Das waren die Nuller: Wie Mehmet Scholl zum Sexsymbol wurde

»Er war der erste Metrosexuelle«

Was unser neues 11FREUNDE-SPEZIAL für den Zeitschritenmarkt ist, ist »Lammbock« für das Kino: ein großes Panorama des letzten Jahrzehnts. Wir sprachen mit Regisseur Christian Zübert über die Nuller, über Kiffen, Daddeln – und Oralsex mit Mehmet Scholl. Muss das sein? Das waren die Nuller: Wie Mehmet Scholl zum Sexsymbol wurde

Christian Zübert, Stefan und Kai, die beiden Helden Ihres Films »Lammbock« – gespielt von Moritz Bleibtreu und Lukas Gregorowicz – sind in den Fußballer Mehmet Scholl verliebt. »Mehmet wäre der einzige Mann, dem ich einen blasen würde!«, heißt es sogar. Woher diese erotische Anziehungskraft?

Christian Zübert: Es ist ja nur ein Spiel großer Jungs, weder Kai noch Stefan möchten wirklich mit Scholl schlafen. Doch selbst dieses Spiel ist nur denkbar mit ihm – und nicht mit Stefan Effenberg oder Oliver Kahn, den anderen großen Bayern-Spielern jener Zeit. In seiner Art, sich zu geben und zu kleiden, war Mehmet Scholl, wenn man so will, der erste metrosexuelle Bundesligaprofi.



Der Beckham der Bundesliga?

Christian Zübert: Beckham war ein Trendsetter, der in einem harten Geschäft seine weiche, feminine Seite gezeigt hat. Darüber rümpfen viele die Nase, aber sehen Sie sich heutzutage mal in einer deutschen Fußgängerzone um – wie viele Feierabend-Beckhams da vorbei kommen!

Auf Stefans und Kais Klo hängt sogar ein Akt-Bild von Mehmet Scholl, wie vor 50 Jahren Rita Hayworth oder Marylin Monroe in den Soldatenspinden. Sind die metrosexuellen Fußballer die neuen Pin-Ups?

Christian Zübert: Bei Beckham und Scholl waren diese Inszenierungen noch recht naiv. Was wir heute von Cristiano Ronaldo geboten bekommen, auf den Postern in Abermillionen Mädchenzimmern und sogar auf dem Platz, wenn er sich in den Schritt fasst, das grenzt in der Tat an Softpornografie.

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Für Spieler früherer Generationen wäre wohl nichts schlimmer gewesen, als sich mit lüsternem Blick ablichten zu lassen.

Christian Zübert: Wie gesagt: Es hätte dem Image des Fußballers als harter Mann widersprochen. Allerdings hat sich Franz Beckenbauer schon in den Siebzigern recht feminin präsentiert. Da gibt es sagenhafte Aufnahmen von ihm im Pelzmantel und mit Plateau-Schuhen. Das war wohl seine New-York-Phase, Studio 54 – da ging manches. Er soll sogar mal den Balletttänzer Rudolf Nurejew getroffen haben. Der legte ihm die Hand aufs Knie, doch Franz sagte nur: »Rudi, lass' gut sein. Ich bin von einer anderen Fakultät.«

Uli Hoeneß ist weniger freigeistig als Beckenbauer. Hat er sich zu den Scholl-Szenen in »Lammbock« geäußert?

Christian Zübert: Nein, wir haben nur Mehmet selbst um Erlaubnis gefragt, dass wir ihn in diesem heiklen Zusammenhang erwähnen dürfen, und der hat das dann auch locker durchgewinkt. Dass von den Vereinsoberen hinterher nicht mal eine Rüge kam, hat mich allerdings schon gewundert. Ja, ich war fast ein bisschen enttäuscht.

Stefan und Kai schlüpfen auf der Playstation sogar in Scholls Rolle, sie sind Scholl.

Christian Zübert: Auf dem C64 oder dem Amiga waren die Avatare noch kaum zu identifizierende Pixelhaufen. Aber durch die neue Technologie wurden Stars plötzlich realistisch und somit habhaft, man konnte sie sich aneignen. Das hat die Fankultur aus meiner Sicht ein Stückweit belebt. Fußball war nun kein Frontalunterricht mehr, man konnte mitmachen, entscheidende Spiele selbst bestreiten, Scholl sein, Beckham sein. Und wenn man unbedingt wollte, auch Effe oder der Titan.

Haben die Simulationen auch die Stars selbst verändert?

Christian Zübert: Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es für sie sein muss, sich auf der Konsole selbst zu spielen. Das ist eine Form von Narzissmus, so ähnlich wie Google-Onanie. Cristiano Ronaldo bewegt sich in der Tat so, als hätte er es auf der Playstation vorab bis ins kleinste Detail choreografiert. Affektierter geht es kaum! Doch nicht nur die Simulationen haben die Rolle der Fußballer verändert, auch Youtube, Facebook und die totale Berichterstattung im Fernsehen. In den Achtzigern gabe es alle Jubeljahre mal einen Starschnitt von Litti in der »Bravo«, heute haben die Fußballer den selben Rang wie Rockstars inne. Sie sind omnipräsent und beinah gläsern. Ob das für den Einzelnen wünschenswert ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Eine Szene aus einem Playstation-Match – Scholl sieht nach einer Grätsche Rot – wird in »Lammbock« sogar zur Metapher aufs Leben umgedichtet. Verschwimmen hier die Grenzen zwischen virtuellem und realem Sein?

Christian Zübert: Heute sehe ich diese Szene anders als damals. Der Film entstand vor dem 11. September 2001 und dem Ausbruch des Terrorismus. Er war ein Echo auf die unbeschwerten Neunziger Jahre, und die Scholl-Metapher war eine bloße Spinnerei zweier Jungs, die bekifft Playstation spielen und sich nicht viele Sorgen machen müssen. Von heute aus gesehen, könnte man schon sagen, dass der virtuelle Raum ein Fluchtpunkt ist. Man zieht sich dorthin vor den Problemen der Welt zurück.

Können Sie sich vorstellen, dass die Simulationen den echten Fußball eines Tages verdrängen?

Christian Zübert: Es gibt Simulationen, die so perfekt sind, dass die Spieler tatsächlich in ihnen leben und sogar Geld verdienen. In Südkorea etwa gibt es Ballerspiel-Profis, die Hunderttausende im Jahr verdienen. Beim Fußball allerdings hätte ich meine Zweifel. Real Fußball zu spielen ist unendlich viel schwerer als auf der Konsole vor sich hin zu daddeln. Deshalb wir dieser Sport immer seinen eigenen Zauber behalten.

Zehn Jahre nach »Lammbock« sind die Avatare kaum noch von den realen Vorbildern zu unterscheiden. Würden Sie heute Mehmet Scholl direkt ins Geschehen montieren?

Christian Zübert: Damit Kai und Stefan mit ihm körperlich werden können? Nein. Diese Liebe muss virtuell bleiben. Cybersex, sozusagen.

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