Cottbus' Steffen Ziffert im Interview

»Wir tragen Verantwortung«

Der Anteil der deutschen Spieler in den Bundesligen ist so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Auch Energie Cottbus setzt heute verstärkt auf die Jugend. Wir sprachen mit Nachwuchsleiter Steffen Ziffert über Chancen und Hürden. Cottbus' Steffen Ziffert im InterviewEnergie Cottbus

Steffen Ziffert, Energie Cottbus stand jahrelang für viele osteuropäische Spieler. Wann haben Sie umgedacht?

Der Umschwung kam mit dem Abstieg aus der Bundesliga und auch mit Claus-Dieter Wollitz, der verstärkt auf unsere gut ausgebildeten Nachwuchsspieler gesetzt hat. Mit seinem Amtsantritt kam wieder Hoffnung unter den Jugendspielern auf. Er gibt jungen Spielern eine Chance und hat den Mut sie einzusetzen. Ob diese sie nutzen, liegt in aller erster Linie an ihnen selber. Profifußball ist zum größten Teil Eigenverantwortung.

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Sie möchten Spieler aus der Region fördern. Wie spüren Sie die Talente auf?

Die Sichtung erfolgt in Verbindung mit dem Fußball-Landesverband Brandenburg, der pro Jahr zwei große, zentrale Sichtungslehrgänge durchführt. Außerdem werden regionale Sichtungsturniere und Überprüfungen durchgeführt. Natürlich ist auch jeder Trainer in seiner Alterklasse für die Sichtung von Talenten zuständig.
 
Dem Trend zufolge kehren immer mehr junge Menschen Ostdeutschland den Rücken. Gilt das auch für den Fußball-Nachwuchs?

Das kann ich so nicht bestätigen. Manch einer wird sicherlich mal zu einem größeren Klub wechseln wollen, weil vielleicht der Name attraktiver ist. Aber auch viele junge Fußballer aus ganz Deutschland bewerben sich zur Aufnahme an unserer Sportschule und wollen zu Energie Cottbus wechseln. Weil die Ausbildung ebenso gut ist wie die Perspektive.

Andere Vereine sind im Scouting-Bereich nicht untätig. Wie locken Sie den Nachwuchs nach Cottbus?

Mit den sehr guten Bedingungen: Sportschule und Internat. Unsere Infrastruktur verbessert sich ständig. Im A- und B-Junioren-Bereich spielen wir in der Bundesliga, auch die anderen Mannschaften im Aufbau- und Leistungsbereich sind in den höchsten Spielklassen vertreten. Das ist erstmal eine wichtige Basis.

In Ihrem Konzept heißt es: »Spieler werden gefordert, gefördert, begleitet und vorbereitet«. Was heißt das konkret?

Es ist schon eine enorme Belastung für junge Spieler mit Schule, Training und Wettkampf. Dazu kommt in den meisten Fällen noch die räumliche Trennung vom Elternhaus. Deshalb ist es wichtig, nicht nur auf sportliche Ausbildung wert zu legen. Da haben wir in der gesamten Entwicklung der Persönlichkeit eine große Verantwortung.
 
Wie schult man so etwas?

Den Grundcharakter eines Menschen kann man schlecht verändern, aber sicherlich kann man darauf einwirken. Die Trainer machen das eher begleitend, in der Sportschule arbeitet eine Sozialpädagogin, zu der können die Jungs jederzeit mit ihren Problemen kommen.
 
Haben Sie einen bestimmten Werte-Kodex?

Das nicht, uns geht es um die ganz normalen Verhaltens-Kodizes: Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Respekt, eine gute Darstellung von Energie Cottbus – das sind Dinge, die selbstverständlich sein sollten.
 
Wie sind Ihre Erfahrungen mit der »Jugend von heute«?

Es gibt bestimmte Regeln, an die man sich halten muss. Die Jungs haben nicht alle Freiheiten der Welt und das vermitteln wir ihnen auch. Aber man muss mit der Zeit gehen und bereit sein, so zu denken, wie es die Jugendlichen heute tun. Das ist anders als vor zehn Jahren.



Wie viele Talente bleiben im Laufe der Ausbildung auf der Strecke?

Wenn wir ein bis zwei Spieler pro Jahr an den Profibereich heranführen können, dann ist das schon ein Erfolg, denn nach oben ist es immer sehr schwierig. Das Nadelöhr ist der Einstieg in den Männerbereich, da scheiden sich meist die Wege: Profifußball oder Amateurbereich.
 
Woran scheitern die Spieler in der Regel?

Das ist unterschiedlich, aber häufig am Übergang. Wenn man ein guter Bundesligaspieler, ein Talent bei den Junioren ist, heißt das noch lange nicht, dass man Profi wird – das sind zwei verschiedene Paar Schuhe.
 
Inwiefern?

Im Männerbereich muss man sich ganz hinten anstellen und seine Leistung bringen, erst dann wird man im Team akzeptiert. Man spielt nicht mehr mit Gleichaltrigen zusammen. Im Profifußball hat man viel mehr Eigenverantwortung. Man muss bereit sein, mehr zu machen als andere. Täglich.

Im Aktionsplan des Nachwuchsleistungszentrum sind auch Dopinggespräche vorgesehen, besteht im Nachwuchsfußball eine akute Gefahr?

Nein, das nicht. Problematisch wird es, wenn die Jungs unbewusst irgendein Medikament einnehmen, das Folgen haben kann. Deshalb ist es ratsam den Jungs mitzuteilen: Sprecht euch immer mit dem Mannschaftsarzt ab! Ich bin aber davon überzeugt, dass niemand bewusst leistungssteigernde Mittel im Jugendbereich einnimmt.
 
So ein schmuckes Nachwuchsleistungszentrum will finanziert werden. Woher nehmen Sie das Geld?

Der FC Energie investiert etwa 1,2 Millionen Euro pro Saison in die Nachwuchsausbildung und dokumentiert so deren Stellenwert. Wir sind natürlich eng mit der Profiabteilung verbunden: Das ganze Nachwuchskonzept unterliegt der Führung von Energie Cottbus, die Gelder stammen – abgesehen von kleineren Sponsoren – überwiegend aus dem Gesamtetat.
 
Was ist mit den Transfererlösen aus dem Verkauf von Talenten? Oder würden Sie die Spieler lieber halten? 

Naja, es muss immer eine gesunde Mischung sein. In erster Linie versuchen wir Spieler für uns auszubilden. Wenn sie dann für andere Vereine durch ihre Leistung interessant werden, bestätigt das unsere gute Arbeit.
 
Steffen Ziffert, Sie haben eingangs schon den Einfluss von Claus-Dieter Wollitz angesprochen. Wie stark ist er im Nachwuchsleistungszentrum involviert?

Wie gesagt, auch mit ihm begann der Umschwung. Wir sind hier auf dem Gelände dicht beieinander, Pele Wollitz ist sehr interessiert und schaut sich selbst Spiele im Leistungsbereich an. Das ist für die Motivation der jungen Spieler enorm wichtig. Er sucht den Dialog, schildert Perspektivspielern den möglichen Werdegang und hatte an der vertraglichen Bindung von Nationalspieler Leo Bittencourt zum Beispiel großen Anteil. Wichtig ist vor allem das, wofür er steht: Die Nachwuchsspieler aus dem eigenen Verein haben eine Chance! Sie müssen sie nur nutzen.

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