Das Ende des DDR-Fußballs

»Lattek, hast den Fuchs gestohlen...«

Die Wiedervereinigung bedeutete auch das Ende des DDR-Fußballs. Torsten Völker, heute Mitglied im Aufsichtsrat von Hansa Rostock, erinnert sich an eine allerletzte Oberliga-Saison zwischen Hooliganismus und Partys mit Gernot Alms. Das Ende des DDR-Fußballs
Heft#114 05/2011
Heft: #
114

Torsten Völker, als Hansa Rostock 1990 die Verpflichtung von Uwe Reinders bekannt gab, standen Sie als eingefleischter Fan auf den Tribünen des Ostseestadions. Wissen Sie noch, wie Sie damals auf die Nachricht reagiert haben?

Torsten Völker: Ich fand das großartig. Endlich ging mal einer den umgekehrten Weg. Überall in der DDR verließen die Fußballer das Land, um in der Bundesliga anzuheuern. Und hier kam ein westdeutscher Trainer, der sogar mal Nationalspieler gewesen war, zu uns nach Rostock. In die DDR! Wir waren alle stolz wie Bolle auf »unseren« Wessi.

[ad]

Mit Reinders spielte Hansa eine überragende Saison – und trotzdem ging der Zuschauerschnitt auch in Rostock dramatisch zurück.

Torsten Völker: Die Menschen hatten einfach wichtigeres zu tun, als zum Fußball zu gehen. Mauerfall, Währungsreform, der Zusammenbruch der DDR – da musste sich der Fußball erstmal hinten anstellen.

Haben Sie das denn deutlich gemerkt?

Torsten Völker: Absolut! Ein Beispiel: Als Hansa 1987 das FDGB-Pokalfinale erreichte, fuhren 25.000 Rostocker zum Finale nach Berlin! 1991 waren dann insgesamt nur 8.000 Zuschauer beim Endspiel in Berlin, davon vielleicht 2.000 aus Rostock.

Diese letzte Saison der DDR-Oberliga wurde vor allem überschattet von zum Teil brutaler Fan-Gewalt und Auseinandersetzungen mit der Polizei. Wie haben Sie das erlebt?

Torsten Völker: Als der FC Berlin (der ehemalige BFC Dynamo, d. Red.) in Rostock war, nahmen hunderte Hools die Innenstadt auseinander. Ich kann mich allerdings besonders an das Gastspiel vom 1. FC Magdeburg erinnern, das war am 3. März 1990 Da wurden die Magdeburger von Hooligans aus Rostock und Hamburg angegriffen, die Fans vom FCM flohen panisch über die Haupttribüne und Tartanbahn aus dem Marathontor. Das waren wirklich unschöne und dramatische Szenen.

Den negativen Höhepunkt der Krawalle war erreicht, als am 3. November 1990 der FC-Berlin-Fan Mike Polley von einem Polizisten erschossen wurde.

Torsten Völker: Wir waren an diesem Tag mit Hansa zum Auswärtsspiel in Dresden und gerade auf der Rückfahrt. Am Bahnhof Berlin Lichtenberg mussten wir immer etwas warten, da machte plötzlich das Gerücht die Runde, in Leipzig habe es einen Toten. Zu Hause erfuhren wir dann, dass es nicht nur ein Gerücht war.

Als Rostocker hatten Sie in dieser Saison trotzdem allen Grund zu jubeln – erstmals gewann Hansa die DDR-Meisterschaft, dazu sogar noch den FDGB-Pokal. Der Meistertitel wurde durch einen 3:1-Erfolg gegen Dynamo Dresden klar gemacht. Wie war die Party auf den Rängen?

Torsten Völker: Unglaublich. Für mich allerdings schmerzhaft: Als Henri Fuchs das dritte Tor für Hanse geschossen hatte, sprang ich auf den Zaun, um ihm zuzujubeln. Doch an dem scharfen Draht riss ich mir ziemlich übel die Hand auf. Die Wunde blutete ziemlich stark, aber ich dachte nicht daran, ins Krankenhaus zu gehen. Stattdessen fuhren wir direkt nach dem Spiel mit ein paar Kumpels mit der Fähre nach Dänemark um dort weiterzufeiern. Und weil die Wunde deshalb nie ordentlich verarztet wurde, erinnert mich heute eine ziemlich hässliche Narbe an die Meisterschaft 1991.

Die Saison 1990/1991 war auch die Saison des Abschiednehmens. Den DDR-Fußball gab es danach nicht mehr.

Torsten Völker: Deshalb wollte ich auch unbedingt beim allerletzten Oberliga-Auswärtsspiel von Hansa dabei sein. Die Fahrt sollte nach Magdeburg gehen, aber der angemietete Bus hatte uns einfach versetzt. Was nun? Gemeinsam mit einem Kumpel setzte ich mich auf ein Motorrad und wir fuhren nach Magdeburg. Fünf Stunden waren wir unterwegs! Als wir zur Halbzeit ankamen, führte Hansa mit 1:0. Wir verloren das Spiel mit 1:2. Auf der Rückfahrt bin ich fast erfroren.

Die große Party stieg dann allerdings nach dem letzten Heimspiel gegen Lok Leipzig. Können Sie sich an Details erinnern?

Thorsten Völker: Den großartigen Auftritt von Gernot Alms werde ich nicht vergessen. Der hatte damals eine eigene Band, die »Heart of Stones«, eine Rolling-Stones-Coverband und sogar zwei Hansa-Songs geschrieben: »Lied der Fans« und »Hey FC Hansa«. Klassiker! Als die Mannschaft in ihren Ballonseiden-Anzügen auf die Bühne kam, flippte plötzlich Gernot aus und spielte uns ein paar Stücke auf der Luftgitarre.

Die Saison war da allerdings noch nicht beendet...

Thorsten Völker: Nein. Nach dem Lok-Spiel fuhren wir mit 50 Hansa-Fans in das Kölner »Premiere«-Studio zur Talkshow »Rote Karte«, die damals von einem jungen Reporter-Talent namens Reinhold Beckmann moderiert wurde. Thema war unter anderem die Verpflichtung von Hansa-Stürmer Henri Fuchs durch Udo Lattek, der damals Manager beim 1. FC Köln war. Für uns Fans natürlich ein Unding. 50 Rostocker saßen im Fernsehstudio und sangen: »Lattek hast den Fuchs gestohlen, gib ihn wieder her!« Da bekomme ich heute noch eine Gänsehaut.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nichts akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!