin ein klassischer Fußballreporter.
 
Dann müssen Sie doch enttäuscht sein, dass Spieler oft nur noch in erlenten Phrasen sprechen?
Diese Reserviertheit bemerkte ich ebenfalls erstmals 2002. Aber ich gebe nicht nur den Spielern die Schuld, sondern auch den Medien. Denn die haben irgendwann angefangen, das komplette Leben der Spieler auszuleuchten. Es war also eine logische Folge, dass sich diese immer mehr schützen wollten.
 
In den vergangenen Jahren herrschte vor den großen Fußballturnieren oftmals eine gewisse Hysterie in den Medien. Waren Sie jemals in Gefahr?
Nein. Ich erinnere nur eine Situation, die aber eher bizarr war – und wenn überhaupt, dann für einen Spieler gefährlich wurde.
 
Erzählen Sie.
Das Ganze spielte sich wenige Wochen vor der WM 1970 in Mexiko ab, als sich die englische Nationalmannschaft für ein Vorbereitungsspiel im kolumbianischen Bogotá aufhielt. Bobby Moore wurde dort von einem Juwelier beschuldigt, ein Armband entwendet zu haben. Die Polizei nahm ihn fest und sperrte ihn ein. Ich war die ganze Zeit bei ihm.
 
Wie ging es ihm?
Nicht sonderlich gut natürlich. Wobei alle wussten, dass er unschuldig war. Er hatte zwar das Juweliergeschäft aufgesucht, doch nichts gestohlen. Das konnte man sogar anhand der Fingerabdrücke nachprüfen. Nach einigen Tagen wurde er freigelassen, die Mannschaft flog weiter nach Quito in Ecuador. Doch auf dem Weg nach Mexiko musste der Flieger einen Zwischenstopp in Bogotá einlegen. Dort nahm die Polizei Moore wieder fest und stellte ihn vier Tage unter Hausarrest. Die Kolumbianer erhofften sich, dass England 10.000 Pfund oder eine vergleichbare Summe zahlt, um die Sache endlich zu beenden. Doch es passierte nichts. Glücklicherweise wurde er rechtzeitig vor dem Turnier noch freigelassen.
Herr Miller, sprechen wir noch über Ihre Tops und Flops. Welches war das beste WM-Spiel, das Sie gesehen haben?
WM 1986, Brasilien gegen Frankreich (3:4 i. E., d. Red.). Ein Spiel, bei dem ich im Stadion saß und dachte: Bitte, lieber Fußballgott, lass dieses Spiel niemals zu Ende gehen. Ein Spiel, das diese alten freien Elemente des Spiels noch einmal aufleben ließ.
 
Ihr größtes Finale?
Die Endspiele der Weltmeisterschaften 1974 und 1978 fand ich herausragend. Es waren Dramen, tragische Epen, über die man als Journalist ganz fantastisch schreiben konnte.
 
Und das schönste Tor, das Sie je gesehen haben?
Nun machen Sie mir aber Druck. Ich war bei 14 Weltmeisterschaften, junger Freund.
 
Diego Maradona 1986 gegen England?
Ich konnte es genießen, obwohl es gegen England war und er das 1:0 mit der Hand erzielt hatte. Ich verstand die Aufregung um das Tor nie. Schuld war doch eigentlich Peter Shilton! Der ist einen Kopf größer als Maradona und muss doch in der Lage sein, den Ball wegzufausten – selbst wenn Maradona die Hand zur Hilfe nimmt. Wie auch immer: Das 2:0 war natürlich herausragend.
 
Also war es das beste Tor?
Es war Maradonas bestes Tor. Aber das beste überhaupt? Lassen Sie mich zwei nennen: Pelés Lupfer-Volley-Tor gegen Schweden, WM-Finale 1958. Und Bobby Charltons Tor gegen Mexiko, zweites Spiel 1966, ein Solo über 35 Meter.
 
Wo waren Sie, als das Wembley-Tor fiel?
Im Stadion natürlich. Später habe ich zahlreiche Bilder und Fernsehaufnahmen des Treffers gesehen, ich habe den Schatten der Pfosten studiert und die Flugbahn des Balles. Damals hatte ich nichts außer einen kurzen Eindruck, mit dem ich zum Telefon hechtete, weil der »Sunday Telegraph« den Bericht, 2000 Wörter, fünf Minuten nach Spielschluss haben musste.
 
Sie haben alle großen Weltstars des Fußballs live spielen sehen. Garrincha, Pelé, Maradona, Franz Beckenbauer...
Stopp! Bevor Sie noch weitere 100 aufzählen und den wichtigsten Spieler vergessen: Alfredo di Stefano würde ich auf eine Stufe mit Pelé stellen, denn er hielt seine Mannschaft zusammen wie kein anderer. Er spielte von Strafraum zu Strafraum und deckte so das gesamte Feld ab. Ein kompletter Spieler. Leider teilt er das Schicksal von Männern wie Ryan Giggs, George Best und George Weah: Er hat nie bei einer WM teilgenommen. Es ist sehr tragisch.

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