Das DDR-Relikt: BFC Dynamo gegen Union Berlin

»Stadtderby mit Schwachköpfen«

Stadtderby und Hooligan-Treff: Wenn heute in Berlin der BFC Dynamo Union Berlin II empfängt, brennt im Prenzlauer Berg die Luft. Frank Willmann, Autor von »Stadionpartisanen – Fans aus der DDR« über Gewalttouristen und Berliner Rivalität. Das DDR-Relikt: BFC Dynamo gegen Union Berlin

Frank Willmann, freust du dich auf das Berliner Derby zwischen BFC Dynamo und Union II?

Frank Willmann: Ja. Auch wenn die Vorfreude durch die äußerst unglücklichen Umstände, unter denen dieses Spiel stattfindet, doch etwas getrübt wird.

Was meinst du?


Frank Willmann: Böse Mächte haben dafür gesorgt, dass die erste Mannschaft von Union zeitgleich gegen Osnabrück anritt. Was zur Folge hat, dass aus dem lang ersehnten Fußball-Fest eine kleine Randnotiz am Berliner Sportwochenende werden wird.

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Du sagst: »Fußball-Fest«. Trotz der Brisanz, die man sich bei so einer Paarung erwartet?

Frank Willmann: Tatsächlich sind die ersten Dinge, die mir zu diesem Derby einfallen, nicht wirklich festlich: 2006 stürmten BFC-Fans beim bislang letzten Derby der beiden ersten Mannschaften den Platz und zettelten eine Massenhauerei an; und im vergangenen Jahr wollten Union-Fans anlässlich eines Altherren-Turniers die Dynamo-Halle entern und schlugen dabei eine Ordnerin zusammen.

Was hat das also mit einem »Fest« zu tun?

Frank Willmann: BFC gegen Union – das ist ein echtes Stadtderby. Und Stadtderbys sind immer interessant. Schade nur, dass durch die Ansetzung des anderen Spiels so wenig Zuschauer kommen werden.

Mit wie vielen Stadionbesuchern rechnest du?

Frank Willmann: Circa 1500 BFC-Fans, 300 neutrale Schaulustige, 400 zugereiste Schwachköpfe aus Deutschland, Polen und anderen Nachbarländern und etwa 20 Union-Fans. Vielleicht werden es auch 50. Kommt darauf an, was Unions Stadion-Verbotler machen. Ohne das Osnabrück-Spiel wären es vielleicht 500 Leute aus Köpenick geworden.

Mehr nicht?

Frank Willmann: Glaube ich nicht. Wahrscheinlich hätte es vor dem Spiel Aufrufe gegeben »die da« nicht noch mit dem Stadionbesuch zu finanzieren.

»Die da«?

Frank Willmann: So nennen die Unioner den BFC.

Gibt es solche Spitznamen auch für Union?

Frank Willmann: Waldmenschen. Uriner.

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Du sprachst von »400  Schwachköpfen«. Dient dieses Ost-Berliner Derby tatsächlich als Anlaufpunkt für Hooligans aus ganz Europa?

Frank Willmann: Das war schon immer so und wird es wohl auch bleiben. Beim letzten Derby in Hohenschönhausen waren etwa 500 Gewalt-Touristen aus aller Welt in Berlin, nur um sich auf die Schnauze zu hauen oder ihren Nazi-Scheiß abzusondern. Die ersten 20 Kerle, die im Juli 2010 beim Pokalspiel BFC Dynamo gegen Berliner AK über den Zaun sprangen und Schlägereien mit den Ordnern anfingen, waren Polen, Fans von Pogon Stettin, die auch schon in Cottbus negativ aufgefallen waren, weil sie die ganze Zeit irgendwelche Nazi-Lieder grölten.

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Aber liegt das eigentliche Problem nicht darin, dass solche Typen in der BFC-Szene geduldet und akzeptiert werden?

Frank Willmann: Das Bild ist falsch. Solche Aktionen wie beim Pokalspiel oder gegen Cottbus, kommen beim treuen BFC-Anhang und den Verantwortlichen des BFC nicht gut an. Alle BFCler, die früher offen mit der NPD sympathisiert haben, wurden längst aus dem Dynamo-Lager entfernt. Und als die polnischen Schläger gegen den Berliner AK den Rasen stürmen wollten, um die türkischen Spieler zu vermöbeln, haben sich Ordner und Spieler vom BFC dazwischen geworfen. Dafür wurde der BFC-Torwart Nico Thomaschewski später sogar vom Berliner Fußball Verband ausgezeichnet.

Trotzdem: Den schlechten Ruf haben Fans vom BFC Dynamo ja nicht ohne Grund. Wie sieht die Szene derzeit aus?

Frank Willmann: Ich würde sie als sehr vielschichtig bezeichnen. Gut, böse, neutral. Es gibt die alten Spezies vom Fanclub »79er«, die sich, wie der Name schon sagt, nach der ersten DDR-Meisterschaft 1979 gegründet haben und inzwischen alle um die 50 sind. Die sind altersbedingt nicht mehr groß aktiv. Dann die große Masse der unpolitischen und friedlichen Fans, die zwar mal martialisch ein paar Liedlein intonieren, ansonsten aber keine großen Rüpel sind und seit zwanzig Jahren nicht viel zu feiern hatten. Dann die »Fraktion H«, die »Fraktion Hohenschönhausen« –  Ultra-orientierte jüngere Fans. Eine Gruppe zwischen 25 und 80 Leuten, die versucht Stimmung im Stadion zu machen. Natürlich laufen auch Leute beim BFC herum, die dem böse Buben-Klischee wenigstens optisch entsprechen wollen, die auch gern mal den Harten machen.

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Was bedeutet das?

Frank Willmann: Entsprechende Szene-Kleidung und Frisuren mit ohne Haaren.  

Das entspricht in etwa auch dem Klischee des Fußball-Nazis.

Frank Willmann: Die meisten dieser Jungs sind nicht politisch. Sicher etwas unterbelichtet. Natürlich, wenn ein paar bestimmte Typen beim BFC besoffen sind, dann kommen auch die ekligen Nazi-Sprüche. Zonenprovo, ein unschönes Relikt aus alten DDR-Zeiten. Aber das ist – abgesehen vielleicht von Babelsberg und Jena – bei fast jedem Ost-Verein so.

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Hooligans vom BFC galten jahrelang als die härtesten Schläger in der Szene. Ist das noch immer so?

Frank Willmann: Nein. Bei den Wald- und Wiesenhauereien ist der BFC nicht mehr präsent.

Warum?


Frank Willmann: Weil die Hooligan-Szene alt geworden ist und der Nachwuchs des BFC höchstens die Hucke voll bekommt.

Was erwartest du dir von dem heutigen Derby?

Frank Willmann: Im Stadion wird es sicherlich friedlich bleiben. Außerhalb hoffentlich auch, aber die Garantie würde ich dafür nicht übernehmen.

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Wieso nicht?

Frank Willmann: Es wird schon sehr viel Grobzeug unterwegs sein und vor allem: Wie doof kann man sein, so ein Spiel abends anzusetzen? Das Ost-Berliner Derby BFC gegen Union in der Dunkelheit im Jahnsportpark, mitten im Prenzlauer Berg, wo ringsum das Stadion genügend Platz für Massenschlägereien ist und ausreichend kleine Gässchen und Straßen gute Möglichkeiten für Katz- und Mausspiele zwischen Fangruppen und der Polizei bieten? Eine selten unverantwortliche Entscheidung, wofür die Berliner Polizei zuständig ist. Das hätte nie passieren dürfen.

Wenn du einem normalen Stadionbesucher empfehlen müsstest, wo er am wenigsten Ärger zu erwarten hat – was würdest du ihm raten?

Frank Willmann: Stell dich auf die Seite der BFC-Fans. Kauf dir ein Bier und eine Wurst. Freu dich am Fußball. Dann kann dir eigentlich nicht viel passieren.

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