28.02.2007

Daniel Klewer im Interview

„Seid auf meiner Seite!“

Im Pokalspiel gegen Hannover ließ sich Daniel Klewer zum Elfmeterschießen einwechseln, hielt zwei Elfer und sicherte dem Club das weiterkommen. Gegen Haching, eine Runde zurvor, parierte er gar viermal. Wie ihm das gelang, erzählt er hier.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Herr Klewer, sind Sie ein Elfmetertöter?

In Pflichtspielen konnte ich mich bislang noch nicht oft beweisen. Aber zumindest im Training habe ich eine gute Quote. Ich wette regelmäßig mit unserem Torwarttrainer Adam Matysek: Wenn ich einen Elfer von ihm halte, muss er zehn Euro zahlen, wenn ich alle drei halte sogar fünfzig. Dabei hat er schon Einiges an Geld verloren (lacht).

Aha! Man kann das Halten von Elfmetern also trainieren.

Körperlich nicht. Die Elfmetersituation ist eine rein mentale Angelegenheit. Es kommt dabei auf die Antizipationsfähigkeit an. Man muss sich in die Lage des Stürmers versetzen können. Der steht ja unter einem ungleich größeren Druck als man selbst. Gerade nach 120 Minuten ist er so platt, dass er sich kaum noch konzentrieren kann. Das muss man ausnutzen.



Indem man den Stürmer provoziert.

Ja, aber im Rahmen der Fairness. Ein bisschen Zeitspiel, ein paar Blicke. Man darf sich mittlerweile ja auch seitwärts bewegen. Das tue ich und bringe damit den Stürmer vielleicht aus dem Konzept.

In Deutschland gab es viele Elfmetertöter, Toni Schumacher etwa oder Jens Lehmann. Wer ist ihr Vorbild?

Aus dem Alter bin ich heraus. Es gibt auch niemanden, der sich über Jahre hinweg als Killer bewiesen hat. Dazu hängt das Ganze zu sehr vom Glück ab. Das trifft auch in meinem Fall zu. Es wäre vermessen zu sagen, dass ich jetzt über Jahre hinweg reihenweise Elfer halte.

Hatten Sie im Abschlusstraining das Gefühl, dass das Glück diesmal auf Ihrer Seite sein würde?

Im Gegenteil. Ich hatte ein schlechtes Gefühl. Auch nach 120 Minuten war es noch schlecht. Der gegnerische Torwart war mehr gefordert gewesen. Ich hingegen hatte kaum Bewährungsproben, ja, mir war regelrecht kalt. Dann habe ich mich aber emotional aufgeputscht, habe Kraft gesammelt.

Suchen Sie dabei den Kontakt mit den Mitspielern?

Nein, ich vermeide ihn lieber. Ich habe dann den absoluten Tunnelblick und flehe alle Götter an, die ich kenne, und sage: „Seid auf meiner Seite!“ Das sind z. B. meine verstorbene Oma und meine kleine Tochter.

Jenseits der Parapsychologie: Hatten Sie auch ganz nüchterne Informationen über die Schützen?

Nein. Woher auch? Der eine oder andere Hachinger hat ja vor zwei oder drei Jahren seinen letzten Elfer geschossen. Ich hatte also keinen Zettel im Stutzen (lacht.) Ein Freund hat hinterher zu mir gesagt: „Jens Lehmanns Zettel hat bei der Versteigerung eine Million Euro gebracht. Deine Intuition ist unbezahlbar.“

Was ist Intuition? Sagt Ihre Oma: „Spring nach rechts!“?

Nein, ich höre keine Stimmen. Wenn der Schütze anläuft, gibt mir etwas, das ich nicht näher benennen kann, ein Signal, wohin ich springen soll. In dem Moment lege ich mich fest. Gegen Haching hatte ich das Glück, dass das Signal viermal richtig war. Es gibt mir Kraft, an diese Menschen, vor allem an meine Tochter zu denken. Und ohne diese Kraft hätte ich zumindest den zweiten Elfer, der eigentlich unhaltbar war, nicht gehalten.

Wurden die Schützen immer ängstlicher, je mehr Elfer Sie gehalten hatten?

Davon gehe ich aus. Wenn ich als dritter Schütze sehe, dass der Torwart schon zwei Elfer gehalten hat, dann fange ich an, mir Gedanken zu machen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass der letzte Gedanke falsch ist, wird in einer solchen Situation immer höher.

Hat Ihr Gegenüber Philipp Heerwagen Ihre Leistung kommentiert?

Ja, er kam und hat mich beglückwünscht. Er ist sehr fair und einer der netteren und intelligenteren Torhüter. Dass einer vier Elfer hält, ist nun wirklich nicht alltäglich. Meine Mitspieler haben mich auch entsprechend gefeiert, zumal sie selbst zwei Dinger versemmelt hatten.

Sie müssen ja noch Tage später voll von Adrenalin gewesen sein.

Zwei, drei Tage habe ich schon gebraucht, um emotional wieder ins Gleichgewicht zu kommen und wieder gut zu schlafen. Das ist aber ganz normal. Für mich persönlich war es schließlich das Spiel meines Lebens.

Sie haben keinen Stammplatz. Werden Sie von diesem Spiel zehren, wenn Sie wieder auf der Bank Platz nehmen müssen?

Erst einmal war es eine Genugtuung für die Vergangenheit. Ich konnte einfach mal das rauslassen, was ich bei jedem Spiel hätte rauslassen können. Endlich war ich mal im Mittelpunkt. Das war schon toll.

Und jetzt greifen Sie Rafael Schäfer an.

Nein! Nach eineinhalb Spielen und ein paar gehaltenen Elfern, den Stammkeeper, der darüber hinaus noch Kapitän ist, in Frage zu stellen, liegt mir absolut fern. Ich warte auf meine Chance und werde sie nutzen.

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