Das Maskottchen mit der Kettensäge

»Bei euch sind Fahnenstangen verboten?«

Andere Länder, andere Sitten. Bei den Portland Timbers steht kein Capo auf dem Zaun und kein Maskottchen vor der Kurve: Hier schwingt Timber Joey nach Toren seine Kettensäge. Ein Gespräch über Verbote und Massaker. Das Maskottchen mit der KettensägeImago

Timber Joey, sind Sie mit der europäischen Ultra-Kultur vertraut?

Timber Joey: Klar. Die gibt es auch bei uns. Bunte Choreos, laute Gesänge, ein ausdauernder Support. Ich mag das.

Sind Sie so etwas der Capo der Portland Timbers?

Timber Joey: Wenn Sie so wollen. Allerdings passt das nicht wirklich. Nennen Sie mich Maskottchen – damit habe ich kein Problem.

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Wie kommt es, dass Sie mit einer Kettensäge Baumstämme direkt vor der Kurve zerlegen?

Timber Joey: Forstwirtschaft hat bei uns eine lange Tradition. Dass wir die Kettensäge ins Stadion bringen dürfen, verdanken wir einem Mann namens Jim Serrill. Er brachte irgendwann Ende der siebziger Jahre zum ersten Mal eine Säge ins Stadion.

Als Fan?

Timber Joey: Als Fan. Er stand eines Tages mit seiner 36-Inch-Kettensäge vor dem Eingang. Die Ordner waren zunächst total perplex und versperrten ihm den Weg. »Bist du irre, du kannst das Ding doch nicht mit in den Block nehmen!«, riefen sie. Doch Jim, ein Mann der alten Holzhacker-Schule, beharrte drauf. Schließlich kam der damalige Klubchef Keith Williams hinzu. Nach langen Diskussionen um Traditionen und Kultur in der Region, erlaubte er Jim sein Lieblingswerkzeug mitzunehmen. Er installierte Jim als eine Art Entertainer vor der Kurve. Das war 1978.

Bär Säge

Kettensägen und Kanonen: Skurrile Maskottchen >>

Wann haben Sie seinen Job übernommen?

Timber Joey: Vor vier Jahren. Kurz nach der WM 2006 las ich in der Lokalzeitung, dass sich Jim zur Ruhe setzen möchte. Zugleich schalteten die Timbers eine Stellenanzeige. Da ich schon lange großer Fan von Jim war, bewarb ich mich also. Danach musste ich vor einem Komittee zeigen, was ich an der Säge kann. Scheinbar habe ich das ganz gut gemacht.

Nun stehen Sie bei jedem Heimspiel der Portland Timbers vor der Fankurve und sägen Scheiben aus einem dicken Baumstamm.

Timber Joey: Aber bitte nicht falsch verstehen: Ich säge nicht nach Lust und Laune. Ich säge ausschließlich nach den Toren, die wir schießen. Das ist der Wahnsinn! Die Fans rasten schon aus, wenn ich die Maschine nur anschmeisse. Wenn ich das Holz zersägt habe, gehe ich mit der Scheibe an den Tribünen entlang – und die Fans berühren sie, als wäre sie heilig. Nach dem Spiel übergeben wir die Holzscheiben feierlich an die besten Spieler.




In Deutschland dürfen die Fans nicht mal Fahnenstangen mit einer Länge von über 1,50 Meter ins Stadion bringen.

Timber Joey: Fahnenstangen verboten? Weil man sonst zum Stabhochsprung ansetzt? Seltsam.

Man könnte jemanden erstechen.

Timber Joey: Man muss mit den Dingen nur richtig und verantwortungsvoll umgehen. Ein Massaker hat es hier noch nie gegeben. Wissen Sie, früher war das alles anders, liberaler irgendwie. Mein Vorgänger Jim wurde einst sogar vom FC Sunderland angefragt, nachdem ihre Fans uns einen Besuch abgestattet hatten und ihn abfeierten wie einen Popstar. Er durfte danach eine Tour durch England machen. Angesichts der heutigen Verbandsbestimmungen würde das wohl nicht mehr funktionieren.  

Wie ist denn Ihr Verhältnis zu anderen Maskottchen?

Timber Joey: Ach, es gibt kein wirkliches Verhältnis, jedenfalls keinen Wettbewerb oder Konkurrenzkampf wie in Europa. Ich bin schließlich ein Mensch, kein Knuddelbär oder lustiges Vogelviech. Ich bin ein normaler Typ. Ich bin echt.

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