Comiczeichner Ulf Harten über Fußballbilder

»Jedes Bild hat eine Geschichte«

Ulf Harten ist Comiczeichner und Fußballfan. Zuletzt hat er das Sammelalbum der Saison 1964/65 nachgezeichnet – aus dem Gedächtnis. Wir sprachen mit ihm über Tauschmanie auf dem Schulhof und den Geruch von Klebetütchen. Comiczeichner Ulf Harten über FußballbilderUlf Harten

Ulf Harten, woher kommt die Idee, nach über vierzig Jahren ein Fußball-Sammelalbum aus der frühen Kindheit so detailverliebt nachzuzeichnen?

Dieses Sammelheftchen war nicht mehr aufzufinden, weil meine Mutter irgendwann alle meine Alben weggeworfen hatte. Mit den Zeichnungen wollte ich die Namen und Spieler aus diesem Sammelalbum zurück in in Gegenwart holen.

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Viele Namen sind heute noch bekannt. Trotzdem muss es schwierig gewesen sein, sich nach vierzig Jahren alle Spieler wieder in Erinnerung zu rufen.

Ich habe mir schon damals mit meinen Freunden immer irgendwelche Namen zugeworfen. Namen, die allein aus phonetischen Gründen einprägsam waren, zum Beispiel einen Namen wie Podlasly. Später fingen wir an, uns Postkarten mit aktuellen Aufstellungen irgendwelcher Mannschaften aus den ersten Bundesligajahren zu schicken. Es ging um den Klang der Worte und darum, was für Typen hinter den Namen stecken. Daraus entwickelte sich ein ganz eigendynamischer Humor. Auch dieses Spiel hat mich dazu bewegt, die ganzen Namen, die ich alle noch im Kopf hatte, zu Papier zu bringen und ihnen ein Gesicht zu geben. Ich bin ja schließlich Comic-Zeichner.

Wie gehen Sie dabei vor?

Letztendlich ist es eine Dokumentation meiner Erinnerungen. Dabei bin ich stark auf mein photographisches Gedächtnis angewiesen. Zu einem Namen fällt mir sofort die Erscheinung des Spielers ein. Über die Frisuren zum Beispiel erinnere ich mich an die Gesichter. In einer wahnsinnigen zwei- bis dreiwöchigen Aktion habe ich so alle Spieler rekonstruiert.

Wie ähnlich sind die Zeichnungen den Originalen aus dem Sammelalbum von 1964?

Eigentlich müsste man das Original-Album mal daneben halten, was ich aber bis heute nicht getan habe. Das Original-Album ist ja leider weg. Ich lege sehr viel Wert darauf, dass das ganze Album aus meiner Erinnerung entstanden ist. Deswegen bin ich auch zu einem Notar gegangen und habe eidesstattlich beglaubigt, dass ich auf keine Medien zurückgegriffen habe. Ich habe noch nicht einmal einen Computer, ich bin eher Anhänger der analogen Welt.

Zum Album gibt es auch zusätzliche Klebe-Bilder.

Die Spieler, die eingeklebt werden, waren entweder falsch gezeichnet oder spielten damals in einem anderen Verein. Das habe ich aber erst im Nachhinein festgestellt. Die richtigen Bilder habe ich also als Korrektur in Form von Klebebildern für das Album nachgereicht.

Wie konnten Sie wissen, welcher Spieler an einer falschen Position war?

Ich bin seit langem ein guter Freund von Rudi Kargus, der ja auch Künstler ist. Wir tauschen uns gelegentlich aus. Kargus kennt auch die ganzen Spieler aus der alten Zeit. Wir haben im Vorfeld recherchiert und ein Album aus der allerersten Bundesligasaison, also noch mit Preußen-Münster und Saarbrücken, ausfindig gemacht. Und als ich das durchblätterte, bekam ich den totalen Gänsehaut-Flash. Mir fielen Gerüche wieder ein. Ich habe mich sogar wieder an das Layout erinnert und daran, welche Spieler im Heft wohin gehörten.

Wie haben Sie in den sechziger Jahren Bilder gesammelt?

Ich erinnere mich noch, wie wir nach der Schule einfach alle Läden in Hamburg-Nord mit dem Fahrrad abgeklappert haben, um die längst ausverkauften Bildchen zu kriegen. Besonders einige, die allen Sammlern fehlten.

Sie waren also ein echter Wühler unter den Sammlern?

Überhaupt dieser ganze Wahn, sich mit 60 Pfennig raus zu begeben, um noch drei Tüten zu kaufen. Bei uns in der Schule war der Sicker Verlag angesagt, der die Tütchen mit den Bildern für zwanzig Pfennig hatte. Das andere waren größere Pappbilder von Heinerle für zehn Pfennig und da waren drei Bilder drin und ein Kaugummi.

War das Gefeilsche auf dem Schulhof schon vergleichbar mit den Tauschgeschäften der heutigen Panini-Generation?

Durchaus. Ich würde sagen, achtzig Prozent der Jungs haben das exzessiv betrieben. Als ich mein Album voll hatte, habe ich meiner kleinen Schwester einfach noch ein Album. Auch das haben wir voll gekriegt. Es war wie eine Epidemie.

Hatten Sie auch besondere Lieblinge in der Saison 64/65?

Eigentlich habe ich sie alle lieb und jeder hat seine eigene Geschichte. Einige fand ich aber einfach auch nur total witzig. Unbekannte Spieler wie Schlesinger von Hertha BSC oder auch der seltsam dreinblickende Horst-Dieter Höttges. Das lag natürlich unter anderem an der alten Art bei der Retusche der Fotos.

Wenn Sie die Eindrücke der damaligen Zeit rund um den Fußball mit der heutigen Zeit vergleichen, fällt Ihnen auf, dass...

... sich das Erleben von Fußball total weiterentwickelt hat. Ich stand als Kind nur mit aufgerissenen Augen und dachte nur: Das ist doch nur ein riesiger Film, oder? Heute stehe ich im Stadion bei St. Pauli, gröle und bin im Rausch. Darum ist Fußball auch solch eine gesellschaftliche Kraft geworden. Weil er wirklich eine Alternative im Lebensgefühl bietet, sozusagen als temporäre Flucht aus dem Alltag.

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Mehr zu Ulf Harten hier:
www.nillosancomic.de

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